Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 14 September 1919, Berlin
Ansprache zur Eurythmie
Sehr verehrte Anwesende! Die eurythmische Kunst ist durchaus noch im Anfange ihres Arbeitens. Man könnte sie sogar nennen die Absicht zu einem Versuch. Deshalb wird es gestattet sein, über das Wesen derselben der Darstellung einige Worte vorauszuschicken.
Alles, was versucht wird und was wohl künftig vervollkommnet werden wird in Bezug auf diese eurythmische Kunst, fußt auf der Goethe’schen Welt- und Lebensauffassung. Diese Goethe’sche Welt- und Lebensauffassung hat ja eine ganz besonders künstlerische Gesinnung und eine besondere Kunstauffassung im Gefolge. Und gerade das ist das Eigentümliche bei Goethe, dass er verstand für seine eigene Anschauung die Brücke, die, ich möchte sagen ganz selbstverständliche Brücke zu schlagen zwischen künstlerischer Gesinnung, künstlerischer Kraft und allgemeiner Weltanschauung. So könnte auch versucht werden auf dem Boden des Goetheanismus, auf dem wir ja mit unserer ganzen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft stehen, es könnte versucht werden auf einem ganz speziellen Gebiete - auf dem Gebiete der Bewegungskunst des Menschen - selbst etwas zu schaffen, das ganz ein Ausdruck Goethe’scher künstlerischer Gesinnung sein wird. Deshalb bitte ich Sie auch, dasjenige, was wir heute schon darbieten können, in dieser Richtung nicht so zu betrachten, als ob wir mit irgendeiner der Künste und Kunstformen, die gewissermaßen in der Nachbarschaft unserer eurythmischen Kunst stehen, irgendwie konkurrieren wollen. Das wollen wir durchaus nicht. Wir wissen ganz gut, dass Tanzkunst und ähnliche Künste, die man vielleicht mit der unsrigen verwechseln könnte, heute auf solchem Gipfel der Vollkommenheit stehen, dass wir ganz und gar nicht konkurrieren können. Aber das wollen wir auch gar nicht; sondern es handelt sich für uns darum, etwas im Grunde genommen Neues in die allgemeine Kunstentwicklung der Menschheit hineinzustellen. Und ohne theoretisch zu werden, möchte ich ganz kurz auseinandersetzen, wie mit dem Großen der Goethe’schen Weltanschauung dieser unser Versuch zusammenhängt.
Das eigentlich Bedeutungsvolle, das Große und Einschneidende der Goethe’schen Weltanschauung ist ja noch lange nicht hinreichend gewürdigt. Goethe war imstande, [seine] Ideenwelt, seine erkennende Empfindungswelt so zu orientieren, dass er wirklich von der Wissenschaft des Unlebendigen - das ist im Grunde genommen alle heutige Wissenschaft noch - den Aufstieg machen konnte zu einer gewissen Erkenntnis des Lebendigen. Es sieht nur theoretisch aus, wenn alles hinweist auf Goethes große Idee der Metamorphose der organischen Wesen und einer einzelnen organischen Wesenheit. Man braucht sich im Sinne Goethes nur vorzustellen, wie eine einzelne Pflanze als lebendiges Wesen wird, wie sie wächst, sich vervollkommnet und den Gipfel ihres Werdens erreicht. Für Goethe ist jedes einzelne Pflanzenblatt - ob grünes Pflanzenblatt oder farbiges Blumenblatt - im Grunde genommen eine ganze Pflanze, nur einfacher gestaltet als die ganze Pflanze, und wieder die ganze Pflanze ist für ihn nur ein kompliziertes Blatt.
Diese Anschauung, die ungeheuer bedeutungsvoll ist, galt Goethe für alles, was Lebewesen ist. Jedes Lebewesen ist so gestaltet, dass es als Ganzes die kompliziertere Ausbildung jedes einzelnen seiner Glieder ist; und wieder jedes einzelne Glied offenbart - nur einfacher gestaltet - das ganze Lebewesen. Diese Anschauung kann man nun übertragen auf die Äußerungen, die Betätigungen eines Lebewesens und insbesondere des höchsten Lebewesens, welches der Mensch innerhalb seiner Welt kennt: des Menschen selbst.
Und so kann man auch, ausgehend von Goethe, sagen: Auch in dem, was menschliche Sprache ist, ist ein Einzelnes der gesamten Menschennatur gegeben. In dem, was der Mensch aus den Tiefen seiner Seele heraus sprechend äußert durch den Kehlkopf und seine Nachbarorgane, ist etwas gegeben, was eine einzelne Organäußerung, eine Offenbarung des Menschen ist. Für den, der zu schauen vermag, was eigentlich an Kräften, an Betätigungsmöglichkeiten und Bewegungsanlagen im menschlichen Kehlkopf beim Sprechen, namentlich beim künstlerischen Sprechen, beim Sprechen der Dichtung wie auch beim Gesang veranlagt ist, für den, der das schauen kann, der nicht nur darauf beschränkt ist, hinwegzuschauen über das, was der Kehlkopf an Bewegungen vollbringt, und bloß hinzuhören, indem das laut wird, was an Bewegungen vollbracht wird, für den ist es möglich, auf den ganzen Menschen dasjenige zu übertragen, was sonst nur im einzelnen Organ - im Kehlkopf und in seiner Nachbarschaft - im Sprechen zum Ausdrucke kommt.
Es ist möglich, den ganzen Menschen zum Kehlkopf zu machen, sodass er in seinen Gliedern sich so bewegt, wie, ich möchte sagen, der Kehlkopf veranlagt ist, sich zu bewegen, indem der Mensch spricht oder singt. Man könnte auch so sagen: Spricht man, so hat man es ja zu tun mit der Wellenbewegung der Luft. Was Laut ist, sind Bewegungen der Luft. Nur sieht man selbstverständlich diese Bewegungen der Luft im gewöhnlichen Leben nicht. - Wer das schaut, der kann daher jene Bewegungsmöglichkeiten gewinnen, die er zu übertragen vermag auf den ganzen Menschen, auf seine Glieder. Dann entsteht eine sichtbarliche Sprache, indem des Menschen Arme und sonstige Glieder sich bewegen, in gesetzmäßiger Weise sich bewegen. Und indem durch diese sichtbarliche Sprache zur Offenbarung gebracht wird das Dichterisch-Künstlerische der Sprache, das Gesangliche des Musikalischen, entsteht eine völlig neue Kunstform. Das soll unsere Eurythmie sein.
Was Sie hier dargestellt sehen, ist zunächst nichts anderes als des Menschen künstlerisch geformte Kehlkopfbewegung auf den ganzen Menschen übertragen. Selbstverständlich ist das, was nun Kunst sein soll und unmittelbar in der Anschauung einen entsprechenden ästhetischen Eindruck machen muss, wenn es im unmittelbar Geschauten künstlerisch wirken soll, aus der Tiefe der Menschennatur in seinem Quell entstanden. So kann man sagen: Es soll aus dem Menschen hervorgeholt werden, was in ihm einfach deshalb veranlagt ist, weil er menschlicher Organismus ist.
So ist in der Eurythmie nichts Künstliches. Alle Geste, alles Pantomimische ist vermieden. Wie es sich in der Musik nicht darum handelt, durch einen beliebigen Ton etwas zum Ausdruck zu bringen, sondern in der Aufeinanderfolge der Töne eine Gesetzmäßigkeit zu befolgen, so handelt es sich auch hier nicht darum, dass zum Beispiel die Hand oder dergleichen eine beliebige Bewegung macht, sondern dass in der Aufeinanderfolge die menschlichen Glieder gesetzmäßige eurythmische Bewegungen machen. Daher ist alles Willkürliche vermieden, und wo noch etwas auftritt, da können Sie es durchaus so ansehen, dass dort noch etwas Unvollkommenes vorhanden ist. Wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen ein und dieselbe Sache darstellen würden, so würden sie in der Darstellung nur insofern verschieden sein, als auch die Wiedergabe zum Beispiel einer Beethoven-Sonate durch zwei verschiedene Klavierspieler verschieden sein wird.
Alles ist in der Eurythmie nachgebildet den Bewegungen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane. Aber die menschliche Sprache ist durchtönt von Seelenwärme, von Enthusiasmus, von Lust, von Schmerz und Leid, von allerlei inneren Krisen. Alles, was als innere Seelenäußerungen die menschliche Sprache durchtönt, bringen wir wieder zum Ausdruck in den Verhältnissen der gegenseitigen Formen, der Gruppen und durch das, was der Mensch durch die Bewegungen im Raume offenbaren kann. So ist auch die innere Stimmung der Seele, was aus den Tiefen der Seele den Laut durchdringt, zum Ausdruck kommend. Sie werden daher auf der einen Seite dasjenige sehen, was sichtbare Sprache ist.
Wir werden es begleiten lassen entweder von dem Musikalischen, das ja nur der andere, der parallele Ausdruck desselben ist, oder in der Hauptsache von der Rezitation, von der Dichtung. Dabei muss ich bemerken, dass, indem die eurythmische Kunst von der Dichtung begleitet wird, berücksichtigt werden muss, dass dasjenige, was heute Deklamationskunst, Rezitationskunst ist, gar sehr in Dekadenz ist. Wenn man die eurythmische Kunst von der Dichtung begleiten lassen will, so muss man wieder zurückgehen zu alten, guten Formen des Rezitierens, der rezitatorischen Kunst. Nicht darum handelt es sich, dass das gewöhnliche Novellistische, der Inhalt einer Dichtung durch Betonung zum Ausdruck gebracht wird, sondern abgesehen von dem rein Novellistischen, von dem Inhalt, soll das eigentlich Künstlerische durch die Rezitation zum Ausdruck kommen: das Rhythmische, der Reim, das Vibrieren des Künstlerischen einer Dichtung, alles, was außerhalb des Inhaltes da ist, mit anderen Worten - das Dichterisch-Musikalische.
Dafür hat man in der Gegenwart wenig Verständnis. Aber man braucht sich nur zu erinnern, dass Goethe mit dem Taktstock seine «Iphigenie» dirigierte, und man braucht sich nur vor Augen zu halten, dass Schiller, bevor er überhaupt den Prosainhalt eines Gedichtes in seiner Dichtung lebendig machte, eine allgemeine Melodie in der Seele hatte, das heißt, er ging von dem allgemein Künstlerischen aus. Das heutige Betonen des Inhaltes beim Rezitieren ist sozusagen Unfug, ist Dekadenz. Man würde mit dieser, bloß auf den Inhalt sehenden Rezitationskunst nicht die Eurythmie begleiten können. Daher muss wieder zurückgegangen werden zu dem, was als Rezitationskunst von unserer Zeitgenossenschaft wenig verstanden wird. So aber glauben wir, wieder ein möglichst künstlerisches Element in der Gegenwart betonen zu können durch diese eurythmische Kunst und dadurch etwas von Goethe’scher Kunstgesinnung lebendig zu machen. Goethe sagt ja so schön: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin: der Kunst.» - Er sieht in der Kunst eine Offenbarung geheimer Naturgesetze, die ohne sie, die Kunst, nicht offenbar würden.
Das tritt uns ganz besonders entgegen, wenn wir sehen werden, wie der Mensch selbst in seiner Bewegung zum Ausdrücker einer sichtbaren, lebendigen Sprache wird. Goethe sagt an einer anderen Stelle: Die Kunst besteht in einer Art von Erkennen, indem wir das Wesen der Dinge an greifbaren und sichtbaren Gestalten erfassen. Und das Höchste der äußeren Natur, der Mensch, wird uns offenbar, wenn wir sichtbar machen können das, was in seinen Bewegungen ist, und vor unsere Augen hinstellen können. Daher fühlen wir so recht nach dem Goethe’schen Ausspruch: «[IJndem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich [bis] zur Produktion des Kunstwerkes erhebt [...].»
Wir glauben, dass durch diese eurythmische Kunst, die aus dem Menschenwesen selbst hervorgeholt ist, zu gleicher Zeit sichtbarlich vor das menschliche Auge etwas hingestellt wird wie eine künstlerische Offenbarung des Weltenrätsels, das im Menschen im höchsten Sinne zum Ausdruck kommt. Bisher ist aber von alledem nur ein Anfang da. Wir wissen das sehr gut, und wir sind selbst die strengsten Kritiker der Unvollkommenheiten, die diesem unserem eurythmischen Kunstversuch noch anhaften. In diesem Sinne bitte ich, auch die heutige Darstellung aufzunehmen. Wenn sie Verständnis findet bei unseren Zeitgenossen, dann wird das dazu führen, dass sie weiter vervollkommnet wird. Denn so sehr wir überzeugt sind, dass sie heute noch im Anfange ist, so sehr sind wir andererseits wieder davon überzeugt, dass sie solche Prinzipien in sich hat, dass sie entweder durch [uns] selbst oder durch andere zu solcher Vollkommenheit gebracht werden kann, dass neben anderem auch diese eurythmische Kunst als vollberechtigt sich wird hinstellen können.