33. Rudolf Strauss: «Novellen-Premieren»

Wien, Verlag von Leopold Weiß, 1897

Vieles Beachtenswerte sagt ein Wiener Schriftsteller, Rudolf Strauß, in einer eben erschienenen kleinen Schrift «Novellen-Premieren». Nichts erheblich Neues. Zum Teil Dinge, die in Gesellschaften von Literaten jeden Abend am Biertische besprochen werden. Wie oft wird geklagt über die reichen Dilettanten, die sich nur gedruckt sehen wollen und deshalb für ihre wertlosen Bücher von den Verlegern nicht nur kein Honorar verlangen, sondern für die Ehre, auf den Büchermarkt zu kommen, erhebliche Geldopfer bringen! «Sie drücken durch ihr massenhaftes Angebot die Honorare tief herab, und die Begabten sehen sich genötigt, des täglichen Brotes wegen eilige Bücher zu machen, die hinter ihrem tatsächlichen Können sehr weit zurückzustehen pflegen», bemerkt Strauß. Und nicht weniger absprechend leuchtet er den Kritikern dieser Literaturzerstörer heim. «Und das Traurige an der Sache ist, dass diese Dilettanten allerseits gefördert werden, dass man gedanken-, oft gewissenlos sie unverdient begünstigt. Meist führen ganz junge Leute das kritische Zepter, die gerne selber erst empor möchten und von den gut Besprochenen Gewinn und Vorteil sich verheißen. Es ist ganz merkwürdig, von welchen Gesichtspunkten solch junge Leute die Werke oft betrachten. Da hat selbst einer von ihnen einen ganz dilettantischen Roman geschrieben, den er gerne irgendwo unterbrächte, und nun führt er um die Bücher des von ihm gewünschten Verlages einen wahren Eiertanz auf, preist sie, erhebt sie, weiß gar nicht genug des Guten. Dort wieder bilden sie eine festgefügte Clique und folgen dem Prinzip des gegenseitigen Auflobens. In mächtigen Fanfarenstößen rufen sie die Gläubigen zur Andacht für den Dichter, und das Publikum lässt sich wohl einmal, zweimal, dreimal täuschen, aber am Ende sieht es doch ein, dass es betrogen, dass es zum Götzendienst verleitet ward, verliert alles Zutrauen, alle Lust und geht über die Bücher hinweg wie über die Kritiken.» Und die Redakteure? Sie geben jungen Leuten, denen alle Reife zum Kritiker fehlt, die Bücher zum Rezensieren. Sie tun dies nur darum, weil «die Bezahlung mit der Mühe in gar keinem Verhältnisse steht und weil sich höchstens Anfänger mit diesen kargen Pfennigen begnügen, Leute, die sich noch eine Ehre daraus machen, wenn sie nur gedruckt sind, und die nur außerdem ein kleines Nebengeschäft noch erhoffen. Bedeutendere Literaten geben sich zu diesen kurzen, zehn Zeilen langen Buchkritiken gewiss selten her. Die Arbeit, die es kostet, die vielen, oft so widerlichen Neuerscheinungen zu lesen, ist ja so riesig groß, dass jeder halbwegs nur Begabte sie lieber wohl eigenen Sachen zuwenden wird. ... Die traurige Folge dieser Verhältnisse ist die völlige Apathie, die im Publikum allmählich gegen alles Geschriebene herrschend geworden ist, eine Apathie, die nur vor dem Theater haltmacht. ... Meisterwerke der Novellistik und des Romans gehen spurlos unter, und erst wenn ein Drama den Autor bekannt gemacht hat, kehrt man sich manchmal seinen längst erschienenen und früher nicht beachteten Erzählerwerken zu.» Strauß macht wieder auf die ebenfalls oft besprochene Tatsache aufmerksam, dass Sudermann mehrere seiner glänzenden Geschichten, darunter «Das schimmernde Bekenntnis», «Frau Sorge», längst geschrieben hatte, als sein Name durch den Theatererfolg der «Ehre» erst bekannt wurde. Aus dieser Tatsache der völligen Indifferenz des Publikums erklärt sich auch der seltsame Zug nach der Bühne, der wie eine fixe Idee sich aller Schriftsteller bemächtigt hat; jener wunderliche Zug, der geborene Novellisten und Erzähler auf die so glatten und schlüpfrigen Pfade der Dramatik weist. So alltäglich diese Wahrheiten heute sind: ich möchte doch auf das Büchlein von Strauß hinweisen, denn hier spricht einer, dessen Entrüstung neu ist, der sich noch nicht bis zur Resignation gegenüber diesen Erscheinungen «durchgerungen» hat und der noch an die Möglichkeit glaubt, Wandel in diesen Dingen zu schaffen, ja, der sogar Vorschläge zur Besserung macht. Er fordert die Rezitatoren auf, sich der neu erscheinenden Werke der Erzählerkunst anzunehmen und «Novellen-Premiören» zu veranstalten. Einem größeren Publikum sollen die guten Werke der Novellistik vorgeführt werden wie im Theater die Schauspiele. Und durch diese Art der Veröffentlichung soll die Presse, die Kritik veranlasst werden, neu erschienene Werke der Erzählerkunst mit demselben Ernste zu behandeln wie neue Dramen. Die Rezitationskunst kann, nach Straußens Ansicht, dadurch nur gewinnen. Denn weder das Drama noch die Lyrik ist ihr hold. Jenes fordert eine Verkörperung, die durch das Organ der Sprache allein nicht zu leisten ist, sondern die Gesamtheit der Bühnenmittel verlangt; diese geht aus zu intimen Regungen hervor, um einer vielköpfigen Menge vorgeführt zu werden, die von den verschiedenartigsten Stimmungen während des Vortrags beherrscht wird. Voll Hoffnung spricht Strauß von seinem Vorschlage. «All die Erzählerkräfte, die das Drama bisher in seinen Bann gezogen, sie können sich nun befreit und mit siegsicherer Zuversicht ihrem natürlichen Schaffenskreis wieder zukehren. Denn aller Glanz und aller Ruhm, den die Bühne ihnen bot, er zeigt sich ihnen lockend und golden auch bei der Novelle. Ja, selbst die stolze, bebende Freude über den Jubel einer begeisterten Menge - ein jeder Novellist kann sie bei diesen Premieren finden.» Ob wenigstens ein kleiner Teil dieser Hoffnung sich erfüllen wird? Wünschen möchte man es. Und deshalb sei die Schrift allen denen empfohlen, die mit ebenso viel frischer Entrüstung und ebenso großer Zuversicht erfüllt sind wie Strauß.

German original of Rudolf Strauss: “Novella Premieres” · ← Previous · Next →