Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 22 August 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Program
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Sehr verehrte Anwesende!

Nicht etwa um zu erklären dasjenige, was nachher von der Bühne aus gesehen werden soll, wähle ich diese kurzen einleitenden Worte, um sie unserer Eurythmie vorauszuschicken, sondern darum, weil in der Tat durch diese eurythmische Kunst versucht wird, aus besonderen Kunstquellen und in einer besonderen künstlerischen Formensprache etwas zu leisten.

Eurythmie soll sein eine Art sichtbarer Sprache, eine Sprache, ausgeführt durch Bewegungen an einzelnen Menschen, durch den Menschen im Raume oder auch durch Menschengruppen. Aber diese Bewegungen, die da ausgeführt werden, sie sollen nicht etwa bloß Pantomimisches oder Mimisches darstellen, gerade in Bezug auf dasjenige, was etwa ausgedrückt werden soll. Wir werden sehen, wie parallelgehend dieser Eurythmie auch die Rezitation verläuft, wenn Wortinhalt, dichterischer Inhalt in der sichtbaren Sprache der Eurythmie ausgedrückt werden soll. Auch musikalischer Inhalt kann so, wie er durch Töne ausgedrückt werden kann, auch in den eurythmischen Formen ausgedrückt werden.

Aber immer handelt es sich nicht darum, bloß einen Inhalt auszudrücken, sondern es handelt sich darum, dass diese Eurythmie entstanden ist aus einem sorgfältigen Studium desjenigen, was unserer hörbaren Sprache, unserer Lautsprache zugrunde liegt. Bei dieser Lautsprache kommen ja nicht bloß etwa jene Bewegungen in Betracht, die ausgeführt werden durch den Kehlkopf und andere Sprachorgane, die sich dann übertragen auf die Luft, sodass sie infolge dieser Übertragung dann anstoßen an das Gehörorgan und dadurch den Schall und Klang und Ton vermitteln, sondern es kommen Bewegungstendenzen in Frage. Diese inneren Bewegungstendenzen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane, umgewandelt, sie können, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, wie durch sinnlich-übersinnliches Schauen studiert werden. Sie können dann übertragen werden von gewissen einzelnen Organen der Sprache auf den ganzen Menschen: Dann führt der ganze Mensch diejenigen Bewegungen aus, die auch von den Sprachorganen ausgeführt werden, aber bei den Sprachorganen sich sofort umsetzen in Luftschwingungen und dadurch den Ton vermitteln. Sie setzen sich [dabei] nicht um in Schwingungen, sondern verlaufen so, wie sonst nur die Bewegungstendenzen verlaufen der Sprachorgane. Indem wir gewissermaßen auf die Bühne hinstellen den ganzen Menschen oder auch Menschengruppen als einen lebendigen, beweglichen Kehlkopf, sieht man dasjenige, was man sonst hört.

Dadurch wird erreicht, dass auf tiefere künstlerische Quellen im Menschen zurückgegangen werden kann als bloß bei der Lautsprache, insbesondere dadurch, dass ja bei einer entwickelteren Lautsprache — und alle zivilisierten Lautsprachen sind heute schon entwickelte -, dass da das Konventionelle und das Gedankenmäßige in Betracht kommt. Wir müssen in unsere Worte dasjenige hineingießen, was die Gedanken als einen Gedankeninhalt oder konventionellen Inhalt [haben], der nötig ist zur Verständigung von Menschen untereinander. Beides sind Elemente, die das Künstlerische zerstören. Insbesondere dadurch, dass der Gedankeninhalt - alles Gedankliche als solches ist unkünstlerisch - hin[ein]gedrängt wird in die Laute, dadurch erhält die Lautsprache ein besonders unkünstlerisches Element.

Und der Dichter hat zu ringen damit, dass er trotzdem Künstlerisches zustande bringt in der Dichtung, trotzdem eigentlich die Lautsprache dem Künstlerischen widerstrebt. Davon rührt es ja auch her, dass in der allerschwierigsten Kunst, in der Dichtung, jeder glaubt, ein Dichter zu sein, wenn er nur Verse machen kann, während es im Wesentlichen darauf ankommt, eben da gerade zu sehen, wie in der wahren Dichtung das Wortwörtliche gar nicht die Hauptsache ist, sondern dasjenige, was das Formale der Dichtung ist, der Takt, der Rhythmus, das Musikalische, ganz und gar Bildhafte, das zugrunde liegt, nicht das Wortwörtliche.

Dasjenige aber, was der Dichtung schon als eine Art Eurythmisches zugrunde liegt, das wird dann umgegossen in sichtbar bewegte Formen, wenn man zur Eurythmie übergeht. Man gelangt dadurch zu einer Art von Sprache, die dann auch schon im unmittelbaren Eindruck vor dem unverdorbenen ästhetischen Sinn des Menschen, der nur nicht vorurteilsvoll ist, unmittelbar im Eindruck Bilder an Bilder reiht. Es ist ja allerdings heute dasjenige, was da als Gesetzmäßigkeit auftritt in der Eurythmie, wo es nicht darauf ankommt, zu sagen, das Einzelne der Form drückt das aus, das Einzelne der Bewegung drückt dieses aus, sondern wo cs ankommt auf die Aufeinanderfolge der Bewegungen, wie der Organismus ja auch die Aufeinanderfolge der Töne auf sich wirken lässt im Musikalischen. Es ist das heute noch vielfach so angesehen, dass der Mensch nicht empfindet, was in dieser bewegten Musik oder Sprache der Eurythmie dargestellt sein will. Aber dafür ist ja auch die Eurythmie erst im Anfange ihres Werdens und wird sich schon einleben in das Allgemeine der Kunst.

Das aber kommt in Betracht, dass der Gedankeninhalt ja gerade zurücktritt, und dass der Willensinhalt, dasjenige, was also auch das Künstlerische ist in der Dichtung, der innerliche Gemütsinhalt, sich ausdrückt durch dasjenige, was bewegte Sprache ist. Sodass gewissermaßen in der hörbaren Sprache, [wenn] um ein Stück zurückgeschoben wird [der Gedankeninhalt, dadurch] das Ausdrucksmittel der künstlerischen Formensprache in der Eurythmie, dadurch umso mehr das eurythmische, künstlerische Element hervortreten [wird], dasjenige, was nicht durch die bloße Lautsprache produziert werden kann. Das ist das eine Element [des Eurythmischen], dass versucht wird eine sichtbare Sprache, und diese sichtbare Sprache dann künstlerisch behandelt wird.

Sie werden ja sehen - insbesondere, wenn solche verehrten Zuschauer und Zuhörer unter Ihnen sind, die schon öfter hier waren -, wie wir gerade in den letzten Monaten daraufhin gearbeitet haben, in den Formen, die früher noch nicht in solcher Vollendung da waren wie jetzt, überall zu unterdrücken das bloß Pantomimische oder Mimische - aus dem man ja natürlich doch herausarbeiten kann, wenn man es auch nicht will-, und wie versucht wird, gerade das zum Ausdrucke zu bringen, was der Dichter erst in Rhythmus, Takt, in dem inneren harmonischen und melodiösen Zusammenhang der Worte ausspricht, das in den Formen auszudrücken, also das eigentlich Künstlerische zu nehmen, nicht den Prosainhalt etwa einer Dichtung.

Heute kann man schwer unterscheiden zwischen dem eigentlich Künstlerischen und dem Prosainhalt einer Dichtung, weil man ja schon auch in der Rezitation anstrebt, dass rein gefühlvoll der Inhalt der Dichtung zum Vorscheine kommt. Aber darum kann es sich nicht handeln. Sondern man kann auch die eurythmische Kunst rezitatorisch nur begleiten, wenn man auch in der Rezitation die Vollkommenheit darin sicht, dass das der Dichtung unterliegende Melodiöse, Harmonische, Rhythmische, Taktmäßige oder Bildhafte betont wird, nicht der Prosainhalt.

Schiller hat bei den bedeutsamsten seiner Gedichte — das muss immer wieder erwähnt werden - nicht den Prosainhalt zuerst im Seelenauge gehabt, sondern irgendeine unbestimmte Melodie, etwas Musikalisches. Dann erst hat er, wenn dieses Musikalische in ihm seelisch gewirkt hatte, einen Inhalt, der im Grunde genommen für dieses melodiös Hervorgebrachte gleichgültig ist, einen Inhalt in dieses Melodiöse hineingelegt. Und so könnten viele Beispiele angeführt werden gerade von den großen Dichtern, wie man aus der Form heraus den Inhalt gestalten kann.

Daher muss auch von uns betrachtet werden, für diese Eurythmie eine Form des Rezitierens zu finden, die schon das eurythmische Element in sich enthält. Dann werden Sie schen, dass gerade durch diese Eurythmie dasjenige, was sonst - namentlich in solchen Dichtungen, die schon eurythmisch gedacht sind, wie zum Beispiel meine Sprüche, die sind schon durchaus in diesen eurythmischen Formen von vornherein in der Phantasie veranlagt -, dass gerade da das Eurythmische herauskommen kann, wenn erreicht wird das, was erreicht werden soll: Dass gerade da dann das Eurythmische wie ein selbstverständliches Ausdrucksmittel, man möchte sagen besser den Inhalt gibt, als das Prosawort den Inhalt geben kann. Das ist die künstlerische Seite.

Die Eurythmie hat dann auch eine wichtige therapeutisch-hygienische Seite, über die zu sprechen hier zu weit führen würde. Ich will nur noch sprechen über die bedeutende didaktisch-pädagogische Seite der Eurythmie, die auch schon Verwendung gefunden hat in der Freien Waldorfschule in Stuttgart, in der sie als obligatorischer Unterrichtsgegenstand neben dem Turnen eingeführt worden ist. Man wird in diesen Dingen in der Zukunft anders denken als heute.

Sie werden einige Proben von Kindern vorgeführt finden, aber es ist das alles noch im Anfange. Es wird die Welt einmal so urteilen: Gewiss, Turnen ist etwas ganz Schönes, aber es wird nicht so zu überschätzen sein, das Turnen, das rein physiologische Turnen, welches die Bewegungsformen heraus studiert aus der Körperhaftigkeit. Man wird wissen, dass wir zwar da starke Muskeln erreichen, aber was hat man, um die Stärke der Initiative der Seele zu erreichen? Das ist das, worauf es ankommt und was erreicht werden kann durch Eurythmie als beseeltes Turnen, wenn nicht nur physiologische Bewegungen ausgeführt werden, sondern in jeder Bewegung Seele lebt, wie in der Eurythmie es der Fall ist, also ein beseeltes Turnen.

Außerdem noch, dass sie eine besondere Art von Kunstform ist, ist da noch diese besondere pädagogisch-didaktische Seite, die dazu gehört in Bezug auf die Erziehung des Kindes zur Willensstärkung, zur inneren Willensinitiative. Wer die Gegenwart nur ein wenig nicht mit schlafender, sondern mit wachender Seele beobachten wird, der wird wissen, wie sehr man darauf hingeführt wird, Energie der Seele zu entwickeln. Denn das ist etwas, was uns in Wahrheit fehlt und was im Grunde genommen mit unseren sozialen Fragen in der allerschärfsten Weise zusammenhängt.

Es ist selbstverständlich, dass, was nach der einen oder anderen Seite geboten werden kann, noch sehr im Anfange ist. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker, und ich bitte Sie insofern, dasjenige mit Nachsicht aufzunehmen, was von uns durchaus künstlerisch gedacht ist. Die Eurythmie ist etwas, was in seinem Anfange zwar heute noch ist, aber sie wird sich vervollkommnen, vielleicht noch durch uns, wahrscheinlicher aber durch andere. Und dann wird sie als eine junge Kunst neben die älteren Künste, die sich schon in die Gewohnheiten, aber auch in den Geschmack und die Vorurteile der Menschen hineingelebt haben, sie wird als eine junge Kunst, als eine vollberechtigte junge Kunst neben die älteren Schwesterkünste sich hinstellen können.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →