Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 5 September 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Spruch aus dem Seelenkalender (22.) von Rudolf Steiner
Spruch aus dem Seelenkalender (23.) von Rudolf Steiner
«Das Element des Lebens» von Friedrich Hebbel
Spruch aus dem Seelenkalender (24.) von Rudolf Steiner
«Kleiner Tanz» von J. $. Bach (Kindergruppe mit Eurythmisten)
Spruch aus dem Seelenkalender (25.) von Rudolf Steiner
«Sommerbild» von Friedrich Hebbel
Spruch aus dem Seelenkalender (26.) von Rudolf Steiner
«Scherzo» von Hendrika Hollenbach
Kosmischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«V. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
«VI. Urtrieb» von Fercher von Steinwand
«Soldatenliedchen» (Kindergruppe)
Aus dem «Vormittags-Skizzenbuch» von Christian Morgenstern
«Ein Rätsel» von Rudolf Steiner
«Schwalben» von Christian Morgenstern
«Zwei Wurzeln» von Christian Morgenstern
Satirischer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Nach Norden» und «West-östlich» von Christian Morgenstern
Tropfenauftakt mit Musik von Leopold van der Pals
Die «Elster»-Serie von Christian Morgenstern

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Wie sonst vor diesen eurythmischen Versuchen, möchte ich mir auch heute erlauben, einige Worte vorauszusenden. Es geschieht das ja nicht in der Absicht, irgendwie künstlerische Darbietungen zu erklären, das wäre unkünstlerisch - Künstlerisches muss durch sich selbst sprechen -, sondern es geschieht darum, weil ja dasjenige, was hier als eurythmische Kunst dargeboten wird, zugrunde liegend hat gewisse Quellen für ein künstlerisches Schaffen, die bisher nicht in derselben Weise benützt worden sind, und auch eine gewisse Formensprache, die ebenso bisher in der Kunst nicht in dieser Art angewendet worden ist. Zugrunde liegend ist dieser Eurythmie nämlich eine Art sichtbarer Sprache, aber nicht eine Gebärdensprache oder nicht irgendetwas Mimisches - alles Gebärdenhafte, Mimische muss ja gerade hier abgestreift werden.

Es handelt sich vielmehr darum, dass Sie [diese Sprache] ausgedrückt durch den einzelnen Menschen sehen werden, der sich in seinen Gliedern bewegt - oder durch die Bewegung des Menschen im Raume oder auch durch die Bewegung der gegenseitigen Stellungen von Gruppen. Sodass Sie dargestellt sehen werden Bewegungen, die in derselben Weise sichtbarlich sprachlicher Ausdruck sind, wie der Ausdruck in hörbarer Art die gewöhnliche Sprache ist. Also seelisches Leben, ausgedrückt in einer sichtbaren Sprache, das liegt der Eurythmie zugrunde.

Dasjenige, was Künstlerisches dann gestalten will, das ist selbstverständlich etwas, was erst aufgebaut wird auf dieser besonderen Sprache. Diese besondere Sprache ist nun nicht irgendwie durch willkürliche Festsetzung dieser oder jener Bewegung für den einzelnen Laut, für das einzelne Wort oder für irgendeinen Satz oder irgendeinen Rhythmus entstanden oder aus sonstigen Zusammenhängen, sondern es ist dasjenige, was der eurythmischen Kunst zugrunde gelegt wird, entstanden durch ein sorgfältiges Studium, aber auf Grundlage dessen, was Goethe nennt sinnlich-übersinnliches Schauen.

Unsere Sprachorgane - der Kehlkopf und die andern Sprachorgane - sind ja in einer fortwährenden Bewegung. Dass sie in Bewegung sind, wenn wir die Lautsprache ausführen, das weiß ja jeder, denn es wird einfach der Laut dadurch durch die Luft befördert, dass die Luft durch die Bewegung der Sprachorgane in Erschütterung kommt. Aber um diese Bewegung handelt es sich zunächst nicht, sondern um die Bewegungstendenz, die dieser vibrierenden Bewegung erst wiederum zugrunde liegt. Und diese Bewegungstendenz, die man für jeden Laut, für jede Lautwendung, auch für dasjenige, was gemüthaft dem Sprachausdruck zugrunde liegt, studieren kann, das ist alles studiert worden und wird von einem einzelnen Organ oder einer Organgruppe, wie es der Kehlkopf und seine Nachbarorgane sind, übertragen auf Bewegungen des ganzen Menschen.

Es geschieht dies ganz aus Goethe’scher Weltanschauungsgesinnung heraus. Goethe sieht ja in der ganzen Pflanze nur eine komplizierte Ausgestaltung eines einzelnen Organes, des Blattes. Es ist das der Ausdruck der so bedeutsamen Goethe’schen Metamorphosenlehre, die ja wissenschaftlich noch lange nicht genug gewürdigt ist, die einen bedeutsamen Einfluss auf die Entwickelung des menschlichen Erkennens dann ausüben wird, wenn sie einmal wirklich durchgreifend gewürdigt werden wird. So, wie also Goethes Morphologie der Form nach also sieht die ganze Pflanze als ein kompliziertes ausgestaltetes Blatt, so versuchen wir gewissermaßen den ganzen Menschen wie einen veränderten, sich bewegenden Kehlkopf auf die Bühne hinzustellen. Und es ist dann das Weitere, dass umgestaltet wird das, was so begonnen wird, [im] Künstlerischen. Das Künstlerische fängt gewissermaßen erst an da, wo dasjenige gestaltet wird, was so durch Studium der Geheimnisse der menschlichen Sprache gewonnen ist.

Man kann ja allerdings, und man wird das sehr leicht vom heutigen Standpunkte aus tun, man kann sagen: Ja, was da an Bewegungen ausgeführt wird, das versteht man nicht. - Meine sehr verehrten Anwesenden, ein kleines Kind, wenn es geboren wird, versteht auch nicht die Sprache. Die Sprache muss auch erst angehört werden. Und für die Eurythmie liegt das nicht so einfach, wie es für die Sprache liegt. Wenn der Mensch sich einfach überlässt derjenigen Bewegungsform, die der eurythmischen Kunst zugrunde liegt, so hat er eine instinktive, intuitive Erkenntnis davon. In jedem Menschen ist die Veranlagung zum Verständnis der menschlichen Sprache vorhanden; aber man muss sich zum Beispiel auch klar sein darüber, dass die Dichtung erst entsteht aus der gewöhnlichen Lautsprache, indem man diese Lautsprache eben taktmäßig, rhythmisch, reimhaft und so weiter, in Alliterationen und dergleichen formal umgestaltet, ausgestaltet. So muss dasjenige, was eurythmisch erlernt werden kann als zugrunde liegende Formensprache, das muss erst künstlerisch ausgestaltet werden. Diejenigen der verehrten Zuschauer, die öfter da waren, werden bemerken, wie wir seit Monaten doch wieder weitergekommen sind in Bezug auf gerade die Ausgestaltung des Künstlerischen der Eurythmie. Sie werden vielleicht gesehen haben, wie viel damals noch erinnerte an Mimisches, gewöhnliches Gebärdenhaftes, wie wir uns aber herausarbeiteten, sodass nach und nach tatsächlich in dem, was eurythmisch vollzogen wird, nichts anderes mehr liegt als dasjenige, was erst der Dichter macht aus dem sprachlichen Inhalte. Und je weiter man darinnen kommt, das auszugestalten, was erst der Dichter macht aus dem sprachlichen Inhalte, desto mehr wird die Eurythmie - deren Unvollkommenheiten wir am besten selber noch einzusehen imstande sind -, desto besser wird sich diese eurythmische Kunst ausgestalten. Geradeso verhält sich das Künstlerische in der Eurythmie zu dem, was als bewegte Sprache, als sichtbare Sprache zugrunde liegt, wie sich die dichterische Sprache verhält zu dem, was eben Sprache ist.

Nun handelt es sich darum, dass man dann durch die innere Gesetzmäßigkeit desjenigen, was im Eurythmischen liegt, ein in sich geschlossenes Kunstwerk darstellen kann, ebenso, wie man durch die Aufeinanderfolge der Töne ein musikalisches Kunstwerk oder durch die künstlerische Ausgestaltung des Wortschatzes der Sprache die dichterische Kunst schafft. Sie werden, weil das heute noch so sein muss, bis die Eurythmie dahin gelangt, sich gewissermaßen zu emanzipieren, eine ganz selbstständige Kunst zu sein - das wird aber vielleicht sehr lange, vielleicht Jahrzehnte dauern -, Sie werden heute noch sehen parallel dargestellt Musikalisches, wo durch den Ton, durch die musikalische Kunst irgendein Seelisches zur Offenbarung kommt - gleichzeitig dasselbe Seelische durch die eurythmische Kunst - oder Dichterisches hauptsächlich. Und dabei kommt in Betracht, dass ja, wenn durch Rezitation begleitet wird das Eurythmische, die Rezitation selbst gezwungen ist, wiederum zurückzukehren zu den früheren, mehr künstlerischen Formen des Rezitierens, die in unserer heutigen, durch und durch unkünstlerischen Zeit mehr oder weniger verloren gegangen sind.

Heute sieht man etwas Besonderes in einem solchen Rezitieren, das im Wesentlichen auf die Prosa des Gedichtinhaltes geht und eigentlich das wieder zurücknimmt, was der Dichter aus dem Stoff des Gedichtes gemacht hat. Darum handelt es sich, dass der Dichter in Reim, Rhythmus, Takt und so weiter etwas aus der Sprache herausgestaltet. Das muss man im Rezitieren nicht wieder zurücknehmen, indem man gewissermaßen nach dem Prosainhalt, nach der reinen Logik, die zugrunde liegt, rezitiert. Man hält das für ein schr innerliches, gefühlvolles Rezitieren. Es ist aber ein unkünstlerisches Rezitieren geworden. Wir versuchen daher auch die Rezitationskunst wiederum eurythmisch zu gestalten, nämlich dasjenige, was in der dichterischen Sprache schon eurythmisch ist, auch in der Rezitation zu geben, das Taktmäßige, auch das Bildhafte, Imaginative, den Reim herauszuarbeiten und so weiter. Gerade in solchen Dingen wird die Eurythmic, in deren Gefolge ja solche Anschauungen auftreten müssen, befruchtend wiederum wirken können auf anderes Künstlerisches. Und das wird in unserer Zeit von einer ganz besonderen Wichtigkeit sein.

Es ist ja schon so, wie ich gesagt habe, dass die Eurythmie im Anfange ihrer Entwickelung ist. Wir kennen die Fehler, die wir heute noch machen, am allerbesten selber; aber sie wird sich schon vervollkommnen. Heute muss ja gesagt werden, dass diese eurythmische Kunst erstens das Künstlerische auf der einen Seite hat; auf der anderen Seite hat sie aber ein wesentlich pädagogisch-didaktisches, auch ein hygienisches Element in sich. Und in der Waldorfschule in Stuttgart haben wir ja die Eurythmie als einen obligatorischen Lehrgegenstand eingeführt.

Man wird einmal, wenn man über diese Dinge objektiver denken wird als heute, sehen, wie man, wenn man die Kinder eurythmisch bildet, in der Tat zu dem gewöhnlichen Turnen etwas hinzu bringt, was man ein beseeltes Turnen nennen kann, weil jede Bewegung zugleich aus dem Seelischen hervorgeht. Dadurch wird dasjenige, was bloß physiologisches Turnen ist - also herausgeholt bloß aus der physischen Gesetzmäßigkeit des menschlichen Körpers -, bereichert durch das, was an Bewegungen aus der Seele herauskommt. Das übt einen sehr starken Einfluss auf die ganze Entwickelung des heranwachsenden Menschen aus. Während das gewöhnliche Turnen eigentlich nur den Körper ausbildet, übt die Eurythmie - Sie werden einige Proben heute auch von Kindereurythmie sehen - auf das Kind und seine Entwickelung das aus, dass die Willenskraft, die seelische Initiative geweckt und entsprechend gefördert wird. Und das ist für unsere Zeit heute, die ja gerade ihre katastrophalen Ereignisse herbeigeführt hat dadurch, dass es den Menschen an geweckten Seelen fehlt, das ist für die heutige Zeit und für die nächste Zukunft von allergrößter, von der denkbar größten Wichtigkeit.

So also hat die Eurythmie verschiedene Seiten: eine künstlerische, eine pädagogisch-didaktische Seite. Aber alles das ist eigentlich heute erst im Anfange. Es wird hoffentlich weiter ausgebildet werden, wohl durch andere, nicht mehr durch uns. Denn derjenige, der die Weltenformensprache der Eurythmie wirklich durchschauen kann, weiß, was alles noch zu tun ist. Dann wird sich zeigen, dass sie als eine voll berechtigte Kunst neben die älteren Schwesterkünste wird hintreten können. In diesem Sinne eines Anfanges, vielleicht auch eines Versuches zu einem Anfange, bitte ich Sie, solche Vorstellungen aufzunehmen aus eurythmischer Kunst, wie wir sie Ihnen auch heute wiederum darbieten wollen.

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