44. Franz Servaes: «Gärungen»

Der Roman «Gärungen»1 rührt von einem Autor her, den ich als typischen Literaten unserer Zeit anschen muss. Ich möchte zu diesem Typus diejenigen zählen, welche die literarhistorischen, ästhetischen, kunstgeschichtlichen und historischen Wissenschaften in der Gestalt in sich aufgenommen und verarbeitet haben, die ihnen von Gelehrten mit rein humanistischer Bildung gegeben worden ist. Die eigentliche Seele unserer Zeitbildung müsste eine durch die großen naturwissenschaftlichen Errungenschaften des Jahrhunderts befruchtete philosophische Weltanschauung sein. Wer aber sich in den Hörsälen der Universitäten umsieht, wird finden, dass die Vertreter der obengenannten Wissenschaften sich zumeist sehr wenig von einer solchen Weltanschauung haben befruchten lassen. Und die Folge davon ist, dass die Literatur der Gegenwart, in denen der Inhalt dieser Wissenschaften niedergelegt ist, uns ein Antlitz zeigt, in dessen Physiognomie unsere größten Zeitideen nicht zum Ausdrucke kommen.

Statt dieser Zeitideen spuken aber in dieser Literatur allerlei Lieblingsvorstellungen, die demjenigen, der die wahre Zeitbildung sich angeeignet hat, einen gewissen unreifen Eindruck machen. Und in der Welt dieser Lieblingsvorstellungen leben die typischen Literaten unserer Zeit. Ich möchte nur mit ein paar Worten auf diese Lieblingsvorstellungen hinweisen. Zu ihnen gehört das sogenannte «Unbewusste». Man verachtet gerne, was durch das helle, vernünftige Denken entstanden ist und misst dem einen höheren Wert bei, was aus den dunklen Tiefen der Seele stammt. Als das Beste gelten unbestimmte Sehnsuchten, unmittelbare Gedanken; weniger schätzt man dasjenige, woran die klare Vernunft ihre Arbeit getan hat. Worüber am wenigsten gedacht worden ist, gilt als edelste Wahrheit. Man braucht auch für dieses «Unbewusste» mit Vorliebe die Bezeichnung des «Instinktiven». In die Reihe dieser Vorstellungen gehört auch der Kultus, der gegenwärtig mit dem «Naiven» getrieben wird. Naiv soll dasjenige sein, was auf dem unmittelbaren, ursprünglichen Eindrucke beruht, und was nicht durch gewisse Begriffe, die aus unserer vorgeschrittenen Geisteskultur stammen, getrübt ist.

Nun tritt bei den typischen Literaten eine eigentümliche Erscheinung zutage. Sie gehen nicht aus einem ursprünglichen Trieb, aus ihrer inneren Natur heraus auf das Unbewusste und Naive los. Sie streben dieser vielmehr aus dem Grunde zu, weil sie theoretisch auf sie geführt worden sind. Deshalb fördern sie auch nicht Vorstellungen zutage, zu denen der noch nicht durch die Schule der Vernunft gegangene naive Mensch gelangt, sondern solche, welche sie nach gewissen doktrinären Prinzipien als unbewusst und naiv bezeichnen.

Ihre Beobachtung ergibt nicht dasjenige, was das unbefangene, naive Auge sieht, sondern dasjenige, was dieses Auge sieht, nachdem man ihm eine gewisse Brille vorgesetzt hat: die Brille, die geformt ist aus der Theorie über Unbewusstheit und Naivität. Sie beobachten nicht einfach darauf los, sondern sie fragen sich bei jedem Blicke in die Wirklichkeit: wie muss ich sehen, damit ich das Unbewusste und Naive sehe.

Ein Ergebnis aus solch doktrinärer Beobachtung ist der Roman, von dem ich hier sprechen will. Keine einzige der Gestalten ist aus wirklich unbefangener Beobachtung geschöpft. Man merkt es jeder Zeile an, dass der Autor sich fortwährend zwingt, in einer bestimmten Weise zu sehen. Nicht wie der auf die Sachen unmittelbar schauende Künstler schafft Servaes, sondern wie einer, der sich gewisse Vorstellungen über die Sachen durch seine Bildung angeeignet hat; und der diese Vorstellungen wieder zurückübersetzen will in die Gestalt, in der sie der wirkliche Künstler unmittelbar sieht.

Es fällt auf, dass auf den 472 Seiten des Romans fast alle theoretischen Vorstellungen aufgezeichnet sind, die zu dem Inventar eines Gegenwartsliteraten gehören. Und die Personen werden nur das Mittel, diese Vorstellungen auszusprechen. Deshalb mangelt den Gestalten jegliche Plastik. Die Hauptgestalt, ein Privatdozent der Psychologie, erscheint wie ein Mensch, der die tiefste Sehnsucht hat, alles, was die Natur in ihn gelegt hat, aus sich heraus zu entwickeln. Er tut dies aber in der Weise, dass er nicht sich zur Geltung bringt, sondern die Vorstellung von einem Menschen, die ihm auf Grund seiner Studien als die richtige erscheint. Er verliebt sich hintereinander in drei Frauen, zu denen die Elemente ihrer Gestaltung nicht aus dem Leben, sondern aus der Pseudopsychologie der typischen Literatur genommen sind. Und die Freunde, mit denen der gute Privatdozent bummelt und zecht, erscheinen dem durch die naturwissenschaftliche Zeitbildung geschärften Blicke des wahren Psychologen wie in Kleider gesteckte Ideen Nietzsches, Paul Scheerbarts, Peter Hilles und anderer.

Es ist in der breitangelegten Erzählung alles unnaiv, alles durch Reflexion zurechtgeschnitten. Fast nichts wird uns geschenkt, worüber der Verfasser nachgedacht hat. Von Humes Philosophie, Nietzsches Übermenschentum bis zu dem Duft, den ein frisch gebadeter Frauenleib verbreitet, erfahren wir alles.

In anderem Sinne als Servaes gemeint hat, möchte ich deshalb seinen Roman als «aus dem Leben unserer Zeit» herrührend bezeichnen. Er ist aus der ganz kleinen Welt der Gegenwart, in der ein typischer Literat unserer Zeit lebt. Und diese Welt ist aus Vorurteilen gezimmert. Die philosophisch-naturwissenschaftliche Zeitbildung führt uns trotz ihrer Vernünftigkeit auf die wahre, unmittelbare Gestalt der Außenwelt. Diese Literatenpsychologie hat aber gewisse Schablonen von Menschen geschaffen, die sich von Buch zu Buch fortschleppen. Die Lucie, die Servaes als erste Geliebte unseres Psychologen zeichnet, verhält sich zu einem wirklich künstlerisch gestalteten Wesen so wie der auf Tradition beruhende Franz Moor der gewöhnlichen Charakterdarsteller zu der Schöpfung eines Schauspielers, der aus dem Leben schöpft.

Bei alledem ist der Roman eine interessante Erscheinung. Man liest ihn wegen der Fülle der aufgespeicherten Gedanken, wegen der reizvollen, wenn auch naiven Natur- und Menschenschilderungen mit Vergnügen. Aber er ist nicht das Werk eines Künstlers, sondern das Werk eines hochgebildeten Literaten.



  1. Gärungen von Franz Servaes. Aus dem Leben unserer Zeit (Dresden und Leipzig). ↩

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