Faculty Meetings with Rudolf Steiner I
GA 300a — 16 January 1921, Stuttgart
Zweiundzwanzigste Konferenz
Seit der letzten Konferenz waren acht Wochen vergangen. Rudolf Steiner war vom 1. bis zum 19. Januar in Stuttgart, völlig in Anspruch genommen durch den «Kommenden Tag», der seine Geschäfte zu erweitern begann. Es fanden Vorträge statt vor Betriebsräten, vor Industriellen, endlose Sitzungen - es waren Belastungen, die jedes menschliche Maß überschritten. In diesem Zusammenhang ist es verständlich, dass Steiner sich beklagte, für die Schule so wenig Zeit zu haben.
Zuerst kam der «Erlass» zur Sprache, der besagte, dass alle Kinder in den ersten drei, später vier Klassen die Volksschule als die für alle gemeinsame Grundschule zu besuchen hätten. Die öffentlichen und privaten «Vorschulen», die dem Prinzip der «Einheitsschule» widersprachen, sollten deshalb abgebaut werden; sie durften keine neuen Schüler in die ersten Klassen aufnehmen. Als Vorschulklassen galten «die für Kinder in den ersten drei Schulpflichtsjahrgängen bestimmten Klassen an mittleren und höheren Lehranstalten sowie selbstständig bestehende, zur Vorbereitung für den Eintritt in eine mittlere oder höhere Lehranstalt dienende Schulklassen». (Reichs-Grundschulgesetz vom 28. April 1920) - Diese Tatsache war der Schule per Erlass vom 31. Dezember 1920 mitgeteilt worden. Molt bewirkte einen Aufschub, gemäß Paragraf 2, Absatz 2: «Wird ein Aufschub gewährt, ist dafür zu sorgen, dass die Gesamtschülerzahl der Vorschulklassen der Privatschule den bisherigen Umfang nicht übersteigt.»
Themen: Der Behördenerlass. Das Nichtfunktionieren des Bundes für Dreigliederung. Keine außerpädagogischen Aktivitäten im Unterricht. Ratschläge für einzelne Kinder. Die relative Bedeutung von Schillers Glocke. Verteidigung des späten Lesens und Schreibens. Der Unterricht braucht Straffung; es muss mehr gelernt werden; Ökonomie des Unterrichtes. Eine gymnasiale Tendenz der Oberstufe würde die proletarischen Eltern abschrecken, es ist der Ausdruck der Bourgeoisie. Grundlegendes zum: Wirken eines: Schularztes; Fragen zur projektiven Geometrie und Schattenlehre. Ein System der Heileurythmie soll ausgebildet werden. Keine Zeit ausfüllen mit Märchen. Grundregeln für das gemeinsame Führen einer Klasse.
Bemerkungen: Ein Lehrer stimmte den Unterricht musikalisch mit Klavierspiel ein. Steiner wandte sich heftig dagegen. «Dieses, was Sie jetzt auseinandersetzten, das ist ein Unfug.» Es gebe keinen Zusammenhang zwischen den Punischen Kriegen und einer musikalischen Sache. Dann wies Steiner darauf hin, dass der Unterricht innerlich musisch gestaltet sein sollte, nicht äußerlich. Auch gegen Märchen- oder Geschichtenerzählen als Zeitfüllung wandte sich Steiner, es solle «alles sehr gut pädagogisch eingeteilt sein».
Vorsitz: Rudolf Steiner.
RUDOLF STEINER: Da wir nur diesen Winkel der Zeit hatten, werden wir die allernotwendigsten Dinge besprechen müssen. Vielleicht sind Sie so gut und bringen die Dinge vor, die aus dem Kollegium heraus vorgebracht werden könnten.
KARL STOCKMEYER: [Die Schule ist zwar genehmigt, aber es ist jetzt ein Erlass der Behörde gekommen, der festsetzt, wie viel Kinder wir im 1. Schuljahr aufnehmen dürfen.] Das müsste besprochen werden.
RUDOLF STEINER: Das Besprechen hilft nicht viel. Der Erlass besagt doch, dass wir im besten Falle, solange es der Regierung gefällt, die ersten Klassen nur so groß machen dürfen, als sie in diesen beiden Schuljahren sind, [dass wir] nicht mehr Kinder aufnehmen dürfen.
Das ist etwas, was glattweg darinnensteht. Dass die Schule in beliebiger Weise fortgeführt werden kann, davon kann gar keine Rede sein. Wir dürfen nicht mehr Schüler aufnehmen, als wir bisher hatten.
Was darüber zu sagen wäre, ist dies: Wenn wir noch einen wirklich bestehenden Bund für Dreigliederung hätten, [so] müsste der die Agitation gegen dieses Schulgesetz aufnehmen. In Bezug auf diese Dinge wird [im Einzelnen] nichts erreicht; es muss gegen diese Tendenzen in umfassender Weise Stellung genommen werden. Etwas anderes ist darüber nicht zu sagen. Wir können mit dem Erlass sonst nichts machen.
EMIL MOLT: Er widerspricht dem, was mir persönlich zugesagt war. Von der Einschränkung war nicht die Rede.
RUDOLF STEINER: Gegen die [Einschränkung] in dieser Beziehung muss ich mich auch auf einem anderen Gebiet wenden. Es ist nie aus unserer Anthroposophischen Gesellschaft die Tendenz hervorgegangen, gegen die Einschränkung durch die Ärztetyrannei irgendetwas öffentlich zu tun. Dagegen besteht ständig die Tendenz, irgendwie zur Kurpfuscherei anzuregen. Das ist dasjenige, was auch unsere Bewegung ruiniert, dieses heimliche Wollen von etwas, wogegen man öffentlich nicht an[gehen] will; dass das fortwuchert. [Zu einem Lehrer:] Sie waren heute mutig genug, indem Sie «Tropfigkeit» gesagt haben. Es kann zu Konsequenzen führen, gewiss, das schadet nichts.
HERBERT Hann: Diese Dinge müssten unmittelbar in Gang kommen.
RUDOLF STEINER: Es ist so, dass es durchaus ausgesprochen werden muss, es ist eine der Tatsachen, dass die Dreigliederungszeitung seit Ende Mai kein Einziger abonniert hat. Dass der Bund für Dreigliederung absolut nicht funktioniert, das ist etwas, was gesagt werden muss.
KARL STOCKMEYER: Etwas Weiteres ist die Sorge, dass das Schulgebäude nicht rechtzeitig fertig werden wird. Wir müssten sonst andere Räume schaffen.
RUDOLF STEINER: Das wird sehr schwer sein.
KARL STOCKMEYER: Man muss vielleicht eine Baracke zur Aushilfe nehmen.
RUDOLF STEINER: Wahrscheinlich wird es darauf hinauskommen, dass man eine solche Baracke bauen muss. Es ist außerordentlich wenig Aussicht vorhanden, dass dieses große Schulgebäude, das also Millionen kostet, in der nächsten Zeit geleistet werden kann. [Das Geld] müsste geleistet werden vonseiten des «Kommenden Tages». Dass es geleistet werden kann, das ist nicht sehr wahrscheinlich, denn der «Kommende Tag» hat, wenn er zurechtkommt, eine ganze Reihe von Dingen [zu tun], die eigentlich unbedingt geschehen müssten. Und es ist fast unmöglich, etwa das erste Geld für den Bau des Schulhauses zu verwenden. Wenn nicht das erste Geld verwendet werden kann, dann ist nicht daran zu denken, dass [das Schulhaus] für das nächste Schuljahr fertiggestellt werden könnte. Technisch fertigstellen könnte man es ja, aber es wird finanziell nicht möglich sein.
Mehrere Lehrer sprechen über die Baracke und über die Wege, Geld zu schaffen.
RUDOLF STEINER: Es steht nichts im Wege, Geld irgendwie zu bekommen. Diese Art von Propaganda hängt davon ab, dass sie mit einigem Humor gemacht wird. Nicht wahr, es ist so die Sache, ich konnte mich ja in der letzten Zeit zu wenig in der Waldorfschule umsehen. Es war mir furchtbar schmerzlich; [ich bin] niemals mit so schmerzlichen Gefühlen weggegangen als diesmal. Nicht wahr, einiges werde ich vor allem sagen. Ich muss doch sagen: Es erscheint mir als keine Möglichkeit, dass unsere jetzigen Waldorflehrer zu einer solchen Propaganda etwas beitragen können. Im großen Ganzen hat es den Eindruck gemacht, dass die Waldorflehrer mit der Sorge für die Hochschulkurse schon genügend belastet sind. Es wäre notwendig, dass sie für manche Dinge entlastet würden, wenn die Schule richtig gedeihen soll.
Ich will dies im Einzelnen ausführen. Ich habe den Eindruck, dass Sie nicht weiter belastet werden können. Man braucht, wenn man lehren will, wirklich eine gewisse Zeit des Vorbereitens. Man muss die Sachen gründlich verarbeiten. Einzelne sind so überlastet, dass das nicht mehr möglich ist. - Also ich würde dem Dr. Stein entschieden raten, wenn man vonseiten des Bundes für Dreigliederung ihm etwas zuschiebt, dass er es energisch zurückweist, damit die Dinge auf diese Weise einige Korrektur erfahren. Wenn der Bund für Dreigliederung diejenigen Dinge, die in seiner Aufgabe stehen, auf Sie abschiebt und sich darauf beschränkt, sich zurückzuziehen in seine Räume, dann ist das eine Methode, die wenigen Leute, die arbeiten, so zu ruinieren mit der Überlastung und die anderen auf die Festung sich zurückziehen zu lassen, dass es nicht weitergehen kann.
WALTER JOHANNES STEIN: Vorträge sollte ich halten.
RUDOLF STEINER: Jedenfalls ist es ein Unfug. Ich habe neulich gefragt über ein Buch, das von gegnerischer Seite erschienen ist, Frohnmeyer. Man hat mir erwidert: Man hat es Dr. Stein gegeben. Das hängt mit dem Archiv zusammen, weil man im Archiv diese gegnerische Literatur sammelt.
WALTER JOHANNES STEIN: Das weiß ich schon lange, dass ich absolut nicht diese Vorbereitung aufbringen kann, die notwendig ist.
RUDOLF STEINER: Ich tadle nicht! Ich wollte nicht Kritik üben. Es wäre unangebracht, an der besten Institution Kritik zu üben. Dieses wird [Lücke in der Mitschrift] sehr stark. Es müssen die Dinge durchaus eingeteilt werden. Man kann zugeben, wenn das Arrangement in Ordnung ist, dass Sie solche Dinge machen, wie die in Darmstadt; dann müsste ein viel intensiveres Zusammenarbeiten mit dem Bund für Dreigliederung da sein. Das können wir nicht besprechen, wie das Verhältnis vom Archiv ist, obwohl das auch eine dunkle Geschichte ist.
WALTER JOHANNES STEIN: Das ist eine private Institution, die gar keine weiteren Grundlagen hat als die Unterredung. Wir sind weder finanziert noch eine Art geltendes Institut.
RUDOLF STEINER: Jedenfalls müssen Sie sehen, dass man Ihnen nicht so etwas aufhalst, was eminenteste Pflicht der Leute vom Bund für Dreigliederung ist. Die anderen Herren auch.
Vor allen Dingen haben wir für die Schule zu sorgen, das ist in erster Linie unsere Aufgabe. Forschungsinstitut und Schule gehören zusammen, um daraus ein Einverständnis zu bewirken. Das gehört zusammen.
HERMANN VON BARAVALLE: Ich hatte gefragt, wie ist es mit der Beigabe von Musik zum Unterricht. Ich hatte es so gemacht: Um die Stimmung vorzubereiten, hatte ich [am Beginn] ein Stück Klavier vorspielen lassen.
RUDOLF STEINER: Dieses, was Sie jetzt auseinandersetzten, das ist ein Unfug. Denn, nicht wahr, wir dürfen nicht die Sitte einführen, welche sowohl den Unterricht nach einer Seite durch eine künstlich erzeugte Stimmung beeinträchtigt; auf der anderen Seite dürfen wir nicht eine Kunst zu einem solchen Mittel verwenden. Der Kunst muss schon gewahrt bleiben, dass sie Selbstzweck ist, dass sie ja nicht dazu dient, Stimmung vorzubereiten. Es erscheint mir eine bedenkliche Annäherung an spiritistische Sitzungen. Ich glaube nicht, dass das weiter verfolgt werden darf. Etwas anderes ist es, wenn über Akustik vorgetragen wird.
HERMANN VON BARAVALLE: Ich habe immer Zusammenhänge gesucht.
RUDOLF STEINER: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Punischen Kriegen und einer musikalischen Sache. Was gibt es für einen Zusammenhang?
HERMANN von BARAVALLE: Ich habe gesucht, wenn man [es] musikalisch ausdrückt in verschiedenen Motiven, wo die Sachen ins Musikalische gekleidet vorgekommen sind.
RUDOLF STEINER: Was sollte das? Worauf soll das hinaus? Auch Eurythmie nicht! Sicherlich, Sie können nicht eine Eurythmieaufführung machen, um eine Stimmung zu machen für eine Schattenkonstruktion. Wollen Sie Eurythmieaufführungen machen, um nachher Frachtbriefe zu schreiben? Das wäre eine Ausweitung nach der anderen Seite. Wir haben die Aufgabe, den Unterricht so musisch zu gestalten, innerlich so musisch wie möglich, nicht [durch] rein äußerliche Mittel. Das ist schädlich für den Inhalt dessen, was vorgebracht wird, wie für die Kunst selber. Man kann nicht ein Märchen erzählen, um hinterher Farbenlehre zu behandeln. Es würde der Unterricht auf eine ganz falsche Bahn gebracht werden. Der Unterricht muss in sich so gestaltet sein, dass er Stimmung erzeugt. Wenn man nötig hat, durch irgendeine dekorative Sache die Stimmung erst zu erzeugen — wobei die Kunst leidet -, so würde man aussprechen, dass man durch den Inhalt des Unterrichts nicht diese Stimmung hervorbringen wollte oder könnte. Mir war es bedenklich, wenn man anthroposophischen Erläuterungen irgendein Musikstück vorausgeschickt hat, nicht wahr, was ja noch immerhin etwas anderes ist, weil es erwachsene Leute sind, manchmal. Im Schulunterricht geht es nicht. Dann werden wir es abschaffen können.
PAUL BAUMANN: Ich würde es auch nicht machen. Ich bringe im Musikunterricht die Verbindung zur Akustik.
HERMANN VON BARAVALLE: Ob wir das [in der Physik] verwenden können als eine Brücke vom Musikalischen zum Akustischen?
RUDOLF STEINER: Da wäre es wünschenswert, dass man die Akustik musikalischer macht, dass man eine Akustik herauskriegt, die man verbinden kann durch eine Art künstlerischer Brücke mit dem Musikalischen. Es gibt schon diese Möglichkeit, in die Sache so lange etwas Musisches hineinzubringen. Man darf nicht versuchen, [es auf die vorhin erwähnte Art] möglich zu machen. Ich weiß auch gar nicht, was übrig bleiben soll für den Punischen Krieg, wenn Sie eine halbe Stunde wegnehmen für alles das.
EDITH RÖHRLE: Es war ein ganz kurzes Gedicht.
RUDOLF Steiner: Das ist eine phantastische Pädagogik! Es ist das beste Mittel, die Eurythmie lächerlich zu machen.
EDITH RÖHRLE: Ich hatte die Wirkung in der Klasse, dass die Klasse sehr interessiert war.
RUDOLF STEINER: Vielleicht ist sie noch mehr interessiert, wenn Sie einen kleinen Film vorführen. Wir dürfen nie darauf gehen, wie die Kinder interessiert sind durch irgendetwas. Da könnten wir ein Tänzchen aufführen lassen. Es kommt nicht darauf an, dass sie interessiert sind, das wäre eine furchtbar phantastische Pädagogik. Wenn das einreißen würde, dann würde unser Unterricht leiden und die Eurythmie diskreditiert sein. Entweder ist es im Prinzip richtig, dann müsste es gemacht werden, oder es ist falsch. Das kann man dann nicht erwidern. Dies ist jedenfalls etwas, das nicht gehen kann.
Da war der eine junge R. W. in der 6b, der mit der Schrift die Schwierigkeit hat, [der] einen Strich in den anderen hinein[macht]. Bei solchen Dingen, wo im zentralen Nervensystem vorliegt eine leichte Neigung zu nicht herauskommenden Krämpfen, die vielleicht sogar in späterem Lebensalter zu Schreibkrampf führen können, da müsste man versuchen, dem sehr früh entgegenzuarbeiten. Und in diesem Falle, bei dem einen Buben, R. W., den sollte man Eurythmie machen lassen mit Hanteln; er müsste die Bewegung mit Hanteln machen. Sie brauchen vielleicht nicht besonders schwer zu sein, aber er soll Eurythmie mit Hanteln machen. Sie werden bemerken, dass dadurch die Schrift sich korrigiert. Man könnte auch noch andere Dinge machen. Man könnte versuchen, ihm eine andere Federrichtung zu geben. Es gibt solche Federn - ich weiß nicht, ob es sie nach dem Kriege noch gibt -, die im Winkel angesetzt sind an den Federstiel. Da ist es notwendig, dass ein solcher Bub sich erst gewöhnt an die andere Einstellung. Das hilft ihm auch, wenn er Bewusstsein in die Fingerhaltung hineinbringt. - Dann hat er zu stark konvergierende Augenachsen; man müsste ihn veranlassen, die Augen etwas weiter vom Papier zu halten, damit die Augenachsen sich weniger konvergierend einstellen. Man müsste abwarten, wie sich die Schrift unter Einfluss dieser mehr organischen Mittel ändert. Wenn man es beobachtet, [dass er sich Mühe gibt], dass er irgendetwas ordentlich schreibt, dann kann man ihn lenken, dann kann sein bewusster Wille eingreifen.
Der andere Bub, R. F., der ist [etwas] stumpfsinnig. Im Schreiben habe ich ihn nicht gesehen.
HERMANN VON BARAVALLE: Seine Schrift ist ganz schön. Er hat eineinhalb Stunden geschrieben.
RUDOLF STEINER: Man braucht nicht mit einer Kur einzusetzen. Er war immer ein Sorgenkind. Es ist jetzt wohl kaum viel mit ihm zu machen. Bis ihm der Knopf aufgeht, muss man ihn, trotzdem er Schwierigkeiten macht, öfters mal fragen, sodass er sieht, dass man ihm Liebe zuwendet. Und dann, dass er denkt: Ich kann öfter gefragt werden!
Man muss bei solchen Kindern daran denken, dass man sie öfters aufruft, und vielleicht manchmal von den fortgehenden Dingen abrückt auf Nebengeleise. Vieles andere kann man mit ihnen nicht tun. Kurzsichtig ist er nebenbei. Er ist stumpfsinnig. Es ist wahrscheinlich, dass da organische Sachen zugrunde liegen; da müsste man sich im Einzelnen mit ihm beschäftigen. Wahrscheinlich leidet der Bub an organischen Sachen. Ich hatte den Eindruck, dass der Bub behandelt werden müsste jeden zweiten Tag mit Wurmzucker, durch vierzehn Tage. Es müsste geprüft werden. Ich glaube, dass er an Würmern leidet. Wenn man dies kurieren könnte, so wird die Sache besser werden. Man müsste sich mit diesen Dingen der Schülerschaft beschäftigen. Vielleicht sehen Sie ihn einmal an, Kolisko, ob dies oder etwas Ähnliches im Verdauungssystem vorliegt. Vielleicht liegt sonst ein Grund zu einer besonders trägen Verdauung vor. Man wird die eigentliche Ursache seines Stumpfsinns im Verdauungssystem zu suchen haben.
Bitte vergessen Sie nicht, wenn ähnliche Sachen vorliegen, wie mit diesen zwei Schülern, das noch vorzubringen. Nicht so schr wegen des einzelnen Falles, [sondern dass sich] überhaupt nach und nach durch Besprechung einer Anzahl von solchen Fällen, wo Schüler im Einzelnen durchgenommen werden müssen, dass sich nach und nach eine Erfahrung ergibt. Vergessen Sie nicht, diese Dinge vorzubringen, die Ihnen sonst noch notwendig scheinen oder fruchtbar erscheinen.
[Dann] diese Sache mit den Austritten, wie verhält es sich im Falle A. R.?
KARL STOCKMEYER: A. R. ist nicht ausgeschlossen worden. Er hat 350 Mark gestohlen.
WALTER JOHANNES STEIN erzählt den Fall.
EMIL MOLT: Die Mutter hat ihre beiden Kinder herausgenommen.
Viele Eltern nehmen die Kinder [nach der 8. Klasse] heraus, um sie in einen Beruf zu stecken. Es ist eine Stimmung im Geschäft, als ob eine Kluft entstünde zwischen Proletariern und anderen. Die Proletarier sind übermäßig empfindlich.
Er bittet um einen Rat.
RUDOLF STEINER: Nicht wahr, das wird wahrscheinlich schwer gehen, wenn wir nicht in der Lage sind, für die höheren Klassen hinauf den Unterricht zu erweitern durch irgendwelche Dinge, die die Leute [so] ansehen können, [dass es] ihnen Ersatz gibt für das, was sie durch irgendeine Lehrlingszeit haben. Da müssten wir unsere höheren Klassen so einrichten, wie es in meinen «Volkspädagogischen Vorträgen» steht. Dann würde man das erreichen können, dass die Kinder bleiben. Aber wenn wir also nicht zu dem übergehen, dann wird es sehr schwer werden, dass die Eltern sie darin lassen. Es werden viele nicht einsehen, worauf das hinauswill bei ihren Kindern. Wir stehen immer vor der Schwierigkeit, dass man die Kinder bis zum Abiturientenexamen bringt. Das ist eine sachliche Schwierigkeit. Da müsste man einen Ausweg suchen. Möglich wäre es trotzdem, die Kinder zum Abiturientenexamen zu bringen, wenn sie auch praktisch arbeiten. [Es müssten] diejenigen, die für praktische Arbeit geeignet sind, mehr für das Praktische unterrichtet werden, ohne dass man die Schule gabelt. Ich glaube nicht, wenn wir die Schule auslaufen lassen in eine «höhere Lehranstalt», dass wir [dann] darum herumkommen, dass mit dem fünfzehnten Lebensjahr eine Anzahl austritt.
EMIL MOLT: Ich habe nur den Wunsch, dass die Kinder der Proletarier so lange wie möglich in der Schule erhalten bleiben.
RUDOLF STEINER: Erst haben die Eltern kein Verständnis, was bei sozialdemokratischen Kreisen nicht weit geht. «Unsere Jungen sollen etwas Besseres werden»; da hätten sie vielleicht Verständnis. Jetzt ist die Gesinnung sehr wenig vorhanden. Da hätten sie vielleicht die Gelegenheit ergriffen, auf billige Weise die Mädchen unterrichten zu lassen, Auf eine andere Weise werden wir [gegenüber dem], was in Lebensgewohnheiten liegt, nicht sofort [etwas] erreichen. Es wird auch nicht leicht sein mit den Kindern, die nicht wenigstens die ganze Volksschule von unten herauf gemacht haben, [also] mit den später eingetretenen, die wir nur ein Jahr lang in der 8. Klasse gehabt haben, die nun hinaufsteigen zu lassen [in die höheren Klassen]. Die Kinder sind nicht danach, dass sie hinaufsteigen könnten. Wir haben in der 8, Klasse gar nicht so viele Proletarier gehabt.
KARL STOCKMEYER: Es sind neun ausgetreten. Es ist nicht leicht, den Schülern in der 8. Klasse das beizubringen, was sie in einer höheren Schule brauchen.
RUDOLF STEINER: Sie sind in ihrer ganzen Lebensverfassung - wobei ich in keiner Weise irgendetwas anderes meine -, in der innerlichen Seelenverfassung sind sie nicht in das hinaufzubringen, was man gewöhnlich hat als höhere Schule. In die höhere Schule, die eine Art Bourgeoisanstalt ist, da ist der Proletarier - er ist als Streber hineinzukriegen, wenn er hinaufrücken will in die Bourgeoisie. Man müsste [die Schule] einrichten, wie ich es in den «Volkspädagogischen Vorträgen» beschrieben habe. Dann würde es sich herausstellen, wie man [diese Schüler] durchbringt zu einer richtigen Bildung. Solange man genötigt ist, etwas von der Schulverfassung des Gymnasiums zu haben, was die reine Bourgeoisieschule ist - es gibt nichts, was nicht zugeschnitten wäre auf die Bourgeoisie -, da wird der Proletarier nicht hineinpassen.
Ich möchte nur über diese Note des Nur-Lehrens, dass also man irgendetwas nicht in die Kinder hineinbringt, [sagen]: Da handelt es sich [darum], dass die Methode, die wir angefangen haben, die auseinandergelegt worden ist in meinen didaktischen Vorträgen, sehr viel vermag in der Ökonomisierung des Unterrichts, wenn sie richtig ausgebildet wird, und dass auch mehr hineingearbeitet werden sollte auf die Ökonomisierung des Unterrichts. Nicht wahr, diese Ökonomisierung ist durchaus notwendig, damit man die anderen Dinge auch einhalten kann.
Ich habe [nicht] gerügt, dass die Kinder noch nicht schreiben können. Sie werden etwas anderes können in diesem Lebensabschnitt! Ich möchte das Beispiel von B. R. erwähnen. Die hat mit neun Jahren noch nicht schreiben gekonnt, hat viel später schreiben gelernt als alle anderen Kinder, sie hat die Buchstaben gemalt. Jetzt ist sie sechzehneinhalb Jahre alt und ist verlobt. Sie ist außerordentlich tüchtig im Helfen im «Futurum». Das ist doch eine andere Tour! Sie ist etwas anderes. So spät wie das Mädchen lesen konnte - sie hat das letzte Jahr der Handelsschule gratis bekommen und wurde zum Sekretär des Direktors ernannt! Die Mutter erwies sich nicht fähig, im «Futurum» zu arbeiten, und sie musste ihre Stelle antreten. Es werden solche Dinge nicht [genügend] berücksichtigt. Es fördert die Tüchtigkeit ganz entschieden, wenn nicht zu früh diese Dinge, wie das Schreiben und Lesen unserer jetzigen Schrift, die mit der menschlichen Natur nicht zusammenhängen, wenn die nicht zu früh beigebracht werden.
[Nach einer Bemerkung Marie Steiners:] Das späte Kommen zum Lesen und Schreiben, das ist etwas, was schon einen gewissen Wert hat.
[Jemand bemerkt: Es wird bei den Eltern geredet, dass in der Schule ein Gegensatz bestände zwischen den proletarischen Kindern und den anderen.]
RUDOLF STEINER: Wie ist das im gegenseitigen Verhalten zutage getreten?
EMIL MOLT: Das wollte ich hören, ob vonseiten der Lehrerschaft derartige Beobachtungen gemacht werden.
ALEXANDER STRAKOSCH: Bei den Kindern untereinander konnte ich nichts konstatieren. Nur dieser kleine W. A., der zaubert so Sachen heraus: «Den Reichen erlaubt man immer, dass sie herausgehen, nur uns Armen erlaubt man es nicht.» Die Kinder beklagen sich zu Hause. Trotzdem ist nie die Stimmung gewesen, dass etwas gegen die Proletarier ist.
RUDOLF STEINER: Das ist für unsere Schulentwicklung nicht besonders charakteristisch, denn hier hat er sich gebessert. Er ist viel zivilisierter, als er war. Er ist ein Wildling gewesen, wie er hereingekommen ist. Er hat sich entschieden gebessert. Ich glaube nicht, dass der für den Gegensatz zum Proletariat charakteristisch ist.
ALEXANDER STRAKOSCH: W. A. kann sich nicht konzentrieren. Der E. macht auch Schwierigkeiten.
RUDOLF STEINER: Bei W. A. würde man, sobald man sich vom Standpunkt der Pathologie mit den Kindern beschäftigen kann, etwas erreichen, wenn man ihm ein paar Schröpfköpfe setzen würde. Das würde einmal zur Pädagogik gehören. Jetzt würden wir furchtbaren Anstoß erregen.
ALEXANDER STRAKOSCH: Glauben Sie, dass man etwas erreichen kann mit diesen kleinen Geschichten?
RUDOLF STEINER: Sie würden [auch] einiges mit ihm erreichen, wenn Sie ihn gewöhnen würden, ganz scharf irgendetwas mit Konsequenz vom Anfang bis zum Ende durchzuführen. Wenn er bei einer solchen Geschichte [etwas] ausfrisst, müsste er es niederschreiben. Irgendwie [muss man bei ihm] in reinlicher Weise die Sache durchführen bis zur letzten Konsequenz. Man kann sehr viel erreichen, wenn man ihn eine Sache machen lässt, bis er sie reinlich durchgeführt hat. Er leidet vor allen Dingen an einer zu starken inneren Regsamkeit des Blutes. Es ist eine furchtbare Spannung in ihm, und er ist, was ich nennen möchte einen physischen Renommisten. Er will renommieren. Sein Körper renommiert. Das würde durch eine Behandlung des Blutes wesentlich geändert werden.
Bei manchen könnte man sehr viel machen, sobald man die Sache an einem richtigen Ende [packt], [und] im kindlichen Alter schr viel tun. Ich werde in jeder Klasse ein paar heraussuchen, die körperlich behandelt werden müssten. Bei K. R. ist es entschieden so, dass er richtig behandelt werden müsste. Er müsste behandelt werden auf eine gewisse Diät, auf Dinge, die ich gesagt habe.
Diese Institution des Schularztes müsste man einrichten und so gestalten, dass es akzeptiert werden könnte von der öffentlichen Meinung. [Man sollte] eine besondere Institution des Schularztes schaffen.
EMIL MOLT: Könnte das nicht sehr rasch in Angriff genommen werden?
RUDOLF STEINER: Ich weiß nicht, ob von Dr. Kolisko so etwas gemacht werden könnte. Der Schularzt, der meiner Idee nach da sein müsste, der müsste sämtliche Schulkinder kennen [und im Auge behalten], der müsste im Grunde genommen nicht einen speziellen Unterricht haben, sondern sich mit den Kindern sämtlicher Klassen beschäftigen, wie es sich ergibt. Den Gesundheitszustand sämtlicher Kinder müsste er wissen. Da lässt sich viel sagen. Ich habe öfter betont, die Leute sagen, es gibt so viele Krankheiten und Gesundheiten. Es gibt ebenso viele Gesundheiten, als es Krankheiten gibt.
Diese Institution des Schularztes, der alle Kinder kennt und im Auge behält, das würde eine vollamtliche Beschäftigung sein; der müsste ganz in unsere Dienste treten. Ich glaube nicht, dass wir es machen können. Wir sind finanziell [nicht] so weit, dass wir es verantworten können. Es müsste streng durchgeführt werden. Nur dadurch würde es akzeptiert werden. Dr. Kolisko könnte es versuchen. Er muss jemand sein, der ganz in der Schule drinnensteht.
EUGEN KOLISKO: Es ist so, dass ich augenblicklich nicht in der Schule drinnen bin. Jetzt habe ich eine andere Aufgabe.
RUDOLF STEINER: Die Aufgabe muss zuerst erledigt werden. Ich glaube doch, dass Sie eine größere Lust haben werden, zu unterrichten, als Schularzt zu sein. Barchet kenne ich nicht. Er hat die Schwester von Frau Werbeck zur Frau. Ist er praktischer Arzt?
Leonie von Mirbach dazu. Emil Molt und Karl Stockmeyer äußern sich ebenfalls.
ERNST UEHLI [nach einer Bemerkung Rudolf Steiners]: Der Bruder von Thylmann ist Arzt. Viele Jahre in unserer Bewegung, Er hat eine Praxis in Aussicht in einer anderen Stadt.
RUDOLF STEINER: Das wäre keine schlechte Idee. Er hat sehr viel Verständnis für Kinder. Das habe ich beobachtet. Jüngere Mediziner werden sich eine ganze Reihe finden.
ALEXANDER STRAKOSCH fragt wegen W. L. und R. G.
RUDOLF STEINER: Der R. G. ist viel besser geworden. Der war im vorigen Jahr nicht in dem Zustand. Warum haben Sie ihn nach rückwärts gesetzt? Er ist das vorige Mal ganz am Ofen gesessen.
ALEXANDER STRAKOSCH: Das ist mehr, weil er sich mit dem E. zu sehr befasst.
RUDOLF STEINER: Jedenfalls ist der R. G. jetzt besser.
Jemand bemerkt: Während der Ferien ist er behandelt worden. Das ist nicht zu ändern, als dass man während der Ferien etwas macht.
ALEXANDER STRAKOSCH: Am Unterricht nimmt er teil. Der Vater des R. G. ist selbst Arzt.
Frage zum Schüler W. L.
RUDOLF STEINER: [Bei W. L.], da ist auch nur das allgemeine Befinden. Ich habe mich noch nicht so weit mit ihm beschäftigt. Er hat etwas körperlich. Der R. G. ist hysterisch. Ausgesprochen männliche Hysterie. Der andere hat vielleicht auch so etwas Ähnliches. Da müsste man ihn untersuchen, wenn so etwas organisch vorliegt.
LEONIE VON MIRBACH: Darf ich fragen, ob Sie sich des Jungen H.D. erinnern?
RUDOLF Steiner: Der Junge ist physisch klein geblieben. Er sieht sehr neugierig aus. Ich glaube, der Junge braucht, dass er die Sicherheit hat, [dass] er öfter erleben würde, dass man ihn gerne hat. Zu Hause wird er wenig Liebe erfahren. Die Mutter mag gescheit herumreden. Man sollte ihm in der Schule etwas Liebe geben. Man sollte ihn öfter anreden und Ähnliches, was einem schwer wird, weil er einen unsympathischen Eindruck macht. Man sollte ihn öfter anreden, ihn über dies oder jenes fragen. Es macht ganz den Eindruck, dass er nach dieser Richtung hin angefasst werden müsste. Der Junge ist nur etwas vereist.
LEONIE VON MIRBACH: Soll ich mit dem Mädchen [N. N.] auch etwas Besonderes machen?
RUDOLF STEINER: Es fragt sich, ob man es nicht besonders aufwecken könnte.
PAUL BAUMANN: Sie ist ganz zerstreut und hat die Augen in einer schiefen Lage.
RUDOLF STEINER: Sie hat einen schwachen Intellekt. Für solche müssten wir doch die Schwachsinnigenklasse haben, dass man sie systematisch behandeln kann. Diese Kinder würden sehr gewinnen, wenn man nicht Schreiben und Lesen geben würde, [sondern Dinge], die aber doch ein gewisses Denken fordern. Solche elementaren Aufgaben, dass man sagt, sie muss in neun aufeinanderfolgende Becher eine Anzahl von kleinen Kugeln legen und in jedem dritten Becher müssen zwei rote und eine weiße sein. So etwas, dass sie kombinieren muss. Dann würde man schon etwas erreichen. Wir müssten eine Lehrkraft für diese psychopathischen Kinder haben.
WALTER JOHANNES STEIN: [Ich bin in der 9. Klasse in der Geschichte bis] 1790 [gekommen]. Ich sollte bei der Gegenwart angelangt sein. Ich komme langsam vorwärts in der Geschichte.
RUDOLF STEINER: Ich habe neulich nicht entnehmen können, wie rasch Sie vorwärtsgegangen sind. Haben Sie im Anfang des Schuljahrs gleich begonnen?
Es war nur eingeschoben, das über Herman Grimm.
Ich war bei Ihnen, wie Sie ganz andere Geschichte mit den Kindern [durch]genommen haben. Farbenlehre.
WALTER JOHANNES STEIN: Das war in Anknüpfung an die HermanGrimm-Vorlesung. Das war eine Episode. Die sind zu Lektürezwecken genommen worden.
RUDOLF STEINER: Woran liegt es nach Ihrer eigenen Meinung?
WALTER JOHANNES Stein: Das liegt daran, dass ich diese Geschichte sehr wenig selbst kenne. Das Vorbereiten, um ganze Epochen zu umspannen, geht eben nicht.
RUDOLF STEINER: Mit was haben Sie angefangen?
WALTER JOHANNES Stein: Mit der Reformationszeit.
RUDOLF STEINER: Man müsste sehen, die Folgezeit ist kurz, möglichst bald bis zur Gegenwart zu kommen.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Ist es besser, [in der] Projektions- und Schattenlehre [in der 6. Klasse] vom Künstlerischen auszugehen oder vom Geometrischen?
RUDOLF STEINER: Es ist unter Umständen das das Beste, was eine Brücke baut zwischen einem Unterricht, der nüchtern geometrisch ist, und einem solchen, der doch zur Kunst hinüberführt. Ich glaube nicht, dass man das künstlerisch behandeln kann. [Gemeint ist die Zentralprojektion.] Ich würde Schattenlehre, ich würde die Zentralprojektion - es ist ja Schattenlehre - ich würde doch glauben, dass die Kinder auch wirklich wissen müssten, wie also der [Schatten] eines Kegels auf einer so gearteten Ebene ist; dass sie eine innere Anschauung haben.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Soll man solche Ausdrücke verwenden wie Lichtstrahlen, Schattenstrahlen?
RUDOLF STEINER: Das ist nun ja eine allgemeinere Frage. Es ist nicht gut, Dinge gerade jetzt in der projektiven Geometrie anzuwenden, die es nicht gibt. Es gibt keine Lichtstrahlen, noch weniger Schattenstrahlen. Das ist nicht nötig, dass man mit diesen Begriffen in der Projektionslehre arbeitet. Man sollte arbeiten mit gestalteten Rauminhalten. Es gibt nicht Lichtstrahlen und Schattenstrahlen. Es gibt Zylinder und Kegel. Es gibt [einen] Schattenkörper, der entsteht, wenn ich einen Kegel habe, der schief ist und von einem Punkt beleuchtet wird, und den Schatten auffallen lässt auf eine geneigte Ebene. Dann habe ich einen Schattenkörper, der da ist. Diesen Schattenkörper als solchen, die Kurvenbegrenzung des Schattenkörpers, das sollte auch schon das Kind verstehen. Geradeso, wie es später in der projektiven Geometrie verstehen muss, wenn ein Zylinder [einen anderen mit] kleinerem Durchmesser durchschneidet. Das ist ungemein nützlich, die Kinder dies zu lehren. Es bringt nicht ab vom Künstlerischen. Es lässt die Kinder im Künstlerischen. Es macht das Vorstellen geschmeidig. Man kann geschmeidig vorstellen, wenn man von vornherein weiß, was für eine Schnittkurve entsteht, wenn sich Zylinder durchschneiden. Das ist ganz wichtig, dass man diese Dinge bringt, aber nicht Abstraktionen.
KARL STOCKMEYER spricht über darstellende Geometrie.
RUDOLF STEINER: Da bin ich vielleicht mitten [in die Stunde] hineingekommen. Da würde ich in diesem Teil finden, dass man anschaulicher vorgehen soll.
Es [scheint] doch von einer Anzahl von Kindern, als Sie gezeichnet haben, begriffen worden zu sein.
KARL STOCKMEYER: Die Zeichnungen wurden gut gemacht.
RUDOLF STEINER: Wie die Kinder geantwortet haben, das könnte rationeller gemacht werden; das fiel auseinander. Die Kinder redeten verworren. Und das kann natürlich anders sein, wenn man saftigere Begriffe beibringt. Ich würde mehr vom Anschaulichen ausgehen, würde dem Kinde beibringen, wie verschieden ein Gebäude ausschaut vom Luftballon gesehen, und wie es ausschaut, wenn man Gebäude, hinter denen ein Berg ist, [von dort herab anschaut]. Ich würde auf diese Weise zuerst aus dem komplizierten Objekt heraus die Begriffe: Grundriss, Aufriss beibringen, bevor ich zur Darstellung des Punktes gehe.
KARL STOCKMEYER: Das war geschehen.
RUDOLF STEINER: Diese Geometrie wäre etwas, was die Kinder mit Leidenschaft treiben könnten, wenn man es ihnen beibringen würde. Es ist etwas ungeheuer Fruchtbares. Ich finde, dass es zu lange herumgeredet war, in die Fläche eines Dreiecks einen Punkt hineinzusetzen. Nachher so lange herumzureden, bis man den Begriff herauskriegt — man müsste schneller [dazu kommen]. Wenn Sie im Anfang der Stunde den Punkt hineinzeichnen, und am Ende der Stunde wird über allerlei zu den Dingen herumgeredet, ohne dass Sie dazu gekommen sind, die Linien zu ziehen, so glaube ich, dass Sie die Vorstellungen zu stark auseinandertreiben. Wenn das Kind über so viele Vorstellungen sich verbreitet, dann verliert es den Zusammenhang, den Faden. Es wird alles so weit, dass die Kinder - nicht wahr, man fasst es nicht mehr; es ist auseinandergezerrt. Es ist [Lücke in der Mütschrift].
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Hat es einen künstlerischen Wert, wenn man «Das Lied von der Glocke» lernen lässt?
RUDOLF STEINER: Man kann es schon machen, wenn man es heraufhebt in eine freiere Auffassung. «Das Lied von der Glocke» ist eines von den Gedichten, bei denen Schiller der Philistrosität Konzessionen gemacht hat. Manches darinnen ist eigentlich spießig. Viele Vorstellungen sind ganz unwahr. Deshalb ist es gefährlich. Natürlich werden die Proletarierkinder es ihren Eltern erzählen. Das ist auch nicht wünschenswert. Es wird empfunden als ein Philistergedicht. [Auf eine Frage von Caroline von Heydebrand:] Sicher kann man das machen.
Wie steht es mit der 1. Klasse?
ROBERT KILLIAN: Ich glaube, dass ich eine leichte Aufgabe bekommen habe, dass meine Klasse so günstig zusammengesetzt ist, dass ich wenig Schwierigkeiten habe [auch] mit den einzelnen Ausnahmen. Bei denen glaube ich doch, dass ich das Verhältnis gefunden habe.
RUDOLF STEINER: In Ihrer Klasse macht die Homogenität einen guten Eindruck. In gewissem Grade [ist das] auch bei Fräulein Uhland der Fall. Die Kinder sind in beiden ersten Klassen so, dass sie nicht als besonders Begabte und Unbegabte hervortreten.
ROBERT KILLIAN: Es sind Einzelne darinnen, [bei denen] ist es etwas schwierig.
RUDOLF STEINER: Das ist auch gut, Einzelne muss man wecken. Im Ganzen habe ich mich gefreut bei beiden 1. Klassen, dass sie doch verhältnismäßig ruhig sind, während die 2. eine schreckliche Schreiklasse ist. Sie tun sich schon höllisch schwer; sie sind auch unruhig. In dieser Beziehung sind die ersten Klassen sehr gut.
ROBERT KILLIAN: Etwas schwerer ist die Sprachstunde.
RUDOLF STEINER: Im Ganzen ist diese Klasse so, dass man zufrieden sein kann mit ihnen. Es sind auch ein paar, die zurückgeblieben sind. Diese Kleine in der ersten Bank, in der linkesten Reihe, die kommt schwer vorwärts. Dieser kleine H. B. ist nicht besonders begabt.
Rudolf Steiner hatte vorgeschlagen, dass eine jüngere Lehrerin, Elisabeth von Grunelius, einer älteren Klassenlehrerin, Leonie von Mirbach, im Unterricht helfen sollte. Es wird nun gefragt, wie das Zusammenarbeiten im Einzelnen geschehen solle.
LEONIE VON MIRBACH: Wir haben auch Schwierigkeiten mit der Disziplin, da sind wir uns nicht einig, wie das Zusammenarbeiten mit Fräulein von Grunelius im Einzelnen geschehen soll.
RUDOLF STEINER: Ich habe so gemeint erst, dass Sie sich ablösen, aber dass, während die andere nichts zu tun hat, sie nicht bloß zuhört, sondern auch ein bisschen herumgeht, um so ein bisschen nebenher die Disziplin zu bewahren.
LEONIE VON MIRBACH [vermutlich]: Wir hatten das nicht getan, da wir es für unersprießlich hielten.
RUDOLF STEINER: Sie wollten nicht gerne.
ELISABETH VON GRUNELIUS: Wenn ich eine Stunde gebe, so fühle ich doch, dass ich alle Kinder fassen kann. Fräulein von Mirbach reißt dann die Kinder auseinander.
RUDOLF STEINER: In abstrakter Beziehung mag es richtig sein. Intim ist es nicht so. Fräulein von Mirbach ist furchtbar angestrengt. Also wenn Sie dahinten herumgehen würden, könnten Sie manches, was herumspringt, am Sitzplatz erhalten. Das ist ersprießlicher, als wenn Sie bloß zuhören.
ELISABETH VON GRUNELIUS: Wenn ich den Kindern etwas sage, sagt Fräulein von Mirbach das Gegenteil.
RUDOLF STEINER: Das kommt nicht infrage, wenn Sie bloß ein bisschen sehen, dass ein Kind, das herumspringt, am Platze sitzen bleibt. Ich meine, nicht wahr, wollen wir uns nicht über Prinzipien unterhalten! Bei dieser Klasse ist es eigentümlich, dass die Kinder bunt durcheinanderlaufen. Da kann man sie abhalten von diesem Durcheinanderlaufen. Wie will Fräulein von Mirbach das Gegenteil sagen? Ich will nicht hoffen, dass Sie untereinander uneinig sind. Ich meine nicht, wenn berechtigterweise ein Kind vorgeht, dass man es zurückhält. Es sind doch die offenbaren Fälle, dass die Kinder ungezogen sind und dass man schwer Disziplin hält. Die Kinder schwätzen zu reichlich. [Machen Sie es] ganz unauffällig, sodass Sie gar nichts tun können, wozu das Fräulein von Mirbach das Gegenteil sagen könnte. Ich denke mir lauter Sachen, wo man den einen Teil hat und das Gegenteil.
Sollte es wirklich so schwer sein, die Sache zu machen? Es ist vorgeschlagen in der Absicht, dass Fräulein von Mirbach geholfen werden sollte, weil die Klasse für sie zu groß ist und die Kinder in einer etwas schwer zu behandelnden Weise zusammengewürfelt sind. Solch ein Experiment kann man nicht machen, wenn es ein Experiment bleibt. Ich könnte mir aber gut denken, dass Sie so weit kommen, sich fünf Minuten zu besprechen, was der Unterrichtsgegenstand am nächsten Morgen sein wird.
Es wird nach Märchenerzählen gefragt.
RUDOLF STEINER: Wenn Sie finden, dass es sachlich gerechtfertigt ist. Ich möchte davor warnen, gewisse Zeiten auszufüllen mit Märchenerzählen. Es soll alles sehr gut pädagogisch eingeteilt sein. Ich möchte nicht, dass diese Dinge zu stark hervortreten, dass der Unterricht undurchdacht würde; dass man, [wenn man] nicht weiß in einem bestimmten Moment, was man tun soll, ein Märchen erzählt. In jeder Minute muss [der Unterricht] durchdacht sein. Nicht wahr, Märchenerzählen ist ganz gut, wenn man es festgesetzt hat, dass man es tut. Eigentlich ist es im Sinne unserer pädagogischen Anschauung, dass diese zwei Stunden am Morgen ein in sich geschlossenes Ganzes sind, nicht, dass man irgendwelche divergierenden Interessen hat.
Sie werden nur durchkommen, wenn Sie [beide] ganz ein Herz und eine Seele sind. Wenn Sie gewissermaßen brennen daranzukommen, um die Sache gegenseitig fortzusetzen. Ganz ein Herz und eine Seele: Das ist das, was natürlich fast unerlässlich ist.
KARL STOCKMEYER: Fräulein Lang will uns verlassen, [weil sie sich verheiratet].
RUDOLF STEINER: Da werden wir eine andere Lehrkraft haben müssen. Da können wir nichts anderes sagen, als dass es schade ist. Es muss halt auf der anderen Seite, was ich ja schon sagte - jedenfalls muss die Klasse mit einer neuen Lehrkraft besetzt werden.
KARL STOCKMEYER: Wir haben Reservekräfte zur Hand, von denen schon früher gesprochen war: Pastor Ruhtenberg.
RUDOLF STEINER: Ich habe mir gedacht, dass er mehr in Betracht käme für den humanistischen Teil der höheren Klassen. Ich kann mir schwer denken, dass er für die 4. Klasse in Betracht käme. Er kommt nicht von der pädagogischen Seite her. Fräulein Wienandt müssten Sie mir erst vorstellen. Vielleicht ist es ihr gar nicht darum zu tun, Lehrerin zu werden. (...] [Weitere Namen werden genannt, auch im folgenden, hier gekürzt wiedergegebenen Gespräch.]
Es ist absolut notwendig, dass jemand ernannt wird, der sich ganz aus vollem Herzen hineinfindet in den Geist der Waldorfschule. [...]
Wir sind bald herum um die Leute, die als Lehrer in Betracht kommen. Viele dürften nicht noch heiraten! Pastor Ruhtenberg ist nicht von der pädagogischen Seite her kommend. [...]
Wann würde Boy frei werden?
KARL STOCKMEYER: Ostern würde er frei werden. [...]
RUDOLF STEINER: Ich habe von ihm [Boy] einen sehr vernünftigen Brief bekommen. Es fragt sich, ob er mit Herz und Seele dabei sein kann. Er steht der Sache ein bisschen fern.
KARL STOCKMEYER: Ich habe den Eindruck, dass er sich sehr hineingearbeitet hat, dass er von vornherein sich gut hineinstellen wird. Ich hatte das Gefühl, er könnte herkommen mit einer vorgefassten Meinung über Unterricht und sich nicht ganz in unsere Methode hineinfinden, weil diese Lehrer [an solchen Schulen] ihre kuriosen Ideen haben. Aus manchen [Anzeichen] ersehe ich, dass er nicht in diese Dinge eingefahren ist. Natürlich müsste ich wissen, dass er mit Herz und Seele dabei sein könnte. Ich würde finden, dass man, wenn man Gründe hätte, ihn anzustellen, so würde man bis dahin Pastor Ruhtenberg bitten, den Unterricht zu halten. Ich halte ihn für ganz gut in einer höheren Klasse. Ob er diese Klasse halten kann, nicht wahr? Zunächst für Februar sehe ich keine Möglichkeit, eine Lehrkraft so schnell zu gewinnen. [...]
Ich würde [Herrn Boy] sehr gerne persönlich kennenlernen.
Christoph Boy war damals an einem Landerziehungsheim tätig, in Haubinda bei Hildburghausen.
Es wird noch über andere Kandidaten gesprochen.
RUDOLF STEINER: [...] Wir bleiben dabei, dass wir Herrn Ruhtenberg die [eine] Klasse geben und uns um Boy oder einen anderen bemühen. Darf ich Boy persönlich kennenlernen?
Gibt es noch Anstandsunterricht?
PAUL BAUMANN: Ich habe es ganz in den Musikunterricht hineingenommen.
RUDOLF STEINER: Es ist ja, wenn man es richtig macht, von gutem Effekt. Man muss nur bei diesem Unterricht die Sache so anlegen, dass man auf Wiederholungen zurückkommt, damit die Kinder durch den Rhythmus der Wiederholungen gepackt werden. Noch gar nicht viel habe ich von der Eurythmie gesehen; außer den Dingen, die als Restaurationen [?] auftraten, geht die Sache.
ELISABETH Baumann: Wir haben die Klassen geteilt. Ich hätte gebeten, ob es nicht möglich wäre [zu hören], wie besonders schwierige Fälle zu behandeln sind [Heilenrythmie].
RUDOLF Steiner: Es ist seit Langem daran gedacht, dieses System der Heileurythmie auszubilden. Mit [Dr.] Rascher habe ich gesprochen. Es ist mir schwer geworden in der letzten Zeit, diese Sache noch zu machen. Außerdem hatte ich nicht die Möglichkeit, für Rascher es zu machen. Man müsste die Heileurythmie ausarbeiten. Natürlich lässt sich manches für die psychologische Pathologie machen. Wenn man die Kinder hat, lässt sich auch manches machen.
PAUL BAUMANN über den Gesangsunterricht: Ich habe jetzt den kleinen Kindern diese Melodie im Anfang gegeben. Nun habe ich komplizierte Harmonien gegeben, doch so, dass sie die Empfindung bekommen, dass mit diesen einfachen Harmonien verbunden werden können komplizierte Melodien.
RUDOLF STEINER: In welchen Klassen können Sie das schon machen?
PAUL BAUMANN: Im Chor. Ich machte Versuche, wie die verschiedenen Dinge wirken. Ich habe rhythmische und chromatische Kompositionen eingeordnet.
RUDOLF STEINER: Es wird sich kaum empfehlen, bei den kleinen Kindern Zweistimmiges zu gebrauchen. Man könnte es erst bei der 5. Klasse anfangen. Bei den Kindern bis zum zehnten Jahre würde ich in der Hauptsache beim Einstimmigen bleiben. Haben Sie eine Möglichkeit, im großen Maßstab die Kinder das, was sie im Chor singen, auch solo singen zu lassen?
PAUL BAUMANN: Jetzt kann ich es schon machen.
RUDOLF STEINER: Das ist etwas, was sonst auch in Betracht kommt. Ich meine, man muss viel Rücksicht nehmen darauf, doch die Kinder nicht bloß im Chor [singen zu lassen]; ja nicht deshalb darüber das Solo versäumen. Namentlich bei den Dingen, die im Chor gesprochen werden, werden Sie finden, die Gruppenseele regt sich. Manche machen es sehr gut im Chor; Sie rufen sie einzeln auf, und sie kriegen nichts heraus. [Man muss darauf sehen], dass die Kinder auch einzeln das können, was sie im Chor können, insbesondere beim Sprachunterricht. Was so in der Klasse geschieht, beim Gesangsunterricht ist es davon abhängig, inwieweit Sie es für richtig halten.
PAUL BAUMANN: Jetzt kann man es sehr gut berücksichtigen.
RUDOLF STEINER: Wie ist es mit den Größten im Gesangsunterricht?
PAUL BAUMANN: Die Jungen haben Stimmbruch, die bekommen Theorie und rhythmische Übungen. Die älteren Kinder beschäftige ich in verschiedener Weise. Sie bekommen verschiedene Sachen. Vielleicht können wir einen gemischten Chor bilden. Das würde Spaß machen.
RUDOLF STEINER: Das müsste man sicher machen.
Wie ist es mit dem Handarbeitsunterricht?
HEDWIG HAUCK: Vor Weihnachten haben wir in den oberen Klassen die Kostüme genäht mit den Kindern für die Aufführungen. In der 1. und 2. Klasse: Wie soll das künstlerisch eingeordnet werden? Vor Weihnachten haben wir modelliert und Krippenfiguren gemacht, eine geometrische Form aus Plastilin machen lassen.
RUDOLF STEINER: Sie müssen sich [bei der Wahl der Arbeiten] anpassen an die Bedürfnisse. Es gibt nicht die Möglichkeit, auf alles ein gewisses künstlerisches [Tun] anzuwenden. Man sollte [das Entwickeln des Künstlerischen] nicht versäumen, den künstlerischen Sinn nicht verdorren lassen. [Aber] Sie können nicht viel mit dem künstlerischen Sinn anfangen, wenn die Kinder einen Strumpf stricken sollen. Wenn ein Kind einen Strumpf gestrickt hat, kann man immer unterbrechen [und irgendeine Niedlichkeit dazwischen machen lassen]. Wir wollen [in die Zusammenkunft] am Abend soziale Pikanterien hineinbringen, wollen ganz kleine geschmackvolle Bändchen machen lassen mit etwas Anhänglichem aus Papier. Ja nicht ins Fröbeln [kommen]! Dinge, die man brauchen kann, die im Leben eine Bedeutung haben, die kann man geschmackvoll künstlerisch machen. Keine Konzessionen! Nicht Dinge machen lassen, die nur Finessen oder Koketterien entspringen. — Nicht für vieles wird man Papier anwenden können. Ich hoffe, auch noch hineinzugehen.
Herr Wolffhügel, mit dem Handfertigkeitsunterricht haben Sie wohl noch nicht besondere Erfahrungen!
MAX WOLFFHÜGEL: Die Kinder haben angefangen, Spielzeug zu machen, sind aber noch nicht fertig geworden.
RUDOLF STEINER: Es ist durchaus nichts einzuwenden, dass die Kinder Kochlöffel machen. Ganz Fernliegendes brauchen sie nicht zu machen. Möglichst keinen Luxus.
CAROLINE VON HEYDEBRAND erwähnt den Zweijahresbericht.
RUDOLF STEINER: Ist alles fertig?
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Es ist alles zustande gekommen.
RUDOLF STEINER: Es ist jederzeit gut, wenn der Jahresbericht erscheint. Man kann nicht genug über die Waldorfschule und ihre Prinzipien und Absichten und ihre Art arbeiten. Es ist schade, wenn es nicht immer wieder geschieht in sachlicher Weise. - Dann will ich sehen, dass ich die Sache schreibe. Es soll nicht lang werden. [...] [Das Folgende ist nur bruchstückhaft überliefert.]
HERMANN VON BARAVALLE: Ich habe den Eltern meiner Kinder [auf einem Elternabend] einen Vortrag gehalten und sie unterrichtet über alles, was ich die Kinder gelehrt habe.
RUDOLF STEINER: Dagegen ist nichts einzuwenden. [Aber] es kann niemals Vorschrift werden. Wer es tun will, der kann es tun. Man muss meinen, dass es notwendig ist. Es wird es nicht jeder tun können. Man muss schon viel Überkräfte wie Sie haben, wenn man diese Dinge auch noch machen will.
Natürlich müssen Sie bedenken, dass die Waldorfschule als solche - wenn wir auch gar nicht darauf ausgehen, die Schülerzahl zu vermehren, was bei den Lokalschwierigkeiten gar nicht geht, abgesehen von dem Erlass —, es bleibt immerhin, dass der Bestand der Waldorfschule für unsere gesamte Sache agitiert. Sie ist wichtig. Es ist wichtig, die Bestrebungen der Waldorfschule ins rechte Licht gesetzt zu bekommen. Innerhalb der Dreigliederung ist es viel wichtiger, dass die charakterisierten Tendenzen der Waldorfschule in sachlicher Weise vorgeführt werden. Nicht als Reklame für die Schule, sondern als Charakteristik unserer Sache als solcher. Das wäre bei den Mitgliedern des Bundes für Dreigliederung viel notwendiger, als über Tolstoi zu reden. Es wäre schon notwendig. Sie ist jetzt schon bis zu einem gewissen Grade bekannt. Sie müsste viel gründlicher bekannt werden, namentlich [ihre] Grundsätze. Dann müsste sehr scharf betont werden die Freiheit des Lehrerkollegiums, die republikanisch-demokratische Einrichtung des Lehrerkollegiums, um zu beweisen, dass man [sogar] in den begrenzten Möglichkeiten, die man hatte, ein freies Geistesleben sich denken kann.
PAUL BAUMANN: Ist es sehr ratsam, weiter nach dem Norden zu gehen, um Vorträge zu halten?
RUDOLF STEINER: Nicht wahr, es kommt darauf hinaus, dass man in jedem einzelnen Falle entscheiden kann, ob etwas dabei herauskommt. Wenn die Sachen gut arrangiert sind, ist es jedes Mal günstig, dass so viel Leute, als nur [möglich] ist, gehen könnten und vortragen. [...] [Das Weitere über die Situation in Jena.]
MAaRIE STEINER: Herr Lauer will morgen mit mir sprechen wegen einer Aufführung in München.
RUDOLF STEINER: In großem Maßstabe kann das nicht gemacht werden, dass die Kinder der Waldorfschule herumfahren. Ich weiß nicht, ob man damit gerade anfangen soll, wenn die ganze Aufmachung dabei eine tantenhafte ist. [Marie Steiner will etwas sagen.]
Man kann nicht die Waldorfkinder ewig herumschicken, das muss eine seltene Ausnahme sein. Waldorfkinder können keine Wandertruppe werden. [Aus] diesem Zusammenhang halte ich es nicht für angemessen. Wir können für die Kindereurythmie eintreten. Man sollte die Leute veranlassen, Reisen zu machen, um die Kindereurythmie hier zu sehen. Es muss viel ernster eingeleitet werden, als es Frau Peters und Herr Lauer tun würden. Die wollen eine Art Gschaftlhuberei machen. Das ist zu viel verschwendete Kraft, in diesem Zusammenhang viele Vorträge zu halten. Wir müssen nicht dieser Tee-Anthroposophie zu stark entgegenkommen.
RUDOLF TREICHLER: Ich fühle mich mitschuldig an dieser Tee-Geschichte.
RUDOLF STEINER: Wer Zeit hat, mag ja hingehen. Es ist ein bisschen verschwendete Kraft. Wer will, kann zu Vorträgen gehen. Die volkstümlichen Zelebritäten haben schon vorgetragen. Strakosch trägt einmal vor, wenn er auf der Durchreise ist. Es ist ziemlich sicher, dass in dem neuen Haus kein aussichtsvolles Publikum ist. So ein bisschen gemischt aus Bohemiens und Salonmenschen. Nicht Leute, die irgendwie zur Fortführung der anthroposophischen Bewegung beitragen. [...] [Über die Situation in Bayern.]
In Bayern ist die absolute Philisterei die tonangebende Partei. Diese Idealisten haben Unfug gemacht, so ist es leicht, mit dem Philisterium durchzukommen. Der Bayer sagt, ein Wittelsbacher, und er meint, gute Bratwürste.
ERNST UEHLI: Die Religion ist eingeteilt.
RUDOLF STEINER: B. und U. wollen nicht beim Großvater Unterricht haben.
Ist sonst etwas Sachliches? Ich meinerseits möchte nur wünschen, dass ich mich mehr der Waldorfschule widmen könnte. Dass man sich oben ihr widmen kann, das ist dasjenige, worauf es ankommt.