Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 5 April 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie, dass ich auch heute wieder vor dieser eurythmischen Darstellung ein paar Worte vorausschicke. In dieser eurythmischen Kunst, von der wir Ihnen heute hier eine Probe vorführen wollen, liegt das Bestreben vor, aus gewissen neuen Kunstquellen heraus und aus bestimmten Ausdrucksmitteln etwas zu schaffen, was man in gewissem Sinne doch nennen kann eine neue Kunstform. Und derjenige, der berücksichtigt, wie gerade bei den künstlerisch Schaffenden heute ein Streben nach neuen Kunstformen ist, der wird es vielleicht doch als einen möglichen Versuch ansehen und auch einen nötigen Versuch, wenn besondere Kunstquellen eröffnet werden. Es handelt sich darum, dass durch dieses Eröffnen besonderer Kunstquellen im Wesen des Menschen in der Eurythmie, wie sie hier gemeint ist, eine Art stummer Sprache durch Bewegungen der menschlichen Glieder oder auch durch Bewegungen des Menschen im Raume, durch Wechselbewegungen von Menschen, die Gruppen angehören, vorgeführt werde.

Ich möchte nur darauf hinweisen, inwiefern solche Bewegungen, die keineswegs hier in der Eurythmie Willkürgebärden sind, keineswegs augenblicklich erfundene Gebärden sind, wie solche Bewegungen zustande kommen können als ebenso gesetzmäßige Ausdrucksformen des menschlichen Seelenerlebens, wie die Lautsprache oder der Gesang, das Musikalische selber Ausdrucksmittel schaffen für das vom Menschen zu Erlebende.

Man kann sagen, dass in der Sprache des Menschen umso mehr die Elemente des Künstlerischen liegen, die diese Sprache als Grundlage, als Offenbarungen für Dichterisches ausdrücken, je mehr man zurückgeht in der Entwickelung der Sprache. Es ist ja das Eigentümliche, dass, je mehr die Sprachen innerhalb der Menschheitszivilisation vorgerückt sind, immer mehr und mehr sie sich dadurch gestalteten zu einem konventionellen Ausdrucksmittel für den äußeren menschlichen Verkehr, dass in demselben Masse dem künstlerischen Auffassen gegenüber die Sprache die Kraft verliert zu wirklich künstlerischer, dichterischer Gestaltung. Und auf die Ursache dieser eigentümlichen Erscheinung, die man zunächst ja nur mit dem Künstlerischen durchdringen kann, auf die Ursache dieser eigentümlichen Erscheinung muss man kommen. Man wird nämlich dann finden, wenn man diese Ursache sucht, dass je mehr man zurück geht in der Entwickelung der Sprache, dass umso mehr die Sprache, indem er sie ausfüllt, den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, die Lautsprache den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, und zwar so, dass man sagen kann: In verschiedener Weise nimmt die Lautsprache den ganzen Menschen in Anspruch.

Je weniger die Lautsprache prosaisch geworden ist als bloße Verkehrssprache, als bloße Umgangssprache, umso mehr, je weiter man zurückgeht in noch ursprünglichere Sprachelemente, umso mehr nimmt sie den ganzen Menschen in Anspruch und umso mehr fließen in der Lautsprache zusammen in ihrem vokalischen, in ihrem Selbstlauter-Element ein musikalisches, und in ihrem Mitlauter-, in ihrem konsonantischen Element ein plastisches, ein bildergestaltendes Vermögen des Menschen. Sodass eigentlich in den Sprachen - es war das zum Beispiel in den mitteleuropäischen Sprachen, in der deutschen Sprache noch bis ins 17., 18. Jahrhundert deutlich zu spüren -, sodass in den ursprünglichen Sprachen eben ein Zusammenfluss stattfindet des Musikalischen und des Bildhaft-Plastischen.

Das Musikalische, das vorzugsweise in der Vokalisierung beim Sprechen liegt, dieses Musikalische, das hängt nun innig zusammen mit dem Ergreifen des Geistigen in der eigenen Menschenseele. Wenn der Mensch gewissermaßen mit seinem Geiste zusammenwächst und erlebt in sich dasjenige, was draußen in der Natur auf ihn einen Eindruck machen kann, dann kommt im Vokalisch-Musikalischen Ausdrucke ein Miterleben, ein innerliches Miterleben des Menschen mit dem äußeren Vorgang oder der äußeren Sache zustande. Man braucht nur zu erinnern sich, wie gewisse äußere Erlebnisse hervorrufen durch Staunen das a, Bewunderung das o und so weiter in der Seele wachrufen, und man wird die musikalische, vokalisierende Tendenz des menschlichen Sprechens durchfühlen. - Auf der anderen Seite haben wir das konsonantische Element, jenes Element,

wo der Mensch weniger in sich hineingeht, dafür aber untertaucht, sich hingibt an die äußeren Vorgänge und äußeren Dinge. Das ist das plastische, das ist das innerlich malerische Element. Tatsächlich fließen zwei, ich möchte sagen unbewusst schaffende künstlerische Elemente im Menschen in der Lautsprache zusammen.

Eurythmie ist nun die Ausgestaltung desjenigen, was da vom Menschen erlebt wird durch das Bild selber. Wiederum kann man sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, wie die Schrift ursprünglich ausgegangen ist vom Bild. Bilderschriften haben wir da, wo die Schrift noch eine innere Verwandtschaft hat mit den Dingen, die der Mensch wahrnimmt; dann verabstrahiert sich, intellektualisiert sich die Schrift. Sie wird zum bloßen Zeichen. Und unsere heutige Schrift hat wenig mehr in dem, was sie der unmittelbaren Anschauung darbietet, von dem Erlebnis, das man haben kann, wenn man Bilderschrift in ihrer Verwandtschaft mit der Umgebung ins Auge fasst.

Nun, in Bezug auf die Schrift sind wir Zivilisationsmenschen eigentlich in einer Sackgasse. Wir sind ausgegangen von dem erlebten Bezug des Menschen in der Bilderschrift zu den äußeren Sinnen und sind angekommen bei dem prosaischen, unkünstlerischen, abstrakten Schreiben, und es hat etwas Gequältes, Unnatürliches, wenn wir wieder zurückführen wollen - derjenige, der das selber versucht hat, darf darüber schon ein Urteil haben -, wenn wir wieder zurückführen wollen die heutige Schriftform auf irgendwelches Künstlerische.

Aber mit Bezug auf die Sprache sind wir nicht in derselben Sackgasse. Wir können das Wort, das Lautwort, den Satz, kurz alles dasjenige, was durch die gesprochene Sprache zum Ausdrucke kommt, zum Bilde umfassen, sodass in der Bewegung des ganzen Menschen stumm dasjenige zum Ausdrucke kommt, was sonst durch die Lautsprache zum Ausdrucke kommt. In die Lautsprache lässt der Mensch hineinfließen, ich möchte sagen etwas, was wie unterbewusstes Bewegen, wie unterbewusstes Fühlen ist. Aber je mehr die Sprache in die Zivilisationsepoche, in den Verkehr übergeht, desto weniger fühlt man das Mitklingen und Mitschwingen des ganzen Menschen mit den Dingen in der Sprache. Und wenn man durch Anwendung desjenigen, was Goethe das sinnlich-übersinnliche Schauen nennt, dem Kehlkopf und all den Organen, die beteiligt sind an dem Zustandekommen der Lautsprache, ablauscht, was sie für Bewegungstendenzen haben, kommt man dazu einzusehen, [was für veranlagte Bewegungen in dem Kehlkopf und seinen Nachbarorganen in der Lautsprache eigentlich enthalten sind]. - Und überträgt man das dann auf den ganzen Menschen, auf seine Glieder, und überträgt man es auf äußere Raumbewegungen des Menschen, dann kommt diese stumme Sprache der Eurythmie zustande, die aber ebenso notwendig gesetzmäßig ist wie die Lautsprache.

Daher kann man auf der einen Seite [durch die Begleitung] von dem Musikalischen, das ja gewissermaßen eingeflossen ist in den Vokalisationen - in die Eurythmie und in die Lautsprache auch -, und auf der anderen Seite durch die Begleitung mit der Rezitation kann man, sagen [wir] voller zur Geltung bringen, was in der stummen Sprache der Eurythmie zum Ausdrucke kommt. So werden Sie sehen auf der Bühne die stumme Sprache der Eurythmie, die aber nicht, wie gesagt, auf Willkür beruht, sondern ein gesetzmäßiger Ausdruck der Vokalisierung und Konsonantisierung ist, des Satzbildens ist, der Grammatik ist. Aber es ist das doch so, dass es nicht heraufkommt bis zum verstandesmäßigen Auffassen, sondern aus dem impulsiven Willenselement des Menschen hervorkommt, sodass man in dem Ausdrucksmittel selbst das Ich geltend macht, einen Ausdruck der ganzen Menschenwesenheit in Eurythmie hat.

Verständlich wird einem das - oder wenigstens: zur Hilfe kommt einem bei dem Verstehen die musikalische Begleitung, die Rezitation. Das Rezitieren allerdings muss heute etwas anders geübt werden als gewöhnlich. Heute rezitiert man eigentlich prosaisch; das würde die Eurythmie nicht vertragen, die Eurythmie, die zurückgeht auf das, was dem eigentlich Künstlerischen zugrunde liegt, auf Rhythmus, auf das Taktmäßige, [auf] die Hervorhebung des eigentlich Künstlerischen, Taktmäßigen, Rhythmischen gegenüber dem bloßen prosaischen Ausdruck in der Rezitation.

So wird versucht, in der Eurythmie tatsächlich zu schaffen eine Art Sprache, die aber - gerade dadurch, dass sie noch nicht den Gedanken in sich fasst - nicht das Abstrakte in sich fasst, also das Unkünstlerische, die gerade dadurch zu künstlerischen Wirkungen gestaltet werden kann.

Dabei hat diese Eurythmie noch eine andere Seite, eine wesentlich pädagogisch-hygienische Seite bei Kindern. Das gewöhnliche bloße Turnen der Kinder kann beseelt werden. Während das Turnen eigentlich nur herausgeholt ist aus der Gesetzmäßigkeit des menschlichen Leibes, sozusagen nur eine Physiologie zur Grundlage hat, soll in der Kinder-Eurythmie - von der Sie eine Probe nach der Pause im zweiten Teil unseres Programmes sehen werden -, soll gerade ein beseeltes Bewegendes geschaffen werden. Das wird man einmal wahrnehmen, wenn man über diese Dinge objektiver denken wird: Dass durch dieses beseelte Turnen, das zu gleicher Zeit aber Künstlerisches ist, dass zu gleicher Zeit die Willensinitiative in dem Kinde in dem Augenblicke des Lebens, in dem Lebensabschnitte gestärkt wird, in dem sie gestärkt werden muss, wenn sie nicht eine Schwächung erfahren soll durch das ganze Leben.

Deshalb ist Eurythmie auf der einen Seite als Kunst aufzufassen, auf der anderen Seite zugleich ist zu berücksichtigen ihre wichtige erzieherische und pädagogisch-didaktische Seite. Auch von dieser Seite wollen wir heute Abend etwas vorbringen, wo dichterisch selbst schon eurythmisch gefühlt, eurythmisch angeschaut ist, wie in dem Stück, das Ihnen heute vorgeführt wird, wo versucht wird, die Vorgänge der Welt in Bildern zu fassen, die man sonst bloß durch abstrakte Begriffe fasst. Da zeigt sich die Eurythmie als besonders brauchbares Instrument für den künstlerischen Ausdruck. Und man wird erst einsehen, wie notwendig es nach und nach für das menschliche Verständnis der Welt werden wird, die ganze Natur und auch das Übersinnliche in Bildern, nicht in abstrakten Begriffen zu fassen. Man kann ja lange philosophieren, dahingehend, dass man sagt: Ja, der Mensch muss diskursiv denken, der Mensch muss analysieren, der Mensch muss im logischen abstrakten Urteil die Naturgesetze erforschen. Die Natur entzieht sich diesem Erforschen! Wir kommen der Natur nicht nahe. Wir glauben nur, mit dem heutigen Naturerkennen der Natur nahe zu kommen; in Wahrheit entfernen wir uns umso mehr von ihr, je mehr wir diesen heutigen abstrakten Erkenntnistrieb befriedigen, der in der Naturwissenschaft solche Triumphe gefeiert hat. Die Natur ergibt sich dem Verständnis nur, wenn wir sie bildhaft erfassen, wie das bei den Weltenvorgängen überhaupt der Fall ist. Dann aber sehen wir, wie der Mensch ein rechter Ausdruck wird für ein solches bildhaftes Erfassen der Natur und des Übersinnlichen.

Da kommt man wirklich darauf, auch den Goetheanismus wieder zu verstehen, der sich manchmal in ganz kurzen Sätzen bei Goethe ausdrückt, so, wenn Goethe sagt: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, der empfindet die tiefste Sehnsucht nach ihrer würdigen Auslegerin, der Kunst. Und für Goethe war in einer gewissen Weise die Kunst ein Erkenntnismittel, allerdings nicht ein physisch-prosaisches, sondern ein künstlerisches Erkenntnismittel. So wird auch solchen Dingen der Goetheanismus Rechnung tragen, indem wir die Eurythmie ausbilden. Aber so, wie wir sie Ihnen heute vorführen können, so ist sie eben durchaus erst ein Versuch, ein Anfang.

Aber man kann auch die Überzeugung haben, da sie auf echten Quellen des allerkünstlerischsten Instrumentes, des Menschen selber beruht, dass sie entweder noch durch uns oder durch andere in der Zukunft weitere Ausbildung erfahren wird und dass dann in der Tat die älteren Kunstformen, die schon in, wenn ich so sagen darf eingeschliffenen Bahnen gehen, an ihre Seite werden treten sehen eine vollwertige neue Kunst in dieser Eurythmie, der man vielleicht heute noch mit Misstrauen entgegenkommen wird. Wir sind selbst die strengsten Kritiker; wir wissen, dass dasjenige, was wir heute geben können, nur ein Anfang ist, aber wir wissen auch, dass sie vervollkommnet werden kann und dass sie einstmals eben wirklich angesehen wird als dasjenige, dass sie als eine vollberechtigte Kunstform sich neben andere, ältere Kunstformen wird hinstellen können.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →