Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920

GA 277b — 11 January 1920, Dornach

Ansprache zur Eurythmie und zum Christgeburtspiel

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Im ersten Teil unserer heutigen Darbietung werden wir uns erlauben, Ihnen Eurythmisches vorzustellen. Und da ich wohl annehmen darf, dass nicht alle verehrten Zuhörer bei vorigen Vorstellungen schon waren, in denen ich das Wesen unserer eurythmischen Kunst auseinandergesetzt habe, so möchte ich wenigstens mit ein paar Worten mir gestatten, auch heute auf dieses Wesen unserer eurythmischen Kunst hinzuweisen.

Es handelt sich dabei tatsächlich nicht um irgendetwas, nun - was man vergleichen könnte mit irgendwelchen Tanzkünsten oder dergleichen, die äußerlich ähnlich erscheinen, sondern es handelt sich um die Inaugurierung einer wirklich neuen Kunstrichtung mit dieser Eurythmie. Sie ist herausgeboren aus demjenigen, was wir hier Goethe’sche Kunstanschauung, Kunstempfindung nennen, die ja aber innig zusammenhängt mit der ganzen Goethe’schen Weltanschauung. Ich will heute nicht ausführlich sein, sondern nur mit einigen Sätzen andeuten, um was es sich dabei handelt.

Sie werden von Personen ausgeführte Bewegungen sehen, Sie werden Personengruppen sehen in Stellungen zueinander, in wechselweisem Verhältnis zueinander ausgeführte Gruppenbewegungen. Was sollen diese Bewegungen, die entweder durch eine reine Bewegung des menschlichen Organismus und seiner Glieder selbst zustande kommen oder die durch Gruppen von Menschen zustande kommen? Was sollen diese Bewegungen? Was bedeuten diese Bewegungen?

Sie sind durchaus nicht willkürliche Gebärden. Denn alles dasjenige, was bloße Pantomimik, was Mimik ist, was Augenblicksgesten sind, das ist aus dieser eurythmischen Kunst streng verbannt. Es handelt sich durchaus um etwas innerlich Gesetzmäßiges. Geradeso, wie man in der Musik, in Harmonie und Melodie eine innere Gesetzmäßigkeit hat und wie es eigentlich unmusikalisch ist, auf bloße Tonmalerei hin irgendetwas zu bilden, so handelt es sich auch bei unserer Eurythmie nicht darum, zufällige Zusammenhänge zu schaffen zwischen einer Bewegung und Seeleninhalten, sondern es handelt sich auch da um eine Art Gesetzmäßigkeit in der Aufeinanderfolge dieser Bewegungen, um ein musikalisches Element, um ein sprachliches Element. Es handelt sich darum, dass man eine stumme Sprache vor sich hat in dieser eurythmischen Kunst. Und zwar so, dass diese stumme Sprache dadurch entstanden ist, dass man mit Hilfe des sinnlich-übersinnlichen Schauens das Auge gerade mehr darauf richtet im menschlichen, namentlich künstlerischen Sprechen, [w]as man sonst eben nicht berücksichtigt, wenn man der zu hörenden Sprache eben zuhört. Da wendet man seine Aufmerksamkeit eben auf den Ton.

Nun brauchen Sie sich nur zu überlegen, dass, indem ich hier zu Ihnen spreche, ich die Luft in Bewegung bringe. Diese Bewegung ist ja nur die Fortsetzung desjenigen, was an Bewegung, namentlich aber an Bewegungsanlage vorhanden ist im Kehlkopf und seiner Nachbarorgane. Jene wundervolle Organisation, welche zugrunde liegt dem Sprechen, die kann man studieren. Und dann kann man dasjenige, was sonst als verborgene Bewegungsanlage oder halb oder ganz ausgeführte Bewegungen im Kehlkopf und seinen Nachbarorganen sich abspielt, auf den ganzen Menschen übertragen, sodass der ganze Mensch ein bewegter Kehlkopf wird, das heißt zum Ausdrucksmittel wird für eine stumme Sprache.

Es ist im Allgemeinen untunlich, dasjenige, was Kunst ist, erst zu erklären. Das will ich auch nicht. Ich will darauf hinweisen, dass gerade diese eurythmische Kunst durch den unmittelbaren Eindruck, den das ästhetische Genießen auf das ästhetische Empfinden macht, sich offenbaren muss. Das kann sie aber auch aus dem Grunde, weil aus dem sprachlichen Elemente etwas herausgenommen wird, was in der gewöhnlichen gehörten Sprache - namentlich in unseren zivilisierten Sprachzusammenhängen - schon längst über das Künstlerische hinaus und in das Konventionelle hineingewachsen ist.

In unserer tönenden Sprache wirken zusammen, ich möchte sagen - vom Kopfe aus der Gedanke und vom ganzen Menschen aus der Wille. Nun ist es in der Kunst gerade das Wesentliche, dass wir durch sic, durch diese Kunst, mit Ausschluss des Vorstellens in die Lage kommen /Lücke im Text]. In der Eurythmie schalten wir gerade die Vorstellungen aus. Wir bringen in Bewegung auf dem Umwege der menschlichen Glieder, was sonst der Kehlkopf und seine Nachbarorgane ausführt, den menschlichen Willen. In einer stummen Sprache drückt sich der ganze Mensch als ein Willenswesen aus.

So werden Sie sehen auf der Bühne diese stumme Sprache als Eurythmie, begleitet von entweder Musikalischem - das dann dasselbe durch den musikalischen Ton, durch die musikalische Kunst ausdrückt - oder aber begleitet von der Rezitation, die nun ihrerseits dasjenige [in hörbarer] Sprache ausdrückt, was durch die Eurythmie in stummer Sprache geoffenbart wird. Die Rezitation muss sich in diesem Falle an die Eurythmie anschließen. Und darum muss sie zurückgehen auf die älteren besseren Kunstformen des Rezitierens, die mehr Rücksicht nahmen auf das eigentlich Künstlerische, auf dasjenige, was als Taktmäßiges, Rhythmisches, überhaupt als das Formale zugrunde liegt der Dichtung, während man heute mehr bloß aus dem prosaischen Inhalt heraus rezitiert. Es hat noch für manchen etwas Fremdes, dass dasjenige, was sonst sichtbar wird in bewegten Gliedern durch die Eurythmie, dass das in der Rezitation selbst gehört wird in der Art und Weise, wie Dichtung behandelt wird durch den Rezitator, wenn er gerade Eurythmie begleitet.

Wir werden Ihnen einzelne Dichtungen durch die eurythmische Kunst vorführen, und wir werden dann eine längere Dichtung, ein norwegisches Traumlied - «Olaf Åsteson» - vorführen. Dieses norwegische Traumspiel ist an sich etwas außerordentlich Interessantes. Es ist wieder aufgefunden worden, als das besondere Interesse in Norwegen sich zuwandte der Volkssprache, die man - im Gegensatz zu der Sprache, [die man] in norwegischen Gebieten «Statsmäl» [Riksmäl] nennt - das «Landsmäl» nennt, das jetzt mehr gepflegt wird. Dieses Landsmäl ist wie ein altes Volksbuch, und es ist so etwas darin enthalten, zu dem auch dieses Traumlied gehört von «Olaf Åsteson». Offenbar geht es auf recht frühe Zeiten zurück, wo norwegischer Geist dasjenige geschaffen hat, was sein Seelenleben bewegte, indem auf der einen Seite noch fortlebte altes nordisches hellseherisches Heidentum, das durchsetzt wurde vom Christentum, und wie diese alten nordischen Vorstellungen zusammenflossen mit dem in tiefster Sehnsucht inneren empfindungsgemäßen Verstehens aufgenommenen Christentum. Das tritt uns in dieser Dichtung «Olaf Åsteson» entgegen, wirklich wunderbare Volksdichtung. - Mit Hilfe von norwegischen Freunden, die das Landsmäl beherrschen, habe ich dann versucht, dieses Traumlied in unserer Sprache wiederzugeben, in der Art, wie es eben heute als Grundtext einer eurythmischen Aufführung vor Ihnen auftreten soll.

Und als Drittes wollen wir Ihnen dann vorführen ein Weihnachts-Hirtenspiel von der Art jener Weihnachtspiele, die uns so recht zurückführen, ich möchte sagen in die christliche Volkserziehung früherer Jahrhunderte. Dasjenige, was hier als Weihnachts-Hirtenspiel vorgeführt wird, wurde aufgefunden von meinem verehrten Lehrer, Karl Julius Schröer, mit dem ich damals viel über diese Dinge - es ist jetzt schon fast 40 Jahre her - sprach, sodass dazumal schon meine Liebe zu diesen Dingen entstand. Aus dieser Liebe heraus haben wir versucht, gerade innerhalb der anthroposophischen Bewegung seit einigen Jahren diese Dinge wiederum zu erneuern und sie heute dem Publikum vorzuführen.

Dieses Weihnachtspiel ist zuletzt gespielt worden unter den deutschen Kolonisten Westungarns, in der Pressburger Gegend, in der Oberuferer Gegend, in der Nähe der Schütt-Insel. Und das Interessante ist, dass dieses und ähnliche Weihnachtspiele - Schröer hat sie für Ungarn gesammelt, Weinhold für Schlesien, sie wurden gesammelt in der Zeit, in der sie gerade auch schon zugrunde gingen —, das Interessante ist, dass sie mit den deutschen Kolonisten bis in das 16. Jahrhundert hinein, die sich von westlicheren Gegenden vorgeschoben haben nach slawischen, nach ungarischen Gegenden hin, dass sie von denen mitgebracht worden sind und dass sie unter denen in ursprünglicher Gestalt fortlebten.

Jedes Mal, wenn die entsprechenden Festeszeiten des Jahres kamen, wurden diese Spiele mit einer großen Feierlichkeit vorbereitet und gespielt. Es hat etwas ungemein Rührendes, sich zu erinnern, wie die Leute auf dem Dorfe, diese verschlagenen armen Deutschen — so waren sie durchaus zu bezeichnen - in den 40er, 50er Jahren, 60er Jahren, als Karl Julius Schröer dort die Weihnachtspiele sammelte, es hat etwas Rührendes die Art und Weise, wie diese Leute die Weihnachtspiele einleiteten, diese Aufführungen, die alljährlich um die Weihnachtszeit stattfanden. Wenn die Weinlese vorüber war, dann versammelte derjenige, dem im Orte die Sache anvertraut war, die bravsten Burschen um sich. Diese Weihnachtspiele wurden nur demjenigen anvertraut - sie wurden damals nicht etwa gedruckt, sondern in der Handschrift vom Vater auf den Sohn und den Enkel pflanzten sie sich fort -, also derjenige, der dazu berechtigt war im Einverständnis mit dem Pfarrer des betreffenden Ortes suchte die würdigen Burschen aus.

Gerade in dieser Beziehung hat sich auch noch ein alter Brauch für theatralische Vorstellungen erhalten. In denen waren strenge Vorschriften enthalten. Gerade an diesem sieht man die Gesinnung, aus der heraus so etwas da vorgebracht worden ist. Diese Burschen durften sich die ganze Zeit über nicht im Wirtshaus aufhalten. Diese Burschen waren verpflichtet, die ganze Zeit [hin]durch einen sittlichen Lebenswandel zu führen, sie durften in der ganzen Zeit, in der die Spiele einstudiert und aufgeführt wurden, das Versprechen nicht übertreten, die Autorität ihres Lehrers, der ihnen diese Spiele einstudierte, nicht antasten und so weiter und so weiter.

Mit einer großen Feierlichkeit ging man daran. Und dann, indem man zuerst einen Umzug im Dorf, im Orte machte und sich versammelte in einem Wirtshaus-Saal, wurden diese Weihnachtspiele für die Leute vorgeführt. Es zeigt uns — wie Sie Gelegenheit haben werden zu hören gleich nachher -, wie diese Weihnachtspiele von weiter westlich hergekommen sind. Sie werden gleich in der Einleitung, im sogenannten «Sterngesang», vom Meer und von dem Rhein hören. Die sind natürlich nicht vorhanden gewesen in der Oberuferer Gegend, wo diese Spiele zuletzt aufgefunden worden sind. Sondern wenn vom «Meer» die Rede ist, so ist der «Bodensee» gemeint, wenn vom «Rhein» die Rede ist, so hat man es zu tun damit, dass diese Spiele eben ursprünglich in einer Rheingegend natürlich gelebt haben. Die Menschen sind nach Osten hinüber ausgewandert und haben sie mitgenommen, während die Bildung in westlichen Ländern sie unterdrückt hat, sodass sie höchstens noch verborgen weiter gepflegt worden sind durch diese deutschen Kolonisten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, treu bewahrt, [um] in alter Pietät diese Dinge aufzuführen. Da sehen wir tief hinein in die Art und Weise, wie das Christentum die Menschen Mitteleuropas erzogen hat. Und wir betrachten es als unsere Aufgabe, nicht bloß äußere Geschichte zu treiben, um die Entwicklung der Menschheit kennen zu lernen, sondern in solcher Weise lebendig die Geschichte vor die gegenwärtige Menschheit hinzustellen.

Im Übrigen bitte ich Sie, zu berücksichtigen, dass wir genau wissen: Unsere eurythmische Kunst steht erst im Anfange. Sie wird vervollkommnet werden und sich dann neben die anderen Kunstformen hinstellen können. Aber heute bitte ich Sie noch, die Eurythmie mit Nachsicht aufzunehmen, es ist ein Anfang. Ebenso bitte ich, unsere Aufführung des Weihnachtspieles so aufzufassen, dass wir ja nicht vollausgebildete Schauspieler etwa haben, sondern dass es sich darum handelt, eine kulturhistorische Erscheinung festzuhalten.

Nehmen Sie vorlieb mit dem, was wir zu bieten vermögen! Wir appellieren an Ihre Nachsicht. Wir glauben aber, dass bei der Eurythmie das Wohlwollen, das ihr von vielen Seiten entgegengebracht wird, und bei diesem Weihnachtspiel das kulturhistorische Interesse die Darbietung rechtfertigen.

German original of Address on Eurythmy and the Christmas Play · ← Previous · Next →