77. Kürschners Literaturkalender

Der Literaturkalender für 1898 von Joseph Kürschner ist vor kurzem erschienen. Die unvergleichliche Sorgfalt, mit der Kürschner solche Werke arbeitet, ist längst so allgemein bekannt, dass ich es mir ersparen kann, sie diesmal von Neuem zu rühmen. Nicht weniger bekannt ist auch die Unentbehrlichkeit dieses Handbuches für jeden, der eine Verbindung mit der Schriftstellerwelt zu unterhalten hat. Aber es ist doch merkwürdig, dass Kürschner jedes Jahr mit Recht Klage führen muss darüber, wie wenig sich die Schriftsteller im rechten Augenblicke dieser Unentbehrlichkeit erinnern. «Der schreibende Mensch» - sagt Kürschner in der Vorrede - «scheint eine Vorliebe dafür zu haben, leichtfertig mit seiner Adresse umzugehen, durchaus zu seinem Schaden! Auch die Schriftstellerei steht im Zeichen des Verkehrs, und derselbe Mann, der seine Kleider vor Mottenfraß bewahrt, bevor er auf die Reise geht, tut nichts für die in seiner Abwesenheit eingehende Post. Verzieht er dauernd, so denkt er womöglich noch weniger daran, erreichbar zu bleiben und versinkt für Redaktionen und Kalenderherausgeber rettungslos in den Pfuhl der unsicheren Kantonisten. Und dann die - na, sagen wir Trägheit im Beantworten, in so einfachem Rücksenden eines Formulars, für deren Folgen in der Regel der Unschuldige leiden muss. Ist da ein Leipziger Herr, Besitzer zweier Adressengummistempel, also geradezu prädestiniert zur Erledigung seiner Formularitäten, der allmählich in den Abfluss geraten (das heißt nicht mehr in dem Literaturkalender steht), weil seine Existenz nicht mehr beweisbar für mich war. Jetzt endlich meldet er meiner «Hochwohlgeboren» unter Verwendung besagter Gummistempel allerhöchst sein besonderes «Erstaunen, unter den Tisch gefallen zu sein. Er ist zwar weder «stolz» noch «eingebildet», um nach der Aufnahme «zu geizen», glaubt aber ein «Recht beanspruchen zu können», was «anderen unverdient gezollt wird». Der Schleier der Bescheidenheit, in den sich die gekränkte Unschuld bis dahin hüllte, wird nun zur Toga, in deren Falten Krieg und Frieden ruhen. In einem Tone, der nicht nur mir, sondern auch den Regeln von Albertis Fehde kündet, schließt der Abtrünnige seine Epistel: «Selbstverständlich werde ich mich nicht veranlasst finden, für eine Sache zu wirken, die - wie ich glauben muss — mit Oberflächlichkeit oder Parteilichkeit kämpft.»» Wahrhaftig von Oberflächlichkeit kann da nicht die Rede sein. Mit einer Gründlichkeit, die bewundernswert ist, werden die literarischen Rechtsverhältnisse, die literarischen Vereine und Stiftungen und alles, was man über diese Dinge zu wissen wünscht, aufgeführt. Sorgfältig wird die «literarische Chronik» des verflossenen Jahres behandelt, und die Namen, Titel, Werke und Adressen sowie das Alter der Schriftsteller werden in einer Weise verzeichnet, die man an diesem Literaten-Adressenbuch nicht genug loben kann. Und unparteiischer könnte keine Behörde verfahren, der die Abfassung eines Adressbuches obliegt. Nützlich ist auch das Verzeichnis der Verleger, der Zeitschriften und Zeitungen, der deutschen Theater und ihrer Vorstände, der Agenturen und so weiter. Kurz, Kürschner tut, was er kann. Man muss nur wünschen, dass seine berechtigten Klagen über geringe Unterstützung von Seiten seiner Fachgenossen von Jahr zu Jahr weniger werden mögen.

German original of Kürschner's Literature Calendar · ← Previous · Next →