62. Ludwig Jacobowski
Eine der merkwürdigsten Schilderungen der eigenen Seele hat der im Jahre 1887 gestorbene englische Dichter Richard Jefferies in seinem Buche «The story of my heart» geliefert. Wie kann ich alle Eindrücke, alle Erfahrungen so in mir verarbeiten, dass die Kräfte meiner Seele in einem fortwährenden Wachstum begriffen sind? Wie kann ich alle Schmerzen, alle Freuden des Daseins in meinem Innern so umsetzen, dass das Leben meines Geistes ein immer reicheres wird? Unter dem Eindruck dieser Fragen hat Jefferies den größten Teil seines Lebens verbracht. Wer Ludwig Jacobowskis Dichterlaufbahn verfolgt, wird finden, dass in ihr ein ähnlicher Grundtrieb zu bemerken ist. Von seinem ersten Auftreten an, mit der Gedichtsammlung «Aus bewegten Stunden» (1889) bis zu seinen letzten Werken, «Loki. Roman eines Gottes» (1898) und «Leuchtende Tage. Neue Gedichte» (1900), ist in seiner Entwicklung ein leidenschaftliches Ringen nach Steigerung seiner Seelenkräfte, nach Wachstum seines inneren Lebens wahrzunehmen. Goethe sagte einmal zu Eckermann: «In der Poesie ist nur das wahrhaft Große und Reine förderlich, das wiederum wie eine zweite Natur dasteht und uns entweder zu sich heraufhebt oder uns verschmäht.» Bald heraufgehoben, bald verschmäht fühlte sich Jacobowski, als er in seinem zwanzigsten Lebensjahre die ersten Gedichte veröffentlichte. «Kontraste» heißt der erste Untertitel dieser Sammlung. Missklänge tönen aus dem Grunde seiner Seele herauf; ängstlich misst er seine Kraft an den erträumten Idealen. Er ist keine von den Persönlichkeiten, welche als bloße Betrachter die Weltereignisse auf sich wirken lassen, wie wenn sie selbst nicht daran beteiligt wären. Von seinem ureigensten persönlichen Schicksal aus stellt sich ihm dasjenige der ganzen Menschheit dar. Die Erlebnisse seines Gemütes werden ihm zu Symbolen der großen Kämpfe, welche die Menschheit kämpft, um die Gegensätze des Lebens auszugleichen.
Aus den Schmerzen und Entbehrungen seiner Gefühlswelt erwuchs Jacobowski die Tapferkeit des Willens, die ihn dazu führte, in der Überwindung einen besonderen Genuss des Lebens zu empfinden. Rechte Stiefkinder des Daseins stellt uns der Dichter in seinem Roman «Werther, der Jude» (1892) und in seinem Drama «Diyab, der Narr» (1895) dar. In ähnlichen Lebenslagen sind Leo Wolff, der jüdische Student, welcher im Mittelpunkt der Romanhandlung steht, und Diyab, der Sohn des Scheikhs; verschieden aber sind die Stärken der Willenskräfte, mit denen die Natur sie ausgestattet hat. Bei Wolff steht einem zart empfindenden Herzen ein schwacher, bei Diyab ein energischer Wille gegenüber. Das macht jenen zum Unterliegenden, diesen zum Sieger. Man wird die psychologische Beobachtungskunst Ludwig Jacobowskis nur dann richtig würdigen, wenn man beachtet, dass es ihm darauf ankommt, zu zeigen, welchen Einfluss das Leben auf die Willensanlagen des Menschen macht. Wolff weiß der Welt nur sein idealistisches Empfinden, sein hochsinniges Gemüt gegenüberzustellen; er wird von ihrem Räderwerk zermalmt. Diyab ist Willensmensch. In dem Maße, in dem sein Herz verletzt wird, gewinnt sein Wille an Kraft.
Unter den ethischen Anschauungen des Vaters und unter den Vorurteilen, die sich gegen den jungen Juden richten, leidet Wolff. Des Vaters Geldspekulationen bringen den Lehrer des Sohnes, den dieser innig verehrt, um sein Vermögen. Die Leidenschaft, die ihn zu der Frau dieses Lehrers erfasst, macht Wolff zum Betrüger an dem väterlichen Freunde. Zugleich wirkt sie zerstörend auf sein schönes Liebesverhältnis zu dem Kinde aus dem Volke, das im freiwilligen Tod Erlösung sucht von den Qualen,die ihr die Neigung zu dem Studenten gebracht hat. Die Willenskraft des jungen Mannes ist nicht stark genug, um ihm einen Weg zu weisen durch die gegensätzlichen Strömungen, in die ihn das Leben versetzt, durch die Wirrungen, in die ihn seine Leidenschaften geworfen haben. Ein echt humaner Geist entfremdet ihn den Menschen, an die natürliche Bande ihn fesseln; zugleich lasten diese natürlichen Bande wie ein Bleigewicht an seinem Leben. Durch Abstammung und Geistesrichtung ist er von der Welt zurückgestoßen und auf sich selbst gewiesen; aber in der Vereinsamung seiner Seele findet er nicht die Energie, sein Verhältnis zum Leben von sich aus zu gestalten.
Was ein starker Wille in dieser Richtung vermag, das hat Jacobowski in «Diyab, der Narr» dargestellt. Der Sohn des Scheikhs ist ein Ausgestoßener, weil eine weiße Mutter ihn geboren hat. Er ist dem Hohn seiner ganzen Umgebung preisgegeben. Ihn aber trifft dieser Spott nicht. Denn er ist denen überlegen, die ihn verspotten. Sie wissen nichts von seinem innersten Selbst. Das verbirgt er ihnen und spielt den Narren. In dieser Maske mögen sie ihn verhöhnen. Sein eigenes Selbst aber wächst draußen in der Einsamkeit, wo die Palmen stehen. Da liegt er zwischen Gräsern tief im Walde, nur sich selbst lebend. Da draußen pflegt er seine Kräfte zu der Stärke, durch die er später der Retter des ganzen Stammes wird, als diejenigen vor der Feindesmacht zurückschrecken, die ihn beschimpften. Der Willensstarke setzte die Narrenmaske auf, um Herr seines Geschickes zu sein. Hinter dieser Narrenmaske aber reifte die Persönlichkeit heran, die Rache nimmt für die schmachvolle Behandlung, die ihr und ihrer Mutter zuteilgeworden ist, die sich durch Kühnheit und Kraft den Thron des Scheikhs und die Geliebte erobert. Diesem Ideengang der beiden Werke ist die künstlerische Ausführung durchaus ebenbürtig. Ein offenes Auge und einen umfassenden Sinn hat Ludwig Jacobowski für die großen Fragen des Daseins. Er weiß nicht allein die individuellen Schicksale des Einzelwesens zu gestalten, sondern auch die großen Zusammenhänge der Kulturentwicklung künstlerisch darzustellen. In «Werther, der Jude» drückt das Erlebnis des jungen Juden zugleich symbolisch eine große geschichtliche Entwickelungsphase eines Volkes aus. Der Einzelne ist der Repräsentant des sich verjüngenden Judentums, das sich aus den Vorurteilen und ererbten Gewohnheiten eines Stammes zu einer allgemeinmenschlichen Weltauffassung durchkämpft. Diese symbolisierende Kunst Jacobowskis tritt uns besonders in einzelnen Erzählungen der Sammlung «Satan lachte und andere Geschichten» (1898) entgegen. Die erste Skizze «Satan lachte» stellt dar, wie Gott dem Teufel dadurch die Herrschaft über die Erde nimmt, dass er den Menschen, seinen Knecht, erschafft, wie aber der Teufel sich doch seinen Einfluss sichert. Er fängt das Weib in seine Netze ein. In wenigen charakteristischen Strichen wird hier symbolisch angedeutet, welche dämonischen Mächte in dem Geschlechtsleben des Menschen verborgen liegen. An den kleinen Erzählungen dieser Sammlung kann man gewahr werden, wie sprechend ein Künstler das Leben mit wenigen Linien darstellen kann, wenn diese Linien die charakteristischen sind.
Seinen Höhepunkt hat dieser symbolische Stil Jacobowskis in seinem Buche «Loki. Roman eines Gottes» erreicht. Die beiden Mächte, die in jeder Menschenbrust einen unaufhörlichen Kampf führen, personifiziert der Dichter hier in den kämpfenden Göttern. Güte, Liebe, Geduld, Milde und Schönheit stehen auf der einen Seite; Hass, Trotz auf der andern. Maeterlinck hat das schöne Wort ausgesprochen, der Mensch sei in allen seinen Teilen ein mystischer Mitschuldiger höherer göttlicher Wesen. Diese Wesen sucht Jacobowski in den Gefühlstiefen der menschlichen Natur auf und schildert den Kampf, den sie ewig miteinander führen und dessen Schauplatz unsre Seele ist. Der Mensch hat eine Macht in sich, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Wenn er den Frieden gefunden zu haben glaubt, wenn er Ordnung in sein Dasein gebracht zu haben meint, dann erscheint diese Macht plötzlich und stört Frieden und Ordnung, um Neues an die Stelle des Alten zu setzen und zu erinnern, dass nur in immerwährendem Werden das wahre Wesen der Welt bestehen kann. Es ist wahr, dass innerhalb des Friedens und der Ordnung die guten menschlichen Eigenschaften gedeihen; es ist aber ebenso wahr, dass das alte Gute von Zeit zu Zeit zerstört werden muss. So erscheint die eigentlich vorwärtstreibende Kraft der Welt wie das Böse, welches das Gute aus seinem Besitze verdrängt. Das Schöpferische erscheint dadurch als ein unwillkommener Eindringling in das Dasein. Jacobowski hat es in der Gestalt Lokis den Asen gegenübergestellt. Fern von Walhall hat eine Asin diesen Gott geboren. Schreckliche Erscheinungen künden den anderen Göttern seinen Eintritt in die Welt an. Man kennt die Mutter nicht und auch nicht den Vater. Er ist ein Kind der Göttersünde. Dieses Kind wächst unter Schmerzen und Entbehrungen heran. Die Asinnen misshandeln es und geben ihm Gletschermilch, Wolfsschaum und Uhufleisch zur Nahrung. Dieses in einer Sphäre des Leidens erwachsene Wesen hat vor allen anderen Göttern eines voraus: die Weisheit. Loki schaut die Zukunft der anderen Götter. In diesem Zuge des «Götterromans» ist in symbolischer Weise die Zusammengehörigkeit des Leidens mit der Erkenntnis ausgesprochen. Die Asen leben im Glücke. Sie kümmern sich nicht um die Triebkräfte des Weltzusammenhanges. Auf sie blickt nur derjenige, dem diese Triebkräfte Schmerzen verursachen. Er denkt an die Gründe dieser Schmerzen. Das öffnet ihm das geistige Auge. Loki wird der Zerstörer des Götterreiches. Schonungslos vernichtet er Balder, die Personifikation der Liebe. Er muss ihn hassen, denn das Werden muss stets der Feind des Beharrenden, des sorglosen Augenblicksgenusses sein. Und aus dem Schutt des alten Balderreiches erhebt sich ein neues, das nicht Loki, das ein neuer Gott der Liebe, Balders Sohn, beherrscht. Die denkbar tiefste Tragik liegt in der Figur Lokis. Er ist der ewige Vernichter, der notwendig ist, damit die guten Elemente sich immer erneuern, der Dämon des Unglücks, den das Glück braucht, damit es sein kann. Der Schöpfer, der nie die Früchte seines Schaffens genießen darf, der Hass, der zum Dasein der Liebe unentbehrlich ist: das ist Loki.
Das ewige Weltgeschehen in seiner Zwiespältigkeit hat Jacobowski in diesem «Roman eines Gottes» dichterisch dargestellt. Alle unsere Weisheit kann diesen Zwiespalt nicht lösen. Denn gerade er erhält das Leben. Wir sind mit unserem ganzen Sein in ihn verstrickt. Wir erkennen, dass er da ist, und müssen uns beugen vor der Tatsache. Auch das hat Jacobowski in der Gestalt des Loki zum Ausdruck gebracht. Dieser kennt das Schicksal aller anderen Götter; nur sein eigenes ist ihm unbekannt. Die Weisheit mag die ganze Welt erkennen; sich selbst kann sie nicht durchschauen; sich selbst kann sie nur darleben, so wie sie von ihren Dämonen getrieben wird.
Kurz nach diesem Roman ist Jacobowskis letzte Gedichtsammlung erschienen, seine «Leuchtenden Tage». Zwischen diesem Werke und den «Bewegten Stunden» liegen noch zwei Bändchen Lyrik: «Funken» (1890) und «Aus Tag und Traum» (1895). Diese Sammlungen sind ein Spiegelbild all der Kämpfe, die den Dichter hinaufgeführt haben auf die hohe Warte, von der aus er im «Loki» die ewigen Weltgeheimnisse besang.
In der Lyrik Jacobowskis offenbart sich uns ein schönes Verhältnis dieses Dichters zur Natur. Er hat das Vermögen, überall, in den einfachsten Dingen und Vorgängen das Poetisch-Bedeutungsvolle zu finden. Er glaubt nicht, wie so viele zeitgenössische Lyriker, das Wertvolle nur in dem Seltenen, in den abgelegenen Reizen des Daseins suchen zu müssen. Er wird es bei jedem seiner Schritte durch das Leben gewahr. Das Alltäglichste gewinnt bei ihm eine dichterische Gestalt.
Die große Weltperspektive, die Jacobowski eigen ist, gibt ihm auch den richtigen Blick für die dichterische Darstellung der sozialen Verhältnisse. Die Dichter, die ihre Stoffe auf diesem Gebiete suchen, sehen oft nur wenige Schritte weit. Jacobowskis Schilderungen des Großstadtlebens und der modernen sozialen Erscheinungen wachsen aus dem Untergrunde einer umfassenderen Weltanschauung heraus. In diesem Sinne eine echt moderne Schöpfung ist «Der Soldat, Szenen aus der Großstadt», in welchen die Erlebnisse eines Menschen geschildert werden, der vom Lande in die Großstadt verpflanzt und dort von dem Schicksal vernichtet wird. Eine Legende, «Die vier Räuber», bringt einen bedeutenden moralischen Inhalt in einfacher Form zum Ausdruck. Diese Dichtung spricht für Jacobowskis gesunde Phantasie, die überall hinweist auf die idealen Gewalten, welche «die Welt im Innersten» zusammenhalten, und die doch niemals das Reich der frischen, unmittelbaren Natürlichkeit verlässt.