Current Social and Economic Issues

GA 332b — 17 November 1920, Stuttgart

Ansprache bei der Betriebsversammlung

Gelegentlich Der Übergabe Des Betriebs Jose Del Monte An Den «Kommenden Tag»?

Protokollarische Aufzeichnung Stuttgart, 17. November 1920

[Eugen Benkendörfer begrüßt die Anwesenden und erteilt nach einer Einleitung Rudolf Steiner das Wort.]

Rudolf Steiner: Meine verehrten Anwesenden! Nachdem Ihnen Herr Benkendörfer die Mitteilung gemacht hat von dem Übergang der Firma Jose del Monte an den «Kommenden Tag», darf ich Sie zunächst alle als Vorsitzender des Aufsichtsrates dieses «Kommenden Tages» auf das allerherzlichste begrüßen. Durch das, was sich vollzogen hat, was Ihnen Herr Benkendörfer mitgeteilt hat, was ja auch schon im Kreise Ihrer Vertreter besprochen, und zwar wie ich zu meiner großen Freude gehört habe, zur Zufriedenheit besprochen worden ist, werden Sie den Anfang damit machen, Ihre Arbeiten zu vereinigen mit demjenigen, was der «Kommende Tag» will.

Ich darf vielleicht annehmen, dass eine große Anzahl von Ihnen teilgenommen hat an unseren Bestrebungen auch in sozialer Beziehung, an jenen Bestrebungen, die wir, nachdem die Beendigung des Krieges das möglich gemacht hatte, aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus vor mehr als einem Jahr begonnen haben. Wir haben ja auch die Freude gehabt, gerade einen Ihrer Vertreter oft anwesend zu sehen bei unseren Versammlungen und ihn auch in diesen Versammlungen öfter sprechen zu hören. Ich darf vielleicht jetzt nur mit ein paar Worten darauf hinweisen, dass diese Bestrebungen in sozialer Beziehung, die aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft herausgewachsen sind, nicht nur äußerlich durch und durch ehrlich gemeint waren, sondern dass sie auch getragen waren von dem, was ich nennen möchte eine innerlich ehrliche Gewissenhaftigkeit. Denn sehen Sie, heute, in dieser schweren Zeit der allgemeinen Not, man darf durchaus sagen, der allgemeinen internationalen Not, kann man leicht sagen: Ich strebe dies oder jenes an in sozialer Beziehung, ich möchte dieses oder jenes. - Es kann anerkannt werden: Das wird in den meisten Fällen auch vielleicht recht gut gemeint sein können, wenn es nämlich vonseiten derjenigen kommt, die aus ihrem Leben heraus diese Not kennen, die diese Not eben selbst erleben, aber mit der bloßen Sehnsucht, «es solle besser werden», mit den bloßen Worten, «das oder jenes muss gemacht werden», mit dem kommt man nicht weiter. Weiter kommt man nur, wenn man auch die innere ehrliche Gewissenhaftigkeit und das innere ehrliche Verantwortungsgefühl hat, sich Einsicht zu verschaffen, wie man denn der sozialen Not abhelfen kann, wie man sozial im Dienste der allgemeinen Menschheit weiterkommen kann. Von dieser inneren ehrlichen Verantwortlichkeit und von dieser inneren ehrlichen Gewissenhaftigkeit sind wir ausgegangen, als wir zunächst versucht haben, zu sprechen zur gesamten Arbeiterschaft.

Meine verehrten Anwesenden, ich möchte wissen, in welcher Zeit man mehr hat hoffen können, Zustimmung zu finden für ein ehrliches, gewissenhaftes und von Verantwortlichkeitsgefühl getragenes soziales Wollen, als in der Zeit, die auf den Krieg folgte, der Not und Elend in die Welt gebracht hat, in der Zeit, als die Menschen in weitesten Kreisen sehen konnten, was der Mangel an innerer Gewissenhaftigkeit und der Mangel an innerem Verantwortlichkeitsgefühl für Elend in die Welt bringen kann. Denn im Grunde genommen, wenn das auch heute noch vielfach verborgen wird, dieser von solcher Not, von solchem Elend gefolgte Krieg, er ist doch hervorgegangen aus dem Mangel an innerem Verantwortlichkeitsgefühl, aus dem Mangel an innerer Gewissenhaftigkeit bei denen, die beides hätten haben sollen. Weil man das bemerken musste, gerade in den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung, dass unter den Führern, die hineingeführt haben in die Kriegskatastrophe, dieses innere Verantwortlichkeitsgefühl, diese innere Gewissenhaftigkeit nicht vorhanden waren, nicht vorhanden sind - auch nicht bei vielen, ja bei den meisten ihrer Nachfolger, die bis heute die Revolution in Führerstellungen überstanden haben -, weil man das hätte bemerken sollen, durften wir glauben, dass mit den ehrlichen Worten, die aber aus der Einsicht heraus gesprochen waren, auch die Herzen der weitesten Kreise der Arbeiterschaft gewonnen werden können. Und für mich, ich sage das ganz offen, für mich, meine verehrten Anwesenden, ist dieser Beweis bis heute keineswegs missglückt. Ich bin der Meinung, dass diese Herzen, wenn man nur die Wege richtig findet, schon gewonnen werden können. Einfach weil das geschehen muss, weil ohne diese ehrliche innere Gewissenhaftigkeit und ohne diese ehrliche Einsicht in die Lage der Sache nicht weitergekommen werden kann, und wenn die Agitatoren mit noch so schönen Schlagworten arbeiten. Es handelt sich um Sachlichkeit, um Gewissenhaftigkeit, wenn weitergekommen werden soll, und es handelt sich um das ehrliche innere Verantwortlichkeitsgefühl.

Nun, meine verehrten Anwesenden, wir haben dann versucht, ohne dass wir den Leuten Sand in die Augen gestreut haben, die Betriebsräte-Frage in Fluss zu bringen in der Art, wie wir sie uns denken mussten. Wir haben ja auch manche Zustimmung gefunden. Was uns in die Quere gekommen ist, das ist - und ich will es nicht etwa auf bösen Willen zurückführen, aber es muss immer wiederum gesagt werden - das ist das Missverständnis, ja das Unverständnis, das unseren Bestrebungen, die da laufen im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus, von den sozialistischen Führerschaften entgegengebracht wird. Wir können ganz gut verstehen, was da eigentlich vorliegt, und die Menge wird es auch einmal verstehen. Aber die Führerschaften haben es doch dahin gebracht, dass unsere Säle allmählich leer wurden oder wenigstens schwach besucht wurden. Und wir mussten uns sagen: Durch das bloße Wort kommen wir nicht weiter. Wir kommen nicht weiter gerade in derjenigen Arbeit, die geleistet werden muss im Dienste der Allgemeinheit. Und so mussten wir uns denn entschließen, weil wir gewissermaßen von den sozialistischen Führern im Stich gelassen worden sind, zu solch einer Begründung, wie es «Der Kommende Tag» ist. Dieser «Kommende Tag» soll nun durch seine Einrichtungen, durch den assoziativen Zusammenschluss von Betrieben, allmählich diejenige Atmosphäre sozialen Lebens herbeiführen, welche dazumal eigentlich gemeint war, als wir im April des Jahres 1919 unsere Arbeit begannen. Und wir haben die Überzeugung, dass es vielleicht besser gelingen wird, die Menge auch zu überzeugen, wenn diese Menge sicht, was wir tun, trotzdem sie abgehalten worden ist, volles Verständnis uns entgegenzubringen in Bezug auf dasjenige, was wir zunächst mit dieser Menge, ganz für sich, aus dem Willen dieser Menge heraus durch das Wort erzeugen wollten. Aus solchen Bestrebungen, die wahrhaftig ebenso von ehrlicher innerer Verantwortlichkeit und von ehrlicher innerer Gewissenhaftigkeit getragen waren, sowie von dem Streben nach Einsicht, wie die soziale Lage wirklich ist und wie die soziale Zukunft gestaltet werden müsse, aus diesem Bestreben ist der «Kommende Tag» hervorgegangen. Und wir durften, die wir nun arbeiten seit Monaten in der Richtung dieses «Kommenden Tages», wir durften in den letzten Wochen, wie Ihnen Herr Benkendörfer auseinandergesetzt hat, und namentlich seit dem letzten Samstag, die große Freude erleben, dass sich dem assoziativen Leben, welches der «Kommende Tag» begründen will, nun auch diese Firma, der Sie Ihre wertvolle Arbeit widmen, angeschlossen hat. Und es ist Ihnen ja bereits auseinandergesetzt worden: Dieser «Kommende Tag» ist nicht etwa eine Aktiengesellschaft wie eine andere, dieser «Kommende Tag» ist eine Versammlung von Persönlichkeiten, welche nun durch die Tat dasjenige sozial wirken wollen, was sie versprachen, sozial zu wirken, als zu der Menge in eindringlichen Worten gesprochen worden ist.

Gewiss, Sie können heute noch nicht irgendwie aus innerer Überzeugung heraus klar wissen, wie es nun werden wird, wenn Sie nun selbst sozusagen Ihre Arbeit einlaufen lassen in die Bestrebungen des «Kommenden Tages». Aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, meine verehrten Anwesenden, dieser «Kommende Tag» wird mit allen Kräften daran arbeiten, was an ihm ist - zunächst kann es ja noch nicht gar so viel sein -, eine soziale Zukunft herbeizuführen, die ein menschenwürdiges Dasein eben allen Menschen allmählich verschaffen muss. Da wir das Ohr der deutschen Arbeiterschaft im Allgemeinen, das wir suchten, nicht gefunden haben, können wir uns jetzt immer nur durch die Tat an wenige wenden. Wir werden uns alle Mühe geben, dass auch Sie sehen können, dass da, wo wir zur Tat übergehen, wir erfüllen wollen dasjenige, was in unseren Worten gelegen hat.

Wir als «Kommender Tag» hatten ja seit dem Bestehen desselben Herrn del Monte in unserer Mitte. Wir wissen, dass er mit seiner Gesinnung voll innerhalb desjenigen steht, was wir vom «Kommenden Tag» aus wollen und was ich eben mit ein paar Worten Ihnen auseinanderzusetzen wünschte. Die anderen bisherigen Teilhaber der Firma del Monte, Herr Poch und Herr Benkendörfer, sie gehören unserer Bewegung seit vielen Jahren an. Sie haben vieles aus dem Geiste dieser Bewegung heraus bewirkt. Und Herr Benkendörfer ist eine von denjenigen Persönlichkeiten, die vielleicht am besten einsehen, wie mit tatkräftigem Wollen ein solches wirtschaftliches Unternehmen, wie es der «Kommende Tag» ist, zunächst seine Fäden hinüberleiten muss zum freien Geistesleben. Denn nur wenn das freie Geistesleben mit den Kräften, die es an die Oberfläche bringen muss, das Wirtschaftsleben in entsprechender Weise tragen kann, dann ist eine soziale Besserung möglich. Nicht mit agitatorischen Schlagworten, sondern einzig und allein dadurch, dass diejenigen Kräfte des Geisteslebens, die frei und selbstständig gepflegt werden müssen, auch in entsprechender Weise sich dem Wirtschaftsleben widmen können, vom Wirtschaftsleben in der richtigen Weise verstanden werden und aufgenommen werden, ist eine soziale Besserung möglich. Das ist die Überzeugung des «Kommenden Tages». Von dieser Überzeugung ist Herr Benkendörfer durchdrungen. Und so schmerzlich es von der einen Seite sein könnte für die bisherige Leitung und die bisherige Arbeiterschaft der Firma Jos del Monte, dass, wenigstens zum Teil, Herr Benkendörfer herausgenommen wird, so muss aber auch wiederum ins Auge gefasst werden, dass Herr Benkendörfer gerade an dem allerwichtigsten Posten des «Kommenden Tages» im Sinne desjenigen nun zu wirken berufen ist, was ich Ihnen versuchte auseinanderzusetzen. Und da die Firma Jose del Monte dem «Kommenden Tag» nunmehr angehört, so fließt ja Herrn Benkendörfers so ersprießliche Arbeitskraft auch dieser Firma in Zukunft zu. Und da wir schätzen und lieben gelernt haben sowohl als Mensch wie als Arbeiter vor allen Dingen den Ausbilder dieses Betriebes, Herrn Jos& del Monte selber, und da wir schätzen gelernt haben den anderen Teilhaber, Herrn Emil Poch, so sind wir vollständig beruhigt darüber, dass auch in technischer und sonstiger Beziehung alles sich hier so weiterentwickeln wird, wie es sich bisher entwickelt hat. Und wir brauchen uns daher gerade nicht einen Vorwurf daraus zu machen, dass wir an dem Tage, an dem wir uns aus sachlichen Gründen heraus entschlossen haben, dem so sehr schätzenswerten Vorschlag des Herrn del Monte und der anderen Teilhaber entgegenzukommen, die Firma Jose del Monte in den «Kommenden Tag» einfließen zu lassen, dass wir an dem Tage zu gleicher Zeit einen wichtigen Teil der Arbeitskraft des Herrn Benkendörfer dieser Firma wiederum nehmen mussten.

Aber lassen Sie mich auch das Folgende aussprechen, denn es ist auch eine soziale Wahrheit und gehört zur sozialen Frage - und ehe man das nicht einsieht, wird man der sozialen Frage und den sozialen Schäden in der Gegenwart nicht ordentlich beikommen können. Wir mussten eben an dem Tage, an dem wir uns vereinigten mit der Firma Jose del Monte, den größten Teil der so schätzbaren Arbeitskraft des Herrn Benkendörfer herübernehmen, und Sie können fragen: Warum habt ihr nicht einen anderen genommen und uns Herrn Benkendörfer gelassen? - Und da antworte ich Ihnen eben mit jenem Teil der sozialen Frage, den der Einsichtige heute für so wichtig hält, dass er ihn immer wieder geltend machen muss: Es gibt eben heute außerordentlich wenig wirklich wirtschaftlich und geistig tüchtige Persönlichkeiten; und man hat große Mühe, wenn man irgendjemanden braucht, jemanden zu finden, den man brauchen kann. Der «Kommende Tag» hat sich glücklich zu schätzen, dass er einen solchen Fund getan hat. Es gehört durchaus zu dem, was man die soziale Frage nennen kann, dass es so wenig wirklich einsichtige und tüchtige Menschen in der Gegenwart gibt. Wer genötigt war, solche Menschen zu suchen, der hat Schmerz genug ausgestanden darüber, dass es solche Menschen in der Gegenwart so wenig gibt. Ich kann Ihnen die Versicherung geben: Gäbe es eine große Anzahl nicht bloß redender und «sich-anstellen-lassender» Menschen, gäbe es viele nicht bloß da und dort «sich-wählen-lassender» Menschen, sondern gäbe es viele Menschen, die drinnenstehen mit aller Kraft im Leben, die auch etwas verstehen von dem, wo sie drinnenstehen wollen in rechtem Sinn, dann kämen wir schneller vorwärts in der Lösung, der so notwendigen Lösung der sozialen Frage. Untüchtigkeit ist heute bei den führenden Menschen eines der größten sozialen Übel. Das gehört einmal zur sozialen Frage. Und da das in den weitesten Kreisen immer noch viel zu wenig gewusst wird, so muss es schon einmal auch betont werden.

Ich habe Ihnen, meine verehrten Anwesenden, die Gesinnung auseinandergelegt, in der wir uns mit diesem Betriebe vereinigen wollen. Ich muss es Ihnen überlassen, dasjenige, was ich zu Ihnen gesprochen habe, für ehrlich und aufrichtig und von innerem Verantwortlichkeitsgefühl getragen zu erkennen. Wir werden uns bestreben, dass Sie dasjenige, was Sie noch nicht erkannt haben, erkennen werden. Sie werden sowohl in den ja auch zu uns gehörenden nunmehrigen Leitern und früheren Teilhabern der Firma Jose del Monte, Sie werden bei dem neuen Generaldirektor des «Kommenden Tages», Herrn Benkendörfer, Sie werden bei den andern Mitgliedern des «Kommenden Tages», wenn es nötig ist, immer die Möglichkeit finden, sich zu beraten über alles das, was Ihnen am Herzen liegt, wenn die Notwendigkeit dafür eintritt. Sie werden finden, dass der «Kommende Tag» auch in dieser ganz konkreten Beziehung bestrebt sein wird, in das Geschäftsleben, das nach und nach in den Zeiten, die einmal vergangen sein müssen, die Menschlichkeit allmählich von sich ausgeschaltet hat, sofern es der «Kommende Tag» betreibt, wiederum die Menschlichkeit einzuführen - jene Menschlichkeit, die ein ehrliches Fühlen, ein ehrliches Wollen für Menschenarbeit mit jedem Menschen hat.

Aus diesem Geiste heraus übernehmen wir die Verpflichtung, die sich uns damit auferlegt, dass wir uns mit diesem Betriebe vereinigen, und ich darf nur hoffen, dass die Zeit es so fügen werde, dass Sie immer mehr und mehr aus dem, was wir auch tun können, mit Ihnen zusammen tun können, sich überzeugen werden, dass dasjenige, was ich heute in Vertretung des Aufsichtsrates, des hier anwesenden Aufsichtsrates und des Direktoriums des «Kommenden Tages» Ihnen zu versprechen habe, mögen Sie die Gelegenheit haben - und wir werden uns bemühen, sie durch unsere Gesinnung herbeizuführen -, mögen Sie die Gelegenheit haben, das durch unsere Taten bewahrheitet zu finden, was ich heute zu Ihnen sprechen durfte.

[Es folgen die Einleitung zur Diskussion durch Eugen Benkendörfer, zwei nicht mitgeschriebene Voten von Arbeitern und abschließende Worte Eugen Benkendörfers.]

German original of Address to the Staff of the José del Monte Company · ← Previous · Next →