58. Ernst Georgy: «Die Erlöserin»

Vor einiger Zeit brachte1 ich in diesen Blättern eine Besprechung des bedeutenden Buches «Idole» aus der Feder der Wiener Schriftstellerin Rosa Mayreder. In diesem Kunstwerk wird die abstoßende Wirkung geschildert, welche ein junges Mädchen durch eine Weltanschauung erfährt, die das Verhältnis von Mann und Weib nicht nach den Leidenschaften der Seele, sondern nach dem verstandesmäßigen, nüchternen Prinzip der Rassenverbesserung bestimmen will. Die künftige Generation soll, nach einer solchen Ansicht, maßgebend sein für die Verbindung der Geschlechter. Der Doktor Lamaris in den «Idolen» will, dass ein Mann nur mit einem solchen Weibe eine Ehe eingehe, das ihm eine gesunde, starke Nachkommenschaft verspricht. Das Mädchen, das im Mittelpunkte der Mayreder’schen Erzählung steht, verabscheut eine solche Lebensauffassung, die alle Bedürfnisse der menschlichen Seele unter den Gesichtspunkt der Rassenhygiene rückt.

Es ist nun interessant, dass fast gleichzeitig mit dieser Erzählung eine andere mit ähnlichem Thema erschienen ist. In ihr wird zur Hauptperson ein Weib gemacht, das durch seine Lebenserfahrung zu dem Gesichtspunkte gekommen ist, den jener Doktor Lamaris aus seinen wissenschaftlichen Überzeugungen heraus gebildet hat. Man hat also ganz das Gegenbild des Weibes, das Rosa Mayreder geschildert hat.

Helene hat sich in einen Komponisten verliebt und ihn geheiratet, weil der Sturm der Leidenschaft sie dazu getrieben hat. Sie hat ihm ein Kind geboren, ein krankes,zum Leben untaugliches, idiotisches Kind. Der Mann ist der Frau bald mit einer russischen Gräfin untreu geworden. Er endet die zerrütteten Verhältnisse, in die ihn sein Leben gebracht hat, mit Selbstmord. Die junge Witwe lebt zunächst in völliger Zurückgezogenheit. Alle Vorstellungskreise, die sich in ihr ausbilden, stehen unter der Wirkung, die die unglückliche Ehe und das Dasein des idiotischen Kindes auf sie machen. Immer mehr bildet sich bei ihr die Überzeugung aus, dass ein sozialer Zustand, der solch idiotische Wesen aufpäppelt, ein verwerflicher sei. Solange sie glauben kann, dass die medizinische Kunst noch imstande sein werde, das Kind zu Verstand zu bringen, hat die Witwe noch einige Hoffnung. Immer mehr aber wird diese Hoffnung zerstört. Und als sie nach einiger Zeit den wiederfindet, der sie einst geliebt und den sie um des Komponisten willen aufgegeben hat, da tritt zugleich die grausige Gewissheit vor ihre Seele, dass das Kind unheilbar ist, dass nie ein Funke von Menschlichkeit aus dessen blöden, tierischen Augen hervorleuchten werde. Der Mann, den sie verlassen, hat ihr die Liebe bewahrt. Sie steht vor der zweiten Heirat. Seine Gesinnung und Weltauffassung können ihr Bürgschaft sein, dass sie in einem neuen Lebenskreise ein Glück finden werde. Da wird sie zur Mörderin ihres Kindes. Sie muss den Mord ihres Kindes als Pflicht betrachten. Denn es kann nur eine gute Handlung sein, durch die ein Geschöpf aus der Welt befördert wird, das nicht verdient, ein Mensch genannt zu werden. Dem liebenden Manne aber wird die Ehe mit einer Frau von solcher Lebensführung zur Unmöglichkeit. Er verlässt die Geliebte und sucht Vergessen im fernen Japan, wo sich ihm ein Wirkungskreis bietet -weit weg von dem Orte, an dem er es erlebt hat, dass ein Weib, an das ihn so viele Bande der Seele fesseln, zu solch für ihn verabscheuungswürdiger Tat fähig ist.

Noch ein anderer Mann wird dieser jungen Witwe gegenübergestellt. Auch er fühlt sich stark zu ihr hingezogen. Aber auch er reißt alle Brücken zwischen sich und dem [von] ihm verehrten Weibe ab, als er von ihrer Tat Kenntnis erhält. Sein Verstand muss sogar diese Tat billigen. Aber sein Herz lässt es nicht zu, mit ihr zusammen durch das Leben zu gehen.

Wenn man Ernst Georgys Erzählung mit den allerdings künstlerisch ungleich reiferen «Idolen» Rosa Mayreders zusammenhält, so enthüllt sich uns in beiden Kunstwerken ein charakteristisches Symptom unserer Zeit. Es ist merkwürdig, dass in beiden Fällen ein Arzt den so ungleich gearteten Frauen gegenübersteht. Das eine Mal ist die Weltanschauung, welche die Pflicht gegen die Nachkommenschaft zum Prinzip der Lebensführung macht, durch den Mann vertreten, und bei diesem ein Ergebnis seiner wissenschaftlichen Grundanschauungen. Das andere Mal tritt uns dieselbe Anschauung durch ein Weib repräsentiert entgegen, das durch ihre Erlebnisse auf sie geführt worden ist.

Es ist etwas in den sittlichen Grundtrieben unserer Zeit, das mächtig zu einer solchen Lebensführung hindrängt. Zweifellos aber gibt es Elemente in der Menschennatur, die ihr deutliches «Nein» zu solchen Anschauungen sagen. Der Arzt, der sich durch seinen Bildungsgrad am intimsten mit den physischen Zusammenhängen des Lebens zu befassen hat, wird am leichtesten zu diesem Gesichtspunkt gebracht. Das Weib, das die Leitmotive des Lebens in den Tiefen des Gemütslebens sucht, wird am leichtesten von ihm abgestoßen werden. Das Leben muss grausam mit der Frau umgehen, wenn es sie doch zu ihm führt. Ernst Georgy schildert ein solch grausames Leben. Und der Autor macht zugleich aus dem Charakter des dargestellten Weibes heraus dessen Handlungsweise in hohem Grade glaubhaft. Durch eine unbarmherzige Logik der Tatsachen, aber auch durch eine scharf ausgebildete Neigung zu allem Wohlgebildeten, Gesunden, zu allen Vollkommenheiten, wird Helene zur Kindesmörderin. Welche Mächte in der menschlichen Seele den ethischen Anschauungen widersprechen, die sich bei ihr ausgebildet haben, das zeigt uns Georgy gerade an dem Arzte, dessen humaner Charakter sich von diesem Weibe abwenden muss. Es sind dieselben Mächte, die in dem Mädchen der «Idole» wirksam sind, und die es von Doktor Lamaris’ Grundsätzen zurückprallen lässt.

Es ist deutlich sichtbar, wie in unserer Zeit sich die Augen aller für das Anschauen des Lebens wirklich öffnen. Denn Hand in Hand mit einem solchen unbefangenen Anschauen muss die Wahrnehmung der Gegensätze des Daseins gehen. Ein Verhältnis zur Welt, wie zum Beispiel das christliche, wird eine künstliche Ausgleichung dieser Gegensätze suchen. Es erbaut ein ideales Reich der Harmonie über dem realen Reich der Gegensätze. Aber nicht in der Harmonie, sondern in diesen Gegensätzen selbst spielt sich das Leben ab. Und wer eine ein für alle Mal giltige harmonische Idealwelt als Oberbau des Lebens errichten will, der hüllt die Menschheit in einen täuschenden Nebel ein. Denn das Leben kann seine Gegensätze nicht auf einmal überwinden; es ist vielmehr selbst ein fortdauernder, nie endender Überwindungsversuch, und die Gegensätze treten sogleich immer wieder auf, wenn sie scheinbar überwunden sind.

Ernst Georgys Erzählung ist in diesem Sinne ein Ergebnis der neuen Weltauffassung. Christentum und Humanitätsideal treten der auf Erlösung der Welt von allem Lebensunfähigen gerichteten Anschauung einer Frau gegenüber. Wer diesem Kampfe zweier Lebensgegensätze, die tief im Wesen der modernen Seele wurzeln, Interesse abgewinnen kann, wird das Buch mit Spannung lesen.



  1. Ernst Georgy: Die Erlöserin. Erzählung. Berlin 1898. In dieser Nummer bringen wir gleichzeitig eine novellistische Skizze desselben Autors. Vergl. Spalte 306 [«Magazin für Literatur» Nr. 12, 24. März 1900]. ↩

German original of Ernst Georgy: “The Redeemer” · ← Previous · Next →