7. Wilhelm Jordan
Zu seinem achtzigsten Geburtstage
Eine Zeitschrift, die vor allen anderen Dingen der Weltanschauung der Gegenwart dienen will, muss am 8. Februar [1899] einen Festtag verzeichnen. An diesem Tage wird Wilhelm Jordan achtzig Jahre alt. Wer den Kultus der «reinen Kunst» treibt, wird an Jordan manches auszusetzen haben. Die künstlerische Komposition seiner Werke, namentlich aber die Wiedererneuerung des Stabreimes bringen bei manchem Ästhetiker ein höchst «vornehmes» Achselzucken hervor. Man kennt sie, diese Ästhetiker, die es ihm nicht verzeihen konnten, dass er sang, er wolle «mit rauschendem Redestrom bis zum Rande der Vorzeit Gefäße wieder füllen und neu verjüngen nach tausend Jahren die wundergewaltige, uralte Weise der deutschen Dichtkunst». - Wer aber in der Kunst ein Glied innerhalb der allgemeinen Kulturentwickelung sieht, der muss Wilhelm Jordan zu den besten Geistern des ablaufenden Jahrhunderts zählen. Er gehört zu denen, deren Schriften der Mensch der Gegenwart nicht erschöpfen kann, weil sie ihm immer wieder Neues bringen. Es gibt nichts innerhalb der geistigen Interessen der Gegenwart, was Wilhelm Jordan nicht als seine persönliche Angelegenheit betrachtet hätte. Ein großer Dichter mag sich damit begnügen, in einem Teile des Kulturlebens der Gegenwart zu Hause zu sein. Ein führender Geist kann das nicht. Und Wilhelm Jordan ist ein führender Geist. Allerdings nur für diejenigen, die den Zauber empfinden, der in der Kraft seiner Ideen liegt.
Wenige Künstler haben in so großzügiger Weise die Perspektive der Zukunft mit derjenigen der Vergangenheit zu verbinden gewusst. In das Gewand der uralten deutschen Heldensage hat Jordan die Weisheit zu kleiden gewusst, die fortleben wird bis in die fernste Zukunft. Der Geist der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung belebt die Gestalten der alten Sage in seiner gewaltigen Dichtung «Nibelunge».
Wilhelm Jordan hat als echt moderner Geist eines gewusst: dass die Phantasie des heutigen Menschen nicht dichterische Fabeln im großen Stile erfinden kann. Unsere Phantasie wirkt anders als die der Vorfahren. Das Übermenschliche, das der Mensch als das über ihn Hinausliegende ersinnt, ist heute ein gestaltloses Ideengebilde, das man im tiefsten Innern mit all der Inbrunst empfindet, mit der die Vorfahren über ihre Götter und Heroen empfanden, das aber nimmermehr plastische Gestalt annehmen kann. Der Künstler großen Stiles muss daher die Gestalten zu den modernen Ideen von den Ahnen entlehnen. Aber er kann diesen Gestalten die moderne Seele einhauchen. Und das hat Wilhelm Jordan getan. Er hat die alten Helden zu Idealen des modernen Menschen gemacht. Den Sinn, den ihnen die Vorfahren gegeben haben, können wir nicht mehr empfinden. Aber die Gestalt ist auch für uns anschaulich. Hagen, Siegfried, Kriemhild, Brunhild sind menschliche Charakterfiguren, die als solche unvergänglich sind. Nur der Geist, den ihnen ihre Schöpfer innerhalb des Weltgetriebes gegeben haben, ist unserem Vorstellen fremd geworden. Die Dinge dieser Welt sind aber nicht auszuschöpfen. Und aller Sinn, den wir mit ihnen verbinden, ist nur ein Teil des großen Geistes, den sie enthalten. Es ist möglich, von Zeit zu Zeit einen neuen Sinn aus ihnen zu holen.
Dies hat Wilhelm Jordan in Bezug auf die Gestalten der deutschen Heldensage geleistet. Sie haben durch ihn eine Seele ohne den Ausblick auf die germanische Götterwelt bekommen. Sie sind Repräsentanten des modernen Geistes geworden.
enn Wilhelm Jordan ist selbst ein Träger des modernen Geistes. Es wird wohl kaum jemand das moderne Bewusstsein besser zum Ausdruck bringen können, als er es mit den Worten getan hat, die er - im Hinblick auf Darwin - sprach:
Er hat’s greiflich klar wie niemand
Ausgespürt und aufgezeigt,
Wie und welche tausend Pfade
Sacht empor das Leben steigt,
Ich nur aller Pfade Richtung
Aus des Dichters Vogelschau
Überblickt, er ahnt in ihnen
Ziel und Plan im Weltenbau.
Wie - so lautet seine Frage
Stärken, steigern Hunger, Tod?
Meine: - was erlöset weiter
Gott in uns aus Neid und Not?
Das ist der moderne Glaube: dass nicht ein Gott die Welt gemacht und den Menschen geschaffen, sondern dass in des Menschen Brust ein Gottesbild wohnt, geeignet, den Gott selbst zu schaffen. Und Nietzsches Übermensch ist nur der Gott, der in uns wohnt und zum Vorschein kommen soll.
Er ist unser: möchten wir von Wilhelm Jordan sagen. Wir, die nicht an den Gott der Vergangenheit glauben, die aber arbeiten für den Gott, den wir schaffen wollen, wie das Tier aus sich den Menschen geschaffen hat.
Und wir, die mit ihm eines Unglaubens sind, bringen ihm die Grüße zum Geburtstage.