39. Die lachende Dame

In meinem Vortrage «Über die literarische Revolution um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts», der am 8. Dezember [1897] in der Berliner «Freien Litterarischen Gesellschaft» stattgefunden hat, sprach ich die folgenden Sätze aus: «In diesem Jahrhundert hat sich eine radikale Änderung der Welt- und Lebensanschauung vollzogen; das ganze religiöse Empfindungsleben ist bei einem Teile der europäischen Menschheit ein anderes geworden, als es das der verflossenen Jahrhunderte war. Ein solch intensiver Umschwung der Anschauungen ist seit langem in der weltgeschichtlichen Entwickelung nicht dagewesen. An die Stelle der Weltanschauung der Demut, die erfüllt ist von dem Abhängigkeitsgefühl gegenüber höheren, überirdischen Gewalten, ist die Weltanschauung des Stolzes getreten, die von dem Bewusstsein ausgeht, dass der Mensch ein freies, unabhängiges Wesen ist, dass er Herr seines eigenen Schicksals sein soll. Ludwig Feuerbach hat es mit klaren, scharfen Worten ausgesprochen, dass alle Ideen von höheren Mächten Gedankenerzeugnisse des Menschen sind, dass die Offenbarung Gottes nichts anderes ist als die Offenbarung, die Selbstentfaltung des menschlichen Wesens. Der selbstbewusste Mensch stellt sich damit an die Spitze der Schöpfung; er weiß nunmehr, dass er sich nur selbst lenken kann und dass er in früheren Epochen der Weltgeschichte die Gedanken seiner eigenen Seele, nach denen er sich richtet, als höhere Mächte über sich gesetzt hat. Diejenigen Menschen, in deren Empfindungsleben solche Gedanken übergegangen sind, stehen den Menschen der ersten Hälfte des Jahrhunderts, selbst solchen, die zu den Größten gehören, fremd gegenüber. Der Gefühlston in den Schriften solcher Größten wirkt auf sie wie der Ton einer fremden Sprache. Es gibt aber auch heute nur wenige, die von den neuen Empfindungen durchdrungen sind. Ihnen steht die große Masse und auch eine Menge bedeutender Geister gegenüber, deren Seelenleben noch von den alten Gefühlen beherrscht wird. Wir Gegenwartsmenschen — sagte ich - können uns mit diesen Menschen der «alten Gefühle kaum mehr verständigen. Die Worte aus ihrem Munde haben eine ganz andere Bedeutung als aus dem unsrigen.»

Eine Bestätigung meiner Behauptungen lieferte mir am nächsten Tage ein Bericht der «Frankfurter Zeitung» über den Prozess gegen Bruno Wille, den bekannten Vertreter einer modernen freiheitlichen Weltanschauung, der in Wien und Graz Reden über die «Religion der Freude» gehalten hat und deshalb wegen Störung bestehender Religionen angeklagt worden ist. Wille stellte in seiner Weise, die ich durchaus nicht genau zu der meinigen machen möchte, die «Religion der Trübsal» der «Religion der Freude» gegenüber. Die Religion der Trübsal macht das Diesseits zu einer minderwertigen Welt, zu einem Jammertal. Die Religion der Freude bietet dem Menschen die Möglichkeit, aus dem Diesseits das Glück, das Heil zu schöpfen und auf den Ausblick auf ein Jenseits verzichten zu können. Auf den Gegensatz in den Empfindungen kommt es an, wenn man von der alten und der neuen Weltanschauung spricht. Wie man sich mit den Dogmen abfindet, das ist nur eine Folge des Empfindungsgegensatzes.

Nur wer im Sinne des alten Dogmas empfindet, kann das alte Dogma anerkennen. Das Dogma ist nur dazu da, den Empfindungsgehalt in Gedanken, in Worte zu fassen.

Zwei Menschen standen in dem Grazer Prozess gegen Bruno Wille einander gegenüber. Ein Mann mit den alten Empfindungen, der Richter, und ein junger Mann, ein Student, der Zeuge Schmauz, der in den neuen Empfindungen groß geworden ist.

Es fand folgendes Zwiegespräch statt:

Vorsitzender: Hat Wille den Gottesbegriff negiert?

Zeuge: Das ist wiederholt von katholischen Theologen kritisiert worden. Selbst der heilige Thomas, den Papst Leo XIII. als großen Philosophen der katholischen Kirche hingestellt hat, hat weitläufige Forschungen über diese Materie angestellt.

Vorsitzender: Und wenn zehntausend Leute Forschungen angestellt haben, darf an dem Dogma nicht gerüttelt werden.

Zeuge: Das Dogma steht fest, aber es ist einer steten Weiterentwicklung und Forschung unterworfen. Es kann nichts vorgeschrieben werden, was der Vernunft widerspricht ...

Vorsitzender: Es kann alles vorgeschrieben werden! Halten Sie die Lehren Willes für Unglauben?

Zeuge: Jeder Katholik hat sich an die Wissenschaft zu halten!

Vorsitzender (zum Schriftführer): Ich bitte diese Äußerung zu protokollieren. (Zum Gerichtshof): Ich konstatiere, dass ich und der Zeuge uns nicht verstehen, und ich gebe das Verhör deshalb auf.

Diese Äußerung des Grazer Gerichtspräsidenten ist symptomatisch für unsere Zeit. Zwei Empfindungswelten stehen einander gegenüber, die sich nicht verstehen können. Arrogant, wie ich bin, will ich übrigens doch nicht mit den Vorstellungen spielen. Das Nichtverstehen beruht nämlich gar nicht auf Gegenseitigkeit. Wir verstehen die andern schon. Wir können uns in sie hineindenken, wie wir uns in Platos und Aristoteles’ Zeitgenossen hineindenken können. Wir verstehen die Reaktionäre. Aber sie verstehen uns nicht. Und wir sind sogar arrogant genug zu glauben, dass der Fortschritt darauf beruht, dass sie uns allmählich verstehen lernen. Wir sind sogar viel toleranter als sie. Man versuche es nur einmal, ob wir so wenig Respekt vor persönlichen Meinungen haben, dass wir daran denken, jemand deswegen, weil er katholisch oder protestantisch orthodox ist, ins Gefängnis zu stecken. Wir rechnen das Gefängnis nicht zu den Hilfsmitteln der Logik.

Aber eines möge man uns verzeihen. Manchmal zwingt uns das Aufeinanderprallen der alten und der neuen Weltanschauung ein Lächeln ab. Das ist zuweilen die einzige Art, wie wir uns äußern können. Deswegen ist mir die «lachende Dame» in dem Grazer Prozesse eine Persönlichkeit, die ich ernst nehmen möchte.

Ich führe Sätze nach der «Frankfurter Zeitung» an: «Der Vorsitzende erklärte sodann, aus den Angaben Willes gehe hervor, dass er überhaupt an keine Hölle, aber auch an keinen Gott glaube, der strafen kann. Hierauf fragte der Verteidiger den Hauptbelastungszeugen, den Polizeikommissär Papez, wie sich dieser die Hölle vorstelle.

Präsident: Darauf braucht der Zeuge nicht zu antworten, denn das ist jedenfalls eine ganz subjektive Anschauung.

Polizeikommissär Papez weist daraufhin, was bezüglich der Hölle der Katechismus und die Bibel lehren. Hier unterbricht ihn der Präsident mit folgenden Worten:

«Ich bemerke im Publikum eine Dame, die fortwährend zu lachen beliebt; dies stört jedenfalls und ist auch unpassend; ich muss bitten, dies zu unterlassen; wir haben hier eine sehr ernste Verhandlung und gar nicht den Zweck, uns zu unterhalten.»

Die Theorie des Komischen ist noch nicht ganz abgeschlossen. Man weiß nicht recht, wie die Gegensätze beschaffen sein müssen, die unbedingt das Zucken der menschlichen Lachmuskeln auslösen. Das Lachen der Dame kann so oder so taxiert werden. Vielleicht waren es Nebensächlichkeiten, welche die Lachmuskeln der Dame erregten. Oder sollte die Dame eine symbolische Bedeutung haben? Nietzsche sagt: Die Wahrheit ist ein Weib. Die «lachende Philosophie» auf der Galerie. Das wäre gar kein schlechter Titel für ein Buch, das ein ernster Witzbold schreiben könnte. Die Weltgeschichte könnte die Marotte haben, sich just durch eine Dame aussprechen zu wollen, wenn sie einmal lachen will. Die Weltgeschichte soll nämlich noch immer das Weltgericht sein. Klug ist aber doch die Weltgeschichte. Sie weiß, dass sie uns, ernste Männer, nicht brauchen kann, wenn sie einmal lachen will. Wir sind ihr zu pathetisch. Da müssen schon die Damen herhalten. Denen sitzt das Lachen leichter. Hat mir doch auch eine Dame nach meinem Vortrage gesagt: «Wozu sich denn so ereifern über Dinge, die heute jeder vernünftige Mensch so denkt wie Sie?» Ja, solche Damen leben auf den «glückseligen Inseln», wo man nicht weiß, wie schwer uns der Kampf um die neue Weltanschauung wird.

German original of The Laughing Lady · ← Previous · Next →