Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 15 July 1924, Stuttgart

Neunundsechzigste Konferenz

Im Juli hielt Rudolf Steiner zwei große Kurse zugleich in Dornach, den Heil-pädagogischen Kurs (GA 317) und den Lauteurythmie-Kurs (GA 279). Am 14. Juli aber reiste er mit Marie Steiner nach Stuttgart wegen der Liquidation der Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag». «Geistige Betriebe», darunter die Waldorfschule, waren von dieser Aktiengesellschaft mitfinanziert worden.

Wegen dieser schwierigen Verhandlungen war Steiner in Stuttgart, als ihn eine Hiobsbotschaft aus der Schule erreichte. Eine nicht geplante Konferenz wurde am Nachmittag des 15. Juli abgehalten. Danach reiste Steiner weiter nach Holland u.a. zu den pädagogischen Vorträgen in Arnheim, ,,Der pädagogische Wert der Menschenerkenntnis und der Kulturwert der Pädagogik» (GA 310).

Themen: Intellektuell-geistige Entwicklung: Der Waldorfschüler ist weit entwickelt; das Seelisch-Moralische ist zurückgeblieben. Ursachenforschung.

Bemerkungen: Drei Schüler der 11. Klasse waren moralisch entgleist. Sie waren seit drei, vier Jahren in der Schule, alle mehr oder welliger schwach begabt (Steiner gebraucht das heute unübliche Wort «Schwachsinn»).

Trotzdem warf er der Lehrerschaft vor, sich nicht um die Schüler gekümmert zu haben. Er meinte, die Lehrer seien zwar überlastet, aber Interesse und Begeisterung sollten aufgebracht werden können.

Es Gelen Sätze wie «wenn die Waldorfschule bestehen bleiben soll» und: «dass vor einem neuen Schulanfang, wenn die Waldorfschule fortgehen soll, vor dem neuen Anfang unbedingt in einer Reihe von Lehrerkonferenzen gerade über diese moralische Haltung der Schule verhandelt werden muss».

Immer wieder hielt er den Kollegen vor, dass das Interesse an den Schülerpersönlichkeiten fehle, dass die «psychologischen Bilder» in den Konferenzen, wo er nicht anwesend war, nicht gemacht worden seien. (Damit meinte er die Kinder- oder Schülerbetrachtungen).

Ernst Lehrs bat um Hinweise. Steiner antwortete ihm: «Verkennen Sie nur nicht, dass die Frage vorzugsweise eine Sache des Interesses an den Kindern und jugendlichen Leuten ist, und eine Sache des Enthusiasmus.»

Zu Beginn analysierte er den Vorfall und sagte u.a.: «wenn wir eine so überlastete Lehrerschaft haben wie bis jetzt». Abschließend aber meint er: «Ein Mensch kann doch nicht müde sein, wenn er im Geiste leben soll. Müde sein ist doch eine Sache der Interesselosigkeit.»

Vorsitz: Rudolf Steinen

RUDOLF STEINER: Ich habe eigentlich nicht voraussetzen können, dass bei dem kurzen Aufenthalt eine Lehrerkonferenz möglich sein wird. Infolge der Hiobsnachricht, die ich erhielt, hielt ich es für unbedingt notwendig, diese Konferenz abzuhalten und die letzten Vorkommnisse zu besprechen. Es wird nicht möglich sein, heute die Konferenz so lange auszudehnen, da nachher noch eine Sitzung sein muss. Aber die Vorkommnisse der letzten Tage müssen doch besprochen werden. Ohne dass ich auf etwas anderes vorher eingehe, möchte ich daher bitten, die entsprechenden Vorkommnisse gleich zu besprechen.

WALTER JOHANNES STEIN berichtet über die Diebstahlangelegenheit S. P und R. VV. Eugen Kolisko berichtet ebenfalls.

RUDOLF STEINER: Sind denn beide Buben in der 11.? Sind in der letzten Zeit irgendwelche bemerkbaren Dinge vorgekommen?

WALTER JOHANNES STEIN: In der Schule selbst nicht. Er war teilnahmsvoll. S. R ist weniger interessiert am Unterricht.

RUDOLF STEINER: Nun liegt ja das vor, was die Frau Professor Gessler geschrieben hat.

Der S. P. wohnte doch zusammen mit E. S. bei Frau Gessler. R. W. hat gesagt: Wir wollten ihre Möbel bewundern. Das ist zweifellos der Augenblick gewesen, dass sich die beiden Jungen den Schlüssel von Frau Professor Gessler angeeignet haben, sodass die Frage entsteht, ist der S. P. selber stark aktiv gewesen, oder ist R. W. der [absolute] Versucher, was ja der Fall zu sein scheint.

MAX WOLFFHÜGEL spricht über die beiden Jungen: [Die Mutter klagt über schlechte Einflüsse, unter denen ihr Sohn seit einiger Zeit stehe. Seine künstlerischen Arbeiten sind seit derselben Zeit sehr verändert.]

RUDOLF STEINER: Wie lange sind [die Jungen} in der Schule?

Antwort: Drei Jahre ist S. P. in der Schule; vier Jahre ist R. W. da.

RUDOLF STEINER: R. W. hat auch das Geld gestohlen, Welcher Lehrer hat noch mit R. W. zu tun gehabt?

Mehrere Lehrer berichten.

RUDOLF STEINER: Die Fälle geben ungeheuer viel zu bedenken. Nachdem wir das uns angehört haben, geben sie umso mehr zu be-denken. Denn sie sind auch Symptome für etwas, was auch durch andere Dinge in letzter Zeit [sehr] stark hervorgetreten ist.

Nicht wahr, durch unsere Waldorfschul-Methode bringen wir die Kinder auf der einen Seite, nach der intellektuell-geistigen Art, wir bringen sie sehr weit. Und unsere Schüler sind ja tatsächlich weiter, als andere Schüler in diesem Alter sind. Das ist null eben nicht zu leugnen. Die ganze Schülerschaft ist von der 8. und 9. Klasse ab eben eine andere junge Menschheit, als es in den sonstigen Schulen der Fall ist.

Nun ist aber der Mensch, nicht wahr, ein Ganzes, und erforderlich ist schon, dass, wenn man den Menschen vorwärtsbringt in intellektuell-geistiger Weise, man ihn ebenso entsprechend vorwärtsbringen muss in moralisch-seelischer Weise. Nun ist es nicht zu leugnen, dass das Kontingent an Unterricht und Erziehung, das wir leisten in der Waldorfschule, sich im Wesentlichen doch beschränkt auf die Zeit, die die Kinder in den Schulstunden zubringen, und dass auch das Verhältnis zu den Schülern im Wesentlichen hergestellt wird durch dasjenige, was in den Unterrichtsstunden abläuft. Das ist allerdings durch die Verhältnisse herbeigeführt und kaum auch radikal zu ändern, wenn wir eine so überlastete Lehrerschaft haben wie bis jetzt, dass jenes persönliche Verhältnis zu den Kindern nicht eintritt, das tragen müsste, parallel gehend zur intellektuell-geistigen Entwicklung, die moralisch-seelische Entwicklung. Es fehlt der moralische Einfluss der Lehrerschaft auf die Schülerschaft von der 8. Klasse ab eigentlich doch sehr stark.

Auch besteht kein solcher moralischer Kontakt zwischen Lehrern und Schülern außerhalb des Unterrichts, wie er [bestehen sollte], sodass die Schüler der 8. Klasse, wenn sie in einer entsprechenden Weise organisiert sind, von der 8. Klasse ab zu stark moralisch auf sich selbst angewiesen sind.

Wir reden über die Schüler nicht so, wie wir reden würden, wenn wir in diesem moralischen Kontakt mit den Schülern stünden. Auch [der] Brief, den Sie mir geschrieben haben über R. W., ging hervor aus dem Verhältnis, das Sie hatten zu den beiden innerhalb der Schulstunden. Es war nichts ersichtlich davon, dass auch ein persönliches Verhältnis zu den Schülern da ist. Das ging heute auch aus den [mündlichen] Mitteilungen der Freunde über diese Schüler genügend hervor, dass dieser moralische Kontakt mit den Schülern [durchaus] fehlt.

[Gewiss], ich gebe gern zu, dass dazu die Zeit nicht vorhanden ist, dass die Lehrer überlastet sind, aber auf der anderen Seite ist es eine objektive Tatsache, dass es so geworden ist schon seit längerer Zeit.

Und nun besteht dadurch doch nicht das, was unbedingt bestehen müsste bei der übrigen Verfassung der Waldorfschul-Pädagogik, dass in den Lehrern ein genaues psychisches Bild der Schüler leben würde. Es lebt kein genaues psychisches Bild der Schüler in der Seele der Lehrer. Ich weiß nicht, in welcher Art in der letzten Zeit in der Lehrerkonferenz gerade diese Schülerpsychologie sich entwickelt hat, wie sie sich hätte entwickeln können im Anschluss an die Konferenzen mit mir. Es hätten doch die besonders beachtenswerten Individualitäten auch der höheren Klassen hier studiert werden können. Ich weiß noch nicht, wie weit das in den Konferenzen, in denen Sie allein sind, wirklich gemacht worden ist, aber es ist eben nicht das da, was unbedingt da sein sollte.

Nun, nicht wahr, wir haben diese drei Fälle H. H., S. P. und R. W. Bei H. H. lag ein nicht gerade sehr beträchtlicher, durch eine energische, ausdauernde psychische Behandlung zu heilender Schwachsinn vor. Daher habe ich auch immer, wenn es sich um H. H. handelte, gesagt, wenn es gelingt, den Jungen so zu behandeln, dass er Vertrauen fasst, das so weit gehen würde, dass er zu einem der Lehrer kommt, wenn er in Not ist, und sich zu ihm wie zu einem väterlichen Menschen verhält, dass dann die Sache besser werden könnte. Es ist doch nach meinem Eindruck nicht dazu gekommen, dass der H. H., der leicht zu behandeln gewesen wäre, tatsächlich jene energische Liebe zu irgendeiner Lehrkraft gefasst hätte, die ihn hätte bessern können. In einem solchen [Falle] hilft keine Unterweisung, keine Diskussion über moralische Dinge, hilft lediglich ein solches Verhältnis zum Lehrer, dass ein solcher Schüler besonders anhänglich ist und sich besonders hingezogen fühlt. Zu einem solchen Kontakt ist es nicht gekommen. Ich habe gehofft, dass es kommen könnte. Er ist nun draußen. Aber große Verdienste, um seine moralische Haltung zu festigen, haben wir uns eigentlich nicht erworben.

Kommt der Fall S. P. Das scheint so zu liegen, obwohl ich den Schüler weniger kenne, dass auch ein mäßiger moralischer und intellektueller Schwachsinn vorliegt. Er scheint ein schwachsinniger Junge zu sein, der stark beeinflussbar ist. Wahrscheinlich würde eine leichte Suggerierbarkeit beim S. P. vorliegen, sodass er für einen starken moralischen Einfluss ebenso zugänglich wäre wie für nichtsnutzige Einflüsse. Nun liegt die Sache so, [dass er schon in sehr hohem Maße moralisch verdorben ist], dass die Verderbnis nun aber [schon Monate durch] gewirkt haben muss, [sodass eine] moralische Verderbnis aufgepfropft ist auf diesen [zwar mäßigen, aber wesenhaften] Schwachsinn.

Nun, der Fall R. W. Er ist ein ausgesprochen, und zwar nicht mäßig, sondern stark schwachsinniger Junge, ein ausgesprochen schwachsinniger junge. Und nicht wahr, ich muss dabei immer wie-der erinnern: [Ein junger] Mensch kann vollständig schwachsinnig sein, ohne dass seine Intellektualität anders zu wirken braucht als so, dass man sagt, er macht gute Fleißaufgaben. Auch gründliche exakte Urteile können zustande kommen, er kann sich gescheit äußern, und dennoch liegt bei R. W. ein absoluter, konstitutioneller; starker Schwachsinn vor.

Er wäre nur zu halten gewesen, wenn ein inniger Einklang zwischen seiner Pflege im Hause Unger, im Kontakt mit der Schule vorhanden gewesen wäre, sodass R. W. stark beeindruckt gewesen wäre, sowohl von der Schule als auch vom Hause Unger. Beides war nicht der Fall. Sowohl das Unger'sche Haus wie die Schule, beide haben in moralischer Beziehung ihn sich selbst überlassen, sich nicht genug um ihn gekümmert. Die innere Verderbnis ist daher bei R. W. eine ganz außerordentlich große. Diese Dinge müssen wir uns in ihrer ganzen psychologischen Intensität vor Augen stellen.

Ernst werden wir daran denken müssen, dass wir dies überwinden müssen, wenn die Waldorfschule bestehen bleiben soll. Da muss der gute Wille [aller] zusammenwirken, vielleicht doch damit, dass vor einem neuen Schulanfang, wenn die Waldorfschule fortgehen soll, vor dem neuen Anfang unbedingt in einer Reihe von Lehrerkonferenzen gerade über diese moralische Haltung der Schule verhandelt werden muss. Wir kommen sonst nicht weiter. Das ist ein großer Mangel, der da ist. [Zunächst] kommt es mir vor, als ob vergessen [worden] wäre, dass ein starker Kontakt der Lehrer mit dem Schüler notwendig ist. Das ist es, was die Schule betrifft.

Was die beiden Schüler betrifft, P. und R. W., [so liegt die Sache so], dass nach all den Antezedenzien, die einmal da sind da-durch, dass die Schüler, trotzdem sie in der Waldorfschule waren, so geworden sind, wie sie sich in der letzten Zeit verhalten haben, gar keine Aussicht vorhanden ist, dass [diese beiden] in entsprechend starker Weise günstig beeinflusst werden können, wenn sie weiter in der Waldorfschule [bleiben]. Um irgendwelche Beeinflussungen wirksam zu machen, dazu ist das Außer-Kontakt-Kommen zu groß geworden. Sodass nach allem, was zutage gekommen ist, leider in schmerzlichster Weise gesagt werden muss, wenn diese beiden Schüler in der Waldorfschule bleiben — was in der Konferenz gesagt worden ist, beweist das vollständig werden sie moralisch immer schlechter und schlechter werden, [und sie werden außerdem auch noch manche andere anstecken]. Es ist keine Möglichkeit, an etwas anderes zu denken, als dass sie moralisch immer schlechter und schlechter werden. Sodass wir vor der notwendigen Tatsache stehen, nach dem, wie der Fall sich präsentiert, es könnte mit dem schwächeren S. P. vielleicht gehen, [mit] R. W. ganz sicher nicht. Es könnte [aber] sein, dass sich für S. P. eine [Besserung] vielleicht ergeben würde. [Das könnte versucht werden.] Bei 5. P. könnte bei seiner Suggerierbarkeit noch Besserung möglich sein. Der Fall wäre noch zu erwägen. Solange der Fall S. P. nur gespielt hat, habe ich ja gesagt, wir wollen ihn halten, wollen es selbst gegen den Vater durchzusetzen suchen. Aber wenn beide Buben hierbleiben, würden sie immer schlechter und schlechter werden, ganz sicher. Bei R. W. kann [keinesfalls] die Rede davon sein, dass er weiter in der Schule bleibt. Der Fall ist außerordentlich tragisch, auch schon dadurch, dass es eine Gewissensfrage für unsere Schule ist, indem wir uns gestehen müssen, wir haben doch auch die Schule vor diese beiden jungen so hingestellt, dass sie nicht in der Lage war, sie moralisch besser zu machen.

Kleptomanen sind sie beide nicht. Es liegt Schwachsinn, nicht Kleptomanie vor, [intellektueller und] moralischer Schwachsinn neben seelischem Schwachsinn. Das macht die Sache besonders schwierig. Wären sie Kleptomanen, so könnte man daran denken, irgendeine Therapie eintreten zu lassen, aber da sie schwachsinnig sind, würde uns nichts anderes übrig bleiben, als sie in eine Schwachsinnigenklasse zu geben. Das ist aber auch nicht denkbar.

Dem R. W. gegenüber haben wir nicht — wie jetzt die Sachen stehen — die durchgreifende Autorität. Es ist ja ganz offenbar, auch das, was Wolffhügel gesagt hat, passt gut hinein, dass bei diesen beiden Jungen eine innere Korruption schon seit Monaten Platz gegriffen hat. Also wir können nichts anderes tun, als bei R. W. [den Rat geben], ihn aus der Schule herauszunehmen.

Bei S. P. könnte man eine ganz kurze Probezeit lassen, bei der wir aber wirklich auf ihn aufpassen und uns wirklich [um ihn] kümmern. Bei R. W. ist es schwierig, Vater und Mutter sind ausgesprochen schwachsinnig. Ich weiß nicht, wer da in Betracht kommt, wenn dem Familienzusammenhang klargemacht werden soll, dass er nicht in der Schule sein kann. Er müsste direkt irgendwohin gebracht werden, wo systematisch auf moralische Besserung hingearbeitet wird. Nicht in eine gewöhnliche Besserungsanstalt selbstverständlich. Wenn R. W. in der Schule bleibt, so wird er schlechter, als er jetzt schon ist, sodass dann der Grad seiner Schlechtigkeit größer wird, als er jetzt schon ist. Wenn er aus der Schule kommt und sich selbst überlassen wird, würde er aber noch schlechter werden allerdings, als er hier in der Schule wird. Er müsste in eine Familie kommen, in der er moralisch gebessert wird. Oder in eine Anstalt oder so etwas. Etwas anderes [gibt es] für diesen Jungen nicht. Bei diesem jungen müssen Sie die Sache so hinnehmen, dass die innere moralische Korruption einen ungeheuren Grad erreicht hat infolge eines konstitutionellen, [sehr] intensiven Schwachsinns. Es wäre sowohl für die Schule wie für den Jungen selber sehr gefährlich, wenn er weiter unter denselben Verhältnissen in der Schule bliebe. Es müsste eine Familie gesucht werden. Ich werde morgen mit Doktor Unger selber sprechen,

Wir können die beiden Jungen nicht davor bewahren, dass sie vom Jugendgericht abgeurteilt werden. Sie werden unbedingt abgeurteilt. Aber gibt es nicht eine Möglichkeit, auf irgendeine Weise einen Sachverständigen in die Aburteilung hineinzuverwickeln?

Jemand bemerkt: Der Herr von Houwald ist Jugendrichter. Und dann ist der Modus der, dass der Strafbefehl gegeben wird und die Verhandlung ausgesetzt wird.

RUDOLF STEINER: Dann natürlich müsste sich eigentlich irgendeiner der hiesigen Ärzte finden, der sich der Fälle sachverständig annehmen würde. [Zu Eugen Kolisko] Wenn Sie es könnten, ich werde morgen mit Dr. Unger reden, dass gesorgt wird dafür, dass der Junge vom nächsten Schuljahr ab in anderer Weise behandelt wird. Es ist niemand anderer da als Dr. Unger, mit dem man verhandeln kann in dieser Angelegenheit.

Nun aber muss ich schon sagen, in einem gewissen Sinne ist doch die Tatsache höchst merkwürdig, dass hier in der Waldorfschule gerade just Anthroposophenkinder so schlecht gedeihen. Es waren doch auch damals Anthroposophenkinder, die ausgeschlossen worden sind.

Ja, nun, dies, was ich vorhin sagte, der allgemeine Gesichtspunkt, dass der Kontakt fehlt mit den Kindern, das ist doch etwas, womit wir uns beschäftigen müssen. Das liegt mir schwer auf der Seele. Das habe ich auch aus anderen Symptomen schon gemerkt. Es ist [doch noch] nicht dazu gekommen, dass die Lehrerschaft sich einen genügend [eindringlichen] psychologischen Blick für die einzelnen Schülerindividualitäten verschafft, und zwar doch aus dem Grunde, weil — es handelt sich nicht darum, dass man viel Zeit verwendet, sondern darum, dass man die Affinität für diesen Kontakt entwickelt, sodass das von dem Lehrer Gewollte auch von den Schülern so angesehen wird. [Es ist eine Eigenschaft, die man sich aneignen kann.] Es ist [jetzt] eine gewisse Fremdheit Ida].

Namentlich ist mir auch] das aufgefallen, [als ich durch die Klassen ging], es hat der Ton, von dem ich früher öfter gesprochen habe, der Ton des Akademischen, der hat eigentlich noch eher zugenommen als abgenommen. Es wird doziert. Man sucht zwar ein bisschen sokratische Methode anzuwenden, aber [untersuchen] Sie doch einmal, wie sehr häufig vorgegangen wird. Man doziert und fragt auch [dazwischen], aber das, was man fragt, sind in der Regel die dazwischenliegenden Trivialitäten. Man täuscht sich darüber hinweg, dass die Selbstverständlichkeiten beantwortet werden.

Das andere wird zu stark in dozierender Weise den Kindern an den Kopf geworfen. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Unterweisung in den Klassen für die Kleinen, aber gerade von der 8. Klasse an ist nicht ein richtiger intimer Kontakt mit den Schülern [da]. In den Klassen für die Kleinen geht das Dozieren ja nicht. Da ist es wesentlich besser. Dieses also liegt mir wirklich sehr schwer auf dem Herzen. Es ist von mir auch schon oft [darüber] gesprochen worden, [aber], nicht wahr, es wird eigentlich nicht viel getan, um in dieser Richtung irgendeine Abhilfe eintreten zu lassen. Äußern Sie sieh, soweit Sie es wollen. Dann wollen wir einige Dinge noch besprechen.

EUGEN KOLISKO: [Was liegt für eine Konstitution vor bei diesen beiden? Sie haben von konstitutionellem Schwachsinn gesprochen.]

RUDOLF STEINER: Wo Kleptomanie vorhanden ist, ist eigentlich die Sache so: Der Mensch hat diese gegenteiligen polarischen [Organisationen]. Die Kopforganisation ist so veranlagt, dass sie auf die Aneignung von allem geht; man muss sich alles aneignen. Die Kopf-organisation ist der eine Pol, [während der andere Pol, die Stoffwechselorganisation, das moralische Empfinden trägt]. Man kann das sogar schematisch zeichnen, [indem] man eine Lemniskate zeichnet. Die Kopforganisation kennt das Eigentum nicht, sie kennt nur einen absoluten Besitz von allem, was in ihren Bereich kommt. Der andere Pol kennt das Moralische. Wenn aber die Organisation des Kopfes einfach herunterrutscht und in die Willensorganisation hineingeht, so entsteht die Kleptomanie. Dieser Erkrankung liegt zugrunde, dass der Mensch in seiner Willensorganisation die Elemente hat, die in die Kopforganisation hineingehören. [Das Stehlen ist] ganz verschieden von dieser kleptomanischen Anlage, die sich in starken Absenzen während des Stehlens äußert. Es wird der Stoff mehr unter dem Anblick des zu stehlenden Gegenstandes genommen. Der Gegenstand ist der Verführer; es werden keine raffinierten Dinge angestellt, um den Gegenstand zu bekommen. Das Symptomenbild [der Kleptomanie] ist scharf abgegrenzt.

Der Fall H. H. hätte ein Grenzfall [gegen Kleptomanie hin] sein können. Bei diesen [beiden] Jungen liegt [aber] vor «moral insanity», ein absolutes Nicht-erfassen-Können, schon im Kopf, der physischen Organisation, ein Nicht-hinein-Kommen in den ätherischen und physischen Leib. [Nicht epileptisch plötzliche, sondern fortdauernde Absenzen.]

Der R. W. ist ein Mensch, der nie ganz bei sich ist, der [nicht] herumgeht [wie ein gewöhnlicher Mensch, sondern] wie ein Somnambuler. Bei ihm werden sogar die Lichtstrahlen aufgenommen, die von der Seite kommen. Er sieht nicht so, wie ein gewöhnlicher Mensch. Ganz abnorm ist seine Augenhaltung. Außerdem ist die Schläfenorganisation [des Gehirns] verhärtet. Da kann schon nicht der Astralleib herein. Es liegt also ausgesprochener Schwachsinn vor, der hereditär ist von Vater und Mutter, der überhaupt verhindert, an eine solche Urteilsfällung heranzukommen, irgendetwas ist erlaubt oder nicht erlaubt. [Er kann es nicht fassen, es entgleitet ihm immer.] Es ist so, wie wenn man eine Glasscheibe [anfassen will], die man mit Fett beschmiert hat. (Da das Intellekt-Urteil sich im Ätherleib abspielt und vorn Astralleib dann zurückgestrahlt wird], kann er intellektuell ganz außerordentlich sein. Soll aber der Mensch moralische Impulse entwickeln, so muss der physische Leib [vom Ätherleib] erfasst werden. [Und das ist nicht der Fall. Er hat nicht die Affinität, sich zu sagen, dies ist gut, das darfst du tun, das nicht, und so weiter.] Uni ein Urteil zu bilden, [dazu] gehört nicht bloß die Verbindung von Subjekt und Prädikat, sondern es gehört die intensive Kraft dazu, [sich in das Urteil hineinzufühlen (hineinzuleben?). Subjekt und Prädikat kann er wohl verbinden, aber nur im Bilde, nicht im Willen. Daher] kommt er nicht dazu, moralische Affinität zu entwickeln. Bedenken Sie nur einmal, wie stark hereditär das [bei ihm] ist!

Kennen Sie den Vater? H. W. ist Maler. Er kam wiederholt zu mir, in verflossenen Jahren, und sagte: Ich komme nicht weiter, ich kann kein Objekt finden, ich weiß nicht, was ich malen soll, Früher konnte den einzelnen Mitgliedern Malarbeit zugewendet werden. Ein Bild liegt mir besonders auf der Seele. [Er trägt es seit 25 Jahren mit sich herum, aber] er konnte absolut nicht zur Fassung eines Willensurteils kommen, dass er den Pinsel in die Hand nahm und malte. In Europa hat er nicht mehr einen Willen in dem Körper gefühlt. So dachte er sich, dass er es in Amerika fühlen wird. Die Mutter hat die Illusion, dass sie die Bücher ganz genau kennt, deren Titel sie nicht einmal weiß. Sie kennt gar nichts, ist aber immer als eine gescheite Person behandelt worden. Sie ist eben schwachsinnig. Das ist vielleicht etwas novellistisch ausgeschmückt. Davon ist das der Sohn. Nun haben wir einen älteren Sohn. Es ist schon sehr schwer.

Bei dem älteren Jungen ist es schwächer, aber ähnlich konstituiert. Warum lügt der Junge? Er lügt deshalb, weil es ihm bei der geringen Intensität [der Willenskräfte beim Fällen eines Urteils] nicht möglich ist, einen Sinn [für Wahrheit] zu entwickeln. Ihm ist es egal, ob er sagt, etwas ist weiß, oder [es ist] schwarz, [ob er Nein oder Ja sagt. Intaktsein der Einsicht hat nichts damit zu tun]. Sie müssen unterscheiden zwischen dem Intaktsein der Einsicht, [die kann vollkommen da sein], und jener intensiven Fangkraft, die das Urteil abfängt. Bei dem Schwachsinnigen fehlt diese intensive Fangkraft, das Urteil abzufangen. [Er kommt nicht dazu, es zu fassen, das Urteil. Das hat nichts mit Logik zu tun, sondern das] ist eine psychologische Sache,

Es wird eine Frage gestellt.

RUDOLF STEINER: Der Klasse muss man sagen, weil er dies getan hat, kann er nicht mehr in der [Klasse] sein. Man braucht nicht moralisch ihn zu verschimpfen. Hinweisen, dass es so ist in der menschlichen Gesellschaft, dass man das Eigentum achten muss, dass das im Erdenleben eine notwendige Einrichtung ist. So gerne man ihn hat, ist es unmöglich, dass er in normaler Weise in der Schule bleiben kann.

S. P. ist schwach schwachsinnig.

Ich muss einen neuen Einschlag geben. Ich werde im Anfang September zwei Kurse abhalten in Dornach, [über] Pastoralmedizin [und über] Theologie. [Ich werde dann danach hier im September einen Seminarkurs abhalten über diese Dinge.]

ERNST LEHRS spricht davon, dass es schwer ist, in der kurzen Zeit einen Kontakt mit den Schülern zu bekommen, und bittet Rudolf Steiner, zu helfen.

RUDOLF STE1NER: Ich will mich bemühen. Verkennen Sie nur nicht, dass die Frage [vorzugsweise] eine Sache des Interesses an den Kindern und den jugendlichen Leuten ist, [und eine Sache des Enthusiasmus]. Es ist nicht umsonst, dass ich bei jeder Gelegenheit betone, dass wir auf allen Gebieten nicht vorwärtskommen ohne Enthusiasmus, ohne innere Beweglichkeit. Wirklich, wenn ich — ich meine, [es ist] ja schlimm, aber diesen Enthusiasmus, den sehe ich nicht; ich kann nicht finden, dass Mühe gegeben wird, ihn wirklich hervorzuzaubern. Sehen Sie, wenn ich so alles ausführen könnte, was sich mir aufdrängt, so würde ich zum Beispiel nach einer Lehrerkonferenz probieren, auf wie viel Stühlen Pech klebt, wenn die Lehrerkonferenz zu Ende ist. Es kommt mir vor, Sie kleben auf Ihren Sitzen, Sie sind müde. [Ein Mensch] kann doch nicht müde sein, wenn er im Geiste leben soll. Müde sein ist doch eine Sache der Interesselosigkeit. Diese Dinge muss man so zum Ausdruck bringen.

Psychologische Bilder von den Schülern zu gewinnen, [dazu gehören auch pädagogisch-technische Kunstgriffe, von denen wollen wir reden].

Was [aber] vor allen Dingen dazugehört, das ist Enthusiasmus und Interesse. [Die Begeisterung kann man nicht lehren.] Ich habe schon ein bisschen den Eindruck, dass für den Einzelnen von uns die Führung des Unterrichts etwas langweilig geworden ist. Es ist nicht das elementare Interesse da. Wir brauchen Enthusiasmus. Wir brauchen nicht vornehme Überlegenheit und spitzfindiges Nachdenken. Wir müssen auf uns selbst die Methode anwenden, nicht müde zu sein. Auch in den Klassen sind die Freunde müde, wenn sie unterrichten sollen. Das geht nicht. Das ist geradeso, wie wenn man eine Eurythmistin sitzen sieht während der Proben. Es gibt ein Bild, das furchtbar ist. Das ist stillos.

Der altsprachliche Lehrplan. S. P.s Schwester soll die pädagogischen Vorträge lesen.

KARL STOCKMEYER: Wer ist denn eigentlich als ein «altes Mitglied» anzusehen?

RUDOLF STEINER: Mancher kann ein altes Mitglied sein, wenn er drei Tage in der Gesellschaft ist.

Dem Herrn Sommer kann man vertrauen.

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