60. Anselm Heine: «Auf der Schwelle»
«Sei dir selbst treu»1 ist eine oft erhobene sittliche Forderung. Es scheint sich mit ihr zu verhalten wie mit vielen anderen sittlichen Forderungen. Sie können nicht bestehen vor dem prüfenden Blicke des Psychologen. Die Menschenseele geht ihre Wege, gelenkt von den großen ewigen Gesetzen des natürlichen Alls, wie die Blume wächst, ohne sich um Ethik oder moralische Ideen zu kümmern. Der eine bleibt «sich treu». Man nennt ihn gerne einen Menschen von Charakter, von Grundsätzen. Der Seelenkenner lächelt darüber. Er weiß, dass die Starrheit unabänderlicher Gesetze, nicht freier Wille, es ist, was den Menschen an der Schwelle umkehren lässt, wo er vom alten zu einem neuen Lebensweg gelangen könnte. Ein anderer wird von den Moralisten charakterlos, wankelmütig, ohne «inneren Halt» gescholten. Wieder lächelt der Psychologe. Ihn interessiert nicht die nackte Tatsache der Wandlung, ihm genügt es nicht, zu wissen, dass «dieser Mensch seiner Natur untreu geworden ist». Er forscht nach den Gründen, die den Wandel bewirkt haben.
Bei solchem Forschen erscheint uns zumeist das, was man «Einheit des Bewusstseins» nennt, als ein sehr fragwürdiges Ding. Viel öfter als man vermuten möchte, bewahrheitet sich der Faust’sche Ausspruch: Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust! Und gar nicht selten sind die Augenblicke im Leben, in denen diese zwei Seelen ihre bedeutungsvollen Kämpfe führen, jene Kämpfe, die dem menschlichen Dasein seine geheimnisvolle Signatur aufdrücken. Was wir sind, ist meist das Ergebnis eines solchen Kampfes. Wenn ich einem Menschen begegne und sein Gesicht zu mir sprechen lasse, dann glaube ich zumeist ein Doppelantlitz zu sehen. Das eine trägt die Züge des Daseins, das der Mensch wirklich lebt, und verborgen lugen aus diesen Zügen andere hervor: eine zweite Physiognomie. Sie spricht von einem anderen Ich. Von einem, das dem Menschen im Kampfe des Lebens verlorengegangen ist, das er niedergekämpft hat auf den Schwellen, an denen sich die wichtigen Daseinsschlachten abspielen. Oder auch von einem solchen, das unterdrückt geblieben ist, das nur wie eine leise Erinnerung an das spricht, was der Mensch auch hätte werden können. Gering nur ist oft der Überschuss, den eine der beiden Kräfte über die andere erlangt, auf jener Schwelle, wo die eine Macht uns vorwärtsdrängt in neue Gebiete oder zurückstößt in die alte Lebenssphäre. Hart stößt an diesem Punkte der Zufall mit der ewigen Notwendigkeit zusammen. In diesem Zusammenstoß aber liegt das Leben. Ein ewiger Widerspruch. Es hat so kommen müssen, sagt der Anhänger der unbedingten Notwendigkeit. Und wer dürfte ihm Unrecht geben? Und wenn es doch anders gekommen wäre, dann käme dieser Anhänger der unbedingten Notwendigkeit und zeigte ebenso, dass es so hat kommen müssen. Alles muss kommen, wie es kommt. Alles kann auch anders kommen, als es kommt. Das Rätsel des Lebens lässt sich begreifen, aber das Dasein gibt um seiner Begreiflichkeit willen seine Freiheit nicht auf. Wenn der Mensch «auf der Schwelle» steht, da tritt der ewige Gegensatz an ihn heran: der Zufall, der Notwendigkeit, die Notwendigkeit, die Zufall ist. Diese Weisheit steht mir höher, die den «Zufall» verehrt, als diejenige, die einer ewigen Vorsehung nachsinnt. Eine ewige Vorsehung könnten wir zur Not bei jedem einzelnen ihrer Schritte begreifen. Der Zufall lässt etwas zu unserer Verwunderung übrig. Er allein verleiht dem Leben sein Geheimnisvolles.
Von den Geheimnissen «auf der Schwelle» des Lebens erzählen die Skizzen von Anselm Heine. Vielgestaltig ist das Problem, das in allen diesen Erzählungen zu uns spricht. Das Mädchen, dem die modernen Anschauungen die soziale Freiheit geben, sich selbst ihren Lebensweg zu suchen, und das in Zwiespalt kommt mit den vererbten Empfindungen, die die gesellschaftliche Gebundenheit in sie gelegt hat, wird uns geschildert. Von dem Manne wird uns gesprochen, der glücklich mit dem Weibe werden könnte, das er liebt, wenn er das Vorurteil überwinden könnte, dass nicht das Weib die Persönlichkeit sein dürfe, die durch ihren Erwerb die materielle Basis des Lebens liefert. Einen Mann lernen wir kennen, der von übereifrigen Freunden seinem Lebenskreise entzogen, in die Künstlerlaufbahn hineingezogen werden soll, der aber «auf der Schwelle» umkehrt, weil seine ursprüngliche Natur durchschlägt. Zehn Erzählungen mit diesem Problem treten vor uns. Anselm Heine sucht mit feinstem psychologischem Takt die dünnen Fäden, an denen «auf der Schwelle» die wichtigen Entscheidungen hängen. Wie trifft doch die Stelle ins Schwarze, wo das Schicksal der Mädchen geschildert wird, denen die neuen sozialen Anschauungen die Freiheit gegeben haben, und die eine alte Erbschaft noch mit dem Gefühl des Abhängigsein-Müssens behaftet hat: «Schutzlos stehen sie dann im ungewohnten Anhauche des Lebens, bis sich die bescheidene Schönheit ihres Wesens verkrümmt und verhärtet zur Unform. Sehnsüchtig schleichen sie an den Außenmauern ihres Gefängnisses vorbei, ob einer Mitleid hätte, sie wieder hineinließe in die alte Anspruchslosigkeit, aber umsonst, denn es gibt für sie einen Zwang zur Freiheit - in dem neuen Gewissen der andern. - Man hat ihnen die Türen geöffnet - nun sind sie zur Freiheit verurteilt. - Jawohl, hinaus. Unerbittlich hinausgestoßen, auch die Zärtlichen, die zu ihrem Wohle der Abhängigkeit bedürfen.»
Tief ergreifend ist die Erzählung «Fräulein Bertha». Hier ist es nicht ein zweites Ich, das dem ersten den Übergang über «die Schwelle» unmöglich macht; hier ist es die physische Natur, die der geistigen den Übergang verrammelt. Bertha ist eine im echtesten Sinne geborene Schauspielerin. Ein hässlicher Buckel zwingt sie, ihr für die Kunst der Bühne geschaffenes Genie an ein trostloses Dasein als dramatische Lehrerin zu vergeuden. Die unter romantischen Umständen erfolgte flüchtige Bekanntschaft mit einem bedeutenden Schauspieler lässt sie für einen kurzen Augenblick ein unnennbares Glück empfinden, ein Glück, das sie das ganze Dasein hindurch begleiten müsste, wenn ihre schöne Seele in einem schönen Körper wohnte. Aus ihrem Munde hören wir den Ausdruck für ihre heißverlangende und zugleich resignierende Glücksempfindung: «Grau und eintönig wären mir meine Tage versickert, wie die von tausend Andern! Da aber kam die Sehnsucht - und dann kam die Liebe - dann kam der Schmerz - und das alles zusammen ist Glück!» - Sie ist eine Märtyrerin des Talentes, eine «Heldin der Entsagung».
In Anselm Heines Stil lebt sich voll das Bedeutungsvolle der Probleme aus. Eine vielsagende Einfachheit zeichnet diesen Stil aus und eine Ruhe, die zeigt, dass der Autor mit seinen Fragen und Zweifeln fertig geworden ist. Er steht ihnen mit der sicheren Empfindung des Besitzers gegenüber, der die Stadien des Aneignens lange hinter sich hat. Ich möchte nur eine kleine Probe dieses Stils geben. Franziska Grothus, die dadurch über «die Schwelle» geschritten ist, dass ihr Musiklehrer die Liebesleidenschaft bis zur Raserei geweckt, wird in ihrem Sein vor dem inhaltsschweren Augenblick geschildert: «Sie ist die Tochter eines Regierungsbeamten. Ihre Eltern machten in der Provinz ein Haus, in dem Juristen, Offiziere und hier und da ein weltmännischerer Gelehrter verkehrten, sodass sich für die heranwachsenden Töchter leicht im nächsten Kreise der passende Lebensgefährte fand. Mitten in dieser normalen Welt nun hatte sich etwas Unnormales entwickelt, nämlich Franziskas Gesangsstimme, die in ihrer Schönheit und Fülle ein Phänomen darstellte. Die Eltern, denen alles Außergewöhnliche ein Gräuel war, konnten sich lange nicht entschließen, den Verpflichtungen nachzukommen, die das unerbetene Feengeschenk ihnen auferlegte. Erst als Franziska zwanzig Jahre alt geworden war, ohne sich verlobt zu haben, brachte man sie nach der Hauptstadt; denn nun sollte sie ausgebildet werden, richtig ausgebildet von einer Kapazität, wie sie am eigenen Orte nicht zu haben war. Ob die Tochter später wirklich heraustrete, konnte man ja immer noch entscheiden. Jedenfalls wurde sie einem achtbaren Familienpensionat anvertraut und fuhr täglich zum Unterricht hinaus nach der idyllischen Cottage, die Meister Felix Viktor Grell mit seiner kleinen Familie bewohnte.»
Völlig süß vor Reife: dies ist das Wort, das ich auf diesen Stil wie überhaupt auf Anselm Heines ganze Erzählungskunst anwenden möchte. Man hat es mit einer vornehmen Künstlernatur zu tun, die uns den Sturm des Lebens nur in der abgeklärten Ruhe der dichterischen Kontemplation schauen lässt.
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Auf der Schwelle. Studien und Erzählungen von Anselm Heine. Berlin. Verlag von Gebrüder Paetel 1900. ↩