Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 16 May 1920, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Gestatten Sie, dass ich auch heute - wie ich das immer vor diesen eurythmischen Versuchen getan habe - ein paar einleitende Worte voraussende. Dies geschieht hier nicht, um irgendetwas von dem Dargestellten zu erklären, denn natürlich muss Künstlerisches durch seine unmittelbare Offenbarung selbst wirken, und es wäre unkünstlerisch, einen solchen Versuch auf irgendeine theoretische Erklärung oder irgendeine ideelle Erklärung zu stützen. Aber [ich] darf wohl sagen, dass diese eurythmische Kunst ein Versuch ist, zu gewissen, im Menschen selbst liegenden Kunstquellen hinabzusteigen und nach gewissen künstlerischen Ausdrucksformen zu suchen, welche es besonders gut möglich machen, die Anforderungen aller Kunst zu enthüllen: das Künstlerische zu holen in das Sinnlich-Übersinnliche.
Dieser Ausdruck «sinnlich-übersinnliches Schauen» ist ja von Goethe geprägt, aus allen Tiefen seiner Weltanschauung und seiner künstlerischen Gesinnung heraus. Zum Beispiel liegt der ganzen Gestaltung unserer eurythmischen Kunst dieses Sinnlich-Übersinnliche zugrunde.
Sie werden auf der Bühne sehen allerlei Bewegungen, die durch den einzelnen Menschen ausgeführt werden, die ausgeführt werden durch Menschengruppen. Und man könnte zunächst den Eindruck haben, als ob da der Versuch gemacht würde, Dichterisches oder Musikalisches, von dem ja die eurythmische Darstellung begleitet werden muss, für die die eurythmische Darbietung nur ein anderer Ausdruck ist, man könnte den Eindruck haben, als ob Willkürgesten, erfundene Gesten, Mimisches zu dem Dichterischen, zu dem Musikalischen hinzu kämen. Das ist durchaus nicht der Fall, sondern es ist abgelauscht - eben durch ein sorgfältiges sinnlich-übersinnliches Studium - wirklich dem menschlichen Laut-Sprechen dasjenige, was als Bewegungstendenz zugrunde liegt den Sprachorganen selber.
Im gewöhnlichen Sprechen werden ja die Bewegungen, die Schiebebewegungen, die Bewegungstendenzen des Gaumens und so weiter, die werden ja unmittelbar auf die Luft übertragen und gehen da über in feine Zitterbewegungen, die dem Hören zugrunde liegen. Diese Zitterbewegungen sind es selbstverständlich nicht, um die es sich handelt, sondern dasjenige, was gewissermaßen als die Resultierende einem ganzen System von solchen Zitterbewegungen zugrunde liegt. Das ist studiert, und ist von den Sprachorganen übertragen auf den ganzen Menschen, richtig nach dem Goethe’schen Metamorphosenprinzip, wonach zum Beispiel die ganze Pflanze nur ein komplizierter ausgestaltetes Blatt ist.
So könnte man sagen: Dasjenige, was Sie auf der Bühne sehen, das sind Bewegungen, ganz und gar nicht willkürlich, sondern es sind Bewegungen streng gesetzmäßig, so gesetzmäßig namentlich auch in ihrer Aufeinanderfolge, wie die Bewegungen der Sprachorgane selbst beim Sprechen sind - durch Töne, durch Laute oder beim Singen und dergleichen. Dadurch ist diese bewegte Plastik in der Tat etwas, dem eine innere Notwendigkeit innewohnt, so wie der Aufeinanderfolge der Töne im musikalischen Schaffen. Und es handelt sich hier tatsächlich um eine sichtbare Sprache, um eine ganz gesetzmäßige sichtbare Sprache, die als Eurythmie dargeboten wird.
In diese sichtbare Sprache wird sich allerdings erst das gegenwärtige Zeitalter hineinfinden müssen. Denn das gegenwärtige Zeitalter, das hat ja wirklich schr viel Unkünstlerisches in sich. Dasjenige, was zum Beispiel noch zur Zeit der Romantik üblich war — dass man auch mit einer großen Hingabe lauschte Dichtungen, die man gar nicht wortwörtlich verstand, sondern die man anhörte bloß auf den Rhythmus, auf den Takt, auf die innere Gestaltung des Lautwortes -, das ist ja wesentlich heute zurückgegangen.
Wir werden selbst bei der Rezitation, die ebenso, wie es musikalisch der Fall ist- und zwar in der Hauptsache -, zu begleiten hat die eurythmischen Darbietungen, wir werden schen in der Rezitation, weil man das gar nicht anders könnte, hervorheben dieses künstlerische eurythmische Element, da das eigentlich künstlerische Element ja schon in der Dichtung selbst ist. Denn nicht der wortwörtliche Prosainhalt ist ja das Wesentliche der Dichtung, sondern dasjenige, was die formale Gestaltung ist, die der Künstler eben selbst hervorbringt.
So werden Sie namentlich sehen, dass überall da, wo, wie wir das jetzt in ausgiebigem Maße versuchen, wo Formen, Raumformen durch Gruppen hervorgebracht werden, dass da überall etwas zum Ausdrucke kommt, was nicht etwa ein mimischer Ausdruck des Inhaltes der Dichtung ist, sondern was aus dem Charakter der Behandlung des Gedichtes folgt, die der Dichter dem wortwörtlichen Inhalte hat angedeihen lassen. Selbst wenn es in grotesker, possierlicher Weise [ist] - wie wir es ja versuchen zur Darstellung zu bringen im zweiten Teil heute, nach der Pause, gegen das Ende zu -, da werden Sie sehen, dass es uns wirklich nicht um eine naturalistische Darstellung, nicht um die Nachahmung von irgendeinem Inhalte geht, sondern darum handelt, den Zusammenhang, den harmonischen Zusammenhang zu gestalten, dass das Einzelne nicht will durch seinen Inhalt wirken, sondern dass das Ganze will durch die in sich zusammenstimmende Form wirken.
Im Ganzen darf man sagen, dass deshalb hier in der Eurythmie zurückgegangen wird auf die Quellen des Künstlerischen, weil ja dieses Künstlerische beruhen muss darauf, dass nicht etwa Gedanken auf uns wirken. Wenn wir Wissenschaft pflegen im heutigen materialistischen Sinne, dann wirken bloß Gedanken auf uns. Dadurch können wir aber auch nur in den sinnlichen Gehalt der Welt eindringen. Hier aber handelt es sich darum, dass in der Eurythmie das Künstlerische insoferne wirkt - zum Beispiel als sinnlich-übersinnlicher Charakter -, als ja der ganze Mensch das Werkzeug ist oder Gruppen von Menschen das Werkzeug sind für dasjenige, was zum Ausdrucke gebracht werden soll. Sodass man sagen kann: Der Mensch, der beseelte Mensch, der durchgeistigte Mensch legt Seele und Geist in jede Bewegung hinein, solche Seele und Geist, wie wir sie noch aus der wahr klingenden Dichtung heraushören.
Das alles zeigt uns, wie das Sinnliche - als das wir ja den Menschen in seinen Gliedern sehen -, wie das Sinnliche zugleich auf seinen Flügeln das Geistige trägt. Es ist also wirklich sinnlich-übersinnlich. Und es kommt so schön dann zum Ausdrucke, was Goethe im Grunde von jeder Kunst verlangt, indem er sagt: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.
Die Kunst ist für Goethe in gewissem Sinne ein Gemütserlebnis der Natur. Und wie könnte man dieser Natur besser entsprechen, als indem man die im Menschen liegenden Bewegungsmöglichkeiten selbst zur Offenbarung bringt, den ganzen Menschen aus seinem Willen heraus so sich bewegen lässt, dass durch ihn eine sichtbare Sprache zum Ausdrucke kommt. Das Gedankliche, das sonst die Kunst ablehnt, wird ja gerade dadurch ausgeschlossen: Es kommt nur Wille in den Bewegungen zum Ausdrucke. Und dadurch, dass die Persönlichkeit des Menschen - aber auf unpersönliche Art - in diese Bewegungen übergeht, dadurch kommt gerade auf diese Art und Weise ein eminent Künstlerisches, ein Sinnlich-Übersinnliches in den Darstellungen zum Ausdrucke.
Dann hat ja diese unsere Eurythmie auch einen bedeutsamen pädagogisch-didaktischen Effekt, indem ja tatsächlich sie zu gleicher Zeit ein beseeltes Turnen ist. Und wenn man einmal objektiver über diese Dinge denkt, dann wird man einsehen, dass dasjenige, was seit langer Zeit als Turnen jetzt geschätzt wird - was wir durchaus nicht missen wollen -, dass das aber eine besondere Förderung erfährt, wenn wir ihm an die Seite stellen, wie wir es in der Waldorfschule in Stuttgart tun, wenn wir diesem Turnen zur Seite stellen für die Kinder dieses beseelte Turnen. - Einiges von dieser Eurythmie werden Sie ja heute im zweiten Teil unserer Darbietungen auch sehen können.
Es ist das gewöhnliche Turnen allerdings körperstärkend; wir wollen es deshalb auch nicht entbehren für die Körperstärkung. Aber dasjenige, was durch das beseelte Turnen, das nicht bloß auf den Körper geht, sondern auf Leib, Seele und Geist geht, das ist insbesondere erzieherisch wirkend auf den Willen, für die Willensenergie. Und die Willensenergie, das ist etwas, was künftige Generationen in dem immer schwerer werdenden Leben wahrhaftig brauchen werden.
Dann hat unsere Eurythmie eine wichtige hygienische Seite. Es sind ja die Bewegungen des Menschen, wie sie hier hervorgeholt werden aus seinen Bewegungsmöglichkeiten, zugleich diejenigen, durch die sich der Mensch am besten einordnet in den ganzen Rhythmus, in die ganze Harmonie der Welt. Alles Ungesunde beruht ja im Grunde genommen darauf, dass der Mensch sich aus diesem Rhythmus herauslöst. Wenn wir unsere Zeit nehmen, wo wir so viele Veranlassung haben - hier wird nichts Reaktionäres getrieben, daher bitte ich, das nicht aufzufassen, was ich sage, wie wenn ich mich auflehnen wollte gegen notwendige Kulturerscheinungen, denn wir haben vieles in unserer Zeit, was selbstverständlich notwendig ist, was wir brauchen, [was] wir durchaus nicht beseitigen können, wenn wir dies ins Auge fassen, da müssen wir sagen: Da ist viel Veranlassung für die gegenwärtigen Menschen, sich heraus zu gliedern aus dem notwendigen Rhythmus, aus der notwendigen Harmonie der Welt, im Grunde genommen jedes Mal, wenn wir in der Eisenbahn fahren oder gar wenn wir im Auto sitzen oder gar nicht zu reden von anderen Dingen, die in unserer Zeit geschehen, uns herausbringen aus dem Rhythmus der Welt, und die sich nach und nach in des Menschen Gesundheit hineinschleichen, sie untergraben in einer Art, die gar nicht bemerkt wird. Nur von dem, der den intimeren Zusammenhang des Menschen mit der Welt kennt - wenn er dies alles ins Auge fasst, kann er sehen, wie die Welt drängt heute danach, dem Menschen wiederum etwas Gesundendes zu geben.
Wo sucht man oftmals das Gesunde? Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich weiß, dass ich damit sehr vielem entgegenrede. Aber das sind Dinge, über die man schon objektiver denken wird. Man versuchte zum Beispiel - und das ist ja geschehen, schon bevor diese schreckliche Weltkatastrophe hereinbrach -, man versuchte zum Beispiel «Olympische Spiele» da oder dort aufzuführen. Das ist ein schrecklicher Gedanke, der ganz außerhalb jedes kindlichen Verständnisses steht. Olympische Spiele gehörten für den griechischen Körper. Man beachtet bei solchen Dingen nicht, dass ein jedes Zeitalter seine besonderen Anforderungen hat.
Das ist es aber, was wir gerade versuchen in unserer eurythmischen Kunst: Nicht aus der abstrakten Theorie heraus irgendetwas Altes wiederum vor die Menschheit hinzustellen oder für die Menschheit zu fordern, sondern dass wir müssen dasjenige, was das gegenwärtige Zeitalter fordert, aus der Menschennatur heraus bekommen, [um] für den Menschen etwas finden zu können, was gerade für die gegenwärtige Menschheitsorganisation geeignet ist. Gewiss, solche Dinge lassen sich nicht anatomisch oder physiologisch nachweisen, weil man heute nicht alte Griechen sezieren kann. Aber derjenige, der geisteswissenschaftliche Mittel hat, um in die Zeitentwicklung hineinzuschauen, der weiß, dass der heutige Mensch schon seiner physischen und dann besonders seiner seelisch-geistigen Organisation nach etwas anderes fordert. Die Anfänge solcher Forderungen, die das Zeitalter selbst stellt, sollen mit der Eurythmie aufgefunden werden; ihnen soll mit Eurythmie entsprochen werden.
Sie wissen, sehr verehrte Anwesende, was wir bieten können, dass dasjenige heute erst im Anfange steht, dass es ein Versuch ist, vielleicht nur der Anfang eines Versuches. Wir sind auch überzeugt davon, weil wir ehrlich bestrebt sind, aus den Anforderungen des Zeitalters heraus zu wirken, dass, wenn vielleicht nicht mehr wir, sondern andere dasjenige, was heute als ein Versuch hingestellt werden muss, ausbauen, dass eine vollkommenere Kunstrichtung entsteht, die sich würdig wird hinstellen können neben die älteren Schwesterkünste.
Für heute allerdings müssen wir eben um Nachsicht bitten, denn es handelt sich, wie schon gesagt, um einen Anfang, vielleicht nur um den Versuch eines Anfanges; aber dieser Anfang soll auch ausgebaut werden. — In diesem Sinne bitte ich Sie, mit Nachsicht diese unsere Vorstellung anzuschauen.