Meine holländische und englische Reise
Zweiteiliger Bericht in: Das Goetheanum, Jg. 1, Nr. 39 u. 40
Rudolf Steiner
I. In Holland
Vom 7. bis zum 12. April hatten wir einen «anthroposophisch-wissenschaftlichen» Kursus in Haag. Zur Abhaltung des Kursus waren von den Veranstaltern (F.W. Zeylmans van Emmichoven, Arzt, H. Droogleever Fortuyn, P.J. de Haan, G. Schubert Knobel, litt. stud. Leiden, M.H. Ekker, techn. stud. Delft, M. van Deventer, med. cand. Utrecht, M.L. Stiebe, jur. cand. Leiden, F.C.J. Los, litt. stud. Amsterdam) eine Reihe von Lehrern der Stuttgarter Waldorfschule, andere Vertreter der anthroposophischen Weltanschauung aus Stuttgart, Dr. E. Vreede aus Dornach und ich selbst eingeladen.
Diesem Kursus war eine bestimmte Aufgabe gestellt. Es sollte für die Studierenden der holländischen Hochschulen gezeigt werden, wie die anthroposophische Forschungsart auf vollberechtigter wissenschaftlicher Grundlage ruht, wie sie auf die verschiedensten Wissens- und Lebensgebiete befruchtend wirken kann, und wie die Anregungen, die sie geben kann, wirklich den Forderungen derjenigen entsprechen, die es mit der Zivilisation der Gegenwart ernst meinen.
Es ist mir natürlich nur möglich, von meinem persönlichen Gesichtspunkte aus - als mittätiger Vortragender — die Eindrücke zu schildern, die ich empfangen habe. Und ich bitte den Leser, das Folgende als eine Summe von subjektiven Wahrnehmungen hinzunehmen.
Der erste Vortrag wurde, nach einer Begrüßung durch G. Schubert Knobel, für deren Wärme wir alle dankbar sein mussten, von Dr. W.. Stein über «Goethes Bedeutung innerhalb der Gesamt-Menschheitsentwicklung» gehalten. Dr. Stein ist durch eine innere Anlage gemäße Verwandtschaft mit der anthroposophischen Denk- und Forschungsart von Jugend auf wie selbstverständlich in diese hineingewachsen. Er ist ein scharfer Denker und trägt Anthroposophie wie die Selbstoffenbarung der eigenen Persönlichkeit mutvoll vor. Sein umfassender Überblick über die heute schon vorliegenden anthroposophischen Ergebnisse verhilft ihm dazu, Belege, Begründungen, Erläuterungen aus den verschiedensten Ecken heraus für das von ihm jeweilig besprochene Thema zusammenzutragen. Und so hat sein Vortrag etwas, wovon ich glaube, dass er in vielen ernsten Zuhörern anregend wirken müsste. Sie müssten zu der Überzeugung kommen, dass es sich bei Anthroposophie um eine gewissenhaft begründete Erkenntnis- und Lebenssache handelt.
Dr. Stein saß dann, bevor er seinen weiteren Vortrag: «Der Zusammenhang der Erkenntnistheorie mit der organischen Wissenschaft» hielt, mit mir zusammen. Er hatte das Bedürfnis, sich vor diesem Vortrage über manches mit mir auszusprechen. Ich sagte ihm: Sie sind als junger Mann wie selbstverständlich in die Anthroposophie hineingewachsen; Sie werden in der Zukunft noch gerade deshalb, weil Sie so vieles beherrschen und so denkbeweglich bearbeiten, vor schweren persönlichen Erkenntnisaufgaben stehen. Aber Sie können es dazu bringen, zu Ihrem vielen dann auch noch das Schönste Ihren Zuhörern zu geben: Ihren ganzen eigenen Menschen.
Eine ganz andere Nuance bot Dr. Karl Heyer mit seinen Vorträgen. Er zeigt, dass er aus dem Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart herkommt. Er hat Jurisprudenz und Geschichte in ihrem Gegenwartscharakter gründlich in sich aufgenommen. Das ginge an sich natürlich die Öffentlichkeit nichts an. Aber diese Grundlegung geht als Ton durch alle Ausführungen Heyers hindurch. Er zeigt: So ist die Wissenschaft jetzt; und weil sie so ist, muss sie in die anthroposophische Forschungsart einmünden. Dr. Stein spricht, Dr. Heyer doziert; aber es ist notwendig, dass innerhalb unserer Reihen auch so doziert wird. Denn Dr. Heyer kann gerade dadurch überzeugend wirken, dass er sich aus dem Anerkannten in das Anthroposophische hinüberdoziert und damit die Zuhörer glänzend von dem Bekannten in das Unbekannte führt.
Wesentlich anders als die beiden wirkt Ernst Uehli. Er hat zwei Vorträge über ganz verschiedene Dinge gehalten. Den einen über den «Dreigliedrigen sozialen Organismus», den andern über die «ägyptische Sphinx als phylogenetisches Entwicklungsproblem». In seinem Herzen waltet aber, wenn er auch über so Verschiedenes spricht, ein einheitlicher Impuls. Uehli schaut die Welt künstlerisch an. Er lässt auch Künstlerisches in sich walten, wenn er das soziale Leben betrachtet. Aber das Künstlerische wird in ihm durch den Ernst der Seelenstimmung und durch einen gemütinnig wirkenden Realitäts-Sinn zum Erkenntnisimpuls umgestaltet. Deshalb strömt Seelenwärme durch seine Auseinandersetzungen, und es durchpulst eine edle Emotion in einem gewissen Gleichmaß des Tones seine Behauptungen. Uehli hat Humor, der aber in seinem Innern stärker ist als in der Offenbarung der Rede. Ein Humor, der auf den Lippen manchmal trocken wird. Das alles gibt zuletzt eine deutlich ausgeprägte, von Enthusiasmus für die Anthroposophie getragene Persönlichkeit.
Dr. H. von Baravalle ist ein bedeutender Mathematiker-Kopf. Er hat mit seiner im Kommenden-Tag-Verlag erschienenen Doktor-Dissertation eine fundamentale Arbeit über gewisse mathematisch-physikalische Begriffe und über Raumesformen geliefert. Er ist in der Lage, in die mathematisch-physikalischen Formeln ein Denken hineinzutragen, das in der Natur-Wirklichkeit wurzelt. Man möchte sagen: Gewöhnlich entsteht die Formel als etwas, das von außen den Naturprozess umklammert; Dr. Baravalle macht sie zu etwas, das in diesem Prozesse lebt. Das wurde besonders bei seinen Haager Auseinandersetzungen bemerkbar. Die anregendsten Diskussionen knüpften sich an diese Auseinandersetzungen. Tote Formeln, getragen von der gewohnten wissenschaftlichen Denkweise, rieben sich interessant an den lebensvollen, aber noch ungewohnten Baravalles.
Frl. Dr. E. Vreede ist unermüdlich tätig, die Anthroposophie in das Gebiet der mathematischen Naturwissenschaften einzuführen. Ihr Haager Vortrag handelte von Astronomie. Die Aufgabe ist schwierig. Denn man muss bei allem, was Dr. Vreede in dieser Richtung unternimmt, erst auf ein notwendiges methodisches Umdenken hinweisen. Es gelingt ihr dies bei allen, die erst auf das Wesentliche aufmerksam sein wollen. Denn sie verbindet gründliche anthroposophische Einsicht mit einer ausgezeichneten Klarheit darüber, wie Anthroposophie in die Einzelwissenschaften eingeführt werden soll.
Frl. Dr. von Heydebrand hatte in Haag für das Pädagogische zu sprechen. Sie ist eine geborene Pädagogin. Die pädagogische Sendung lebt in jedem ihrer Sätze, wie sie lebt in ihren Maßnahmen in der Stuttgarter Waldorfschule. Ihr Fundament ist anthroposophische Menschen-Erkenntnis, ihr Wirkungsimpuls von Einsicht getragene Menschen- und namentlich Kinderliebe. Man hört es auch ihren Vorträgen an, dass die Kinder sie lieben müssen. Mir scheint, verständige Zuhörer müssten bei ihr den Gedanken haben: Von dieser möchte ich meine Kinder erzogen und unterrichtet haben.
Persönlichkeiten wie Dr. med. Eugen Kolisko können von der anthroposophischen Bewegung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er hat in Haag über biologische und chemische Probleme und auch über «Freies Geistesleben durch Anthroposophie» gesprochen. Der naturwissenschaftliche Phänomenalismus hat in Kolisko einen Verfechter, der diese Seite des anthroposophischen Denkens überall aus der unbefangenen Sach-Erkenntnis objektiv entwickelt. Man hat bei Kolisko nirgends das Gefühl, dass er von vornherein Anthroposophie in seine Welt-Erkenntnis hineinträgt, sondern überall das, dass er in einem sachgemäßen, aber intimen Denken aus den konkreten Problemen die anthroposophische Anschauung gewinnt. Dabei ist er innig als Persönlichkeit mit seinen Problemen verwachsen, sodass für mein Gefühl man ihm gegenübersteht als einer durch und durch wissenschaftlich überzeugend wirkenden Persönlichkeit. Wenn ich von ihm so sprechen höre wie diesmal über «freies Geistesleben», dann habe ich die Empfindung: Der redet bis ins Herz hinein wahr; und in dieser Wahrheit lebt er sich restlos aus.
Dr. Herbert Hahn ist dabei, die sprachwissenschaftlichen Ergebnisse der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart in umfassender Art innerlich zu durchdringen, um sie zu einer anthroposophisch orientierten Wissenschaft zu vollenden. Frische, kernhafte Art in der Erfassung der Aufgaben, liebvolle Hingabe als Lehrer und Forscher bringt ihn zu wertvollen Resultaten als Wissenschafter, zu fruchtbarer Wirksamkeit als Pädagoge. Sein Haager Vortrag über «Bewusstseinswandel im Spiegel der Sprachgeschichte» war geeignet, überraschend zu wirken durch die von allen möglichen Seiten zusammengetragenen Forschungsergebnisse und durch das Hinaufheben der im Völkerleben zutage tretenden sprachlichen Erscheinungen in das Begreifen des Moralisch-Innerlichen, das sich in dem Sprachlich-Äußerlichen des Völkerlebens ausspricht. Man möchte wünschen, dass Hahns Betrachtungsart bei philologisch, linguistisch und historisch geschulten Leuten recht viele Nachfolge fände; denn sein Lebensprogramm ist doch so, dass es des Zusammenarbeitens vieler bedarf.
Dr. Carl Unger ist seit vielen Jahren der eifrigste, hingebungsvollste Mitarbeiter in der anthroposophischen Bewegung. In Haag hat er als Techniker und als Philosoph gesprochen über «Die sozialen Aufgaben der Technik und der Techniker» und «Zur philosophischen Begründung der Anthroposophie». - Frühzeitig sah Dr. Unger, dass Anthroposophie vor allem einer strengen erkenntnistheoretischen Begründung bedarf. Mit tiefem Verständnisse nahm er auf, was ich selbst vor vielen Jahren in meinen Schriften «Erkenntnistheorie», «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit» habe geben können. Er entwickelte die Anregungen selbstständig weiter. Die Natur des menschlichen Erkenntnisprozesses in lichtvoller, klarer Analyse zu durchschauen und das Durchschaute in synthetischer Art zu einem wirklichen Bilde des Erkennens zu machen, war sein von denkerischem Scharfsinn getragenes Bestreben. Unger ist nicht Dialektiker, sondern Beobachter der empirischen ErkenntnisTatbestände. Und das macht, dass er im Laufe der Jahre ganz besonders Wertvolles liefern konnte nach der Richtung hin, dass der Erkenntnisprozess des gewöhnlichen Bewusstseins durchaus überallhin die Impulse zur anthroposophischen Forschung aus sich selbst hervortreibt. Dabei ist Ungers Denken geschult an den technischen Problemen, ist dadurch frei von jeder subjektiven Verschwommenheit, und deshalb ist seine wissenschaftliche Mithilfe in der Anthroposophie die denkbar bedeutungsvollste. Er ist in seinem Denken, Forschen und technischen sowohl wie anthroposophischen Arbeiten mit den Jahren ständig gewachsen. In seinen beiden Haager Vorträgen hat er reife Früchte dieses Wachsens geboten. Er zeigte in seinem ersten Vortrag, wie gerade der Techniker zu sozialem Verständnis in der Gegenwart herausgefordert ist; in dem zweiten, wie Philosophie aus ihrer eigenen geschichtlichen Entwicklung in der Gegenwart in Anthroposophie einmünden müsse.
Dr. Friedrich Husemann sprach über das medizinische Gebiet. «Neue Wege zu einer rationellen Therapie» war sein Thema. Die Anregungen, die von der Anthroposophie für die Heilwissenschaft kommen können, erfordern, um vor der Wissenschaft bestehen zu können, den engsten Anschluss an die bestehenden medizinischen Lehrmeinungen. Man könnte diesen beweisen, dass sie sich nur selbst verstehen und sich bis zu ihren Konsequenzen bringen, wenn sie nach der anthroposophischen Ergänzung ausschauen. Nach dieser Richtung zu wirken, ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht schwierig. Es ist auch der Sache nach in der Medizin nicht so schwierig wie z.B. in der Pädagogik. Denn die Lehren, die man von der Krankheit erhält, kann man nicht so leicht von der Entwicklung des mehr oder weniger gesunden Menschen haben. Die Krankheit spricht eine deutliche Sprache. Man braucht nur spärliche Anregungen vonseiten der schauenden Erkenntnis, um sich an den deutlich sprechenden Symptomenkomplexen gewissenhaft bis zu dem Punkte durchzuarbeiten, wo die Pathologie und die Therapie zur rationellen medizinischen Kunst zusammenfließen. Ausnützung der gediegenen wissenschaftlichen Bildung, Umsicht in der Krankenbeobachtung werden zum Ziele führen. Bisher höre ich aus öffentlichen Vorträgen auf diesem Gebiete nur die Problemstellungen. Auch hier wird zur Geltung kommen müssen: Anthroposophie will nicht Theorie, sondern Lebenspraxis. Ein einzelner Fall nach Anfang und Ende sachgemäß charakterisiert, spräche mehr als alle theoretischen Auseinandersetzungen. Die Theorie ist an und für sich nichts nütze als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben lässt. Das kann man bei Goethe lernen. Ich habe die einzelnen Stimmen geschildert, die sich zu einem Chore in Haag zusammenfanden, um ein Ganzes zu bilden. Mir selbst fiel in sechs Abendvorträgen die Aufgabe zu, die Bedeutung der Anthroposophie im Geistesleben der Gegenwart, deren wissenschaftlichen Charakter, ihre besonderen Forschungswege, Forschungsergebnisse, ihre Beziehungen zur Kunst und zum wissenschaftlichen Agnostizismus der Gegenwart zu charakterisieren. Mein Bestreben ist, die anthroposophischen Ergebnisse von immer neuen Seiten darzustellen, sodass man sieht, wie dieselben sich gegenseitig tragen. Wer allerdings verkennt, dass in dem Augenblicke, in dem die Wissenschaften in die Anthroposophie einmünden, man zu diesem sich gegenseitigen Stützen und Tragen der Wahrheiten kommen muss, der wird den Weg zur echten Erkenntnis nicht finden. Von den schweren Dingen der Erde gilt, dass sie auf dem Boden liegen müssen, um nicht zu fallen; die Weltkörper tragen sich gegenseitig. Die gebräuchlichen empirischen Wissenschaften ruhen auf der Sinneswahrnehmung; die anthroposophischen Erkenntnisse müssen sich gegenseitig tragen. Wer für sie die Bedingungen der gewohnten Wissenschaftsbegründung fordert, der gleicht einem solchen, der für die Erde im Weltenraum eine Stütze fordert. Die fällt nicht ohne Stütze, und ebenso wenig tut dies die Anthroposophie, wenn sie auch anders begründet wird als die gewohnte Wissenschaft.
Man wird von mir nicht verlangen, dass ich über die Eindrücke spreche, die die Zuhörer empfangen haben. Darüber müssen andre urteilen. Aber ich darf sagen, dass wir Mitwirkenden alle zu einem herzlichen Danke uns veranlasst fühlen müssen gegenüber den Veranstaltern, deren Hingabe an die Sache aus jeder ihrer Maßnahmen, aus jedem ihrer Worte deutlich sprach.
Nach der Beendigung des Kursus im Haag fuhr ich nach England. Ich hatte in London und bei den Shakespeare-Festlichkeiten in Stratford-upon-Avon Vorträge zu halten. In Holland war mein Erlebnis die Arbeit im Kreise der befreundeten Mitarbeiter. In ihrer Arbeit lebte ich mit. In England waren mir Aufgaben gestellt, die ein anderes äußeres Gepräge trugen. Aber es kamen diese Aufgaben aus derselben Quelle. Wie ich sie auffasste, wie ich sie zu lösen versuchte, wie mir dabei von verständnisvoller Seite geholfen wurde, davon will ich in der nächsten Nummer dieser Wochenschrift sprechen.
II. In England
Meine Reise nach England ist aus dem Kursus herausgewachsen, den ich zur Zeit der letzten Weihnachten über das Erziehen und Unterrichten auf der Grundlage anthroposophischer Menschen-Erkenntnis gehalten habe. Dieser Kursus wurde angeregt durch Mrs. Prof. M. Mackenzie, die mit ihrem Gemahl, dem Prof. Mackenzie, an dem letzten Sommerkursus am Goetheanum teilgenommen hat. In Herrn und Frau Prof. Mackenzie lernten die Arbeiter am Goetheanum im Sommer zwei Persönlichkeiten hier in Dornach kennen, deren Besuch vom Gesichtspunkte der anthroposophischen Bewegung alle diese Arbeiter mit tiefer Befriedigung erfüllen musste. Prof. Mackenzie ist eine Persönlichkeit, in der sich eine bedeutsame Note des englischen philosophischen Lebens ausspricht. Seine «Konstruktive Philosophie» ist in Gedankenhaltung und Inhalt nicht nur gegenüber anderen Zeitströmungen auf diesem Gebiete selbstständig, sondern in dieser Selbstständigkeit vor allem so, dass sie mit der Sicherheit eines intuitiven Wirklichkeitserfassens ein Gebiet ergreift, das den wahren philosophischen Sinn des Menschen in Aktivität bringt. Ich möchte sagen: Mackenzie setzt mit seiner konstruktiven Philosophie da ein, wo eingesetzt werden muss, wenn die ringsumher schwankenden metaphysischen, psychologischen und erkenntnistheoretischen Gebiete wieder ein festes Fundament erhalten sollen. Dabei verbreitet sich seine schriftstellerisch-philosophische Tätigkeit über viele kulturgeschichtliche, soziale, pädagogische Felder. Dafür zeugen ganz besonders seine Bücher über den Humanismus und über das soziale Leben.
Frau Prof. Mackenzie, die selbst auch Universitätslehrer war (Prof. of Education, University College, Cardiff), überreichte mir während ihres Sommeraufenthaltes hier in Dornach ihr mir höchst interessantes Buch: «Hegels educational Theory and Practice». In diesem Buche offenbart sich literarisch das umfassende Wirken dieser geistvollen und lebenspraktischen Frau. Hegel wird leicht verkannt. Er wirkt in seinen Büchern abstrakt. Es ist aber das Eigenartige bei ihm, dass hinter seinen Abstraktionen ein Mensch stand, der die Wirklichkeit mit festem Griffe erfasste. Seine Gedanken sind im Grunde doch der Leben-weckende, nur abstrakt aussehende Niederschlag einer leidenschaftsdurchtränkten Lebenspraxis. Das hat Frau Mackenzie so klar als möglich gesehen: «Ich meine, dass diese zwei Philosophen (Plato und Hegel) beständig bestrebt waren, nicht nur - wie andere Philosophen - das Wahre zu sehen, sondern auch zu ergründen, wie es durch einen Geist, von dem es seiner Wesenheit nach weit entfernt ist, erreicht und angeeignet werden kann; und beide glaubten, dass dies durch die dialektische Methode geschehen kann.» So sagt sie in der Vorrede zu ihrem genannten Buche, und es ist nun ihr Streben, zu zeigen, wie diese philosophische Selbsterziehung über die Erziehung des Kindes und des jungen Menschen denkt. Sie kommt in Bezug auf Hegel zu der Ansicht: «Ich wage zu behaupten, dass Hegel uns mehr als ein anderer Erzieher (mehr als Herbart, weil seine Erziehungs-Ideen in einer tieferen Philosophie begründet sind) gerade diejenigen Dinge darbietet, die wir heute und auch in unserem Lande am meisten nötig haben.»
Was an diesem ihrem Verhältnis zu Hegel bemerkt werden kann, und was eine volle Bekräftigung erfährt, wenn man Frau Prof. Mackenzie genauer kennenlernt, das ist: man hat in ihr einen feinen Denkerkopf vor sich, der philosophische Tiefe vereinigt mit weit ausgreifenden Interessen für pädagogische und soziale Menschheitsfragen.
Dieser Persönlichkeit ist es zu danken, dass der pädagogische Weihnachtskursus zustande gekommen ist, den Albert Steffen in dieser Wochenschrift beschrieben hat. Frau Prof. Mackenzie lud Lehrer und Lehrerinnen Englands zu diesem Kurse ein. Unter den Erschienenen war auch Miss Cross, die Leiterin des Schul-Internates Kings-Langley Priory in der Nähe von London. Schon damals tauchte der Gedanke unter den englischen Besuchern auf, in diese Schule den Geist zu tragen, aus dem heraus ich meinen Weihnachtskursus gehalten habe.
Einzelnen Teilnehmern an diesem Kursus darf ich es nun zuschreiben, dass nach einiger Zeit von dem Komitee «New Ideals in Education» an mich die Einladung erging, an der von ihm veranstalteten Festlichkeit um Shakespeares Geburtstag herum (vom 17. bis 24. April) durch Vorträge mitzuwirken. An diese Einladung schloss sich dann die andere der Freunde anthroposophischer Weltanschauung (u. a. Mrs. Drury-Lavin und Mr. Collison), einige Vorträge in London für diejenigen zu halten, die Interesse für die anthroposophischen Bestrebungen haben.
So konnte ich denn am 14. und 15. April zwei Vorträge in London halten. Der erste war über «Erkenntnis und Initiation». Es war mein Bestreben, zu zeigen, wie Erkenntnisse der übersinnlichen Weltgebiete durch die Entwicklung von Fähigkeiten zu erreichen sind, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht zur Anwendung kommen. Ich nannte das übersinnliche Schauen, das auf diese Art zustande kommt, «exakte clairvoyance», weil es meine Überzeugung ist, dass die Vorgänge des Seelenlebens, durch die der Mensch zu diesem Schauen kommt, in einer ebensolchen Bewusstseinsklarheit erlebt werden wie die Lösung einer Aufgabe der exakten Wissenschaft. Ist diese Wissenschaft exakt in der Behandlung der objektiven Welt, so ist die Anthroposophie exakt in der Entwicklung von übersinnlichen Erkenntnisfähigkeiten, für die sich dann der Anblick der Geisteswelt ergibt, durch die der Mensch das Ewige seines Wesens erfasst. Eine solche «exakte Clairvoyance», nicht eine nebulöse Mystik, oder einen unwissenschaftlichen Okkultismus kann unsere Zeit fordern, die überall das starke Bedürfnis denkender Menschen zeigt, von dem Sinnlichen zum Übersinnlichen aufzusteigen.
Ich will ja nur meine subjektiven Eindrücke in aller Bescheidenheit hier geben. Und so soll es auch gemeint sein, wenn ich sage: mir bot der Anblick meines Zuhörerkreises in London tiefe Befriedigung. Denn ich vermeinte, fühlen zu können, wie das erwähnte Bedürfnis auch hier vorhanden war.
Am darauffolgenden Tage oblag es mir, das Mysterium des Christuslebens auf Grundlage der anthroposophischen Erkenntnis zu schildern. Anthroposophie will gewiss nicht eine Sekte oder gar eine neue Religionsgemeinschaft gründen. Sie will nur sagen, was sich der «exakten Clairvoyance» über das Mysterium von Golgatha ergibt. Danach verlangt der Mensch der Gegenwart. Er ist durch die jahrhundertelange Entwicklung auf dem Gebiete der äußeren Naturerkenntnis in eine Seelenverfassung gebracht, die vom bloßen Glauben zu der erkenntnismäßigen Erfassung der Religions-Inhalte fortschreiten muss. Der religiöse Glaube wird dadurch nicht angetastet, sondern durch Vertiefung befestigt. Wieder in aller Bescheidenheit möchte ich sagen, dass ich nach Abhaltung meines zweiten Londoner Vortrages den Eindruck hatte: dieses Bedürfnis nach Befestigung der religiösen Mysterien ist ein internationales. Man kann bei einer solchen Gelegenheit die Überzeugung gewinnen, dass sich in dem Suchen nach dem übersinnlichen die Völker der zivilisierten Welt aus der Zwietracht in die Eintracht zusammenfinden können.
Nach diesen beiden Vorträgen hatte ich noch einen im engeren Kreise von Persönlichkeiten zu halten, die viele Jahre in der anthroposophischen Bewegung stehen, und an dem gleichen Tage durfte ich mit Freunden einer Einladung der Miss Cross folgen, die uns ihre Schule in Kings Langley zeigte. Wieder leuchtete der Gedanke auf, diese Schule dem Geiste anzupassen, aus dem heraus ich mir die Erziehungskunst fortgebildet denken muss. Unter denen, mit welchen ich diese Angelegenheit besprechen durfte, war auch Frau Prof. Mackenzie.
Ich darf schon hier erwähnen, dass ein Kreis von Persönlichkeiten, der sich um Frau Prof. Mackenzie und Miss Cross gebildet hat, es sich zum Ziele setzen will, diesen Gedanken in England zur Wirklichkeit zu verhelfen. Damit ist die Aussicht eröffnet, dass die pädagogische Grundlage, die im Geiste des Dornacher Goetheanums gehalten war auf der die Waldorfschule in Stuttgart ruht, in England Verständnis und Pflege findet.
Am 18. April begannen in Stratford-upon-Avon die Shakespeare-Festlichkeiten. Eine lange Reihe von Persönlichkeiten brachte ihre Verehrung für dichterische Schöpfungen, die zu den allergrößten der Menschheit gehören, dadurch zum Ausdrucke, dass sie von sich aus darboten, was sie über Kunst, Dichtung und Erziehung zu sagen haben. Man bekam einen eindrucksvollen Ausschnitt aus dem englischen Geistesleben der Gegenwart vor die Seele gestellt. Wuchtige Reden über künstlerische Zeitinteressen, wie sie Lena Ashwell in einem Vortrag über «Drama und Volksleben» und Cicely Hamilton in ihren Ausführungen über «Tendenzen des modernen Dramas» boten, wechselten mit liebenswürdig geistreich ausgesprochenen Sehnsuchten nach Durchdringung der Erziehung mit künstlerischem Geiste. John Masefield sprach über «Playwriting» von dem Gesichtspunkte eines Künstlers, der in dem lebendigen Kunstleben und Kunstwirken sich drinnenstehend fühlt, und der sagen will, wessen die Kunst bedarf, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen will.
Ich betrachte es hier nicht als meine Aufgabe, Kritik zu üben an manchem, mit dem ich nicht einverstanden sein kann, besonders auf dem Gebiete der Kunstpflege in der Schule. Aber wichtiger in diesem Zeitaugenblicke ist, dass man nur mit Befriedigung hinsehen kann auf die Grundtendenz der ganzen Veranstaltung. Shakespeares Gestalt schwebte gewissermaßen nur im Hintergrunde. Von dem Aufblick zu ihm ging der Impuls aus, die Erziehungsfrage nach allen Seiten hin zu erörtern. Kindererziehung, Volkserziehung, Menschheitserziehung im Allgemeinen; das waren die Fragen, an die sich das Interesse der Vortragenden und Zuhörer wandte. Und damit war in den Mittelpunkt der Geistesarbeit dieser Festlichkeit das Wichtigste gestellt, das die Gegenwart angeht. Man sah es der Haltung dieser Versammlung auch an, dass sie eine Empfindung für diese Zivilisationsnöte hatte. Wesentlich war, was Miss Ashwell zu sagen hatte über die Niedergangserscheinungen der dramatischen und schauspielerischen Kunst und über die Notwendigkeit, für Kräfte eines Aufstiegs zu sorgen. Eine Persönlichkeit voll Feuer, aber auch voll inneren Verständnisses für die Sache stand in Miss Ashwell auf dem Podium. Und in schöner Ergänzung dazu stand, was Miss Hamilton über den Niedergang und die Notwendigkeiten der Hebung des künstlerischen Geschmackes ausführte.
In diesen Zusammenhang durfte ich hineinstellen, was meine anthroposophischen Gesichtspunkte über Shakespeare, über Erziehung und über die Forderungen des Geisteslebens für die Gegenwart ergibt. Die erzieherische Kraft der Shakespeare-Kunst steht in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit durch den Einfluss darinnen, den diese Kunst auf Goethe geübt hat. Man muss sich fragen: Worauf beruht dieser gewaltige Einfluss. Mir tritt, indem ich mir diese Frage stelle, eine Tatsache der übersinnlichen Erfahrung entgegen.
Wer in der Lage ist, sich in ein Shakespearedrama hingebungsvoll einzuleben, und das Erlebnis dann in diejenige Welt hinüberzuführen, die vor der «exakten Clairvoyance» ausgebreitet ist, der kann finden, dass die Gestalten Shakespeares im übersinnlichen Gebiet sich weiter als lebendig vor die Seele hinstellen, während die neueren naturalistischen Dramen sich bei diesem Vorgange entweder völlig in Puppen verwandeln oder gewissermaßen erstarren. In der Imagination leben die Shakespeare-Gestalten weiter. Sie vollführen da nicht dieselben Handlungen wie im Drama; aber sie handeln in verwandelten Situationen und mit einem andern Tatsachenverlauf. Ich glaube, dass durch diese Tatsache die tiefe Einwurzelung der Shakespeare-Gestalten in der geistigen Welt zu finden ist; und dass Goethe diese Einwurzelung unbewusst bei seiner Hingabe an die Shakespearedramen erlebte. Er fühlte sich wie von Tatsachen der Geisteswelt selbst ergriffen, wenn er sich zu Shakespeare wandte.
Ich hatte dieses Erlebnis im Hintergrunde, als ich in Stratford über Shakespeare, Goethe und das Erziehungswesen in drei Vorträgen sprechen konnte. Besonders lebte die daraus quellende Überzeugung in meinem Herzen, als ich am 23. April, dem eigentlichen Shakespearetage, über «Shakespeare und die neuen Ideale» zu sprechen hatte.
Begleitend die Veranstaltungen des Komitees für «Neue Ideale in der Erziehung» waren die Vorstellungen Shakespeare’scher Dramen im Shakespeare Memorial-Theater. Wir konnten sehen: «Othello», «Julius Cäsar», «Der Widerspenstigen Zähmung», «Die zwölfte Nacht», «Ende gut, alles gut», «Viel Lärm um Nichts». Befriedigend für mein Gefühl war die Darstellung der Komödien. Die rechte Darstellung der Tragödien stelle ich mir aber anders vor.
Am 24. April durfte ich noch in London einen Vortrag halten vor den englischen Freunden der anthroposophischen Bewegung. Er sollte zeigen, wie Anthroposophie sich zu der geistigen Entwicklung der Menschheit überhaupt und zu dem Christusimpulse im Besonderen verhält. Ich versuchte zu zeigen, wie eine solche Gestalt wie der Kardinal Newman aus seiner Empfindung von den religiösen Bedürfnissen der Zeit heraus nach einer Erkenntnisgrundlage des Übersinnlichen suchte, wie aber nicht auf den Wegen, die er ging, sondern erst auf dem anthroposophischen eine solche zu finden ist.
Besonderer Dank gebührt George Kaufmann, der sich der schweren Aufgabe unterzogen hat, meine sämtlichen Vorträge lediglich nach dem Anhören partienweise für das Publikum zu übersetzen.
Am 25. April verließ ich England, erfüllt mit dem Gedanken, dass es in England Persönlichkeiten gibt, welche die Pflege und Vertretung der anthroposophischen Sache als einen Teil ihrer Lebensaufgabe ansehen und tatkräftig in dieser Richtung wirken. An sie muss ich mit dem Danke denken, der [mir] in der Seele lebt, wenn ich Menschen finde, die für diese Sache hilfreich eingreifen. Dass ich diese Hilfe finden konnte in der heutigen Zeit als Deutscher in London und Stratford, darf ich wohl als einen mich befriedigenden Schlussgedanken dieser subjektiv gehaltenen Reisebetrachtung aussprechen.