Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 31 July 1923, Stuttgart

Achtundfünfzigste Konferenz

Seit der letzten Konferenz war Rudolf Steiner ununterbrochen in Dornach tiotig Delegierte aus verschiedenen Ländern kamen in Darnach zusammen. Das Goetheanum sollte neu gebaut werden.

Es wurden Anstalten getroffen, Landesgesellschaften zu errichten als Vorbereitung für eine in Aussicht gestellte Begründung einer Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Nach diesen intensiven Verhandlungen reiste Rudolf Steiner mit Marie Steiner am 30. Juli nach Stuttgart, gerade als in der Schule die Sommerferien begonnen hatten. Von da ging es über Holland nach England, wo Steiner bis zum 6, September blieb. Der bedeutende Ilkley-Kurs wurde dort abgehalten, unter der Mitwirkung von Caroline von Heydebrand, Julie Lämmert, Edith Röhrle, Hermann von Baravalle, Karl Schubert und Erich Schwebsch. (ln der nächsten Konferenz, die erst am 18. September stattfand, lobte er die Kollegen ausführlich.) Nach dem Ilkley-Kurs (GA 307, Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung) fanden Tagungen zu anthroposophischen Themen in Penmaenrnawr und London statt. Die Atmosphäre und die Aufnahmeder Geisteswissenschaft während dieser langen Reise wurden von allen Teilnehmenden als sehr glücklich empfunden. Es wurde ein Komitee gebildet, dass die Gründung einer Waldorfschule in England vorbereiten sollte.

Themen: Beratungen über einzelne Schüler. Lehrplanempfehlungen für den Kunstunterricht, Geschichtsunterricht und Algebra für die 1. Klasse. Mangel an schriftstellerischer Tätigkeit der Lehrer. Bearbeitung der pädagogischen Vorträge Steiners durch Albert Steffen.

Bemerkungen: Die Sommerferien hatten in Stuttgart begonnen. Es wurde eine Reihe pädagogischer Fragen zu einzelnen Schülern aufgeworfen. Steiner brachte selber einen hochbegabten sechzehnjährigen Schüler für die 9. Klasse ein und bat die Kollegen, sich dieses besonderen jungen Mannes anzunehmen. Bei schlechtem Benehmen: «Wenn die jungen das Allerschlimmste ausgefressen haben, muss man stets die Tat treffen, niemals die Persönlichkeit. Sobald man die jungen schimpft, ist nicht mehr zurechtzukommen,»

Vorsitz: Rudolf Steinen

RUDOLF STEINER: Ich bedaure es sehr, dass ich nicht habe beim Schulschluss da sein können. Es ging nicht, und ich habe gedacht, dass wir uns bei einer solchen Gelegenheit noch sehen werden. Nun haben Sie mir gesagt, dass Sie heute von sich aus notwendige Dinge zu besprechen hätten. Das, bitte ich, wollen wir beginnen.

ERICH SCHWEBSCH liest einen Brief vor von dem Vater des R, M. Der Junge habe sechzehn silberne Löffel gestohlen. Der Vater will ihn zu Hause behalten.

RUDOLF STEINER: Diese Löffelgeschichte ist schon alt. Er hat sie im Laufe der Zeit genommen. Das Verhältnis zum Vater ist nie anders gewesen, als es jetzt ist. Der Vater ist erst jetzt darauf gekommen. Silberne Löffel sind jetzt sehr teuer.

FELICIA SCHWEISCH berichtet über die Blusengeschichte.

RUDOLF STEINER: Der Vater mag ihn ja herausnehmen, wenn er will. Wir müssen sehen, dass wir mit dem Jungen fertigwerden. Heraussetzen können wir ihn sicher nicht. Nicht wahr, der Junge braucht ein wenig moralischen Halt. Man muss ihm moralischen Halt gewähren. Er ist auch erst in der 9. Klasse, und in dieser Klasse brauchen die Kinder moralischen Halt. Sie müssen einen gewissen Hang zur Lehrerschaft haben. Sie müssen die Lehrerschaft lieben. Ich glaube, es ist der Kontakt mit dieser ganzen 9. Klasse verloren worden. Die Jungen sehen sofort ein, dass das furchtbar unrecht ist, auch die Geschichte mit den Löffeln. Ich glaube, gerade diese Geschichte hat ein furchtbares Reuegefühl ausgelöst in R. M. Da müsste man ihm zu Hilfe kommen in solch einer Sache. Wir können unter keiner Bedingung diesen Jungen herausnehmen lassen.

Wir können nichts beitragen dazu, dass die Jungen von der Schule wegkommen. Wir müssen mit ihnen fertigwerden.

Ist bei dem G. O. nicht ein bisschen die Sucht, sich anzumeiern? Er scheint den angenehmen Buben zu spielen.

[Man muss sich vor subjektiven Ausdrücken hüten.] Würde dieser Ausdruck gebraucht sein, so würde das eine subjektive Bezeichnung sein. Selbst wenn die Jungen das Allerschlimmste ausfressen, muss man stets die Tat treffen, niemals die Persönlichkeit. Sobald man die Jungen schimpft, ist nicht mehr zurechtzukommen.

Nicht wahr, der alte M. ist ein Mensch, der sich gar nicht vor seinem Jähzorn zu halten weiß, der den Jungen so behandelt, dass es fast begreiflich erscheint, dass der Junge zu solchen Ausschreitungen kommt. Wo solche häuslichen Verhältnisse vorliegen, da kann man den Jungen nur bedauern.

Es muss mehr Kontakt mit den Schülern gefunden werden in den oberen Klassen. Diese Schüler vertragen es noch nicht in diesem Alter, dass sie ohne persönliches Interesse den ganzen Vormittag durch geführt werden. Sie wollen, dass man sich für sie persönlich interessiert. Sie wollen, dass man sie kennt, dass man eingeht auf sie. Das wollen sie. Es ist halt doch eben in diesen Klassen noch Schule, nicht Kolleg. Es ist zu stark Kolleg, Seminar, und nicht eigentlich Schule. [Sie wollen Kontakt mit dem Lehrer.]

Ich sagte Ihnen schon, es waren fünf. Diese fünf sind keine Jungen, die man auf die Straße werfen kann. Wenn man diese Jungen auf die Straße wirft, dann geht der Menschheit etwas verloren, was man nicht verloren gehen zu lassen braucht. Man kann es nicht verloren gehen lassen. Der R. M. ist nicht so begabt, aber R. W. ist begabt.

FELICIA SCHWEBSCH: Der Vater war sehr entrüstet über den Sohn und wollte ihn herausnehmen.

RUDOLF STEINER: Der Vater mag machen, was er will; wir können uns nur Mühe geben. Es ist verrückt zu sagen, man will ihn an den Schraubstock bringen. Der Vater kann seine Künste anwenden während der Ferien. Ich glaube, es muss gesucht werden, mehr persönliches Verhältnis zu bekommen zu den Schülern der oberen Klassen. Bei den oberen Klassen ist es dringend notwendig, dass man mehr persönliches Verhältnis gewinnt.

FELICIA SCHWEBSCH, Lehrerin der 9b, sagt, sie wolle bei dem früheren Klassenlehrer der 9b, Hermann von Baravalle, hospitieren.

RUDOLF STEINER: Vom Zuhören können Sie interessante Aperçus machen. Aber furchtbar viel hängt davon ab, gar keine Schwierigkeiten zu haben, wenn man vor der Klasse steht, mit eiern Stoff. In der Freizeit den Stoff totaliter verarbeitet zu haben, sodass der Stoff keine Rolle mehr spielt, dass man alles in die Methode hineinlegen kann, die sich ganz von selbst ergibt. Es ist diese Disziplinfrage in erster Linie eine Frage der guten, der methodischen Vorbereitung. Das ist es in allen Gegenständen und in allen Klassen. Es ist eine Frage der Vorbereitung. Es ist vielleicht schon dies als Grundfrage zu berücksichtigen, ob denn keine Zeit ist zur Vorbereitung. Es mag sein, dass mir viele sagen, es ist zur richtigen Vorbereitung keine Zeit, (aber daran liegt es]. Es könnte eingesehen werden, dass die Waldorfschule das notwendig macht, gründliche Vorbereitung, dass man mit dem Stoff keine Schwierigkeiten mehr hat, wenn man vor der Klasse steht. Das merken die Schüler sehr bald und fühlen sich dann enthoben der Autorität. Dann fängt es an.

Ich kann mir nichts anderes denken, als dass alle diese fünf jungen ganz ordentliche Jungen sind. Der R. M. ist ein Schwächling. Er ist darauf angewiesen, von seiner Umgebung so behandelt zu werden, dass er das Gefühl hat, man meint es ehrlich mit ihm. Dieses Gefühl hat er seinem Vater gegenüber nicht. Fortwährend ist sein Unterbewusstes innerlich auf dem Auslug: Geht es mir in der Schule auch so wie zu Hause? Er will Verständnis finden. Aber er findet, dass er ohne Verständnis behandelt wird. Der Vater weiß es nicht, dass er jähzornig ist. Es hängt alles davon ab, dass die Jungen für den Inhalt des Schulunterrichts sich interessieren. Da geben alle acht in der Algebra. Sie sind nicht schlimm gewesen. Diese Klasse war schon getrennt seit der 6. Sie war nicht so schlimm, Ich habe oft beobachtet, wie Sie ganz gut mit ihnen fertiggeworden sind.

Das ist ein Unfug, dass der Vater diesen Brief geschrieben hat. Das tut er, nachdem ich ihm gesagt habe, die Grundbedingung für die Löffelangelegenheit ist dies, dass kein Mensch darüber redet, zu niemand, und wir müssen dem Jungen beibringen, dass er zu niemandem darüber redet. Und nun macht es der Vater hinterher [doch]. Der Alte ist viel ungezogener als der Junge. Die Löffelgeschichte ist eine lange Geschichte. Es ist furchtbar schwer. Der Junge lügt einen nicht an, auch wenn er Schändlichkeiten zu gestehen hat; der Alte lügt aber fortwährend. Es ist eben so: Der Junge weiß, dass der Vater lügt, wenn er den Mund aufmacht. Der Junge weiß {das] aus seiner Erfahrung, dass dem Alten das nicht einfällt. Das Günstigste wäre gewesen, wenn die ganze Löffelgeschichte, wenn die Jungen gesellen hätten, dass man so viel Abscheu vor der Tat, aber Mitleid vor ihrem moralischen Schicksal hat, dass man die Sache zudecken will; während die jungen nur verlieren, wenn man es an die große Glocke hängt. Es wäre schon schön, wenn der R. M. von den Eltern weggebracht werden könnte.

Es erwachsen allerlei Aufgaben. Ich habe selbst einen Schüler anzumelden, A. V. Er [ist sechzehnjährig], wird in die 9. Klasse zu kommen haben. Also der Junge ist am besten beschlagen in der Philosophie, kennt Plato, [kennt Kant], kennt die «Philosophie der Freiheit», ist ein guter Mathematiker, schlechter Lateiner, schlecht in Deutsch, schlecht in der Geschichte, mittelmäßig schlecht in der Geografie und Naturgeschichte, und ganz abscheulich schlecht im Zeichnen. Das ist alles zu berücksichtigen. Aber man kann ihn nicht in die 8. geben. Er hat die 9. Klasse eines Realgymnasiums hinter sich. Er wäre auch zu alt. — Da handelt es sich darum, dass eine Pension gesucht wird. Man müsste sehen, dass man eine ausfindig macht. In München hat er über eine Million bezahlt. Wenn Sie so gut sind, geben Sie Nachricht, Österreichische Botschaft London, Belgrave-square 17 für Baronin A. de V., geborene Comtesse von K. Man muss die Bedingungen schreiben an diese Dame. Eine Lehrerpension ist nicht da, also muss man versuchen, ob er nicht in einer anderen Weise versorgt werden kann.

CLARA DÜBERG sagt, in der 8. Klasse im Sprachunterricht sei solch ein schrecklicher Lärm, sodass sie nicht unterrichten könne. Sie will zwei Schüler extra nehmen oder die Klasse teilen.

RUDOLF STEINER: Extra nehmen ist keine besondere Methode. Man muss versuchen zu verhindern, dass er hinausläuft. Man kann ihnen schon nachhelfen. Extra zu nehmen, das nicht; wenn es möglich ist, die Klasse zu teilen, das schon. Die Klasse ist für diese Verhältnisse zu groß. Wenn Sie ihnen Nachhilfestunden geben, das würde ganz gut gehen. Nur nicht Einzelne herausnehmen, und sie nicht in der Klasse haben. Das wird immer vorkommen, dass man schwierig zu behandelnde Schüler hat. In den gewöhnlichen Schulen hat man solche Schüler nicht. Bei uns müssen sie mit hinaufgehen. Aber ich glaube doch, es geht, wenn man mit ihnen befreundet wird.

GERTRUD BERNHARD fragt wegen des 8. 11 in der 8. Klasse.

RUDOLF STEINER: Man hat in der Menschheit auch solche Leute, und man hat die Aufgabe, sich ihrer nicht zu entledigen, sondern sie wirklich auch zu behandeln. Ich glaube, wir dürfen gar nicht darauf Einfluss nehmen. Was die Mutter tun will, ist eine andere Sache. Wir dürfen nicht, weil wir finden, dass Schwierigkeiten vorliegen, irgendeinen Schüler aus der Schule weggeben. Er muss interessiert werden. Es ist mit ihm fertigzuwerden, wenn man ihm mit Gründen beikommt. Der B. B. hat behauptet, er hätte nichts von den Pflaumen genommen. Herr Leinhas hat ihn gefragt, waren sie reif oder unreif? Er hat gesagt, Herr Leinhas ist doch sehr schlau. Er gibt sich als überwunden an.

Man muss ihm mit Gründen kommen. Das veranlasst ihn dann, dass er in sich geht, während sonst — bitte, nageln Sie eine Kiste zu mit einem Hammer, der fortwährend vom Stiel abfällt, so ist es mit seinen Gedanken, Zwischen den Partien seines Gehirns hegen Fettklumpen. [Er bringt seine Gehirnpartien nicht zusammen], es liegen Fettklumpen dazwischen. Wenn man ihn stark zum Nachdenken anregt, dann gellt er in sich. Da durchdringt er das Fett. Ich bin überzeugt davon, er ist gutmütig, man wird fertig mit ihm.

Man muss sich Mühe geben, ihn zu überführen. Nun haben Sie wieder fünf Wochen Zeit. Schläue kann man sich aneignen.

Brennnesselbäder werden ihm nützen. Etwas nützen wird, wenn man Zitronensaft in die Bäder hineintut, und jedenfalls bittere Stoffe, bittere Pflanzen, ich will sagen Sauerkraut. Wenn es geht, eine Mischung von allen dreien. Süssholz nicht. [Dreimal die Woche], nicht zu warm. Mit Mehlspeisen mäßig sein. Wenn er Brot isst, versuchen Sie es ihm zu rösten, dass möglichst wenig Wasser darin ist. Er hat Neigung zur innerlichen Fettbildung, die müsste erst fort. Er ist auch faul. Man kann die ganz regulären Heileurythmie-Übungen mit ihm machen für Fett. Bohnenkaffee kann ihm gut bekommen.

GERTRUD BERNHARD: Wie kann man sich Schlauheit aneignen?

RUDOLF STEINER: Haben Sie das «Goetheanum» gelesen mit den Rätseln von Brentano? Ich rate Ihnen, schaffen Sie das Buch an und lösen Sie alle die Rätsel. Ich meine es im Ernst. Ich habe die vier schwersten ausgesucht. Das wäre in Bezug auf B. B. und [Schlauheit].

Der «Bund entschiedener Schulreformer» hat zur Teilnahme an einer pädagogischen Veranstaltung eingeladen.

RUDOLF STEINER: Es handelt sich darum, ob man Neigung hat, da hinzugehen und dort zu reden. Es ist sinnlos. Wer einen solchen Brief schreibt, ist nicht zum Schulreformer geboren, am wenigsten zum entschiedenen. Es ist der absolute Wahnsinn. Auf der anderen Seite kann man den Standpunkt annehmen, dass man irgend redet von den Dingen. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass man möglichst viel darüber redet. Röschl hat mich gefragt, ob man soll nach Genf gehen. Hier kann jemand, der das nicht scheut, hingehen und reden und die Dinge vertreten. Sinn hat es keinen. Wer einen solchen Brief schreibt, der ist nicht berufen. Es ist ein Getue. Das sieht man dem Brief gleich an.

CAROLINE VOM HEYDEBRAND fragt wegen Beteiligung an der Kunsterziehungs-Tagung in Stuttgart.

RUDOLF STEINER Sinn haben nur die Dinge, die wir mit völliger Beherrschung der Initiative von uns aus machen. Dieses Mittun hat nur dann einen Sinn, wenn man den Gesichtspunkt befolgt, man will an einer Stelle von der Sache reden. Es kann trotzdem jemand aufmerksam werden auf die Waldorfschul-Methode in jeder Art von Gemeinschaft. Ich glaube, solche Leute — natürlich müssen es solche Leute sein, wo eine Aussicht ist, dass man etwas Vernünftiges erreichen kann, wie die englischen Veranstaltungen sind; über die muss man anders denken. Aber dieses Zeug hier, was bloß Pflanzreißerei ist, das muss man so behandeln, dass man sich nichts davon verspricht. Wenn Sie nicht besondere Lust haben hinzugehen, dann schreiben Sie, wir sind in der nächsten Zeit mit dem Ausbau der

Waldorfschule und ihrer Methoden so beschäftigt, dass wir uns ganz dem widmen müssen. Das wird mehr nützen als diese Ausstellung. Wir müssen sehr darauf sehen, dass wir uns das Interesse, das die Leute haben, auch anschauen. Sonst bringen wir die Waldorfschule herunter. Wir können ihm ganz gut diese Auskunft geben, dass wir keine Zeit haben, weil wir die Methode selbst ausbauen müssen. Bloß die Malereien der Kinder ausstellen, haken wir für unpädagogisch.

Wir können heute nicht ganz prinzipielle Fragen besprechen. Vielleicht sind noch Bedürfnisse bezüglich des Inhaltes der Klassen oder der Behandlungsmethode.

HERMANN VON BARAVALLE hat in der 11. Klasse die Reiben durch-genommen. Er fragt nach dem Lehrplan der 11. Klasse für Algebra.

RUDOLF STE1NER: Ich habe die Sache so angegeben, dass ich gesagt habe, es sollte der Stoff so weit behandelt werden, dass man kommt bis zum Verständnis des Carnot'schen Lehrsatzes und seiner Anwendungen, Damit ist der ganze Lehrplan gekennzeichnet. Da ist viel Algebra darin. Da hat man notwendig viel Algebra, Reihenlehre, Funktionen und so weiter. Es kann schon bei diesem Lehrplan bleiben. Dass man ihnen Aufgaben geben kann, bei deren Lösung sie den Carnot'schen Lehrsatz nach allen Seiten beherrschen müssen.

Lehrs wird Chemie in der 9a unterrichten. Stein wird in den Nachmittagsstunden unterrichten in der 12. Bei Lehrs kommt dies in Betracht, dass ich das Lehrerkollegium für seine Erziehung als Mensch verantwortlich mache. Man muss dafür sorgen, dass er nicht ausartet.

KARL STOCKMEYER berichtet wegen B. B., dass er in die 12. Klasse kommen will.

HERBERT HAHN [zur Religion]: Was soll ich als Beispiele für Völkerreligionen nehmen?

RUDOLF STEINER: Altes Testament; die Hebräer.

ERICH SCHWEBSCH fragt nach dem Kunstunterricht: Goethe'sche Lyrik würde ich in der 10. Klasse nehmen. Tropenlehre.

RUDOLF STEINER: Es ist ein Stoff, der eigentlich fast die Klasse aus-füllt. Man kann natürlich die Tropen- und Figurenlehre nehmen. Man kann den Kindern eine Empfindung beibringen für die poetischen Formen. Man darf nicht sagen, dass Goethe erst von einem bestimmten Lebensalter es gekonnt hat; dass er erst mit vierzig Jahren eine Stanze machen konnte, [sonst denkt der Schüler: Na, was soll ich denn machten, wenn der Goethe erst mit vierzig Jahren ...] Auf solche Dinge, die Reaktionen hervorrufen — es stößt auf da muss man aufpassen wie ein Heftelniacher. Man kann es gut behandeln. Für den Kunstunterricht ist der Stoff der Anlass. Man kann sich ganz nach dem richten, was die Schüler verstehen.

WALTER JOHANNES STEIN fragt nach Kaiser Heinrich II, dem Heiligen.

RUDOLF STEINER: Ich habe gesagt, es war sein Wille, zu begründen eine «ecclesia catholica, non romana». Das ist eine bekannte Geschichte. Ganz sicher finden Sie das überall, wo Heinrich II. dargestellt wird. Lamprecht ist kein Historiker, er ist Dilettant. Er ist interessant, symptomatisch für die [Entwicklung der] Geschichtswissenschaft. Sie müssen irgendein Quellenwerk sich aufsuchen über Heinrich II. Es ist überliefert. Es ist nicht ein Wahlspruch, sondern das, was er gefühlt hat. Wenn Sie heute — dies ist in der Koinzidenz zu finden [Lücke in der Mitschrift]. Das Brevier hat Heinrich II. eingeführt als Heiligen. In diesem Zusammenhang kann man immer sagen: Dazumal war es möglich, dass einer ins Brevier kam, der nur eine katholische, nicht eine römisch-katholische Kirche wollte.

Es ist bei Lamprecht eher kokett, kein ursprüngliches Empfinden. Er spricht auch so selbstgefällig.

WALTER JOHANNES STEIN: [Was bedeuten in Wolframs Parzival die Worte «lapsit exillis» als Name für den Gral?'

RUDOLF STEINER: [Das ist noch nicht erforscht worden.]

[Auf eine Bemerkung mit Bezug auf die kommenden Sommerferien]: Die Hauptsache ist, dass Sie sich erholen. Frisch werden! Dass der Enthusiasmus erblüht während der Ferien, dass die Blüte zur Frucht geworden ist, wenn Sie wieder anfangen, auch da, wo die Klassen nicht ganz gut sind. jetzt freuen sich die Schüler doch schon, dass sie Sie wieder haben werden.

Ja, die Verhältnisse in Deutschland werden jetzt immer trüber und trüber. Es kommt das vollständige Chaos.

Die Oxforder Vorträge sollen erscheinen. — Es kommt eines in Betracht. Heute Morgen sagte nur Leinhas aus seinem Aperçus heraus: Schließlich haben doch so viele Leute so reichlich Stoff und schreiben nicht! [Warum schreiben die nicht?] Selbst das «Goetheanum» wird nach und nach an Stoffmangel lei en.

Es wird gefragt nach der Art der Bearbeitung der pädagogischen Vorträge für die Veröffentlichung.

RUDOLF STE1NER: Auch das Pädagogische müsste doch in so selbst-ständiger Weise, wie Steffen meine Vorträge wiedergibt, erscheinen können, [bearbeitet] von denen, die in den Dingen dar Innenstehen. Individuell, persönlich verarbeitet das aussprechen, was man zu sagen hat. Geltend machen und ausführen die Dinge, die man als Spezialideale hat, die man auf einem Spezialgebiet der Waldorfschule hat, sodass ein lebendiges Reden von den pädagogischen Prinzipien der Waldorfschule auftritt. Über den Kunstunterricht könnten so schöne [Aufsätze] geschrieben werden. Das «Goetheanum» braucht auch wirkliche Aufsätze. Es müsste sozusagen ein Furor entstehen, selbstständige Leistungen geben zu wollen. Wenn es auch nur selbstständige Würdigungen von dein und jenem Angeschlagenen sind, aber sich exponieren!

Woher kommen die unbrauchbaren Manuskripte? Auch aus der Gesellschaft? Ja, manchmal sind ja auch unbrauchbare abgedruckt. Es wäre schon gut, wenn gerade dies, was hier bei der Kunsttagung in einem universalen Sinn hat heraustreten sollen, warum soll das nicht die Veranlassung geben zu speziellen Ausführungen?

Es gibt auch eine Möglichkeit, ganz interessant methodische Fragen zu behandeln, [zum Beispiel] diese methodischen Fragen, wie ich sie dazumal in Dornach besprochen habe. Es liegt auch viel zu wenig der Welt vor eine Literatur über die Waldorfschule. Können Sie nicht über Ihre Unterrichtsprinzipien schreiben? Zweiundvierzig Lehrer sind da, fast so viel, dass in jedem Heft vier davon schreiben könnten. Es ist schon notwendig, dass diese Dinge bei uns entwickelt werden, dieses Darstellen von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Ich habe ein Musterbeispiel davon geben wollen, in diesen Einleitungen zu den verschiedenen EurythmievorsteHungen, wenn ich versuche, es immer umzugießen, immer dasselbe von den verschiedensten Punkten aus zu geben. Das habe ich mit diesen Eurythmie-Einleitungen versucht. Als ich neulich eine gehalten habe, da standen die Leute draußen und gingen nicht hinein dazu. Das war bei der Delegiertentagung. Es war nach dieser Sitzung, wo sich die deutschen Delegierten so ausgezeichnet haben, wo einer gesagt hat, das Goetheanum war schon eine Ruine, bevor es abgebrannt war. Da ist vier Stunden reiner Kohl geredet worden. Richtiger ausgemünzter Kohl, vier Stunden lang.

Der [?] sollte unterrichtet werden in Latein und Französisch. Wer Zeit hat, möge es tun.

Dann hoffe ich, dass Sie sich nach allen Richtungen erfrischen. Wir brauchen auch auf den verschiedenen Gebieten der anthroposophischen Bewegung eine Erneuerung der Kräfte. Es ist schon so, dass man etwas bedacht sein sollte auf die Erneuerung der Kräfte, so, wie die Pflanzen auch jedes Jahr sich erneuern. Es muss eine innere Aneiferung, ein inneres Feuer da sein. Natürlich sind die Lebensverhältnisse schwer, sie werden mit jeder Woche schwieriger. Jetzt, wo die Mark gar keinen Wert mehr hat, nur einen Rechnungswert, jetzt ist gar nicht abzusehen, in welches Chaos man hereinkommen wird. Der Monatsetat ist [jetzt] etwa vierhundert Millionen Mark. Der August kann etwa zwei Milliarden werden, vielleicht auch noch mehr.

Mir hat ein Mann in Österreich geschrieben, dass er eine Transaktion gemacht hat, bei der er Dollar kriegen sollte. Er will [nur] sechshundert Dollar für sich haben. Was er darüber kriegt, das will er zur Verfügung stellen. Das wird jedenfalls eintreffen. Ich habe ihn gebeten, er solle es der Waldorfschule zuwenden. Das sind fünfhundert Millionen, aber es ist so wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Es ist der absolute Wahnsinn. Nun glaube ich, es wird in der nächsten Zeit in der Waldorfschule so notwendig sein wie für das Goetheanum, Geld zu bekommen. Diese Sache hätte müssen richtig vertreten werden; dies ist nicht richtig vertreten worden in Dornach. Jetzt müssen wir schließen.

German original of Fifty-Eighth Meeting · ← Previous · Next →