20. Faust nach Goethes eigener Methode erläutert
Faust von Goethe, mit Einleitung und fortlaufender Erklärung. Herausgegeben von Karl Julius Schröer. Zweite, durchaus revidierte Auflage. Heilbronn 1888.
Bei dem großen Umfange, den die Goethe-Literatur heute gewonnen hat, läuft man Gefahr, das wahrhaft Bedeutende, das innerhalb derselben auftritt, zu verkennen oder wohl gar zu übersehen. Wir möchten wünschen, dass das nicht der Fall sei bei Schröers Arbeiten über Goethe, die eine durchaus eigenartige Erscheinung innerhalb dieser Literatur sind. Es sei uns hier gestattet, im Anschlusse an die soeben erschienene zweite Auflage des Schröer’schen Faust-Kommentars auf diese Eigenart hinzuweisen. Die Betrachtungsweise, mit der Schröer an Goethe herantritt, ist, um es kurz zu sagen, jene, die am meisten von der durch Goethe erreichten Bildung selbst befruchtet ist. Für Schröer sind des Dichters Schriften nicht einfach das Objekt, an das er sich mit dem gewöhnlichen Interesse des Philologen oder Literarhistorikers macht, um es nach der üblichen Methode der Forschung zu zergliedern. Schröer suchte vor allem seine eigene Methode an Goethe selbst heranzubilden, um den Schlüssel zum Verständnisse des Dichters in diesem selbst zu finden, nach dem Grundsatze: Bezeichnet Goethe wirklich den Höhepunkt deutscher Bildung, dann kann er nur mit seinem eigenen Maße gemessen werden. Der große Geist wird für uns am fruchtbarsten, wenn wir von ihm erst lernen, bevor wir kritisch an ihn herantreten.
Was uns Goethe so groß erscheinen lässt, ist der große Stil, von dem all sein Wirken durchzogen ist; das ist seine Weltanschauung und die ursprüngliche Kraft, die in ihm lag und die noch größer ist als alle seine Werke. Er konnte sich nie erschöpfen, weil sein Wesen, schier unendlicher Formen fähig, nach jeder Schöpfung sich zu neuem Wirken verjüngte. Deshalb werden wir von seinen Werken immer wieder auf sein Leben, auf seine Persönlichkeit gewiesen. Deshalb ist es uns gerade bei ihm so wichtig zu wissen, wie seine Schöpfungen entstanden sind. Darauf geht Schröers Forschung aus. Obwohl auch er das philologische Moment nie vergisst, macht er es doch nie zum Selbstzweck, sondern behandelt es stets nur als Mittel, tiefer in das Getriebe des Goethe’schen Geistes einzudringen. Schröer verwendet das Tatsächliche, die Einzelheiten, worauf die anderen Goethe-Forscher so hohen Wert legen, immer im Dienste der Idee. Goethe sagt von seinem Schaffen selbst: «Ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt in den Erscheinungen finde, von dem sich vieles ableiten lässt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mir entgegenträgt.»
Diesen prägnanten Punkt müssen wir wieder finden, wenn wir den Dichter verstehen wollen. Und uns bis dahin zu führen, das ist die Absicht Schröers. In Bezug auf den ersten Teil zeigt nun der Erklärer, wie Goethe von der Faust-Idee ergriffen wird und wie sie sich dann in dessen Geist umgestaltet. Die Faustsage in der ursprünglichen Gestalt des sechzehnten Jahrhunderts ist protestantisch-orthodox. Faust ist da im Gegensatz zu Luther gedacht. Beide Männer haben mit der bestehenden Kirche gebrochen, sind aus den historisch überkommenen Formen der Religion herausgetreten. Aber in völlig entgegengesetzter Weise. Luther tut es mit der Bibel in der Hand, hinweisend auf das geschriebene Wort Gottes. Er wirft dem Teufel, das ist nach damaliger Ansicht die weltliche Gelehrsamkeit, das Tintenfass an den Kopf. Anders Faust. Er sagt sich nicht nur von der Kirche, sondern auch von der Theologie selbst los, «wolte sich hernacher keinen Theologum mehr nennen lassen, ward ein Weltmensch, nante sich ein D. Medicinae, der die Heilige Schrift ein weil hinder die Thür und unter die Bank gelegt hat». Das heißt denn doch nichts anderes als: Faust hat die von höhern Mächten vorgezeichneten Bahnen des Denkens verlassen und will als wahrhaft freier Mensch sich selbst Ziel und Richtung bestimmen. Deshalb verfällt er nach der Anschauung des sechzehnten Jahrhunderts den höllischen Mächten. Goethe machte daraus nun den Faust seiner Zeit, der nicht zugrunde gehen darf, weil er ein «Weltmensch» geworden, dem die himmlische Schar mit herzlichem Willkommen begegnet, weil er sich «immer strebend bemüht», wenn auch nach dem echt protestantischen Prinzipe stets auf die eigene Arbeitskraft bauend. Aus einer protestantisch-orthodoxen machte Goethe die Faust-Idee zu einer protestantisch-freien. Auf diesen protestantischen Charakter der Faustsage hat zuerst Schröer hingewiesen, und er hat damit in die Erklärung von Goethes Faust einen großen Zug gebracht, er hat sich ein bedeutendes Ziel gestellt, indem er alle Einzelheiten dazu verwertet, diesen hiemit klargestellten Grundcharakter der Dichtung in das rechte Licht zu setzen. Zu zeigen, wie die einzelnen Bilder, aus denen die Dichtung besteht, in Goethes Geist entstanden sind und wie sie sich nach und nach jenem leitenden Grundgedanken gemäß zu einem Ganzen zusammengefügt haben, das ist Schröers zweite Aufgabe. Denn man darf sich, trotzdem Goethe stets von hohen ideellen Motiven geleitet war, nicht denken, dass er nach Verkörperung abstrakter Ideen strebte. Die Ideen erfüllen ihn, seine Natur, sein Schaffen; was er uns aber in seinen Werken bietet, sind konkrete Bilder. Er musste immer von irgendeiner Anschauung mächtig ergriffen werden, dann suchte er dieser eine poetische Gestalt zu geben. Deshalb ist auch Faust bei all seiner Tiefe so lebensvoll, so lebensfrisch. Alles trägt den Charakter des Individuellen, nirgend ist trockene, abstrakte Allgemeinheit zu finden. Es ist Schröer in vielen Fällen gelungen, den Ursprung solcher Bilder, ja oft den Ursprung der Stimmungen nachzuweisen, die im Faust zum Ausdruck gekommen sind. Damit hat er wohl mehr zum Verständnisse desselben getan, als durch den Nachweis, wann die erste Niederschrift dieser oder jener Szene erfolgt ist, je getan werden kann. Wir wollen nur einzelnes herausheben. Wenn Goethe im sechsten Auftritt des dritten Aufzuges der «Mitschuldigen» Söller die Worte sagen lässt: «O, wie mir Armem graust, es wird mir siedend heiß. So war’s dem Doktor Faust nicht halb zu Mut. Nicht halb war’s so Richard dem Dritten!» so können wir daraus schließen, dass er schon beim Niederschreiben dieser Zeilen, das ist 1769, die Gestalt Fausts in vollem tragischen Ernst ins Auge gefasst hat. Dazu nimmt Schröer die andere Tatsache, dass Goethe, nachdem er 1768 kränklich von Leipzig nach Frankfurt zurückgekehrt war, sich mit den Ansichten des Theophrastus Paracelsus befasste und sich freut, dass ihm hier die Natur, wenn auch vielleicht in phantastischer Weise in der «Goldenen Kette des Homer» (der aurea catena Homeri der Alchemisten), in einer schönen Verknüpfung dargestellt wird, die uns doch ganz deutlich hinweist auf die Verse 447 ff. des Faust:
Wie Alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem Andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen!
Im Zusammenhange damit lesen wir in einem Briefe vom 13. Februar 1769 an Friederike Oeser: «Ich habe Sie so selten gesehen - als ein nachforschender Magus einen Alraun pfeifen hört.» Darinnen liegt der Ursprung des ersten Faustmonologes. So führt uns Schröer an der Hand der psychologischen Entstehung der einzelnen Teile des Faust zum vollen Verständnisse desselben. In dem oben Angeführten sehen wir doch deutlich, wie schon 1769 in Goethes Geist die Gestalt Fausts auftaucht und welche Bedeutung sie hat. Ein anderes Beispiel ist das folgende. Beim ersten Akt des zweiten Teils, wo so voll überlegenen Humors das Treiben am Kaiserhofe dargestellt wird, werden wir auf Goethes Lektüre des Hans Sachs verwiesen. Die beiden Gedichte Sachsens «geschicht kaiser Maximiliani löblicher gedechtnus mit dem alchemisten» und «wunderlich geschicht kaiser Maximiliani löblicher gedechtnus von einem nigromanten», die Goethe 1775 las, machten auf den Dichter einen lebendigen Eindruck, hier fand er einen prägnanten Punkt, aus dem sich vieles ableiten lässt. Wir erkennen diesen lebendigen Eindruck in der Schilderung des Treibens am Kaiserhofe und in der Beschwörungsszene der Helena wieder. In ähnlicher Weise entstand das großartige Bild am Schluss des zweiten Teiles, wo die guten und bösen Geister um Fausts Seele kämpfen. Wir sehen in einem Briefe Goethes an den Maler Fr. Müller vom 21. Juni 1781 den Gedanken in der Einbildungskraft des Dichters lebendig werden, indem er über ein Bild spricht, das den Streit des Erzengels Michael mit dem Teufel «über den Leichnam Mosis» darstellt. Er sagt da: «Wenn man [...] dieses Sujet behandeln wollte, so konnte es, dünkt mich, nicht anders geschehen, als dass der Heilige, noch voll von dem anmutigen Gesichte des gelobten Landes, entzückt verscheidet und Engel ihn in einer Glorie wegzuheben beschäftigt sind. Denn das Wort: «Der Herr begrub ihn», lässt uns zu den schönsten Aussichten Raum, und hier könnte Satan höchstens nur in einer Ecke des Vorgrundes mit seinen schwarzen Schultern kontrastieren und, ohne Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen, sich höchstens nur umsehen, ob nicht auch für ihn etwas hier zu erwerben sein möchte.» Dazu bemerkt Schröer: «Moses scheidet beim Anblick des gelobten Landes, wie Faust im Hinblick auf Vollendung seines Werkes. In einer Glorie von oben rechts kommt die himmlische Heerschar, um Faust wegzutragen, und da die Engel ihn erheben, sehen wir Mephistopheles sich umsehend, wörtlich wie in dem Brief an Müller den Satan.» Gerade hier möchte man am ehesten glauben, Goethe sei von einer abstrakten Idee ausgegangen, und es ist interessant zu schen, wie auch da ein konkretes Bild zugrunde liegt.
Goethes Faust bedarf eines Kommentars. Die Naturfrische des ersten Teils und die hohe Kultur des zweiten, die uns die Dichtung so anziehend erscheinen lassen, bieten zugleich dem Verständnisse Schwierigkeiten ganz eigener Art. Erst wenn wir den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen des Goethe’schen Geistes erkennen, dringen wir ganz ein. Diese Erkenntnis sucht Schröer zu vermitteln. Sie ist insbesondere für den zweiten Teil notwendig, der so vielfach missverstanden und verkannt worden ist. Wir hoffen, gerade dieser Kommentar werde viel dazu beitragen, dass die Ansicht allgemein werde, die Schröer mit den Worten ausspricht: «Ein Werk nachlassender Dichterkraft ist es bei alledem keineswegs; es ist voll des Lebens, bewundernswert im Einzelnen und als Ganzes.»