9. Balzac

Zu dessen hundertstem Geburtstag

In Honore de Balzac wurde am 20. Mai 1799 Frankreich ein Mann geboren, der als Künstler die Weltanschauung unseres Jahrhunderts mit all den Einseitigkeiten zum Ausdrucke brachte, die sie zunächst nötig hatte, um sich wirksam durchzusetzen gegen die Geistesrichtung, die die jahrhundertalte Christologie den Menschen eingeimpft hat. Soll mit einem Worte diese moderne Weltanschauung charakterisiert werden, so muss man sagen: Sie suchte das Verständnis des Menschen auf dem Grunde naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Wie wir die Zusammensetzung und die Bewegungen des Weltalls rein naturgesetzlich zu begreifen suchen, so schwebt uns heute vor, auch des Menschen Tun und Lassen zu erklären. Wir denken nicht mehr darüber nach, warum Gott das Böse in der Welt zulässt, sondern wir suchen die menschliche Organisation zu verstehen, um sagen zu können, wie sie zu solchen Äußerungen kommt, die als böse angesehen werden. Diese Geistesströmung hat Balzac übertrieben. Er wollte der Naturforscher der menschlichen Gesellschaft sein. Wie Dante eine «göttliche» Komödie geschrieben hat, so wollte er eine «menschliche» schreiben, denn er dachte: Es gibt soziale Arten, wie es zoologische Arten gibt. Wie in der Tierwelt der Unterschied von [Löwe] und Hund, von Säugetier und Vogel begriffen werden muss, so in der menschlichen Gesellschaft der von Beamten und Kaufmann, von Finanzmann und Geburtsaristokrat. Eines ist dabei übersehen. Die tierische Art Löwe wird durch das einzelne Individuum so erschöpft, dass uns an diesem nichts weiter im Wesentlichen interessieren kann, wenn wir die Eigentümlichkeit seiner Art begriffen haben. Die alte Jungfer mag noch ein besonderes Interesse haben für die individuellen Eigenheiten ihres Schoßhündchens. Allgemeine Aufmerksamkeit können solche Eigentümlichkeiten nicht erregen. Ganz anders liegt die Sache beim Menschen. Jedes Individuum wird uns hier zum Problem. Die Art erschöpft sich nicht in dem Einzelwesen. Jeder Mensch gibt uns für sich ein Rätsel auf. Ein psychologisches Rätsel für den Erklärer; eine künstlerische Aufgabe für den Darsteller. Das hat Balzac nicht begriffen. Er hat deshalb keine Einzelmenschen, keine Individuen dargestellt. Das Letzte fehlt allen seinen Gestalten. Wir sehen in ihnen Vertreter ihrer sozialen Typen. Die Interessen, die Ziele, die Lebensführungen ihres Standes beherrschen sie und schweben über ihren Häuptern wie fixe Ideen. Das soziale Kostüm, das Milieu allein ist gezeichnet. Der Mensch ist nur ein Exemplar. Die Wahrheit der Weltanschauung Balzac[s] wird erst enthüllt, wenn auch das Individuelle, über das er hinweggeht, naturwissenschaftlich klar vor uns steht. So müssen wir heute Balzac verstehen. Dann werden wir in ihm den Ahnherrn manches gegenwärtigen Vertreters der neuen Weltanschauung sehen, der im Grunde auch nicht bis zu dem Punkte vorgedrungen ist, wo das Individuum anfängt. Es ist, um einen der Größten zu nennen, die geistige Tragik Nietzsches, dass er den Menschen nie bis in die Geheimnisse der Individualität hinein verfolgt hat. Für Nietzsche, den so oft als Individualisten Charakterisierten, existieren auf breiten Gebieten fast nur Gattungsideen. Den Proletarier, den Christen, das Weib, den Gelehrten und viele andere sah Nietzsche nur als Gattungen. Und aus diesem Umstande erklären sich viele Widersprüche bei Nietzsche. Im Grunde widersprechen sich alle Behauptungen Nietzsches, die er als Beobachter, als Philosoph macht, mit seinen Schlüssen, Urteilen, die er bildet. Was er vom Einzelnen hätte sagen sollen, behauptet er als allgemein charakteristische Wahrheiten. Er leidet unter demselben Vorurteile, unter dem Balzac Romane geschrieben hat. Das Ziehen der letzten Konsequenzen, der wirklich unbefangene Blick auf die Wirklichkeit mangelt beiden. Sie können die an der Hand der Naturwissenschaft gewonnenen Wahrheiten nicht auf die menschliche Gesellschaft anwenden. Sie übertragen das dort Gültige einfach hierher. Aber in dieser wörtlichen Übertragung ist es falsch. Wenn wir Heutigen uns durch die lange Reihe der Balzac’schen Romane durchwinden, dann stehen wir da, wie Hölderlin vor den Menschen seiner Zeit: wir sehen Herren und Diener, Aristokraten und Volk, Bauern und Bürger; aber Menschen sehen wir nicht. Endlich muss die Einsicht gewonnen werden, dass wir die großen Propheten der modernen Weltanschauung nur dann verstehen, wenn wir im richtigen Augenblicke über sie hinauszugehen verstehen. Auch Goethe verstehen wir heute nicht dadurch, dass wir zu seinen Ehren Feste veranstalten, dass wir seine Worte nachsprechen und kommentieren, sondern dadurch, dass wir die Schlüsse aus seinen Ansichten ziehen, die er noch nicht ziehen konnte. Die Geschichte geht uns nur insoweit etwas an, als sie unsere eigene Tätigkeit fördert.

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