Current Social and Economic Issues
GA 332b — 5 January 1921, Stuttgart
Ansprache an der Weihnachtsfeier in der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik
[Nach einer Ansprache Emil Molts ergreift Rudolf Steiner das Wort:]
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Zum zweiten Male darf ich heute an diesem Ort zu Ihnen sprechen. Das erste Mal war es ja auf Einladung des Herrn Molt, um zu sprechen über dasjenige, was ich glaubte, damals für notwendig halten zu müssen zum Fortschritt der Menschheit heraus aus den großen Wirren, in die uns menschliche Verirrung mit ihren Konsequenzen, der furchtbaren Weltkriegskatastrophe, hineingeführt hat. Heute soll ich sprechen in Gegenwart des lichterfüllten Weihnachtsbaumes zur Weihnachtsfeier. Aber erwarten Sie von mir nicht, dass ich Ihnen irgendeine der üblichen Weihnachtsreden halte, wie sie ja auch noch in unserer Zeit so vielfach gehört werden können. Ich würde mir, wenn ich das täte, als ein unwahrer Mensch vorkommen, und mich auch dem Glauben hingeben müssen, dass auch schließlich, wenn Sie selber wahr in Ihren Empfindungen sind, Sie nicht aus Ihren Herzen irgendetwas einer solchen salbungsvollen Rede entgegenbringen können. Denn gestehen wir es uns doch nur: Dasjenige, was heute vielfach in Weihnachtsreden ertönt, es kommt einem vor, wie wenn ein seit Jahrhunderten festgehaltenes Beharrungsvermögen, eine Art geistiger Trägheit, Worte festgehalten hätte, welche für längst vergangene Zeiten noch ihre Gültigkeit hatten, die aber heute, gegenüber den Weltverhältnissen, in denen wir drinnenstehen, sich doch so ausnehmen, als ob diejenigen, die sie sprechen, mit offenem Auge nichts sehen würden von demjenigen, was wahrhaft um uns herum vorgeht.
Das Weihnachtsfest ist ja heute - man darf es ungeschminkt aussprechen, denke ich - in den Empfindungen der großen Masse der Menschen und auch in den Empfindungen der Wenigen, die man bis vor kurzer Zeit die oberen Zehntausend genannt hat, im Grunde genommen etwas, was nur Erinnerung zunächst sein sollte, Erinnerung an Gefühle, an innere Kräfte, die einmal lebendig waren in der Menschheit, die allerdings - und davon werden wir sprechen durchaus verdienen, wiederbelebt zu werden, wiederbelebt zu werden in einer neuen Form, die aber heute eben nicht lebendig sind.
Wenn das Weihnachtsfest herankommt, dann denken die Menschen von heute - je nachdem sie mehr oder weniger mit Glücksgütern gesegnet sind -, sich mehr oder weniger kostbare Geschenke gegenseitig zu machen. Sie denken dann wohl auch daran, den Weihnachtsbaum anzuzünden und sich in irgendeine Stimmung zu versetzen, von der sie eigentlich nicht recht wissen, was sie ihnen sein soll. So war es allerdings nicht immer. Und ich möchte nur an eine Einzelheit erinnern - man könnte an viele solche Dinge erinnern, aber an diese Einzelheit sei gedacht; sie charakterisiert in einer gewissen Beziehung auch das andere, was in früheren Jahrhunderten mit dem Weihnachtsfest verbunden war.
Wir können uns da in der Rückschau geradezu wenden auf diejenigen Gegenden, die auch hier um Stuttgart herum sind, die weit hinaufgehen bis Thüringen und Hessen, die hinübergehen nach Baden und dem Elsass und weiter nach Frankreich hinein, die hinuntergehen nach Italien, hinüber nach Bayern und so weiter. Wir können nach dieser Gegend sehen, geschichtlich zurückschauend, und ein merkwürdiges Bild bietet sich uns dar, wenn wir unseren Blick werfen auf die herannahende Weihnachtszeit.
In den meisten Ortschaften - da diese Gegend ja damals noch weniger von Städten durchsetzt war, ich spreche vom 14., 15. Jahrhundert - wurde schon vom Oktober an eine Jünglingsschar gesammelt, und diese Jünglingsschar sollte Rollen lernen, um Weihnachtsspiele aufzuführen zur Weihefesteszeit. Der Text dieser Weihnachtsspiele war in der Regel handschriftlich vorhanden bei einer besonders bevorzugten Familie der einzelnen Orte; die hielten ihn heilig. Man wusste gar nicht, wer ihn gemacht hatte, so weit zurück gingen die Erinnerungen in der Zeit an diese Weihnachtsspiele; aber der Text wurde heilig gehalten. Schon im Oktober sammelte derjenige, welcher im Besitz dieses Textes war und gerade dadurch auch ein besonderes Ansehen in dem betreffenden Orte hatte, die ihm für die Aufführung geeignet erscheinenden Jünglinge. Solche Aufführungen wurden dazumal noch nicht mit Frauen gemacht, sondern nur mit der männlichen Jugend, die auch Frauenrollen, die Rolle der Maria und so weiter, spielte. Also diese Jünglingsschar wurde versammelt und wurde nun eingelernt. Merkwürdige Traditionen haben sich gerade von diesem Einlernen erhalten, und an diesen Traditionen, diesen Überlieferungen kann man gerade sehen, mit welch tiefer Stimmung die Weihnachtszeit durchtränkt wurde, wenn sie sich herannahte.
Da gab es zum Beispiel die strenge Vorschrift, dass alle diejenigen, welche mitspielen sollten, die also die lernenden Schüler eines Lehrmeisters waren — es war vorgeschrieben, verzeihen Sie, wenn ich eine so harte Bestimmung doch auch anführe -, dass alle diese in der ganzen Zeit nicht zu ihren DirndIn gehen durften. Wir müssen uns nur in die alten Kulturzustände zurückversetzen, um uns begreiflich zu machen, was eine solche Bestimmung bedeutete, die aber von den Leuten, die als Berufene erachtet wurden, an so etwas teilzunehmen, streng eingehalten wurde. Eine zweite Bestimmung war diese, dass während der ganzen Zeit, in der die Jünglinge das Weihnachtsspiel einstudierten, sie ihrem Lehrmeister strengsten Gehorsam zu leisten hatten. Das war auch so eine Bestimmung, die heute außerordentlich schwer durchzuführen wäre. Wir wenigstens, die wir in der Anthroposophischen Gesellschaft uns jetzt bemühen, diese Spiele wiederum aufzuführen, wir können fast gar nichts von diesen Bestimmungen durchführen, aus dem einfachen Grunde nun, was die erste Bestimmung betrifft, so bezieht sie sich ja auf etwas, was unter Anthroposophen überhaupt nicht vorkommt, und was die zweite Bestimmung betrifft, so würde sie niemals eingehalten werden, denn einen solchen Gehorsam gibt es ja da gar nicht. Die dritte Bestimmung ist wiederum eine, die, wenn wir heute diese Spiele einzuüben haben, gar nicht durchgeführt werden kann in dem anthroposophischen Kreise. Denn die dritte Bestimmung hieß, dass man Strafe zahlen musste, wenn man irgendetwas vergessen hatte und es in der Aufführung falsch sagte. Das könnten wir auch nicht durchführen, denn die Strafe würde niemand bezahlen.
Also ich wollte nur diese einzelnen Bestimmungen anführen, um Ihnen zu zeigen, was dazumal aus der heiligen Stimmung heraus alles möglich war. Nun, etwas können wir auch nicht durchführen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, wo wir an vielen Orten, gerade auch dieses Jahr, zum Beispiel an vielen Orten der Schweiz, die Weihnachtsspiele wiederum aufnahmen, sie wiederum ausgegraben haben, denn sie waren ja im 19. Jahrhundert allmählich in Vergessenheit geraten und wurden nicht mehr aufgeführt. Eines können wir allerdings auch nicht ausführen: Zu dem Lehrmeister, der einstudierte mit der Jünglingsschar diese Festspiele, gesellte sich, wie es ja auch selbstverständlich war in einer Zeit, in der das Christentum so lebte wie in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, die Geistlichkeit des Ortes. Das können wir natürlich auch nicht erreichen. Dann gesellte sich dazu die Lehrerschaft. Das könnten wir, wie sich gezeigt hat, schon leichter erreichen, erreichen es auch da, wo namentlich diese Lehrerschaft aus unseren eigenen Reihen herausgewachsen ist.
Nun, alles das stellte ich Ihnen dar, um Ihnen ein Bild zu machen von dem, was herannahte in der Stimmung der einzelnen Orte, wenn die heilige Weihnachtszeit herankam. Denn auf was bereitete man sich eigentlich vor? Man bereitete sich vor nicht auf den Weihnachtsbaum - den gab es damals noch nicht, er ist höchstens 150 Jahre alt, da wurde er zuerst geltend gemacht -; man versammelte sich nicht um den Weihnachtsbaum, sondern man versammelte sich, um in der Stimmung, im inneren Herzenserlebnis zu gedenken desjenigen, was man sich vorstellte mit der Geburt des Christus Jesus. Das war in der Tat eine ganz andere, lebendigere Vorstellung, als sie heute sein kann. Denn die Menschen hatten dazumal ein anderes Bewusstsein von Menschenwürde und Menschendasein. Sie lebten noch ganz anders untereinander, daher war ihnen auch die Weihnachtsverkündigung noch etwas.
In dieser Weihnachtsverkündigung, dessen dürfen wir uns heute erinnern, liegt in der Tat ein tiefer demokratischer Zug. Man hat heute kein Recht, von den offiziellen Bekenntnissen aus diesen demokratischen Zug etwa zu betonen. Aber dann, wenn man wahres Christentum pflegen will, wie es erst wiederum entstehen muss in der Menschheit, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, hat man vielleicht ein Recht, gerade diesen demokratischen Zug zu erwähnen.
Eine zweifache Verkündigung lag vor für die Geburt des Christus Jesus. Die eine lag vor für diejenigen, die dazumal gewissermaßen - so können wir sagen — das Proletariat bildeten, für die Hirten auf dem Felde, die aus ihren Herzen heraus fühlten: Eine Zeit ist da, die einer Heilung bedarf. Und aus dieser Stimmung heraus entstand ihnen die Stimmung, die sich ihnen in die Worte goss: Offenbarung des Göttlichen, des Geistigen, in den Höhen, und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind. - Ein Näherkommen des Menschen an das Geistige, das ist es, was man fühlte. Und in diesem Näherkommen sah man etwas, was der Menschheit aus den Zuständen, die damals da waren und die unerträglich schienen, Erneuerung, Erfrischung, bringen sollte.
Aber es ist ja nicht nur diese eine Verkündigung da für diejenigen, die man für die damalige Zeit das Proletariat nennen könnte, für die armen Hirten auf dem Felde. Es ist eine zweite Verkündigung da, diejenige für die Weisen, für die Könige aus dem Morgenlande, also für diejenigen, die an der Spitze der Menschheit dazumal standen, für diejenigen, die das Gegenteil des damaligen Proletariats waren. Wie die Hirten auf dem Felde in ihrer Art die Weihnachtsverkündigung empfingen, so empfingen sie auch die weisen Könige in ihrer Art. Aber beide fanden sich zusammen gegenüber demjenigen, was nur sein wollte der Repräsentant des ganzen, allgemeinen Menschlichen. Und ebenso opferten und verehrten diesen Repräsentanten der ganzen Menschheit, des reinen Menschlichen, das keinen menschlichen Unterschied kennt, auf der einen Seite die Hirten auf dem Felde, auf der anderen Seite die weisen Könige aus dem Morgenlande. Darin liegt angedeutet in der Weihnachtsverkündigung der tief demokratische Zug, der durch das Christentum geht und der trotz der vielen Jahrhunderte durchaus bis heute nicht verwirklicht ist, der nur verwirklicht werden kann, wenn man eine richtige Empfindung erhält für dieses allgemeine, rein Menschliche, das in allen Menschen lebt und das keine menschlichen Unterschiede kennt.
Man möchte sagen, die drei Hauptfeste, welche die Menschheit, die christliche Menschheit die Jahrhunderte hindurch begangen hat in der Zeit, in der sie noch lebendig waren in den Gedanken und Empfindungen, sie lenkten die Aufmerksamkeit der Menschen hin, man darf sagen, auf eine Dreigliederung des Jahres.
Das Weihnachtsfest spricht am meisten zum Gefühl, zur Empfindung; es spricht zur Empfindung, indem es diese hinlenkt zu dem, was ganz im höchsten Sinn sich als der Impuls der Demokratie über die Welt ausgegossen hat.
Das Osterfest sollte mehr den Gedanken des Menschen ergreifen, sollte ihn mehr hinweisen auf die Geistigkeit und Freiheit, während das Weihnachtsfest mehr hinweisen sollte auf die Gleichheit unter den Menschen, auf das Nichtvorhandensein von Unterschieden, wenn man in das tiefste Innere des Menschen hineinwirken will. Das Osterfest sollte mehr jenes befreiende Gefühl in dem Menschen rege machen, das ihn überkommt, wenn er sich zum Geistigen erhebt und wenn er eine Wahrnehmung davon erlangt, dass das Geistige zuletzt doch immer den Sieg erlangen muss, wenn die Welt nicht zugrunde gehen soll, über das äußere Materielle. Diese Auferstehung des Geistigen aus dem Materiellen, das ist schließlich der Ostergedanke. Wenn die Seele innerlich auferstehen kann, dann erlebt sie eigentlich, indem sie sich in das Geistige hineinversetzen kann, die Freiheit.
Und der Pfingstgedanke, er weist uns hin auf die Brüderlichkeit. Er wird so dargestellt, dass wir aufmerksam gemacht werden darauf, wie diejenigen, die dazumal berufen waren, das Christentum zu verkündigen, den Ton fanden, um im Augenblick zu allen Menschen zu sprechen in reiner Brüderlichkeit, sich allen Menschen zu nähern. Er weist, wenn man ihn richtig versteht, doch hin auf dasjenige, was wir innerlich empfinden müssen, wenn wir Brüderlichkeit erlangen wollen in Bezug auf das äußere, materielle Leben der Menschheit.
Es ist etwas Uraltes, im Menschengemüt Wurzelndes, was immer wiederum auf den verschiedensten Gebieten des Lebens hingelenkt hat die Gedanken nach der Dreigliederung. Heute brauchen wir diese Dreigliederung, meine sehr verehrten Anwesenden, wiederum, um etwas in der Menschheit zu heilen, wiederum, um etwas Ungesundes auszurotten. Deshalb war es im Grunde genommen aus demselben Grundton heraus, aus dem ich gesprochen habe, als ich das erste Mal zu Ihnen reden durfte, und aus dem ich auch heute zu Ihnen reden möchte.
Wir leben in einer Zeit, die so krank ist, dass die meisten Menschen sich über ihre Krankheit keine Vorstellung machen möchten, teils aus Bequemlichkeit, teils vielleicht sogar aus Böswilligkeit, namentlich aber aus Egoismus heraus. Es ist die heutige Zeit in der Tat so, dass die meisten Bequemlinge immer wiederum zufrieden sind, wenn aus den Wirren des Tages heraus mal da und dort sich ein bisschen Besserung zeigt und sie dies konstatieren können, dass noch nicht alles zerfallen ist, dass da und dort «eine bessere Konjunktur» sei. Aber das heutige Leben gleicht für den, der es durchschauen kann, der Lage eines Menschen, der vor drei Jahren noch imstande war, sich einen Anzug zu kaufen, und diesen Anzug trägt - wenn er auch schon etwas schäbig ist, er kann ihn noch tragen -, aber er kann sich keinen neuen kaufen. Und weil er noch immer diesen Anzug tragen kann, glaubt er sich auch noch in einer möglichen Lebenslage. Es steht ihm aber bevor, dass der Anzug einmal nicht mehr getragen werden kann. So ist es mit den heutigen Verhältnissen. Wir sehen, wie die Leute an ihnen herumkorrigieren, wie sie alle möglichen Mixturen anwenden, um da oder dort im Kleinen noch etwas zu verbessern und das Alte zu halten. Aber das heutige soziale Leben, es ist wie der Rock. Der Rock kann noch ausgetragen werden, und dieses soziale Leben kann noch eine Weile fortgehen, aber es zerreißt mit Sicherheit; es geht nicht weiter. Und dass man irgendwie glaubt, es ginge weiter, das, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eine große Illusion, die die Menschen sich selber machen dadurch, dass sie bequem im Alten beharren wollen und nicht herangehen wollen an dasjenige, was eine wirkliche Neuschöpfung sein will, wie es der Impuls der Dreigliederung vermeint zu sein.
Es ist nicht weiter wunderbar, dass zunächst nach der Bekanntwerdung dieses Impulses der Dreigliederung uns die proletarischen Führer nicht nur unberücksichtigt gelassen haben, sondern dass sie uns sogar alles Mögliche, was sie an Hindernissen aufbringen konnten, in den Weg gelegt haben. Es ist nicht weiter wunderbar, dass alles dasjenige eingetreten ist, was Ihnen schon Herr Molt geschildert hat. Denn wir sehen heute dem Ruf nach Dreigliederung des sozialen Organismus gegenüberstehen einen anderen Impuls nach Dreigliederung. Dieser andere Impuls nach Dreigliederung, wir dürfen ihn vielleicht - wenn es auch nicht klingt wie sonstige salbungsvolle Weihnachtsworte - vor unsere Seelen hinstellen. Denn gerade dadurch, dass wir ein wenig hineinschauen in die Gegenwart, können wir die Kraft finden, die nun wirklich vielleicht dazu führen könnte, nicht bloß die Illusion zu haben, man lebe in einer möglichen Lage, solange der Rock noch nicht zerrissen ist, sondern sich einen neuen Rock anzuschaffen.
Wir sehen heute die Welt erfüllt mit einer Dreigliederung, aber mit was für einer Dreigliederung! Sehen Sie, in einer intensiveren Weise, als das vorher geschehen konnte, haben wir in diesem Herbst in Dornach in einer Reihe von Hochschulkursen zu zeigen versucht, wie das geistige Leben selbst in der Wissenschaft umgestaltet werden muss, wie es auf seine eigenen Füße gestellt werden muss, wenn Heil der Menschheit werden soll. Wir konnten zeigen, wie auszuschauen hat dasjenige, was in der Zukunft der Menschheit auf den Gebieten der einzelnen Wissenschaften, auf dem Gebiete des nationalökonomischen und praktischen Lebens gelehrt werden soll, damit die Lehren ins Leben hineindringen und Praxis werden können. Welche Anschauungen hat man denn heute über solche Dinge? Nun, heute denkt man ganz aus den alten Verhältnissen heraus, und gerade auf diesem Gebiet ist man am allerkonservativsten. Gewiss, es sind Leute, die haben eine ganz gute Meinung nach ihrem eigenen Glauben für die Volksbeglückung mit geistigen Dingen. Sie gründen Volkshochschulen, Volksbildungsstätten, Volksbibliotheken und so weiter. Man beglückt das Volk, indem man hinausträgt unter das Volk dasjenige, was geblüht hat in den Universitäten, in den Schulen in denjenigen Zeiten, die uns in die Katastrophe hineingeführt haben. Man fühlt sich außerordentlich wohlig, wenn man solche Bibliotheken gründet, solche Volksbildungsstätten unter das Volk wirft.
Dasjenige, was sich aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft als der Impuls der Dreigliederung gestaltet hat, muss auf diesem Gebiet schon ganz anders denken. Denn für denjenigen, der die Verhältnisse kennt, liegt nämlich etwas ganz anderes vor. Es liegt das vor, dass mit derjenigen Wissenschaftlichkeit, mit dem Geistesleben, das heute in unseren Schulen gepflegt wird, nichts anzufangen ist, weil es der untergehenden Welt selber angehört. Und keine soziale Ordnung, möge sie es noch so gut meinen - wenn sie bloß das Geistesleben, das heute in den Schulen gepflegt wird, hinausträgt in die Welt -, keine solche Bestrebung kann etwas anderes tun als zum Niedergang und nicht zum Aufgang führen. Denn nicht darum handelt es sich heute, dasjenige, was unter den Dächern der Universität gepflegt wird, was gepflegt wird bis in die Mittelschulen und bis in die Volksschulen, hinauszutragen ins Volk, sondern darum handelt es sich, ein neues Geistesleben in die Universitäten hineinzutragen. Ein neues Geistesleben muss erst in die Universitäten hineinkommen, welches das Heil über die Menschheit bringen kann. Dort ist es nicht darinnen.
Das ist es, sehen Sie, warum Geisteswissenschaft mit ihren Konsequenzen, der Dreigliederung, heute den Leuten zu radikal ist - selbst den proletarischen Führern zu radikal ist, die ja auch nichts anderes tun wollen, als in konservativer Weise das alte Geistesleben nun in die Köpfe der Leute hineinzuversetzen. Was ist es, was schwierig macht, mit einer solchen Bestrebung in sozialer Beziehung zu wirken?
Da ist das erste Glied der heutigen Dreigliederung da, da ist die Summe der heutigen Vertreter des Geisteslebens da, die, insofern sie sich überhaupt mit der Sache zu schaffen machen, nichts wissen wollen von einer solchen Erneuerung, sondern die immer betonen, dass ihre alte Art, das Christentum zu verbreiten, wiederum volkstümlich werden müsse. Und dasjenige, was gepflegt wird von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, nun, meine sehr verehrten Anwesenden, in der allerletzten Zeit wurde es erst von einem solchen Vertreter des Geisteslebens, der eine Lehrkanzel an einer Universität innehat, in der folgenden Weise charakterisiert. Er sagte: Zuerst braucht das Volk, auch aus nationalen Gründen — auf nationale Gründe berufen sich ja diese Herren sehr gerne -, es braucht das Volk das nahrhaftige Brot, das von den Kanzeln kommt, jenes nahrhaftige Brot, das es gewohnt ist, von den Vertretern der Bekenntnisse vertreten zu sehen. Dann erst braucht es das Naschwerk. - Er bezeichnet nämlich das, was von der Geisteswissenschaft versucht wird, als Naschwerk.
Das ist nur ein Beispiel. Ich könnte viele anführen, wie heute von den Lehrkanzeln herunter verleumdet wird das, was anthroposophische Geisteswissenschaft ist. Man braucht sich nicht zu wundern, dass derjenigen Bewegung, die anderes unter die Dächer dieser Lehranstalten bringen will, so begegnet wird von den Vertretern dieser Lehranstalten. Denn in einer gewissen Weise wird ja doch den Herren auf die Füße getreten, und dann quietschen sie. Das ist doch schließlich allein die Erklärung für diese Sache, wenn man sie versteht. Aber es ist notwendig, dass man es eben versteht, dass man versteht: Man braucht ein selbstständiges Geistesleben gegenüber jenem Geistesleben, das das Kind ist der bloßen politisch-staatlichen und der bloßen Wirtschaftsordnung. Man braucht ein Geistesleben, das aus seinen eigenen Kräften heraus arbeitet. Und schon durch ihre innere Wesenheit ist ein solches Geistesleben, soweit sie das heute sein kann, trotzdem man ihr überall die Gurgel zuschnürt, diese anthroposophische Geisteswissenschaft. Anthroposophische Geisteswissenschaft will nichts anderes als das Muster abgeben für das Geistesleben, das da kommen muss und das erst den Menschen die Freiheit bringen kann. Da sehen wir auf der einen Seite aber das andere Glied der gegenwärtigen Dreigliederung: die Vertreter des Geisteslebens, die heute die konservativsten Leute sind und jeden geistigen Fortschritt zurückdrängen möchten, namentlich denjenigen, der nun wirklich Heil bringen kann.
Und zu diesem ersten Glied der gegenwärtigen Dreigliederung gesellt sich ein anderes; das setzt sich zusammen aus den Politikern und Staatsmännern und so weiter, die noch herausgewachsen sind aus den alten Verhältnissen - aus jenen alten Verhältnissen, welche über die europäische Zivilisation die furchtbare Katastrophe heraufbeschworen haben, durch die Millionen und Millionen von Menschen getötet worden sind und zu Krüppeln geschlagen worden sind. Man will es nicht sehen, dass einzig und allein Heil darin liegen kann, dass neue Menschen kommen, aus den breiten Massen heraus neue Menschen aufstehen, die keinen Zusammenhang haben mit demjenigen, was in die Katastrophe hineingeführt hat. Und es sind auch nicht die proletarischen Führer, die zu diesen neuen Menschen gehören, denn sie sind es, die ebenso wie die anderen nur fortsetzen dasjenige, was in die blutigen Katastrophen hineingeführt hat. Gleichgültig, ob die Menschen irgendwo heute ihre Reden halten in Arbeiterversammlungen oder ob sie auf solchen kurulischen Stühlen sitzen und Abstraktionen in die Welt hinausschreien wie der, auf dem Woodrow Wilson gesessen hat; alle diese Menschen, sie wollen nichts, was ein Heil bringen könnte heute über die Menschheit, denn sie sind mit ihren Gedanken ganz herausgewachsen aus dem Alten, sie streben nur danach, das Alte in irgendeiner Weise zu erhalten.
An Worten darf man nicht hängen, meine sehr verehrten Anwesenden. Auch das Wort «Völkerbund», das jetzt durch die Welt geht, das soll in uns keine Illusionen hervorrufen. Ein Völkerbund kann etwas sehr Gutes, etwas Großes und Heilsames sein, wenn er wurzelt in denjenigen Vorstellungen, die man braucht, um der Menschheit Heil zu bringen, in dem Sinne, wie ich, als ich hier zu Ihnen sprechen durfte, vor bald zwei Jahren andeutete. Ein Völkerbund, der von solchen Menschen ausgehen würde, die so fühlen, das wäre allerdings ein Völkerbund, der etwas zum Heile der Menschheit beitragen könnte. Aber ein solcher Völkerbund muss ausgehen von ganz neuen Menschen, von Menschen, die aus den breiten Massen herauswachsen, die heute vielleicht noch gar nicht bemerkt werden oder, wenn sie bemerkt werden, totgetreten werden - wenigstens geistig. Völkerbünde aber, wie sie hervorgehen aus den Köpfen der alten Politiker, das sind Phrasen, das ist höchstens etwas Versailles’sches oder Genferisches. Und das Genferische ist nichts anderes als dasjenige, was an allen Verhältnissen, die im heutigen Europa sind, vorbeiredet, so, wie wenn man mit offenen Augen die wirklichen Verhältnisse nicht sehen würde. Das ist das zweite Glied der heutigen Dreigliederung.
Und das dritte Glied der heutigen Dreigliederung, das sind diejenigen Leute, die am alten Wirtschaftsleben festhalten wollen, die nur immer wieder denken, das Alte wiederum zu galvanisieren. Das sind diejenigen Leute, die sich Illusionen machen über amerikanische Kredite an Europa, die sich Illusionen machen über die Möglichkeit einer Verbesserung der Valutaverhältnisse nach alten Rezepten, die nicht hinschauen wollen darauf, dass einzig und allein dasjenige Heil bringen kann, was im Sinne der Dreigliederung das assoziative Wirtschaftsleben genannt wird. Ich brauche es heute hier nicht zu charakterisieren; es ist oftmals hier und an anderen Orten charakterisiert worden.
Wir haben eine Dreigliederung, aber es ist eine Dreigliederung des Negativen, eine Dreigliederung der heutigen Vertreter des Geisteslebens, der heutigen Politiker und Staatsmänner, der heutigen Wirtschaftsleute, welche gegen das Heil der Menschheit arbeiten. An die Stelle dieser Dreigliederung muss die andere Dreigliederung treten. Und derjenige, der glaubt, heute mit kleinen Gedanken durchzudringen, der irrt sich gar sehr. Heute handelt es sich nur um Gedanken, die die Verhältnisse im internationalsten Sinne umspannen, während die einzelnen Länder gerade nach dem Kriege immer mehr und mehr daran gegangen sind, chinesische und andere Mauern um sich zu errichten. Und während dieses verderbliche Spiel immer weiter- und weitergetrieben wird, schreien heute die Weltverhältnisse nach Internationalität des Wirtschaftslebens. Und wissen kann man heute, wenn man sich nur darum bekümmern will, dass allein Heil sein kann unter einem Einfluss der Internationalität des Wirtschaftslebens. Warum immer wiederum auf irgendetwas ein Verbot legen, das eingeführt oder ausgeführt werden soll? Das führt nur weiter in den Niedergang hinein. Einzig und allein die Freiheit des Wirtschaftslebens ist dasjenige, was Heil und Segen bringen kann über Europa und die ganze gegenwärtige zivilisierte Welt. Und ehe sich nicht findet diejenige Gemeinschaft der Weltleute, welche einen Sinn dafür haben, dass solche Internationalität Platz greifen muss, eher kann es nicht besser werden. Heute haben wir die Aufgabe, in möglichst viele Köpfe hineinzubringen dasjenige, was der Impuls der Dreigliederung ist.
Als ich im vorigen Jahre von der Schweiz wegging im April, um hier zu wirken - durch die Stuttgarter Freunde gerufen - im Sinne der Dreigliederung, nachdem der Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» an einzelne Leute gegeben wurde zur Unterschrift, da besuchte mich ein sehr bekannter Pazifist, der außerordentlich Gutes auch während der Zeit des Krieges geschrieben hat. Er wollte seinen Namen nicht unter diesen Aufruf setzen, ohne dass er sich zuerst etwas genauer informiert hatte über die Absichten, die er glaubte, aus dem Aufruf nicht entnehmen zu können. Die «Kernpunkte» waren noch nicht erschienen, und er sagte mir unter anderem Folgendes: Sie gehen also jetzt nach Deutschland. Ich kann mir denken, Sie spekulieren auf die zweite Revolution und Sie möchten gerne hineingießen in die Zweite Deutsche Revolution - die Zweite Russische Revolution war schon vorüber - dasjenige, was der Sinn der Dreigliederung ist. - Ich sagte: Nein, denn erstens habe ich keinen Glauben an die Zweite Deutsche Revolution; sie wird nicht etwas Akutes sein, sie wird etwas Chronisches bleiben. Und zweitens werden, selbst wenn eine solche Revolution sich geltend machen sollte, noch nicht alle Köpfe aus derselben entfernt sein, welche trotz alles Radikalismus die alten Ideen unter den Menschen weiterpflegen wollen. - Ich überlasse jedem die Entscheidung, ob nicht im Grunde genommen beides vollinhaltlich eingetroffen ist.
Deshalb, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte ich sagen: Derjenige, der heute die große Hydra, die Schlange, wahrnimmt, welche sich als die falsche Dreigliederung geltend macht, wer diese Hydra, diese Schlange, in ihrer wirklichen Gestalt sieht, der könnte schon hingewiesen werden darauf, dass wir wiederum eine Heilung nötig haben aus krankhaften Zuständen der zivilisierten Menschheit heraus. Daher kann es uns heute nichts frommen, wenn wir unter dem Weihnachtsbaum mit seinen Lichtern sitzen und uns nur in salbungsvoller Weise erinnern, was früher die Menschen gefeiert haben, wenn das Weihnachtsfest herannahte. Heute müssen wir, wenn ich so sagen darf, von dem gewohnten Weihnachtsfest, von dem Weihnachtsfest der Geschichte zu dem Weltenweihnachtsfest unsere Blicke hinwenden. Wir müssen uns klar werden, dass wir wiederum in einer Stimmung leben müssen, wo wir durchschauen müssen dasjenige, was da ist, dass wir wiederum in einer Stimmung leben müssen, in der wir anerkennen: Es muss wiederum etwas geboren werden, es muss wiederum ein Geist sich verkörpern innerhalb der Menschheit. Wir können es uns heute nicht mehr bildlich vorstellen, nein, wir müssen es uns heute in voller Realität vorstellen. Wir brauchen heute nicht einen Firlefanz-Radikalismus, aber wir brauchen den Radikalismus, der auch vorhanden war, als das Christentum in die Welt eingezogen ist. Wir brauchen heute wiederum einen Weltweihnachts-Radikalismus. Und wir müssen uns sagen: In diese Welt, wie sie um uns ist — zerfallend, krank -, in diese Welt hinein muss etwas Geistiges kommen. Und es sollte aufmerksam gemacht werden auf das, was als Geistiges kommen soll: auf die Dreigliederung des sozialen Lebens. Diese Dreigliederung des sozialen Lebens, sie sollte sich verkörpern innerhalb der Menschheit.
Und so können wir, wie die Welt heute liegt, eigentlich gar nicht anders, als, ich möchte sagen, die Weihnachtsstimmung nur wie ein Zukunftsgefühl in uns aufnehmen. Man möchte sagen: Die Weihnachtsstimmung als Weltenweihnachtsstimmung hat heute im Grunde genommen nichts Wahres. Sie hat etwas Wahres erst dann, wenn wir sie als Zukunftsempfindung in uns aufnehmen und unser Herz damit durchdringen.
Sehen wir so zum Weihnachtsbaume hin, so sehen wir seine Lichter uns leuchten in eine Zukunft, in der ein mögliches Weihnachtsfest wiederum sein wird. Denn im Grunde genommen können wir heute nur in der Adventsstimmung sein, in der Erwartungsstimmung, und zwar in jener Erwartungsstimmung, welche Taten, hingebungsvolles Tun von uns verlangt, damit die Weltenweihnacht, das heißt die Ausgießung eines neuen geistigen Lebens in der kranken Menschheit, wiederum geschehen könne. Wir brauchen Adventsstimmung, und wir brauchen die Stimmung, welche die Kraft in sich erwecken will, dieses Weihnachtsfest der Welt herbeizuführen.
Aber wir werden niemals zu dieser wahren Weihnachtsstimmung kommen, wenn wir nur in salbungsvoller Weise fortfahren, die alten, abgebrauchten Redensarten über Weihnacht herzusagen, sondern wir werden zu dieser wahren Weihnachtsstimmung nur kommen, wenn wir mit ungetrübten geistigen Augen hineinsehen in dasjenige, was heute dasteht als die falsche Dreigliederung der Welt, die auch eine geistige, eine politisch-staatlich-rechtliche und eine wirtschaftliche ist. Und wir werden nur dazu kommen, zu verstehen, was die neue Weihnacht der Welt sein kann, wenn ein jeder von uns seine Pflicht tut, wenn ein jeder von uns Verständnis der Weltlage sucht. Wir werden sie nur erkennen, wenn wir uns das Bild vor Augen stellen, das ja in früheren Zeiten so oft vor die gläubige Menschheit hingestellt worden ist, sodass diese gläubige Menschheit viel empfunden hat bei diesem Bild: unten die Schlange, der Drache, oben derjenige, der diesen Drachen überwindet. Die Schlange, der Drache ist da - die falsche Dreigliederung ist da, meine sehr verehrten Anwesenden. Aus unserem Herzen, aus unseren Intellekten, aus unserem Verständnis der Weltlage muss hervorgehen dasjenige, was dieser Schlange den Kopf zertritt. Dann, wenn das geschieht, dann erst wird wiederum Weihnacht sein. Deshalb kann heute derjenige, der aufrichtig und ehrlich lebt in dem, was Dreigliederung sein will, von nichts anderem sprechen als von jener Weltenweihnacht, welche durch die Anstrengung der Menschen herbeiführen muss die richtige Dreigliederung, als etwas Heilendes, was der falschen, der weltenmörderischen Dreigliederung den Kopf zertritt, auf dass wiederum Gesundheit innerhalb des sozialen Lebens der Menschheit eintrete.
Dass in uns der Weihnachtsgedanke so leben könne, dazu möchte ich heute meine allerdings ungenügenden Worte gesprochen haben. Aber dasjenige, was sie wollten, das ist, dass sie den Weg finden können zu Ihren Herzen, damit in Ihren Herzen dieser Weihnachtsgedanke auferstehe und in der Welt da sein könne die wahre Dreigliederung, welche der falschen Dreigliederung, dem Drachen, der heute immer frecher und frecher in der Welt sein Haupt erhebt, dieses Haupt zertrete.