Faculty Meetings with Rudolf Steiner I
GA 300a — 12 June 1920, Stuttgart
Elfte Konferenz
Rudolf Steiner sprach am 10. Juni zum ersten Mal an einer Monatsfeier, und erstmals erklang die Frage an die Kinder: «Habt ihr eure Lehrer lieb?» Für den nächsten Tag war ein Elternabend einberufen worden. Steiner sprach über «Die Schulgewohnheiten der niedergehenden Zeit und die Schulpraxis des «Kommenden Tages» (beides in GA 298). Er kritisierte das öffentliche Bildungswesen mit scharfen Worten.
Themen: Der Jahresbericht. Mit den Fremdsprachen soll man früh beginnen. Unterrichten ist immer ein Gespräch mit der ganzen Klasse. Ausgleich schaffen zwischen kopf- und leibbegabten Kindern. Über die Arbeit im Kindergarten.
Bemerkungen: Steiner wies auf den Fremdsprachenunterricht hin und betonte, dass dieser früh zu beginnen habe, denn mit fortschreitendem Alter würde die Fähigkeit, eine zweite oder dritte Sprache so zu erlernen, wie die Muttersprache erlernt worden ist, erlahmen. Bei einer Fragenbeantwortung nach einem Vortrag in Torquay meinte er, bei «vernünftigen Bedingungen» könne ein Fremdsprachenunterricht im Kindergarten beginnen (GA 311, 20.08.1924).
Am Beispiel des «Perfektum» schilderte Steiner, was er unter einem lebendigen Unterricht versteht.
Wie genau er Erreichtes und noch zu Erreichendes der Schule im Auge hatte, zeigte sich an seiner Weigerung, am Jahresbericht mitzuarbeiten; es wäre «eine penible Sache».
Vorsitz: Paul Baumann.
Es werden der Prospekt und der Jahresbericht erwähnt.
RUDOLF STEINER: Wozu und wie weit soll das als Werbematerial dienen?
EMIL. MOLT: [Es soll] an alle interessierten Persönlichkeiten [geschickt werden].
RUDOLF STEINER: Es soll also eine Aufforderung beinhalten. Dann ist das, was mir vorgelegt wurde, viel zu lang. Das würde keine Wirkung haben. Wenn es in dieser Form jeder liest, der Mitglied des Waldorfschulvereins werden soll, dann würde es zusammengearbeitet werden müssen auf einen halben Bogen. Das aber hier ist ein richtiges Heft.
KARL STOCKMEYER: Ich glaube nicht, dass es so dick ist.
RUDOLF STEINER: Aber denken Sie sich die Schrift von Dr. Stein, es hat schon dreißig Druckseiten. Es ist [auch] dem Stile nach zu lang. Dies, was da ist, ist eine Art Verständigungsschrift mit der anderen Lehrerschaft. Es ist mehr gerichtet an die, welche pädagogisch denken, als an die, die dem Verein beizutreten beabsichtigen. Das soll doch allgemein an alle an der Schule Interesse Habenden beim Publikum gerichtet sein. Die lesen nicht [eine] solche Sache. Dieser Gesichtspunkt ist das letzte Mal gar nicht aufgeworfen worden. Der Prospekt war immer unter dem Gesichtspunkt der Propaganda betrachtet worden.
Also nur in der Form als Ersatz für die sonst üblichen gelehrten Abhandlungen könnte dieser Prospekt vorangehen. Sonst ist immer die gelehrte Abhandlung da gewesen, und da könnte ja eine solche Sache vorangehen, die prinzipiell die Sache auseinanderlegt. Eine Beschreibung des Baues, des Hauses, und dann geht man über ganz auf die Beschreibung der Pädagogik und Didaktik der Waldorfschule und geht ein auf die einzelnen Gegenstände.
KARL STOCKMEYER: Es ist besonders auch Material für die Eltern nötig, die Kinder zu uns schicken wollen.
RUDOLF STEINER: Das ist so: Für solche Eltern, da wäre die Zusammenstellung des jetzt schon vorliegenden Materials, zum Beispiel das, was in den Waldorf-Nachrichten ist, ein gutes Material. Aber alles das ersetzt nicht einen Prospekt, der nicht länger sein soll als acht Druckseiten. Das müssen ja Tausende von Mitgliedern werden, da müssen Sie eine ganz kurze, kompendiöse Sache vorsetzen.
EMIL. MOLT: Es wird doch nicht ausschließen, dass der Jahresbericht auch noch sein kann.
RUDOLF STEINER: Sie müssen nur bedenken, wie wenig man geneigt ist, auf die Sache einzugehen. Ich bekam von jemandem, wenige Tage bevor ich abgereist bin, die Mitteilung, man möchte in die «Zeitschrift für wissenschaftliche Pädagogik» einen Artikel über die Waldorfschule aufnehmen, da der Herr meint, er glaubt, das verwirklicht zu sehen. Das ist der Rein. Er hat offenbar nur ein paar Linien, die er in seinen Richtlinien verstand. Die Leute lesen heute in einer eigenartigen Weise.
Also nicht wahr, der Prospekt muss so irgendetwas enthalten. Wenn also der Rein einen Artikel haben soll, das ist etwas anderes. Wenn Sie aber jemandem ersichtlich machen [und] bewirken wollen, dass der Betreffende Mitglied wird und 50 Mark bezahlt, dann braucht man auch nicht in die Einzelheiten der Gegenstände einzugehen, sondern man braucht nur große Linien vorzuhalten, die richtig sind. Dieser Prospekt würde eine Sache für sich sein. Der würde oben enthalten die Aufforderung zur Zahlung von soundso viel. [Aber] der Jahresbericht, der könnte eben das sein, was ich eine Historie der Schule nenne. Da lässt sich alles unterbringen, was so von einzelnen Lehrern verfasst wird. Alles Berichtende braucht nicht kurz zu sein; alles, was Bericht heißt, kann lang sein. Wenn der Prospekt massenhaft Geld trägt, wird Herr Molt schon was abgeben für den Jahresbericht. Das ist eine ganz republikanische Frage. Der Jahresbericht wirkt durch die Mannigfaltigkeit der Namen. Da wäre es zu bedenken, ob eine Uniformität anzustreben wäre. Der eine berichtet pedantisch: Das und das hat sich ergeben, Monat für Monat. Der andere schreibt: Nach dem, was ich erfahren habe, könnte ich nach fünfhundert Jahren es so und so machen. [Zu Walter Johannes Stein:] Sie haben diesen so schnell geschrieben, dass Sie den anderen auch so schnell schreiben.
Rudolf Steiner wird gebeten, doch auch selber etwas dazu zu schreiben.
RUDOLF STEINER: Das ist eine sehr penible Sache. Wenn ich auch nur drei Seiten schreibe, so würde ich einen Bericht schreiben müssen über dasjenige, was ich erlebt habe; das könnte den anderen unangenehm sein. Wenn ich als Lehrer schreibe, würde ich es so veranlagen, dass ich es so von dem betreffenden Prospekt unterscheiden würde: Der Prospekt enthält das, was beabsichtigt ist, was mit jedem Jahr besser werden soll; das, was berichtet wird, zeigt, was man erfüllen konnte und was nicht. Es wird ersichtlich sein der Abstand der Wirklichkeit von dem, was der Prospekt enthalten muss. So wird, wenn ich etwas schreibe, es natürlich auch in diesem Stil gehalten sein. Die langen Nasen kommen hinterher.
EMIL MOLT: Da kommen manche, die sagen: Da habt ihr manches inszeniert und nicht erreichen können.
RUDOLF STEINER: Ich kann also auch drei Seiten schreiben; das kann ich machen.
KARL SCHUBERT berichtet über seine Hilfsklasse mit neun Kindern.
Die Sprachlehrer der 1. Klasse, Caroline von Heydebrand und Herbert Hahn, berichten über den Sprachunterricht.
RUDOLF STEINER: [Sprachen werden umso leichter gelernt, und die Aussprache wird umso besser und reiner, je früher begonnen wird. Die Begabung für Sprachen nimmt mit zunehmendem Alter, vom siebenten Jahr an, ab. Deshalb muss man früh damit anfangen.
Chorsprechen ist sehr gut, denn die Sprache ist ein soziales Element. Im Chor lässt sich immer leichter sprechen als allein.]
JOHANNES GEYER und RupoLr TREICHLER berichten über den lateinischen und altgriechischen Unterricht: Für das Lateinische gibt es zwei Kurse; im unteren sind nur zwei Buben. [Der obere Kurs ist begabt und willig.]
RUDOLF STEINER: [Die Fortschritte sind gut.]
ELISABETH von GRUNELIVS berichtet über den Kindergarten mit dreiunddreißig Kindern. Sie fragt, ob man Ausschneidearbeiten im Kindergarten machen solle.
RUDOLF STEINER: Wenn Sie [solche] künstlichen Sachen von den Kindern machen lassen wollen, dann werden Sie darauf kommen, dass das eine oder andere zu so etwas Talent hat. Es werden nicht viele sein, den anderen redet man es ein. Die Sachen sind so, dass, wenn sie hübsch sind, sind sie hübsch; an sich sind es künstliche Dinge. Ich würde nur dann, wenn ich sehe, dass ein Kind nach so einer Richtung neigt, es gibt einzelne, dem nachgeben. Einführen als solches würde ich es nicht.
[Mit Wasserfarben sollte man anfangen.]
Sie meinen Ausschneiden und Aufkleben? Wenn Sie finden, dass ein Kind zum Silhouettieren Talent hat, kann man nachgeben. Ich würde nicht fröbeln, ja nicht fröbeln!
Die Kinder, die Sie bekommen, die werden wahrscheinlich am besten sich beschäftigen, wenn Sie sie mit möglichst ungeschlachten Objekten sinnvolle Dinge machen lassen. Irgendetwas! Nicht wahr, man muss versuchen, zu erlauschen, was die Kinder interessiert. Es gibt Kinder, Mädchen insbesondere, denen können Sie aus jedem Taschentuch Puppen machen. Die Puppen schreiben sich Briefe, dann werden diese Briefe vermittelt; Sie können der Briefträger oder die Post sein. Sinnvolle Sachen mit möglichst ungeschlachten Dingen.
Und dann wachsen die Kinder, wenn der Zahnwechsel eintritt, in das hinein, wenn sie die Anlage haben, dass sie selbst etwas vorstellen wollen, dass der eine ein Hase ist, der andere ein Hund; sinnvolle Dinge, wo sich das Kind selbst hineinträumt. Das Prinzip des Spieles besteht darinnen, dass das Kind bis zum Zahnwechsel im Spiele sinnvolle Dinge nachahmt, Kasperl und Puppe; [bei den Knaben Kasperles, bei den Mädchen Puppen]. [Oder dass] der Kasperl ein Großer ist, der einen Kleineren neben sich hat; es brauchen nur zwei Holzspäne zu sein. Vom siebenten Jahre ab bringt man dann die Kinder in Reigen und Kreise, und sie stellen etwas vor. Es können zwei ein Haus sein, die anderen [stehen drum herum oder] wohnen darin. Da steht das Kind selbst darin. Nachher steht es selbst darin.
Für [musikalische] Kinder kann man etwas anderes spielen, etwas, wodurch Sie ihrer Musikbegabung entgegenkommen. Das sollte man kultivieren, dass unmusikalische Kinder durch Tanz und Eurythmie die musikalischen Anlagen herausbringen. Man muss erfinden. Man kann solche Sachen machen, man muss aber erfinden, sonst wird es stereotyp. Später wird es leichter, da knüpft man an Schulmäßiges an.
ELISABETH BAUMANN erzählt, sie habe im Eurythmieunterricht die Konsonanten durch Tätigkeiten eingeprägt, zum Beispiel durch das Wachsen der Pflanzen.
RUDOLF STEINER: Das ist sehr schön. - Es ist so, dass die Kinder nicht sehr stark differenziert sind. Sie haben wenig ganz unbegabte, aber auch wenig geniale. Es sind mittlere Kinder. Ebenso sind von den Temperamenten das cholerische und [tiefJmelancholische Temperament wenig vorhanden. Eigentlich sind die Kinder Phlegmatiker und Sanguiniker. Das spielt auch da hinein. Sie haben auch nicht alle vier Temperamente so.
Phlegmatische Kinder, die kriegt man wohl nur in Bewegung, wenn man versuchen wird, [mit ihnen] die schwierigen Konsonanten zu machen; die sanguinischen Kinder mit den leichteren Konsonanten. [Mit] den phlegmatischen Kindern [macht man] R und S; bei sanguinischen Kindern die Konsonanten, die Ansätze zur Bewegung geben: [D und T]. Wenn wir in den nächsten Jahren andere Temperamente haben, können wir ja Weiteres versuchen. Merkwürdig ist, dass die Kinder, die [sonst schulmäßig] wenig leisten, viel Eurythmie machen. Die Fortschritte sind ganz gut, aber ich hätte gerne, dass man berücksichtigt, was fortschreitet. Es würde unsere Aufgabe sein, dass man viel mehr mit den Kindern zu dem redet, was man als Lehrstoff [vorbringt], dass man mehr auf die Schulung des Denk- und Empfindungslebens sieht. Man kann wirklich darauf sehen, [zum Beispiel] im Rechnen, dass man [dem Schüler] klarmacht, -5, -a, man macht ihm klar, dass er 5 weniger hat, als er dem anderen geben soll. Ganz präzis darauf eingehen im Dialog.
Manchmal [ist es gut, mit den Kindern] abzuschweifen [vom Thema].
Dann werden Sie merken, dass die Kinder nicht so schnell im Aufsatz perfekt werden, aber dass dieser Mangel nicht so stark hervortritt. Nicht wahr, die Kinder, die kopfbegabt sind, [werden] gute Aufsätze schreiben, die leibbegabten Kinder [werden] in der Eurythmie gut [sein]. Man muss versuchen, das [durch Unterhaltung] auszugleichen. Wenn Sie sich mit den Kindern unterhalten, wird das abgelenkt vom Kopf, wenn Sie etwas, was vom äußeren Leben hergenommen ist, besprechen und [es dabei] vertiefen.
Es wird gefragt, wie man das Perfektum behandeln kann.
RUDOLF STEINER: Da würde ich mit den Kindern nach allen Noten durchsprechen den Parallelismus zwischen dem Vergangenen und dem Vollkommenen. Was ist ein perfekter Mensch, ein perfekter Tisch? Diese Zusammenhänge zwischen dem, was vollkommen ist, fertig ist, und dem Perfektum. Ich würde dann eingehen auf das Imperfektum, wo man noch darinnen steht im Vervollkommnen. Wenn ich heute Zeit gehabt hätte, würde ich den Kindern das Lesestück im Perfektum vorgemacht haben - man kann natürlich nicht jeden Satz übersetzen -, das würde Leben hineinbringen, und Leben bringt auch die Eurythmie in die Kopfbildung hinein. Ich würde zwischen den Zeilen vieles treiben. Ich habe heute schon gesagt, ich kann es verstehen, dass man da sagen kann, man schweift nicht gern ab. Es ist [aber doch] etwas, was man als Ideal betrachten soll, immer solche Dinge [einzumischen]. Zum Beispiel: Ich habe heute solche Lust gehabt, ich wollte durchaus Ihre Kinder [in der 3. Klasse] traktieren mit dem «hurtig tog», dadurch erweitert man die Gedanken. Das heißt Schnellzug. So meine ich, zwischen den Zeilen mit den Kindern etwas machen, dann wird dies nicht mehr so sein.
Es wird über den Eurythmieraum gesprochen.
RUDOLF STEINER: Ich habe noch nie das Glück gehabt, dass jemand mir den Raum gelobt hat. Frau Doktor Steiner möchte am liebsten nur die Wiese haben und darüber ein Dach. Wenn man durch die Eurythmie den Kindern gerade die schönsten körperlichen Affinitäten erweckt, [dann] spüren sie furchtbar alle Einwirkungen [des Raumes] — das ist. das’ Müdewerden. Wir keinen den schönen Eurythmiesaal, man hat vergessen, die Lüftung groß genug zu machen, den können wir gar nicht benützen. Es würde notwendig sein, dass man zur Eurythmie einen gut gelüfteten Saal hat. Alles [Bisherige] ist für Eurythmiesäle nicht gut; man kann nur ein Surrogat schaffen. Die Eurythmiesäle müssten so sein, dass sie gut gelüftet sein müssten, [dass sie] ganz besonders gute Ventilation [haben]. Das Eurythmeum muss eben gebaut werden.