Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 16 October 1923, Stuttgart

Sechzigste Konferenz

Das am l8. September 1923 in Aussicht gestellte «höhere Pädagogische» waren die drei Vorträge «Anregungen zur innerlichen Durchdringung des Lehrer-und Erzieherberufs», gehalten am l und 16. Oktober (GA 302a, auch in Einzelausgabe). Der letzte Vortrag war am Morgen, nachmittags war Konferenz.

In der Nacht fuhr Steiner nach Dornach zurück.

Themen: Paul Baumann hatte Steiner seine Demission aus dem Verwaltungsrat schriftlich eingereicht. Die ganze Konferenz wird gebraucht, um die entstandene Situation aufzuarbeiten.

Bemerkungen: Diese Konferenz zeigt, dass im Laufe der Jahre die Kollegen noch nicht gelernt hatten, sich gegenseitig voll zu vertrauen. Kleine unwichtige Ungeschicklichkeiten hatten große Wirkungen, da die Basis für das Vertrauen noch fehlte.

Nach dem letzten Vortrag brachte Steiner — als Zusammenfassung der Vorträge — «formelhaft» den Lehrern einen Text, der bekannt geworden ist als «zweite Lehrermeditation» (GA 302a).

Vorsitz: Rudolf Steiner

RUDOLF STEINER: Wir haben heute Morgen die dritte 5. Parallelklasse eingerichtet, [die Klasse 54. Sie kennen ja alle schon Fräulein Haebler, die sie führen wird.

Was mir besonders am Herzen liegt und was ich bitte, zuerst zu besprechen, das ist die Summe der Tatsachen, die sich anschließt an einen erschütternden Brief, den mir Baumann geschrieben hat, dass er aus dem Verwaltungsrat ausscheiden will. [Es hat sich durch] äußere Veranlassung in letzter Zeit ergeben. [Er] fasst es im Wesentlichen auf als Vertrauensfrage. Das Vertrauen, das Baumann vor-aussetzt zwischen [dem] Kollegium und ihm, scheint [ihm] nicht genügend vorhanden zu sein. Dieser letzte Anlass scheint ihm nur äußerer Anlass. Ich weiß, dass das Kollegium gebeten hat, den Schritt zurückzunehmen, aber ich sagte ihm schon, dass es ja wirklich wichtig ist, dass in unserem Kollegium nicht nur die äußeren Verkehrsformen gesund sind, sondern auch die Untergründe [des Zusaminenwirkens]. Wir können unmöglich wirken in einem solchen Sinn, wie ich eben. im Vortrag auseinandersetzte, wenn nicht alle Untergründe im Kollegium gesund sind, [wenn nicht] jeder mit dem anderen, und in und aus dem anderen wirkt. Das muss immer mehr gepflegt werden. Man muss, wenn man zu einem Lehrer in die Stunde kommt, [immer] auch [wissen und] fühlen, was die anderen tun. Ich komme manchmal in diesen oder jenen Unterricht und muss sagen, dieses und jenes könnte so nicht sein, wenn in anderen Stunden das Entsprechende geschehen würde, was in diesen Stunden wirken muss. [Dies Zusammenwirken ist so wichtig, und] das muss seinen Impuls bekommen in den Konferenzen. Wenn bei uns jeder seinen Weg ginge und für sich wirkte, würden wir die Aufgabe nicht erfüllen [können]. Daher ist es für mich keine Lösung, sondern ich möchte Sie doch bitten, dass jeder, der etwas damit zu tun hat, seine unverhohlene Meinung sagt darüber, was sich, mehr innerlich. als äußerlich, abgespielt hat.

PAUL BAUMANN: Vielleicht darf ich die Kollegen noch einmal darauf aufmerksam machen, dass sie sich überlegen, ob nun wirklich etwas geschehen ist, was für die Zukunft einen solchen Schritt unmöglich macht. Ich sagte, dass nicht so [sehr] meine Person die Schuld trägt als das Amt, das das Vertrauen untergrub. Auch was Samstag als eine Art Kundgebung beinahe für mich zustande kam, ist ja nicht wünschenswert, sondern etwas, was eine Garantie bietet, dass wir wirklich weiterkommen. Das wäre wichtiger, als was sich auf mich selbst bezieht. Das kann mich ja freuen, aber es scheint doch mit dem Amt etwas verbunden, was ein Odium auf mich geworfen hat. Das muss zum Ausdruck kommen.

ROBERT KILLIAN: Baumann hat uns gesagt, die Konferenzen seien nicht so gewesen, wie er es sich wünsche. Seit der Zeit, wo Herr Baumann die Konferenz hatte als Leiter im Verwaltungsrat, haben wir die Konferenzen mit besonderer Begeisterung gehabt. Er glaubt, es sei ihm nicht gelungen, [die Konferenzen lebendig zu gestalten].

Das würde [aber] keinem von uns gelingen. Die Lehrerschaft ist durch ihre Größe etwas schwer geworden, und es ist dem Einzelnen nicht möglich, auch wenn er mit solcher Begeisterung wie Baumann leitet, immer lebendig zu gestalten. Ich bedaure sagen zu müssen, dass es jedem gegangen wäre wie ihm.

RUDOLF STEINER: Das kann ich nicht ganz sehen, dass die Begeisterung mit der Ausdehnung des Lehrkörpers leiden soll. Das wäre traurig. Neue Kräfte sollen neue Quellen der Begeisterung sein. Auch im Zimmer muss man, wenn es heller werden soll, nicht Lampen auslöschen, sondern anzünden. Es sind doch gewichtige Dinge vorgefallen?

Vielfacher Zuruf: Nein!

RUDOLF STEINER: Aber liebe Freunde, da möchte ich sagen, es waren im Verwaltungsrat drei Persönlichkeiten. Davon Baumann als Einziger, der von Anfang an im Kollegium darinnen war, der Einzige, der die Schulgründung von Anfang mitgemacht hat, und der tritt aus, Dass das nicht gewichtige Gründe haben sollte, das würde ich nicht verstehen. Es kann also nicht richtig sein, wenn Sie sagen, es sei nichts Wichtiges geschehen. Wir müssen eben die Dinge wichtig nehmen.

ALICE FELS: Ich sagte neulich: Baumann hat kein Vertrauen zu uns. — Das hat er bestätigt.

PAUL BAUMANN: Ja, ich habe es eben verloren, weil ich keines zu genießen schien. Das Vertrauen in den guten Willen der Kollegen, in der Konferenz zusammenzuarbeiten, Diese sind so verlaufen, dass ich jemandem, der wegblieb mit der Begründung, es komme doch nichts heraus, recht geben musste.

RUDOLF STEINER: Das ist natürlich Baravalle! [Heiterkeit]

MARIA RÖSCHL: Baumann müsste doch auch sagen, warum ihn die Konferenzen nicht befriedigten.

RUDOLF STEINER: Das wollte ich auch fragen, inwiefern die Konferenzen nicht fruchtbar waren.

PAUL BAUMANN: Das ist ganz deutlich in der letzten Kundgebungsfrage zum Vorschein gekommen, wo Dinge nicht gesagt wurden, die ich hätte wissen müssen. Es wurde untereinander und mit anderen Verwaltungsräten geredet, aber nicht mit mir. Ich allein wusste nicht Bescheid, zum Beispiel [die] Sache Killian, darüber herrschte die Meinung, dass es verkehrt wäre. Darüber hat nur Stockmeyer mit mir gesprochen, keiner sonst, Es waren verschiedene Dinge, wo die, die im Gegensatz zu mir waren, nicht mit mir sprachen. Das schien mir zu beweisen einen Mangel an Vertrauen.

MARIA RÖSCHL: Baumann hat die Frage, unterschreiben oder nicht, immer auf eine Bahn gelenkt, die zu nichts führte. Er sagte immer: Das ist Geschmackssache. Damit haben Sie selbst die Erörterung abgeschnitten.

PAUL BAUMANN: Es hat zunächst diese Sache nicht in die Konferenz geworfen werden sollen. Ich wollte die Sache so behandeln, dass man miteinander spricht. Dann erst [in der] Konferenz. Was Sie sagen, bezog sich darauf, ob man Stein oder Schwebsch unterschreiben [lassen] sollte, nicht, ob man überhaupt unterschriebe. Auch schon, dass Dr. Stein, der gewiss nicht gegen mich empört war, nicht mit mir über die Kundgebung redete, zeigt mir doch, dass man kein Vertrauen zu mir hat in Dingen, die in die Konferenz kommen, die ich leiten muss.

WALTER JOHANNES STEIN: Ich hatte mit Schwebsch ein längeres Gespräch über meinen Entwurf. Er fand allerlei nicht in Ordnung, und ich sagte ihm: Mach doch was Neues. Ich glaubte, es habe keinen Sinn, dass ich noch etwas täte. Ich hatte mein Schriftstück dem [Verwaltungsrat] gegeben, traf Baumann auf dem Hof, der sagte etwas. Ich lehnte ab, darüber zu sprechen, nur weil ich glaubte, nicht mehr über mein erledigtes Schriftstück sprechen zu müssen.

RUDOLF STEINER: Solche Dinge, wie bisher vorgebracht werden, erörtert man oder man erörtert sie nicht. Über die Erörterung kann ja auch, wie es in der Gegend bei Fräulein Uhland geschieht, Schütteln des Kopfes vorkommen. Aber wenn man sie erörtert, dann zeig das, dass [offenbar doch] die zusammenstimmenden Gefühle zu den Erörterungen führen. Es wäre doch gut, um zur Harmonie zu kommen, wenn die Gründe, warum man überhaupt solche Sachen erörtert, besprochen würden. Ich glaube schon, dass das äußerliche Verlaufen Missverständnisse sind. Aber die entstehen eben aus dem Für- und Gegeneinander.

ERICH SCHWEBSCH: Ich habe versucht, mir ein Bild zu machen. Baumann will aus seiner Verantwortung heraus das Kollegium zu einer bestimmten Disziplin erziehen. Das hat aus den Temperamenten heraus zu Missverständnissen geführt.

RUDOLF STEINER: Da ist etwas angeschlagen, was ich gerne unter Ihnen besprochen hätte. In meinem Vortrag heute] kam ja schon zum Ausdruck, dass man über die Temperamente hinweg den Weg finden muss. In meinem Vortrag war das Bestreben, über die Temperamente hinweg zu innerem Verständnis zu kommen. Ich möchte hören, wie dieses Missverständnis unter den Temperamenten heraufgekommen ist. Bringe ich Ihre Worte, Dr. Schwebsch, zu einer Formel, so meinen Sie: Herr Baumann wollte eine 13. Klasse im Lehrerkollegium einrichten. Die wollte sich das nicht gefallen lassen und lehnte sich auf gegen die pädagogische Methode dieser Erziehung.

ERICH SCHWEBSCH berichtet über Vorgänge> die zugrunde liegen.

RUDOLF STEINER: Da ich diese Dinge nur ansehen kann wie das He-reinfallen eines Funkens in das Pulverfass, so wollte ich mehr über die Untergründe als über die Vorgänge hören.

EUGEN KOLISKO und HERBERT HAHN berichten.

RUDOLF STEINER: Es ist die Frage durch die letzten Konferenzen nur vertagt, [nicht gelöst]. [Herr Baumann trat am Ende seiner Amtszeit zurück.] In den nächsten vier Monaten sollen die beiden anderen amtieren. Soll man in der jetzigen schweren Zeit mit einem solchen Pfahl im Fleisch leben? Denn das ist eine solche Vertagung. In dieser schweren Zeit, wo wir nicht wissen, ob man in der nächsten Zeit die Beziehung zwischen Dornach und Stuttgart rege gestalten kann, wäre [aber eine wirkliche Lösung erfordert. Es wäre nicht gut, wenn] in dieser schweren Zeit ein Provisorium besteht.

ERICH SCHWEBSCH und ROBERT KILLIAN berichten über die letzte Konferenz.

RUDOLF STEINER: Es ist ja infolge dieser letzten Konferenz zu einem Schritt gekommen, der sonst nicht gebräuchlich ist. Sonst würde das dazu geführt haben, dass Herr Baumann die letzten vierzehn Tage auch noch das Amt geführt hätte, und dann darüber nachgedacht hätte, ob er es das nächste Mal noch [führen] will.

PAUL BAUMANN spricht über die veränderte Situation und über die Möglichkeit) das Amt weiterzuführen. Er will es davon abhängig machen, wie diese vierzehn Tage verlaufen.

RUDOLF STEINER: Meiner Meinung nach spielt die Sache hinein, die mit einer gewissen Zustimmung aufgenommen ist, die Sache mit der 13. Klasse,

EUGEN KOLISKO: Man ist entschlossen, trotz der 13. Klasse Vertrauen zu Herrn Baumann zu haben.

PAUL BAUMANN: Kompetenzfrage wegen Stockmeyer.

RUDOLF STEINER: Nachdem ich länger die Diskussion angehört habe, komme ich doch darauf zurück, es sind Untergründe da. Ich verstehe weder den objektiven Ausgangspunkt von der Alternative (Unterschrift oder nicht?), der Verkoppelung [der Kundgebung mit dem Jahresbericht], ich verstehe nicht, wie es zur Demission führen kann, wenn die Motion Baumann durchgeht. Es kann sich also nur um persönliche Dinge handeln, [die hier nicht herausgebracht werden können], während wir doch auf sachlichem Boden bleiben sollten.

PAUL BAUMANN Wird gebeten, das Amt weiterzuführen, und nimmt an.

ERICH SCHWEBSCH: Die 12. Klasse muss einige Stunden aufgeben zugunsten des Hauptunterrichtes. [Ich] schlage vor: Technologie, Eurythmie, Gesang, Turnen, Handwerk, Religion.

RUDOLF STEINER: Mit schwerem Herzen Technologie und Handwerk weglassen, Turnen, Gesang und Eurythmie lassen sich nicht streichen. Freihandzeichnen bleibt. Religion auf eine Stunde einschränken, aber nicht auf den Nachmittag legen. Die 12. Klasse nimmt nur an einer der mit der 11. Klasse gemeinsamen Religionsstunden teil.

Von KARL STOCKMEYER wird der Arbeitsbericht der Schule Rudolf Steiner vorgebracht, Bitte, die Widmung anzunehmen.

Aus Maria Röschl Notizen: Dr. [Steiner] nimmt die Widmung des Jahresberichtes nicht an, &weil er nicht mittut in einer Sache, die er in den Grundlagen nicht verstehen kann. Es ist eine innere Unwahrheit darinnen.»Dr. [Steirer] versteht überhaupt nicht, wie man einen «Jahresbericht, herausgeben kann, ohne ihn zu fragen.

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