Current Social and Economic Issues
GA 332b — 23 March 1922, Dornach
Wortbeiträge Rudolf Steiners
Während Der Ersten Ordentlichen Generalversammlung Der Aktionäre Der «Futurum A.G.»
[Nach der Besprechung der drei ersten Traktanden (Geschäftsbericht, Jahresrechnung und Entlastung der Direktion, Beschlussfassung über Verwendung des Jahresergebnisses) und einer Pause soll Traktandum 4: Ergänzungswahlen in den Verwaltungsrat besprochen werden.]
Rudolf Steiner: Es haben sich in den letzten Tagen Dinge ereignet, die notwendig machen, dass Sie einen genauen Einblick in die Verhältnisse haben, bevor Sie über Traktandum 4 debattieren. Sie werden am besten ein Bild von der Situation bekommen, wenn ich Ihnen zwei Schriftstücke vorlese, welche Ihnen Unterlagen zur Behandlung dieses Themas bieten werden.
Rudolf Steiner verliest zuerst das Demissionsgesuch des Herrn Direktor Arnold Ich. Die Kopie dieses Schreibens liegt diesem Protokoll bei und gehört zu ihm.
Rudolf Steiner: Ich bemerke nur kommentierend, dass die hier erwähnte Sitzung dadurch herbeigeführt worden ist, dass die Herren Storrer und Day am Montag, 13. März, bei mir in Berlin erschienen sind und dazumal das Ergebnis von Besprechungen, die sie mit der Direktion der «Futurum» gehalten hatten, vorbrachten und ihrerseits die Ansicht aussprachen, dass sie sich die geistige Führung des «Futurum» durchaus in einer anderen Weise denken müssten, als sie bisher war, und dass Anstalten getroffen werden sollten, um der Idee des «Futurum» dem ursprünglichen Programm gemäß gerecht zu werden. Ich bemerke ausdrücklich, dass dasjenige, was die Herren Storrer und Day vorbrachten, durchaus das Ergebnis von Besprechungen war, welche in der Direktion des «Futurum» stattgefunden hatten und über die mir referiert worden ist. Storrer und Day bedeuteten, dass sie Versammlungen abgehalten hätten mit anderen Persönlichkeiten, und wollten meine Ansicht darüber hören. Ich sagte: «Selbstverständlich, jedem stehen solche Versammlungen frei; aber es kann über die Angelegenheiten des «Futurumy, bevor ich in Dornach anwesend sein werde, nicht etwas Maßgebendes verhandelt werden.»
Als ich nach Dornach kam und mir mitgeteilt wurde, dass Sitzungen stattgefunden hätten, an denen auch teilgenommen haben die Direktoren Ith und Oesch, also die gesamte Direktion, fand ich selbstverständlich auch keinen Anstoß dabei - nicht als Präsident des Verwaltungsrates, sondern als Privatmann -, an diesen Sitzungen teilzunehmen, um eben zu wissen, was vorgebracht worden ist. Sofort, nachdem von Herrn Storrer der Punkt über die Führung des «Futurum» vorgebracht worden war, gab Direktor Ith die Erklärung ab, dass er sich aus der Sitzung entfernen möchte. Ich bemerkte, dass ich ebenfalls Gast sei und nicht maßgebend sei für diese Sitzung. Das zunächst zur Demission des ersten Direktors.
Rudolf Steiner liest das Demissionsschreiben von Direktor Dr. Oesch vor, dessen Kopie dem Protokoll beigefügt ist und welches als ein Teil dieses Protokolls zu betrachten ist.
Rudolf Steiner: Sie sehen hieraus, dass der Verwaltungsrat zunächst ohne Direktion dasteht. Ich darf vielleicht noch beifügen, dass vom Verwaltungsrat, wie er sich immer versammelte, bei dessen Sitzungen anwesend waren: Etienne, Gimmi, Hirter und ich. Drei Verwaltungsräte sind infolge Krankheit und aus andern Gründen aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten. So blieben noch fünf Verwaltungsräte, von denen der eine gewöhnlich nicht kommt, sodass der Verwaltungsrat sehr stark zusammengeschrumpft ist.
Es ist selbstverständlich, dass die Ihnen eben vorgetragenen Verhältnisse äußerst tief eingreifen in alle Angelegenheiten des «Futurum». Was mich selbst betrifft, möchte ich das Folgende bemerken: Die verschiedenen Gründungen, sei es die Waldorfschule, der «Kommende Tag», das «Futurum» und dazu noch manches andere, hatten eine Zeit hindurch meine Arbeitskraft außerordentlich stark in Anspruch genommen, und es war ganz selbstverständlich, dass in dieser Zeit zurücktreten musste die früher viel regere Tätigkeit für die anthroposophische Bewegung als solche. Nun machen es aber die Verhältnisse notwendig, dass die anthroposophische Tätigkeit selbst in einem umfangreicheren Maße weiter ausgedehnt werde. Wenn man auf dem Standpunkt steht, dass man, wenn man nominell die Verantwortung trägt, sie auch faktisch tragen muss, das heißt für alles Einzelne aus der Kenntnisnahme heraus sich verantwortlich wissen muss, dann ist es im Grunde genommen nicht möglich, neben einer ganz in Anspruch nehmenden anthroposophischen Bewegung ebenso sich noch den wirtschaftlichen Gründungen so intensiv zu widmen, wie es meinen eigenen Anschauungen nach durchaus erforderlich ist.
Mit der Demission der beiden bisherigen Direktoren ist für mich eine absolut neue Lage geschaffen. Da Sie in der Majorität anthroposophische Mitglieder sind, werden Sie es als eine Notwendigkeit empfinden, dass die anthroposophische Bewegung in einem viel stärkeren Maße fortgeführt werde, als sie in der letzten Zeit hat fortgeführt werden können.
Wenn die Dinge so ablaufen, dass die Demission der gesamten Direktion eintritt, so können Sie begreifen, dass es mir nicht möglich ist, die Geschäfte in Verantwortung tragender Weise so zu führen, wie ich sie nach meiner Ansicht führen müsste. Daher kann ich nicht anders, als Ihnen sagen, dass, wenn aus dem Schoße dieser Versammlung heraus die Möglichkeit sich ergeben sollte, dass «Futurum» ohne die alte Direktion, deren Demission, wie es scheint, nicht rückgängig zu machen ist, fortgeführt werden kann, ich zurücktreten würde. Wie Sie begreifen werden, kann ich nicht die Absicht haben, mich mit einer neuen Direktion irgendwie einzuarbeiten. Das würde notwendig machen, dass ich in den nächsten Wochen jede andere Tätigkeit aufgeben müsste. Es würde unter anderem notwendig machen, dass ich die bereits festgelegte holländische und englische Reise aufgeben würde. Wenn also die anthroposophische Bewegung nicht geschädigt werden soll, so muss etwas geschehen; was, kann ich Ihnen als einen definitiven Entschluss erst dann sagen, wenn die Debatte fortgesetzt wird über die geschilderten Verhältnisse. Aber dieser Entschluss wird dahin lauten: Wenn sich aus dem Schoße der Aktionäre heraus die Möglichkeit ergibt, dass das «Futurum» im Sinne seines Programmes fortgeführt werden kann, werde ich von meinem Posten als Vorsitzender des Verwaltungsrates demissionieren wegen der Arbeit, die ich für die anthroposophische Bewegung zu leisten habe.
Ich eröffne über Punkt 4 die Diskussion.
[Willy Stokar und Willy Storrer als Vertreter einer Gruppe von Aktionären üben umfassende Kritik an der bisherigen Tätigkeit der «Futurum» dahingehend, dass die geistigen Ziele überhaupt nicht erreicht wurden: eine Assoziation im Sinne der Dreigliederung zu bilden. Deshalb meinen sie, dass Rudolf Steiner von seiner Tätigkeit als Verwaltungsratspräsident entlastet werden sollte. Von Willy Stokar wird ein neuer Verwaltungsrat vorgeschlagen, der bestehen soll aus Ernst Gimmi (bisher), Konsul Krebs (bisher), Willy Stokar, Edgar Dürler, Karl Day, Willy Storrer, die alle bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen. In der Versammlung wird dies als Ungeheuerlichkeit empfunden.]
Rudolf Steiner: Man müsste die Kritik, die an dem «Futurum» geübt worden ist, auf ihre Stichhaltigkeit eben prüfen. Andererseits wird sich die Versammlung klar werden müssen darüber, wie sie Stellung nimmt zu der Frage als solcher.
[Weitere Voten in dieser Sache. Fehler werden eingeräumt, aber von übereilten Entscheidungen gewarnt.]
Rudolf Steiner: Um nicht in der Diskussion auf unfruchtbare Abwege zu kommen, wollen Sie bitte berücksichtigen, dass die ersten Besprechungen, die für das Weitere die Grundlage geschaffen haben, in der «Futurum»-Direktion selber vor sich gegangen sind. Das kommt stark in Betracht. Sie haben immerhin vorliegend den Versuch, sich ein Urteil zu bilden über das «Futurum». Ich stellte Ihnen dar, wie schwer, ja, wie unmöglich es mir sein würde, unter den veränderten Verhältnissen das Präsidium weiterzuführen. Nun handelte es sich darum, dass ich sagte, ich würde das Präsidium niederlegen, wenn sich aus dem Schoße der Versammlung eben die Möglichkeit fände, das «Futurum» weiterzuführen, und von diesem Gesichtspunkte aus bitte ich Sie, die Sache zu betrachten. Man sollte eben sachlich bleiben, und man sollte sich über die Möglichkeit beraten, wie das «Futurum» weitergeführt werden kann. Es ist mir nicht möglich, mit einem Rumpf-Verwaltungsrat zu arbeiten.
Dazu kommt noch etwas anderes. Ich hätte selbst niemals meine Zustimmung gegeben, hier in der Schweiz Präsident des Verwaltungsrates der «Futurum AG» zu werden, wenn nicht auf die Bitte von Herrn Molt und Dr. Boos Herr Hirter damals seine Zustimmung gegeben hätte, Vizepräsident zu werden. Sie sehen, meine Präsidentschaft hing im Wesentlichen daran, dass ich eine Persönlichkeit wie Herrn Hirter zur Seite haben konnte, die in schweizerischen Verhältnissen mit so viel Erfolg und Ansehen darinnensteht. Nun gibt aber auch Herr Hirter seine Demission als Verwaltungsrat. Auch Herr Etienne hat mir heute mitgeteilt, dass er genötigt sei, seine Demission zu geben. Herr Gimmi hat Ihnen auseinandergesetzt, dass er Sie bitte, durchaus einen ernsten Versuch für ein positives Arbeiten bei den Persönlichkeiten vorauszusetzen, die die Kritik an der Direktion des «Futurum» ausgeübt haben. Herr Gimmi selbst demissioniert im bisherigen Verwaltungsrat zugunsten des neuen Vorschlages. So wäre ich also ein Verwaltungsratspräsident ohne Verwaltungsräte und ohne Direktion. Ich muss Sie bitten, hier Rat zu schaffen, entweder positive Gegenvorschläge für die Wahl von Verwaltungsräten und für die Wahl von Direktoren zu machen oder in die sachliche Diskussion einzugehen, um sich zu überzeugen, ob Sie auf die von einer Seite gemachten Vorschläge eingehen können. Schließlich, ob die Herren das können oder nicht, werden sie erst zeigen müssen. Den guten Willen haben sie wenigstens gezeigt, Verwaltungsräte zu werden. Und ich bitte auch Sie, eventuell auch diesen guten Willen zu zeigen. Wenn Sie nicht andere Verwaltungsräte vorschlagen und zur Genehmigung bringen können, dann sind Sie genötigt, auf die Vorschläge der Herren einzugehen in irgendeiner Weise.
Die Diskussion nimmt einen ungeordneten Charakter an.
Rudolf Steiner: Wir müssen die Diskussion in geordneter Weise weiterführen.
[Weitere Voten. Johann Hirter erklärt ausdrücklich, dass er nicht mehr zur Verfügung stehe. Frage zur Abtrennung der geistigen Betriebe.]
Rudolf Steiner: Bei Klinik und Laboratorien und bei all dem, was sich gruppiert um die Zeitschrift «Das Goetheanum», und allem, was sich gruppiert um die Schule, würde es sich darum handeln, dass dasjenige, was ich für sie bisher getan habe, auch in Zukunft ebenso tun kann, wie ich es bisher getan habe. Nach Ausscheidung dieser eben genannten Unternehmungen, zu denen ich gerne so stehen werde, wie ich bisher gestanden habe, bleiben zurück die rein wirtschaftlichen Unternehmungen: Das sind die Strickwarenfabrik, [die] Büro A.G., [die] Kaltleim-Fabrik, [die Kartonagefabrik] Gelterkinden, [die Schirmgriff- und Stockfabrik] Bönigen und die Handelsabteilung. Für diese liegt ein neues Faktum vor. Wenn ich Ihnen genau den Punkt sagen soll, wo für mich dies eine Frage geworden ist, so ist es der, dass ja, wenn auch indirekt, an mich herangetreten sind Verhandlungen, die innerhalb der Direktion sich abgespielt haben. Nicht wahr, es ist für mich eine Unmöglichkeit, dass jemand zu mir kommt und sich gewissermaßen hinstellt zwischen Direktion und mich. Das ist unter der einen Voraussetzung möglich, dass er recht behält. Dies ist doch klar. Sonst hätte doch überhaupt eine solche Versammlung im Schoße der «Futurum»-Direktion nicht stattfinden können. Im Moment, wo die Direktion nicht mehr mit mir gegangen ist, war für mich der Kasus gegeben. Sie müssen doch die Dinge unbefangen betrachten. Jetzt liegt der Fall vor - ich habe Ihnen vorgelesen: «Um die Grundlage zu einer den Gründungstendenzen entsprechenden Entwicklung der «Futurum AG» zu schaffen, werden Entschlüsse nicht umgangen werden können, die eine Neuregelung des Personellen nötig machen. Ich möchte das Meine dazu beitragen» und so weiter (aus dem Demissionsgesuch von Dr. Oesch). Also in aller Form hat Dr. Oesch demissioniert. Sie haben gehört, er ist schon vorgesehen von denjenigen Persönlichkeiten, die sich bereit erklärten, die Sache weiterzuführen. Diese Gruppe hat einen Direktor, während ich dastehe ohne Direktion und Verwaltungsrat. Sie haben eine Gruppe von Persönlichkeiten, die hat vom alten Verwaltungsrat die Herren Gimmi und Krebs, von der alten Direktion Dr. Oesch. Diese Gruppe kann Ihnen zunächst die Namen leitender Persönlichkeiten auf den Tisch des Hauses niederlegen, abgesehen davon, dass sie selber leitende Persönlichkeiten sein werden. Sie werden mir nicht zumuten, dass ich weiterfunktionieren solle ohne Verwaltungsrat und Direktion.
[Weitere Voten. Jemand will sein Geld lieber geistigen Werten zur Verfügung stellen.]
Rudolf Steiner: Es geht natürlich nicht an, dass von den Aktionären angefangen wird, einen Sturm auf die Gelder, die bei der «Futurum» angelegt sind, zu unternehmen. Es ist heute nicht leicht, Geld flüssig zu machen, da der Geldmarkt gänzlich versteift ist.
[Mehrere Wahlvorschläge für Verwaltungsräte. Da einige der Vorgeschlagenen ablehnen, bleiben letztlich nur noch die schon von Willy Stokar vorgeschlagenen Kandidaten zur Wahl.
Die Abstimmung bestätigt die Abwahl der bisherigen Verwaltungsräte, darunter die Rudolf Steiners, mit Ausnahme von Gimmi und Krebs, und die Wahl des neuen Verwaltungsrates. Nach der Abstimmung folgt die Erledigung der restlichen Traktanden. Um 19:30 endet die Versammlung.]