68. Vincenz Knauer: «Die Lieder des Anakreon»

In sinngetreuer Nachdichtung
Berlin, Wien, Leipzig 1888

Dieses Büchlein war uns eine höchst erfreuliche Überraschung des auf dem Gebiete philosophischer Forschung sehr bedeutenden Verfassers. Wohl selten gelingt es einem Übersetzer, die Frische und Ursprünglichkeit der Empfindung so in die andere Sprache hinüberzuretten, wie das hier der Fall ist. Dazu gehört wahrhafte poetische Anlage, denn es handelt sich um mehr als ein wortgetreues Übersetzen, es handelt sich um ein Nachdichten, das aber wieder so in das Empfinden des Volkes, dem diese Lieder entstammen, sich hineingelebt hat, dass es voll in demselben aufgeht. Niemand wird diese Übersetzung aus der Hand legen, ohne von dem wahren Geiste griechischen Fühlens und Denkens, den es wiedergibt, ergriffen worden zu sein, und dabei wird ihm nirgends ein Verstoß gegen den Geist seiner eigenen Sprache begegnen. Der Verfasser hat nun den Liedern eine Vorrede vorausgeschickt, die eine feinsinnige ästhetische Auseinandersetzung mit dem Geiste des Griechentums ist und die Berechtigung der Anakreonta glänzend darlegt. Wie das Griechentum ganz im Gegensatz zum modernen Menschentum und seiner Weltflucht, das den Geist des Bösen darinnen sieht, wenn es zum Augenblicke sagt: «Verweile doch, du bist so schön», — das unmittelbar Wirkliche ergreift und aus dem Augenblicke das Göttliche zieht, das hat der Verfasser wieder mit jenem Feinsinn dargelegt, den wir stets an seinem schriftstellerischen Wirken bewundert haben.

German original of Vincenz Knauer: “The Songs of Anakreon” · ← Previous · Next →