2. Ludwig Anzengruber

Gestorben am 10. Dezember 1889

Rasch nacheinander entriss uns Deutschen in Österreich der Tod unsere beiden größten Geister. Erst schloss der Dichter des deutschen Idealismus, der uns hinaufgeführt in die Höhen der weltumspannenden Gedanken, Robert Hamerling, die Augen. Vor wenigen Tagen folgte ihm der gewaltige Kenner und Darsteller der Seele unseres Volkes: Ludwig Anzengruber.

Beiden gegenüber zu einer gerechten, allseitigen Würdigung zu kommen, ist unsere unmittelbare Gegenwart fast unfähig. Parteienkampf auf der einen Seite, gelehrter Hochmut auf der anderen sind die Hindernisse, die sich einer solchen Würdigung ihrer Größe in den Weg legen. Unempfindlich für das echt Künstlerische, das menschlich Große am Dichter, sucht die Partei nur nach Schlagworten in seinen Werken, um ihn zu einem der Ihrigen zu machen. Seine Schriften gelten ihr nur, insoferne sie Belege für ihre Parteizwecke sind. Die zeitgenössische Gelehrsamkeit hinwiederum, die sich vermöge der Stellung und Aufgabe ihrer Träger den Blick frei und offen halten sollte für alles Große und Schöne, trägt heute weniger als je zur Erkenntnis dessen bei, was die Gegenwart Bedeutendes leistet. Die wertlosesten Geistesprodukte längst vergangener Jahrhunderte, die nie einen Einfluss auf die Menschheit gehabt haben, werden aufgestöbert und in gelehrten Abhandlungen und akademischen Vorträgen verarbeitet, aber die Literatur der Gegenwart wird behandelt, als ob sie die Herren überhaupt nichts anginge. Es werden wahrscheinlich erst Jahrzehnte vergehen müssen, dann werden die Literarhistoriker auch an Hamerling und Anzengruber herantreten, textkritische Ausgaben machen und historische Würdigungen schreiben. Dass eigentlich die Gelehrsamkeit die Aufgabe hätte, den Zeitgenossen das Verständnis der Gegenwart zu erschließen, und dass alle Kenntnis der Vergangenheit nur Wert hat, wenn sie uns das näherbringt, was um uns her vorgeht, uns unmittelbar berührt, davon wissen diese Kreise nichts.

Dazu kommt dann die Verlogenheit unserer Tagespresse, die vor keiner Schändlichkeit zurückschreckt, wenn es ihr gilt, das Bild eines Zeitgenossen zu entstellen, der ihr entweder nicht ganz zu Willen war oder dessen Leistungen ihr gegen den Strich gehen. Wir haben dies vor einigen Monaten an Hamerling erfahren müssen, jetzt an Anzengruber. Die Berichte der Wiener Tagesblätter über jenen zeugten von einer Unkenntnis seines Lebens und seiner Werke und waren voll von absichtlichen Entstellungen seines Wirkens als Mensch und als Dichter. Bei Anzengruber konnten wir keine besseren Erfahrungen machen. Was er wirklich ist, was er für sein Volk und für die deutsche Dichtung ist, das in würdiger Weise auszusprechen, dazu fühlte man durchaus keinen Beruf. Ist ja doch vor wenigen Wochen auch sein fünfzigster Geburtstag vorübergegangen, ohne dass eines der tonangebenden Tagesblätter Wiens ein literarisches Feuilleton über ihn gebracht hätte.

Das geschieht den größten Söhnen unseres Volkes! Und Anzengruber war einer derselben. Mit ursprünglicher, naiver Geistesrichtung, starker dichterischer Anlage begabt, eroberte er der deutschen Literatur ein ganz neues Gebiet. Er ist Volksdichter, aber in dem Sinne, dass er die Seele des Volkes da erfasst, wo sie sich erhebt zu den bedeutsamsten Fragen der Menschheit, da, wo sie bewegt wird von jenen Problemen, die in ihrer weiteren Ausbildung zu den tiefsinnigsten Werken unseres Geschlechtes geführt haben. Die Frage des Rechtes oder Unrechtes, der Schuld und Verantwortung, der Freiheit und Unfreiheit des Willens, des Daseins und der Güte Gottes, insofern sie sich in dem naiven Gemüt des einfachen Menschen widerspiegeln und in seinem Herzen die größten Leidenschaften aufwühlen, die stärksten Konflikte hervorrufen, das sind die Dinge, die Anzengrubers Werken zugrunde liegen. Das «Weh dir, dass du ein Enkel bist» ist von keinem klassischen Dichter wirksamer behandelt worden als im «Vierten Gebot» unseres Anzengruber. Dass alles Recht Menschensatzung ist und es kein ewiges, unabänderliches Naturrecht gibt, eine Frage, welche die tiefsten Geister beschäftigt hat, spricht in ihrer Art die «alte Liesl» im «Meineidbauer» aus. Wie wir das Spiel des Schicksals sind, wie wir abhängig sind von der Außenwelt, die den Keim des Bösen oder Guten in uns legt, sodass es mit der menschlichen Verantwortlichkeit schlimm bestellt ist, geht der «Vroni» als Ansicht auf, da sie ihre eigenen Lebensschicksale betrachtet. Das ist das Große bei Anzengruber, dass er den «einfachen Menschen» so schildert, wie sich in ihm der «ganze Mensch», alles Menschliche, auslebt. Die Befreiung der Menschenbrust von hergebrachten Vorurteilen, die Berufung auf die Stimme der eigenen Vernunft, alles dies vollzieht sich bei dem Manne aus dem Volke nicht minder als bei dem Geiste, der auf den Höhen der Menschheit einherschreitet. Was sich auf dem großen Plane der Weltgeschichte vollzieht, alles das verbreitet seine Wellen auch bis in das Volksgemüt hinein. Dafür sind unseres Dichters Werke der denkbar schärfste Beleg. Der große weltgeschichtliche Umschwung, der sich gegenwärtig in den religiösen Vorstellungen der Menschheit vollzieht, er hat mit Macht auch das Volk ergriffen. Der blinde Glaube macht der denkenden Erfassung der Wahrheit Platz. Vernunft will in ihre Rechte treten. Dieser Zug der Zeit, wie er auch in den untersten Volksschichten auftritt, ist in Anzengrubers «Kreuzelschreibern» und dem «Pfarrer von Kirchfeld» so meisterhaft verkörpert, dass diesen Werken schon dadurch ihr Wert für alle Zeiten gesichert ist.

Man hat diese Dichtungen als Tendenzdichtungen aufgefasst; sie sind es aber durchaus nicht, ebenso wenig Hamerlings «Homunkulus». Wenn der Dichter sich der Wirklichkeit gegenüberstellt und sie künstlerisch verkörpert, dann darf man nicht von Tendenz sprechen. Denn das ist seine höchste Aufgabe. Nicht um zu sagen: Geistliche vom Lande, Bauern, werdet so oder so, dichtete Anzengruber, sondern um zu zeigen: so sind sie, diese Landleute von heute. In ihm hat eben ein ganzes Stück Menschenleben seine dichterische Verklärung gefunden.

Goethe sieht die Vollendung des Dichters darin, wenn es ihm gelingt, seine Personen dergestalt lebendig zu machen, dass sie mit der Wirklichkeit wetteifern. Anzengruber erfüllt diese Bedingung wie wenige. Er schreibt zwar nirgends die Wirklichkeit ab, wie die Schule der modernen realistischen Verkehrtheit es will, aber dafür schafft er Gestalten, die, so wie sie im Drama auftreten, auch unmittelbar existieren könnten. Und das ist die Aufgabe des wahren Dichters. Wir mögen welche Gestalt immer bei ihm hernehmen, alles ist naturmöglich, alles psychologisch wahr; nirgends ist auch nur ein Zug zu entdecken, der dem Wesen der Person widersprechen würde. Ja in der Kunst der Charakteristik gehört Anzengruber zu den bedeutendsten Dramatikern aller Zeiten, und diese Kunst ist gerade die Grundlage der Dramatik, besonders der modernen. Hier haben alle Ereignisse, alle Konflikte nur insoferne Berechtigung, als sie aus dem menschlichen Innern fließen. Das Schicksal, das bei den Alten als eine äußere Macht wirksam war, ist verinnerlicht, ist zu einer Folge der Charakteranlage der Personen geworden. Das Drama der Jetztzeit zeigt uns den Menschen, insofern er Herr seines Schicksals sein will und insofern er selbst Schmied seines Glückes ist. Anzengruber lässt alles, was vorgeht, ganz aus den Charakteren folgen. Nichts wird von dieser eisernen Konsequenz, wie er sich sie in der Menschenseele vorgebildet denkt, abgelassen. Haben wir die auftretenden Menschen begriffen, dann haben wir den ganzen Verlauf eines Stückes von ihm begriffen. Da wird nichts einem Theatereffekt, einem angenehm berührenden Verlauf der Handlung usw. aufgeopfert, wie das die Scheingrößen unserer dramatischen Tagesliteratur tun. Wegen dieses Zuges ist Anzengruber der geborene Dramatiker. Und Dramatiker ist er auch als Erzähler. Seine großartigen Erzählungen: «Der Sternsteinhof», «Einsam» usw., sind voll dramatischer Kraft und Vertiefung; ja selbst seine kleineren Geschichten sind von demselben Zuge beherrscht. Gelehrte Ästhetiker mögen sich darüber die Köpfe zerbrechen, unter welchen ästhetischen Schablonenbegriff sie deshalb seine Prosa unterbringen können; ja sie mögen zuletzt sogar zu dem Schlusse kommen, dass diese Prosa überhaupt nicht bedeutsam ist, weil sie nicht den Charakter der reinen epischen Darstellung sich wahrt; wir möchten uns aber an dem Herrlichen erfreuen, das Anzengruber vermöge seiner eigenartigen Natur hervorbringen musste, wenn auch die hergebrachten Begriffe sich nicht einstellen, die es klassifizieren könnten.

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