64. Ein Gottsched-Denkmal
Den Manen Gottscheds errichtet von Eugen Reichel
I
Ein Buch1 zum Aufrütteln der Geister liegt vor uns. Eugen Reichel hat es unternommen, das Bild seines ostpreußischen Landsmannes Gottsched neu zu zeichnen. Er hält dasjenige, das die Welt sich bisher von diesem Manne gemacht hat, für ein Zerrbild. «Die Deutschen glauben Gottsched zu kennen; sie wähnen, ihn erschöpfend zu beurteilen, wenn sie seinen Gegnern und deren kurzsichtigen oder leichtfertigen Epigonen nachsprechen und sagen: dass er ein das Gute zwar vielleicht mit unzulänglichen Kräften anstrebender, jedoch arg bornierter, dünkelhafter, dem Leben, der Kunst, der Poesie ganz fernstehender Schulmeister gewesen sei, der redselig über Literatur zu schwätzen wusste, als wir noch keine Literatur besaßen.» Mit kühnstem Denkermute stellt Reichel diesem Urteile sein eigenes gegenüber, dass Gottsched « icht nur kein bornierter Schulmeister, sondern vielmehr ein auf der Höhe des Lebens stehender, seiner tief unter ihm in Ohnmacht und geistiger Beschränktheit herumtummelnden Zeitgenossenschaft weit vorauseilender Denker und Dichter war; ein Revolutionär auf allen Gebieten geistigen Lebens, ein mutvoller, mit den schärfsten Geisteswaffen ausgerüsteter Kämpfer gegen das starre, tote Formenwesen, das um ihn herum in Kunst und Literatur, auf den Kanzeln und Kathedern, in den Schulen und Geistesstuben herrschte; ein kühner, weitschauender Vertreter des freien Gedankens, der freien Forschung und des freien Wortes.» Man sieht: Es handelt sich um eine Umwertung in großem Stile!
Gestützt auf das von ihm in vollem Umfange durchforschte Lebenswerk Gottscheds, ging Reichel an seine Aufgabe. Wenn es literarische Pflichten gibt, so scheint mir, dass für alle, die in Dingen des deutschen Geisteslebens künftig werden mitreden wollen, die Pflicht bestehen wird, sich mit diesem «Gottsched-Denkmal» zu beschäftigen. Es ist für solches Ziel geradezu das Ideal eines Buches. Ein kühner Pfadfinder im Reiche des Gedankens führt den Leser auf den Weg; ein Mann von scharf ausgeprägter, geistiger Physiognomie sagt seine energischen Anschauungen über den Mann, den er seinen Zeitgenossen und der ferneren Nachwelt nahebringen will, auf 104 Seiten; und dann lässt er auf 188 Seiten Gottsched für sich selbst sprechen. Entscheidende, blitzartig den Mann beleuchtende Proben aus Gottscheds Werken bringen die Kapitel: Gottscheds Selbstbildnis, der Deutsche, der Richter seiner Zeit, der Sittenschilderer, der Satiriker, der Frauenanwalt und Frauenkenner, der Gegner des Zweikampfes und des Krieges, der Politiker, der Lehrer und Erzieher, der Aufklärer, der Freund der Naturwissenschaft und der Natur, der Sprachforscher, der Geschmacksreiniger, der Bühnenreformator, der Dramatiker, der Dichter, der Redner, der Kritiker, der Ästhetiker, der Weise. Ein Kapitel «Gottsched im Urteil seiner Schüler und Verehrer» beschließt das Buch.
Jedem ist die Möglichkeit geboten, sich selbst ein Urteil zu bilden. Es wird wenige geben, die nicht verwundert sein werden, wenn sie das Buch aus der Hand legen — verwundert darüber, wie wenig geeignet das ist, über Gottsched ein Urteil zu gewinnen, was uns unsere Literaturhistorien über ihn zu sagen haben. Und die wenigen, die eine solche Verwunderung nicht haben werden nun, das sind eben die Unverbesserlichen. Ihnen ist nicht zu helfen. Wie hoch bei dem einen oder dem anderen die Einschätzung des Mannes sich gestaltet, von dem ihm hier ein erneutes Bild überliefert wird, darauf kommt es zunächst gar nicht an. Dasjenige, was ein jeder hat, wird er zu korrigieren haben. Er wird daran genug Korrekturbedürftiges finden.
So viel für heute. Alles weitere Eingehen auf den Inhalt verspare ich mir für die nächste Nummer. Ich bin naiv genug zu glauben, dass ich dann schon zu recht vielen Besitzern des Buches sprechen werde.
II
«Eine der hauptsächlichsten Tendenzen meiner Lebensarbeit bildet seit etwa zehn Jahren der Kampf für Gottsched.» Damit leitet Eugen Reichel sein «Gottsched-Denkmal» ein. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen des deutschen Geisteslebens konnte nur ein Mann an diesen Kampf denken, ja überhaupt auf einen solchen verfallen, der auf der Hochwacht des freiesten Urteils steht. Reichel ist dieser Mann. Er ist einer von denen, die lächeln dürfen, wenn sich so viele andere «freie Geister» nennen. Denn er kann nur in der Luft des selbsterworbenen Urteiles geistig atmen. Was das heißt, begreift nur der, der den Ekel an denen genügend empfunden hat, die sich ohne Ende mitzuteilen die Welt überreden möchten und die doch nichts vermögen, als wiederzugeben, was diese Welt ihnen eingeimpft hat. Leset sie doch, die edlen Geschichtsschreiber des geistigen Lebens! Leset die aus den neunziger Jahren! Was schreiben sie zumeist? Etwas veränderte Auflagen der Schriften, die aus den achtziger Jahren auf sie gekommen. Und was haben die Beschreiber des geistigen Lebens in den achtziger Jahren getan? Sie haben die Auflagen derer aus den siebziger Jahren «verbessert». Nur selten kommt dann einer, der es wagt, ein Kapitel der Vergangenheit wirklich neu zu schreiben. Und wenn er es wagt, so setzt er zunächst nicht wenig aufs Spiel. Er wird zumeist von denen, die auf der «Höhe der Forschung» stehen, als Dilettant gebrandmarkt. Er wird als Querkopf verschrien, der erst lernen sollte, worüber die Akten «längst geschlossen» sind, dem die «elementarsten Vorkommnisse seines Faches fehlen». Es gibt ein noch wirksameres Mittel. Das ist die Methode des Totschweigens.
Auch über Gottsched sind die «Akten längst geschlossen». Aber sie sind seit langer Zeit niemals richtig revidiert worden. Und sie sind zu einer für Gottsched ungünstigsten Zeit angelegt worden. Sie sind von Menschen angefertigt, die nur dann erreichen zu können glaubten, was sie wollten, wenn sie den Grund zu völlig Neuem legten, wenn sie mit aller Überlieferung brachen. Wir verdanken heute unser ganzes geistiges Leben der Strömung, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit Gottsched brechen zu müssen für notwendig hielt. Gegen Gottsched ungerecht zu werden, war für diese Strömung wohl eine Notwendigkeit. Man kann eine solche Ungerechtigkeit durchaus begreifen. Aber welche Veranlassung besteht, die Urteile, die damals über Gottsched gewonnen worden sind, nunmehr ewig weiter zu schleppen.
Mit eindringlichen Worten schildert Reichel den Kampf zwischen Gottsched und seinen Gegnern. «Es wirkt seltsam, wenn selbst ein Gottsched verhältnismäßig wohlwollend gesinnter Mann wie Danzel meint: Gottsched hätte im «Messia» den Feind erblickt, der ihm völlige Vernichtung drohte, den er deshalb auf das schärfste bekämpfen musste...» «Gottsched hatte» - sagt Reichel - «als der erste vom Dichter Kenntnis des Menschen, treue Beobachtung der Natur gefordert: Jetzt aber zog ein «schwülstiger Dichter die Blicke des unreifen Publikums auf sich, der wohl «mit wächsernen Schwingen sich bis an die himmlischen Sphären schwang und
Dinge malte, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehöret und die in keines Menschen Herz gekommen; darüber aber in bloß menschlichen Nachahmungen die gröbsten Fehler machte. Hier drohte also eine viel ernstere Gefahr, der zu begegnen Gottsched als Theoretiker sowohl wie als Künstler sich vor allen anderen in Deutschland verpflichtet fühlen durfte.
Diesen künstlerischen Bedenken gesellten sich aber zwei andere, die zweifellos für die Stellung, welche Gottsched dem «Messias» gegenüber einnahm, ausschlaggebend wurden: Er hatte ein Menschenalter hindurch nicht nur für die Befreiung der Wissenschaft und vor allem der Philosophie von der Herrschaft des Pfaffentums, sondern auch für eine von aller christlichen Dogmatik rein zu haltende Poesie gekämpft - im «Messias» aber feierte der orthodoxe Glaube seine zügellosesten Orgien. Er hatte ferner planvoll eine nationale Poesie vorzubereiten versucht -im «Messias» aber wurde die deutsche Poesie plötzlich wieder zu einem vaterlandslosen in der schwülsten christlichen Luft schwebenden Unding. Gottsched sah sich also, wenn er es ernst und ehrlich nicht nur mit seiner Lebensaufgabe, sondern auch mit der geistig-ästhetischen und weltlich-nationalen Kultur seines Volkes meinte, gezwungen, den Kampf nach zwei Seiten hin zu führen, und es gereicht ihm zur unverwelklichen Ehre, dass er den Mut fand, in diesen fürs erste aussichtslosen Kampf einzutreten.»
Als Gottsched seine Lehrjahre antrat, war das geistige Leben in Deutschland ein Chaos. Er brachte Harmonie in dieses Chaos. Auf fast allen, jedenfalls auf den bedeutungsvollsten Gebieten des künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens wurde er der richtunggebende Geist. Und er wurde das als universale Persönlichkeit. Er vereinigte zerstreute Kenntnisse zu großen Ideengebäuden, er gab Gesichtspunkte, von denen aus sich die Erfahrungen und Beobachtungen, die als regellose Masse durcheinander lagen, fruchtbar überschauen lassen. Und es waren überall die höchsten Maßstäbe, die er an die Dinge anlegte. Er ist der Reformator der deutschen Schaubühne. Er ist es, weil er einer niedrigen Betätigungsart das höhere Leben der Kunst einzuimpfen verstand. Und derartig war seine reformatorische Tätigkeit in dem denkbar größten Umkreise.
Wir führen heute vieles in unserem geistigen Leben auf Lessing zurück, was Lessing nimmer hätte vollbringen können, wenn er nicht bei Gottsched in die Schule gegangen wäre. Wir dürfen heute - und wir dürfen es umso mehr nach Reichels Arbeit - fragen, ob wir denn nicht durch unsere blinde Lessing-Anbeterei in eine böse Sackgasse getrieben worden sind. Man hat Lessing den ersten deutschen Journalisten genannt. Vielleicht hat man damit mehr Recht, als man glaubt. Aber vielleicht ist durch Lessing unsere ganze Bildung überhaupt zu journalistisch geworden. Lessing fehlte etwas, das aller Bildung erst den rechten Schwerpunkt gibt: das Zentrum einer in sich gefestigten Weltanschauung. Man hat lange gestritten, ob Lessing Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist. Das ist bezeichnend. Seine Ideen schwankten fortwährend hin und her, bald zu Spinoza, bald zu Leibniz. Er war beides und keines. Einen ähnlichen Zug hat durch Lessing unsere gesamte Allgemeinbildung erhalten. Es fehlt ihr die rechte Vertiefung. Gottsched wollte ihr gerade diese Vertiefung geben. Philosophisch ist sein ganzes Wirken. Nicht philosophisch im Sinne einer müBigen Spekulation, sondern philosophisch in dem Sinne, dass er überall nach Vertiefung des Urteils strebt, nach Harmonisierung der Vorstellungswelt.
Hätte Gottsched seinen Einfluss nicht verloren, hätte sich unsere Allgemeinbildung kontinuierlich in der Richtung entwickelt, in die er sie gebracht hat: wir wären weniger journalistisch, aber darum eben gediegener geworden.
Man hat Gottsched vorgeworfen, dass er altes Beobachtungsmaterial verarbeitet habe. Ja, man nennt ihn deswegen einen bloßen Kompilator. Nun wohl: nennt alle die tonangebenden Geister Kompilatoren, die längst bekannte Beobachtungen von einem neuen Gesichtspunkte aus betrachten, also, dass neue Naturgesetze aus ihren Kompilationen werden. Sagt es doch, wenn ihr konsequent sein wollt: Julius Robert Mayer hat nichts getan als längst bekannte physikalische Beobachtungen zusammengestellt. So hat sich nämlich der brave Herausgeber des physikalischen Journals gesagt und hat Mayer seinen zusammenstellenden Aufsatz zurückgeschickt. Jetzt sagt freilich jeder Durchschnittsphysiker, dass in dieser Zusammenstellung die größte Entdeckung der theoretischen Physik im neunzehnten Jahrhundert steckte.
Es wird einem sonderbar zumute, wenn man heute die Leute über den «alten Pedanten» Gottsched lächeln sieht. Wer sind es, die so lächeln? Pedanten auf der einen Seite - und Wirrköpfe auf der anderen. Was würde wohl Gottsched zu der «Methode» so manches Literarhistorikers sagen, der heute ihn als Pedanten abkanzelt. Und den andern, die über die «alte Perücke» zur Tagesordnung übergehen, könnte ein wenig von dem Disziplinierenden des Gottsched’schen Urteils wahrhaft nicht schaden.
III
Mit einem treffenden Worte weist Eugen Reichel auf die Kurzsichtigkeit hin, die den meisten der landläufigen Urteile über Gottsched zugrunde liegt. «Auf Gottsched mit Geringschätzung hinabzusehen, weil er noch keinen «Oberon, keinen «Don Carlos, keinen «Wallenstein» und keinen «Erlkönig> geschaffen, hätte gerade so viel Sinn, als wenn man Gutenberg belächeln wollte, weil er nicht gleich auch die Schnellpresse erfand.» (Gottsched-Denkmal $. 55.) Man kann in einer großen Zahl von Darstellungen der Geistesgeschichte des vorigen Jahrhunderts sehen, wie Gottsched die Kreise stört, die man sich nun einmal konstruiert hat, um dieses Geistesleben zu begreifen. In Max Dessoirs «Geschichte der neueren deutschen Psychologie»(1. Band. Von Leibniz bis Kant. Berlin, Verlag von C. Duncker 1894) liest man in einer Anmerkung: «Gottscheds Einfluss auch auf die Entwickelung der Philosophie ist nicht gering gewesen. Sein Handbuch: «Erste Gründe der gesamten Weltweisheit, darinnen alle philosophischen Wissenschaften in ihrer natürlichen Verknüpfung in zwei Teilen (theoretisch und praktisch) abgehandelt werden», erfuhr sogar nach seinem Tode eine achte Auflage. Diese Zahl ist von entzückender Beredsamkeit.» Das meine ich allerdings auch. Aber mir scheint, dass wenig Neigung dazu vorhanden ist, die Beredsamkeit auch in der rechten Weise zu verdauen. Mir scheint sogar, dass ein Satz wie der Max Dessoirs (auf S. 62 f. seiner genannten Schrift) der historischen Betrachtung in Bezug auf Gottsched eine bis jetzt verabsäumte Pflicht auferlegt. Ich führe diesen Satz hier an, weil er beweist, wie innig das Geistesleben des vorigen Jahrhunderts mit Gottscheds Wirken verflochten ist. Er heißt: «Nichts ist bezeichnender für die tief religiöse Eigenart des deutschen Volkes als der theologische Ursprung des Pietismus und der Freigeisterei. In dem Kampf gegen die starre Äußerlichkeit und Engbrüstigkeit der herrschenden Theologie sind beide in sich so verschiedenen Richtungen erwachsen; während die eine das individuelle Denken befreite, hat die andere dem empfindenden Herzen Befriedigung verschafft. Wolff hat ein Inventarium des «Christentums innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft» aufgestellt, und Gottsched hat eine begriffsmäßige Poetik geschaffen, der die Dichtkunst als eine erhöhte Redekunst erscheint.»
Man sehe nur einmal, worin die Literarhistoriker den Unterschied zwischen Gottsched und seinem Gegner Bodmer sehen. Max Koch spricht sich darüber in der «Geschichte der deutschen Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart» (von Prof. Dr. Fr. Vogt und Prof. Dr. Max Koch) so aus ($. 419): «Der Gegensatz zwischen Gottsched und Bodmer, denn er, nicht der zurückhaltende Breitinger, ist der Anstachler und Rufer in dem jetzt ausbrechenden großen literarischen Kriege, ist in der Verschiedenheit der Personen, nicht bloß in den Abweichungen ihrer künstlerischen Überzeugungen, gegründet. Auf ihren Streit lässt sich das Gleichnis anwenden, das die englische Literaturgeschichte von dem freundlichen Witzkampfe zweier ganz anders gearteter Männer überliefert hat: der schwerfällige große Ostpreuße, wie die Galeonen gebaut, an Gelehrsamkeit überragend, fest, aber langsam in seinen Bewegungen - der kleine, lebhafte Schweizer, niederer im Bau, aber flinker im Segeln, fähig, von allen Winden Vorteil zu ziehen, vermöge der Schnelligkeit seines Witzes und seiner Einbildungskraft.» Ja, wir finden in diesem Buche sogar ein höchst merkwürdiges Geständnis (S. 422): «Die Leipziger und die Zürcher kritische Dichtkunst hätten demnach wohl nebeneinander bestehen können, und schon bald nach dem großen Literaturkriege wusste man nicht mehr so recht, worüber man denn eigentlich gestritten habe.»
Alle Oppositionen, die von der Art sind, wie sie Bodmer und seine Nachfolger gegen Gottsched gemacht haben, tragen für denjenigen, der sich in die Struktur des menschlichen Geisteslebens vertieft hat, etwas im höchsten Grade Unverständiges an sich. Ich möchte mich darüber durch ein groteskes Gleichnis aussprechen. Ich stelle mir einen kampflustigen Gesellen vor, der sich hinstellt und die Natur zurechtweisen will, weil sie pedantisch genug ist, Löwen, Bären, Pferde, Schweine und Affen zu schaffen, während es doch dem Reichtum ihrer Schaffenskraft viel angemessener wäre, keine bestimmten Formen festzuhalten, sondern aus der Löwenmutter ein kleines Untier, halb Schwein, halb Kamel, hervorgehen zu lassen. Statt sich so die Freiheit in ganzem Umfange vorzubehalten, zwängt sich die Natur in regelmäßige Bildungen. Ich bin gewiss nicht dazu geeignet, irgendwie in den Geruch eines Goethe-Verächters zu kommen. Deshalb darf ich es mir wohl leisten, zu sagen, dass mir wie dieser die Natur meisternde Geselle doch auch Goethe vorkommt, wenn er von Gottsched sagt, von ihm sei das «Fächerwerk, welches eigentlich den inneren Begriff von Poesie zugrunde richtet, in seiner kritischen Dichtkunst ziemlich vollständig zusammengezimmert.» Was Goethe hier berührt, war der Wahn, von dem alle die befangen waren, die glaubten, gegen Gottsched zu Felde ziehen zu müssen. Sie wollten in die innersten Gründe des Schönen und Künstlerischen hineinleuchten und deren Ursprung in der innersten Natur des Menschen entdecken. Von Gottsched aber glaubten sie, dass er in ein- für allemal feststehende pedantische Regeln die Dichtung zwängen wollte. Aber lässt sich denn die Natur die Freiheit je nehmen, ihre Formeln beständig zu wandeln, trotzdem sie scharf umgrenzte Formen schafft? Nahm Gottsched dem dichterischen Genie die Möglichkeit, die Gesetze zu metamorphosieren, da er die in der bestehenden Dichtung sich aussprechenden zu entdecken und in ihrem naturgesetzlichen Zusammenhang darzulegen suchte? Nicht der kommt den Geheimnissen des Natur- und Geistesschaffens nahe, der alles in einen Urbrei verschwimmen lässt und dann von den unerschöpflichen, mystischen Quellen des Daseins schwärmt, sondern derjenige, der dem menschlichen Geiste die Fähigkeit zuerkennt, in klaren, scharf umrissenen Ideen die Geheimnisse des Daseins zu enthüllen. Nur wer in seinem eigenen Denken nicht weiterkommt als bis zu farblosen, blutleeren Begriffsschablonen, der vermag zu wettern gegen die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit. Wer aber den Geist erhebt zu lebensvollen und lebensfrischen Ideen, der weiß, dass er mit seinen Ideen in den wesenhaften Kern der Welt trifft. Dass Klarheit Seichtheit nach sich ziehe: das ist eine Überzeugung, die leider nur allzu weite Verbreitung in diesem Jahrhundert gefunden hat. Man wird nicht fehlgehen, wenn man die Gegnerschaft gegen Gottsched vielfach auf diese Überzeugung zurückführt. Schade nur, dass die Beurteiler nur gar zu sehr ihre eigene Seichtigkeit zu einem Merkmal der Klarheit machen, die sie gar nicht kennen.
Einen Mann wie Gottsched können eben alle die nicht verstehen, denen die Worte: «Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum» ein Evangelium sind. Sie beachten nie, dass der Geist solches redet, der vorher gesagt hat: «Verachte nur, Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft! Lass nur in Blend- und Zauberwerken dich von dem Lügengeist bestärken, so hab ich dich schon unbedingt.» - Diejenigen, die da glauben, dass alles geistige Interesse sich im einseitigen ästhetisch-literarischen Elemente erschöpfen lasse: sie können niemals zu der Erkenntnis des Wertes einer Persönlichkeit kommen, deren starke Wurzeln in Dingen zu suchen sind, die allem Ästhetisch-Literarischen zugrunde liegen müssen, wenn dieses nicht in der Luft hängen soll. Scharf betont Eugen Reichel diesen Punkt: «Auch dadurch wurde die Möglichkeit einer gerechten Würdigung der Lebensarbeit Gottscheds erschwert», dass in der auf Gottsched folgenden Periode die ästhetische Tendenz «über Gebühr» betont wurde, denn dieser hatte «bei aller kraftvollen Förderung des ästhetischen Sinnes doch nie vergessen», dass «ein gesundes, ein starkes Volk noch andere Aufgaben zu erfüllen habe als nur ästhetisch-literarische.» Die Betonung des Ästhetischen in der Zeit unseres klassischen Geisteslebens hat uns die Empfindung davon gebracht, dass die Kunst nicht bloß eine angenehme Beigabe für das Leben ist, sondern eine Notwendigkeit für jedes menschenwürdige Dasein. Aber schlimm ist es, wenn eine große Wahrheit von kleinen Geistern verzerrt wird. Solche Kleingeister haben sich nun aufs hohe Ross gesetzt - für die Sehenden ist dies hohe Ross allerdings nur ein Knaben-Steckenpferd - und verkünden alle Tage, wie unendlich nichtig alles «trockene», «nüchterne» Ideenwesen ist gegenüber dem «intuitiven», dem «phantasieerfüllten» Geistesleben, das sich auf sein «Gefühl» verlässt. Schwarmgeister, die nie wirklich einen Schritt unternommen haben ins Reich der Ideen, sondern höchstens in einem der gebräuchlichen Weltanschauungs-Baedeker geschnüffelt oder sich nach Knabenart mit einem philosophischen Robinson-Roman befasst haben, reden gegenwärtig in großen Weltanschauungsfragen mit, sie erzählen uns, was sie befriedigt, oder was sie nicht befriedigt.
Ein Werk wie Eugen Reichels «Gottsched-Denkmal» scheint mir besonders geeignet, den WeltanschauungsRobinsonaden ihren Kredit zu nehmen bei denen, die sich noch Gesundheit des Urteils und das Vermögen bewahrt haben, zu inhaltvollen Ideen aufzusteigen. Niemand ist mehr berufen, dem großen Mann des vorigen Jahrhunderts dieses Denkmal zu setzen, wie Eugen Reichel. Er ist es gerade deswegen, weil er die reine Klarheit der Ideen verbindet mit der dichterischen Phantasie. Die das große Wort heute führen, haben bisher allerdings auch Reichels Stimme überhört. Sie haben eben eine instinktive Antipathie gegen Stimmen, die aus einer höheren Sphäre kommen als aus der Gefühlsduselei echter Weltanschauungs-Robinson-Schwärmer. Sie lösen alles in einen unklaren Geistes-Urbrei auf. Sie lieben eben doch die Bequemlichkeit, die sich behaglich tut bei ihrem «Grau, teurer Freund etc ...» - Wir andern, die noch etwas Hohes kennen außer dem uns entzückenden Vogelsang und dem Sternenhimmel und der «ewigen Liebe», wir haben den Optimismus, dass den Knaben-Unterhaltungsbüchern in Weltanschauungsfragen doch nicht die Welt gehört. Uns wird es sogar höchst angenehm sein, wenn die Schwarmgeister sich fernhalten von reifen Unternehmungen, wie Reichels Buch eines ist. Aber dieses Buch muss doch den Widerstand der stumpfen Welt besiegen. Man nehme den auch äußerlich sich kunstvoll präsentierenden Band vor sich: man wird sich in Ausführungen Gottscheds hineinlesen, die zu uns sprechen, als wären sie heute geschrieben. Und wenn einer oder der andere zu den Kapiteln über das Drama kommt, dann wird er sich vielleicht etwas schämen darüber, dass er sich von den dilettantischen Revolutionären der Kunstauffassung in den verflossenen Jahrzehnten wie neue Wahrheiten hat sagen lassen, was aus dem Bronnen einer überragenden Weltanschauung hundertundfünfzig Jahre vorher der große «Pedant» Gottsched schon gesagt hat. Dieser Gottsched, der wahrlich über der Gelehrsamkeit das Leben nicht vergessen hat. Man lese bei ihm: «Die andere Gattung der schlechten Schreibart ist die pedantische, deren sich Leute, die nur nach der altväterischen Art studiert haben, im Schulhause erwachsen sind und die Lebensart der Welt gar nicht kennen, zu bedienen pflegen. Diese messen alles nach ihren Schulleisten. Und ob sie gleich die besten Schriften der Lateiner und Griechen täglich in den Händen haben, so ahmen sie doch die Artigkeit derselben im Schreiben nicht nach, sondern bleiben immer bei ihrem Schulschlendrian.» Den Schwarmgeistern, die vom «höchsten Wissen» reden und vom «Leben im Lichte» träumen wollen, muss man aber mit Gottsched sagen: «Träume sind Träume: das ist unordentliche Vorstellungen unserer Gemüter, welche entstehen: wenn die Phantasie sich im Schlafe an keine Regeln der Vernunft bindet. Nichts ist so ungereimt, was uns nicht zuweilen träumen könnte.» Ein Buch für Wachende hat Eugen Reichel geliefert.
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Wir haben in unserer letzten Nummer («Litterarische Chronik», Sp. 790) das Buch bereits angekündigt. Leider ist dort durch einen Irrtum der Preis zu hoch angegeben. Das Werk ist für 30 Mark vom «Gottsched-Verlag» Berlin, Linckstraße 5, zu beziehen. Mit Rücksicht auf die monumentale Ausstattung ist dieser Preis nicht zu hoch. [Siehe Hinweise S. 617.] ↩