Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft XII
In dem wegen der Unmöglichkeit für die Teilnehmer, länger am Goetheanum zu bleiben, leider nur kurzen Kurse für praktizierende Ärzte konnte unter anderem die wichtige Frage nach dem Verhältnisse der Diagnose zu den therapeutischen Maßregeln im Sinne einer wirklich rationellen Medizin behandelt und an zwei Krankengeschichten aus dem unter der Leitung von Dr. med. I[ta] Wegman stehenden Klinisch-therapeutischen Institut erläutert werden. Es konnte anschaulich werden, wie eine solche rationelle Medizin nur möglich ist, wenn man Ernst macht mit der Anschauung, dass die physische Menschenorganisation von dem seelisch-geistigen Menschenwesen gestaltet und durchdrungen ist, und demgemäß danach strebt, auch die einzelnen Organe nicht nur als physische Bildungen, sondern als geistige Kraftgestaltungen zu erkennen.
In dem Kursus für jüngere Mediziner und Medizin-Studierende wurde diesmal die innere Entwicklung des Arztes besonders ins Auge gefasst. Man kann, wenn man die entsprechenden geistigen Fähigkeiten ausbildet, dazu kommen, in der Anschauung unmittelbar das Wesen des kranken Menschen und dasjenige der Heilmethoden als ein Ganzes zu verbinden. Dadurch aber entwickelt sich der Heil-Wille als die besondere Seelenstimmung, die der Arzt braucht. So wie in diesem Kurse die Entwicklung dieses Heil-Willens dargestellt worden ist, erscheint derselbe nicht als eine abgesonderte - abstrakte - menschliche Fähigkeit, sondern er tritt immer, ganz individualisiert, entsprechend der sachgemäßen Anschauung der Krankheit auf; er identifiziert sich mit dem Wissen vom Heilen in dem individuellen Fall. So wird durch Anthroposophie in das medizinische Können nicht ein mystisches Nebelgebilde hineingetragen, sondern das Gegenteil: ein exaktes Erfassen der Krankheit und ein daraus hervorgehendes exaktes therapeutisches Handeln. Die Innigkeit, mit der von den Teilnehmern das hier Gewollte ergriffen worden ist, wird eine Gewähr dafür bieten, dass von einigen Menschen in der nächsten Zeit wirklich für die Heilkunst die Vertiefung und Erweiterung gesucht [wird], die so sehr notwendig sind.
(Fortsetzung in nächster Nummer.)