12. Moderne Dichtung

M. E. delle Grazie

I

Es setzt sich heute jeder, der von modernen Strömungen in der Literatur spricht, der Gefahr aus, der Lächerlichkeit geziehen zu werden. Wie viel Unreifes, Dilettantenhaftes wird heute als modern bezeichnet! Die Kritiker, die oft keine Ahnung davon haben, was der Menschengeist im Verlauf seiner Entwicklung bereits aus sich hervorgebracht hat, bezeichnen manches als modern, was dem Einsichtigen nur als Modifikation eines längst Da gewesenen sich darstellt. Mit diesen Kritikern möchte ich nicht zusammengeworfen werden, wenn ich sage, dass sich in unserer Zeit ein radikaler Umschwung, des künstlerischen Schaffens nicht weniger wie der wissenschaftlichen Überzeugung, vollzieht. Dieser Umschwung ist nicht erst in jüngster Zeit zu bemerken. Goethes Jugenddichtung stand bereits in dem Zeichen desselben. Sein «Prometheus» ist erfüllt von dem Geiste, den ich als modern bezeichnen möchte. Aber Goethe war trotz seiner Tiefe, trotz der Universalität seines Geistes nicht energisch genug, das Gebäude aufzuführen, zu dem er den Grundstein gelegt hatte. Sein Alter stimmt schlecht zu seiner Jugend. Wir finden nirgends die Erfüllung dessen, was er uns versprochen hat. Man halte doch zusammen die stolzen Verse des Prometheus:

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

mit den demutsvollen im zweiten Teile des «Faust»:

Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.

Aus dem «freien Geiste», der den Halt des Lebens in sich selbst findet, ist ein Geist der Ergebenheit geworden, der von der göttlichen Gnade das Heil des Daseins erwartet. Damit sind die beiden Pole des Goethe’schen Schaffens bezeichnet. Langsam und allmählich vollzog sich die Umwandlung. Wäre Goethe auf dem Standpunkt seiner Jugend verblieben: wir hätten keine «Iphigenie» und keinen «Tasso», aber wir hätten vielleicht Dichtungen, die wir nun erst von der Zukunft zu erwarten haben. So künstlerisch vollkommen wie «Iphigenie» und «Tasso» wären die Werke Goethes vielleicht nicht geworden, wenn er sich in gerader Linie vom «Prometheus» aus weiterentwickelt hätte. Aber sie wären die ersten, großen Produkte einer nenen Zeit geworden. Das Schicksal hat es anders gewollt. Goethe hat die Tendenzen seiner Jugend aufgegeben. Er wurde nicht der Messias einer neuen Zeit. Dafür aber brachte er uns die schönste, die reifste Erfüllung einer nunmehr abgestorbenen Epoche. Reif, überreif sind seine späteren Dichtungen, aber sie sind die letzten Produkte einer Entwicklungsreihe. Es ist auch so gut. Die Zeit war noch nicht reif für Probleme, die wir, hundert Jahre später, kaum in verschwommenen Umrissen ahnen. Wer ein volles Bewusstsein von diesen Problemen hat, die im Schoße der Gegenwart ihrer Geburt entgegensehen, wer weiß, dass wir in einem Zeitalter der Erwartung leben und kein Recht haben, am Vergangenen weiter zu zehren, den nenne ich einen modernen Geist. Ich habe nun dieses Kennzeichen echt modernen Strebens, das in Byron aufdämmerte, bei keinem Zeitgenossen so prägnant, so klar umrissen gefunden wie bei der österreichischen Dichterin M. E. delle Grazie. Ich habe mir diese Ansicht nicht aus ihren Erstlingsschriften: «Gedichte», «Die Zigeunerin», «Hermann», «Saul»1 gebildet, sondern aus ihren in letzter Zeit in verschiedenen Zeitschriften erschienenen Gedichten. Diese Dichtungen sind das streng gesetzmäßige Spiegelbild der modernen Weltanschauung aus einer tiefen, stark empfindenden, klar sehenden und mit einer großen künstlerischen Gestaltungskraft ausgestatteten Seele. Was eine gemütvolle und stolze Natur von dieser Anschauung zu leiden hat, das hat delle Grazie in ihren Gedichten zum Ausdruck gebracht. Was ein edler Geist empfindet, wenn er den Zusammenbruch der alten, großen Ideale sieht, wenn er wahrnehmen muss, wie die moderne Naturauffassung diese Ideale als wesenlose Schaumblasen und Dunstgebilde ins Nichtige, Leere zerstäuben lässt, das vernehmen wir aus den Schöpfungen dieser Dichterin. Es sind Gegenwartsstimmung und Zukunfts-Hoffnungslosigkeit, die uns da entgegentreten. Nur wer sich dem Geiste, der unsere Zeit durchdringt, verschließt, oder wer flach genug ist, um der Öde ins Angesicht zu lachen, der kann die tiefe Bedeutung von delle Grazies Dichtungen verkennen. Es ist nichts Kleinliches in den schmerzlichen Tönen, die uns hier erklingen. Delle Grazies Leiden entspringen nicht dem Schicksal, das über dem Alltäglichen waltet; sie haben ihren Grund in den Disharmonien des Kosmos und der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Sie heben sich von einem bedeutenden Hintergrunde ab. Deshalb finden wir auch nirgends in ihnen Verzagtheit und Kleinmut, sondern stolzes, kühnes Erheben über den Schmerz. Rücksichtslos wird das Schmutzige, Niedrige, Gemeine in seiner Nichtigkeit gezeigt, aber immer erhebt die Künstlerin stolz das Haupt, um frei zu sein von dem Verachteten, das sie mit ihrer Geißel trifft. Die tiefe Ironie, die im Menschendasein liegt, hat delle Grazie durchschaut. Sie hält nichts von Erkenntnis, von Idealen. Das sind ihr Dinge, denen die Menschheit zustrebt, um sich dann umso gründlicher enttäuscht zu fühlen, wenn sie sich als wert- und wesenloser Schein entpuppen. Aber es lebt ein stolzer Geist in der Dichterin. Sie vermag sich selbst bis zu der Höhe zu erheben, wo man über die Nichtigkeit des Seins lächeln kann, weil man aufgehört hat, Verlangen nach demselben zu haben.

Ich suche hierinnen den Grund zu der Stimmung in delle Grazies neuster Gedichtsammlung: «Italische Vignetten». In Roms Entwicklung ist ein Punkt, wo menschliche Größe am engsten zusammenstieß mit menschlicher Nichtigkeit. Cäsarenmacht mit menschlicher Schwäche, Kunsthöhe mit ethischer Fäulnis paarte sich hier. Der Mund, der Völker befehligte, lechzte gierig nach dem Kusse des elendesten Weibes; Herrensinn wurde zum Sklavensinn, wenn die Umarmungen hochgestellter Dirnen ihn bändigten. Wie sich das in den Resten alter Zeit heute noch versteinert, aber deutbar dem hellsehenden Blicke kundtut, das sprechen diese «Vignetten» aus:2

Götterwürd’ und Götterrechte
Habt ihr kühn euch angemaßt,
Geist und Tugend wurden Knechte,
Wo die Willkür toll geprasst.

singt delle Grazie von den römischen Cäsaren. Die Stimmung, die sich ihrer in der ewigen Stadt bemächtigte, gibt sie wieder mit den Worten:

Mit elegischem Geflüster
Blickt vom öden Palatin
Eine einz’ge Pinie düster
Nach dem stillen Forum hin.

Neben diesen Strophen, die von wahrhaft historischem Geiste erfüllt sind, fehlt es auch an solchen nicht, die Italiens Gegenwart anschaulich uns vor die Seele zaubern. Hier trifft delle Grazie den Ton der Wehmut ebenso gut wie den des heiteren Humors, wenn er in der Natur der Sache gegeben ist. Eine Anzahl von Gedichten sind den Eindrücken entsprossen, die Tassos Spuren in der Dichterin hervorriefen:

Vor deiner Gruft erstirbt jed’ eitles Wähnen,
Hier thront dein Ruhm in majestät'scher Ruh’,
Doch wo der Mensch gelitten, fand ich Tränen,
Und schluchzen, träumen durft ich hier wie du!

Unter dem Namen «Bilder und Gestalten» teilt uns delle Grazie ihre Empfindungen bei dem Anblicke großer italischer Kunstwerke mit, wie der Sant’ Agnese von Guercino, St. Cäcilia von Maderna, Apoll von Belvedere, Zeus von Otricoli, Moses von Michelangelo. — Ich muss in diesen Dichtungen die Tiefe de Eindrücke ebenso bewundern wie das Geistvolle der Wiedergabe derselben. Neapel, Pompeji, Sorrent, Capri sind in tiefempfundenen Gedichten von großer Formschönheit besungen. Mich hat besonders das mit der Überschrift «Zwei Wahnsinnige» aus dem Zyklus «Sorrent» ergriffen. Tasso und Nietzsche, die beide auf diesem Boden wandelten, sind einander gegenübergestellt:

Zwei große Menschen schritten diese Pfade
Und oft stehn beide jäh mir vor dem Sinn:
Tasso, der Dichterfürst von Gottes Gnade,
Und Friedrich Nietzsche ... gleich war ihr
Gewinn, Und Wahnwitz hieß er ...

Beiden Geistern war eines gemeinsam: in ihrer Brust lebte ein Trieb, der ungezügelt in die Tiefen des Seins strebte; beide vergaßen darüber, dass der Mensch an die Erde gefesselt ist und dass er aufhören muss zu atmen, wenn er sich bis über eine gewisse Höhe erhebt. Wie der Körper, so ist auch der menschliche Geist von dem Medium abhängig, in das sein Leben einmal hineingeboren ist. Tasso wie Nietzsche wollten aber ihren Standpunkt außer diesem Medium nehmen, um von Himmels Höhen auf das Irdische zu schauen. Darob aber verzehrten sie sich selbst.

Delle Grazie hat in Italien all die Herrlichkeit geschaut, die da zu schauen ist:

Wie alle hast du mich an dich gezogen,
Bezaubert, hingerissen und betört,
Auf Trümmern mir von einem Glück gelogen,
Das du im Sonnenglanze hart zerstört —

Sie hat aber nur an einem großen Beispiele ihre Weltanschauung bestätigt gefunden:

Doch groll ich nicht ..., zur Heimat geht es wieder,
Wenn auch mit schnöd gebroch’nem Wanderstab —
Ich bring mit ihm die alten Qualen wieder
Und hier wie dort leg ich ihn auf ein Grab!



  1. Sämtlich bei Leo & Co. (Karl Konegen) in Wien erschienen. ↩

  2. Leipzig 1892, Breitkopf & Härtel (VII, 132 $.) 3 M., geb. 4 M. ↩

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