Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 14 March 1919, Dornach
7. Ansprache zur Eurythmie
Sehr verehrte Anwesende! Gestatten Sie, dass ich unserer eurythmischen Darbietung ein paar Worte voraussende. Es wird dieses umso mehr gerechtfertigt erscheinen, als es sich gerade in dem, was wir darbieten möchten, nicht um irgendetwas in sich schon heute Vollendetes handelt, sondern um einen Willen - vielleicht könnte ich auch sagen: um die Absicht zu einem Willen - in einer ganz bestimmten Form von Bewegungskunst. Es ist naheliegend, dass dasjenige, was wir hier versuchen in künstlerischer Weise durch Bewegungen des menschlichen Körpers, durch Stellungen und Bewegungen von Gruppen von- und zueinander zu erreichen, dass das mit allerlei Nachbarkünsten, Tanzkunst und ähnlichen Künsten, heute in Parallele gebracht wird. Nun möchten wir durchaus nicht mit solchen Nachbarkünsten in irgendeiner Weise konkurrieren, und es wäre ein Missverständnis, wenn man das glaubte. Denn wir wissen sehr gut, dass auf diesem Gebiete heute Ausgezeichnetes, In-sich-Vollkommenes geleistet wird, während es sich bei uns um einen Anfang, um einen ersten Versuch handelt. Allerdings um einen ersten Versuch auf einem Gebiete, das erst zu schaffen ist, das sich daher gar nicht vergleichen lässt mit diesen Nachbargebieten in Wirklichkeit.
Dasjenige, was wir hier wollen, kann ich in folgender Art mit ein paar kurzen Strichen charakterisieren. Es handelt sich in der Tat um das Schaffen einer eurythmischen Kunst, wie im Grunde genommen alles, was durch dieses Goetheanum angestrebt und geleistet werden soll, in den Strömungen der Goethe’schen Welt- und Kunstauffassung liegt.
Es handelt sich darum, auf einem bestimmten Gebiete dasjenige auszubilden, was Goethe’sche Kunstanschauung im Grunde genommen auf allen Gebieten war. Diese Goethe’sche Kunstanschauung entsprang ja wiederum der umfassenden Goethe’schen Naturanschauung. Für Goethe gab es einen innigen Zusammenhang alles desjenigen, was man künstlerisch zur Darstellung bringen kann, mit der höheren Wahrheit der Natur.
Daher wird man immer wieder und wiederum gefangen genommen von dem, in Goethes ganzer Weltauffassung waltenden Impuls, der sich etwa ausspricht mit den Worten, den Goethe’schen Worten: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der hat ein unmittelbares Bedürfnis nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.» Und das ging Goethe aus seiner gewaltigen, großen Naturanschauung hervor, die ich - natürlich hier nur mit ganz wenigen Strichen - kennzeichnen möchte.
Lesen Sie die wunderbare Abhandlung Goethes über «Die Metamorphose der Pflanzen», so bekommen Sie den Goethe’schen Gedanken überliefert, dass in allem Lebendigen Metamorphose waltet. Goethe sieht in dem farbigen Blumenblatt nur eine Umwandlung des grünen Laubblattes; und selbst in denjenigen Organen - [zum Beispiel] in der Blüte -, die äußerlich in ihrer Form gar nicht ähnlich schen dem grünen Lauboblatt, sieht er umgewandelte Laubblätter.
Gewiss, abstrakte Naturwissenschaft kann manches bestätigen, manches auch widerlegen in dem, was Goethe aus Intuition dazumal, 1790, über «Die Metamorphose der Pflanzen» ausführt. Allein das entsprang nur bei ihm einem anderen großen Gedanken: von dem Walten der Metamorphose, der Umwandlung, bei allem Lebendigen, bis herauf eben zum Menschen. Für Goethe war jedes einzelne Glied eines lebendigen Organes irgendwie der ganze Organismus, und wiederum der ganze Organismus war die Wirkung desjenigen, was dem Wesen nach in dem einzelnen Organ lebte. Jedes Blatt war eine ganze Pflanze, ist eine ganze Pflanze für Goethe.
Und dies kann man heute, wo wiederum so viele Jahrzehnte nach Goethes Wirken in der Zeit dahingeflossen sind, ausbilden, die Goethe’sche Weltanschauung anwenden nicht nur auf die fertige Form, sondern auch auf die Tätigkeit des Organismus. Eine Teiltätigkeit des Organismus stellt dasjenige dar, was im Grunde genommen der ganze Organismus tut. Und wiederum, der ganze Organismus ist veranlagt dazu, dasjenige ausdrücken zu können, was in einer Teiltätigkeit, in der Tätigkeit eines einzelnen Organes, zum Ausdruck kommt. Das kann man nun versuchen anzuwenden auf den menschlichen Kehlkopf, auf das Sing- und Sprechorgan, mit den Nachbarorganen. Man kann durch Intuition erkennen, welche geheimnisvollen Bewegungsanlagen im menschlichen Kehlkopf verborgen sind, indem wir uns dem, was der Kehlkopf hervorbringt, hingeben.
Hören wir die Lautsprache, hören wir den Zusammenhang der Töne, des Musikalischen, da sind wir nicht aufmerksam auf dasjenige, was geheimnisvoll der Kehlkopf ausführt an Bewegungsanlagen und was sich dann überträgt in die Bewegungen der Luft. Dasjenige aber, was da ein Teilorgan an Bewegungen durchführt, es kann wirklich durch die Intuition, indem man Goethes Naturanschauung nicht abstrakt verengt, nicht wissenschaftlich ausgestaltet, sondern künstlerisch durchempfindet, es kann ausgedehnt werden, was im Kehlkopf veranlagt ist, so, dass es zu Bewegungen des ganzen Menschen wird. Und das ist dasjenige, was mit unserer Eurythmie angestrebt wird: Der ganze Mensch soll sichtbarlich durch seine Bewegungen zum Ausdruck bringen, was sonst an Bewegungsanlagen im Kehlkopfe vorhanden ist.
Und damit scheint die Grundlage für eine Bewegungskunst geschaffen, die ebenso gefühlt und verstanden werden kann, wie dasjenige, was in Laut- und Tonverbindungen beim Sprechen, beim künstlerisch gestalteten Sprechen, in Reim, in Versen, beim musikalisch gestalteten Sprechen, beim Singen sonst tonlich zum Vorscheine kommt.
Aber dasjenige, was der Mensch spricht, was der Dichter verarbeitet, das ist durchwärmt von menschlicher Empfindung, von Seelenstimmung. Darinnen lebt auch in einer gewissen Weise die ganze Seele. Das wiederum, was durchglüht al[s] Empfindungswärme, durchleuchtet al[s] Seelenstimmung [das] Gesprochene und Gesungene, das versuchen wir nun in den gegenseitigen Stellungen und Bewegungen unserer Gruppen zum Ausdruck zu bringen, sodass dasjenige, was auf der Bühne gesehen werden soll, sichtbar gewordene Sprache sein soll.
Gewiss, man kann manches dagegen haben, dass man die Sprache also sichtbar machen soll; allein derjenige, welcher das innerste Wesen alles Natur- und Kunstwirkens wirklich zu durchschauen vermag, der hat eine Empfindung dafür, dass man allseitig dasjenige ausgestaltet, was auf einem gewissen Gebiete durch die Natur selbst ausgestaltet ist und jetzt künstlerisch verwertet werden kann. Und so versuchen wir in unserer Eurythmie etwas zu schaffen, was durch innere Gesetzmäßigkeit dem Musikalischen selbst verglichen werden kann.
Während Nachbarkünste durch die augenblickliche Geste, durch die augenblickliche Pantomime, durch Mimik auszudrücken versuchen dasjenige, was subjektiv im Menschen lebt, ist hier in unserer Eurythmie nichts Subjektives, nichts Willkürliches. Nicht dasjenige, was gegenwärtig in der Seele unmittelbar lebt und zum Ausdruck kommen soll, ist angestrebt, sondern der innere Zusammenhang — wie in der kunstvollen Dichtung gestaltete Sprache selbst, wie im Musikalischen Melodie und Harmonie -, der ist angestrebt. Sodass hier nichts von der Subjektivität des Darzustellenden mehr abhängt, als wenn zwei verschiedene Klavierspieler eine Beethoven’sche Sonate in ihrer Auffassung darstellen.
Unsere Eurythmie ist eine objektive Kunst, ist nichts augenblicklich-subjektiv Geschaffenes, löst sich also ganz von menschlicher Willkür los. Das ist das Wesentliche. Und wenn Sie doch bei Einzelheiten heute noch Pantomimisches, Mimisches, Gesten, die scheinbar symbolisch nur das Seelische ausdrücken, wahrnehmen sollten, so ist das lediglich noch eine Unvollkommenheit. Da haben wir noch nicht alles erreicht, was wir erreichen wollen. Angestrebt wird eine innere Gesetzmäßigkeit, die von jeder menschlichen Willkür unabhängig ist, wie cs im musikalischen Kunstwerk selbst der Fall ist.
Dennoch soll alles auch unmittelbar empfunden werden. Gerade so wenig, wie man geschulter Komponist zu sein braucht, musikalische Theorie zu kennen braucht, um die Musik zu empfinden, so soll man auch elementar empfinden können dasjenige, was hier in den Bewegungsharmonien und Bewegungsmelodien zum Ausdrucke kommt, ohne dass man erst, ich möchte sagen die schulmäßige Grundlage, die der Ausübende kennen muss, wirklich durchgemacht hat. Dadurch wird aber gerade — wie ich glaube im Goethe’schen Sinne - eine wahre Kunstform geschaffen. Der ganze Mensch zeigt, was an ihm innerlich an Bewegungsmöglichkeit vorhanden ist.
Nun, Goethe ist ja der Ansicht, dass jeder künstlerische Stil beruht auf den Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern es uns erlaubt ist, es in greiflicher und sichtbarlicher Art darzustellen. Und gerade dann, wenn die Kunst sich heraufhebt bis zum Menschen, da sieht Goethe das Künstlerisch-Vollendete. Er sagt, der Mensch sci auf den Gipfel der Natur gestellt und fühle sich so wiederum als eine ganze Natur, die wiederum aus sich einen Gipfel hervorzubringen bestrebt ist, indem der Mensch Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung in sich aufruft und sich so zur Produktion des Kunstwerkes erhebt.
Wir glauben natürlich nicht, irgendein totales Kunstwerk, was ja eine vollständige Ausgestaltung dessen wäre, was in der menschlichen Wesenheit liegt, mit der Eurythmie schaffen zu können. Allein wir glauben den Anfang gemacht zu haben mit etwas, was sich als eine neue Kunstform den anderen Künsten an die Seite stellen kann.
Und so möchte ich Sie bitten, sehr verehrte Anwesende, eben durchaus dessen eingedenk zu sein, dass wir selber genau wissen, wie unvollkommen, wie anfänglich noch dasjenige ist, was hier vorliegt. Aber auf der anderen Seite sind wir auch davon überzeugt, dass damit der Anfang mit etwas gemacht wird, was einer weiteren Vervollkommnung fähig ist. Und wir werden Ihnen dankbar sein, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit diesem Anfange zuwenden. Denn einen Prolog, der sich in Shakespeares Werken findet, ein wenig umgestaltend, möchte ich sagen: Wenn Sie diesem Anfang Ihre Aufmerksamkeit zuwenden, so wird das eine Anfeuerung für die in dieser Kunstform Wirkenden sein, die Sache weiter auszugestalten.
Denn sie sind überzeugt: Entweder werden wir noch selbst in der Lage sein, dasjenige, was heute nur unvollkommen ist, zu einer etwas größeren Vollkommenheit zu bringen oder andere werden diese Kunstform weiter ausgestalten. In ihr liegen nach unserer Überzeugung fruchtbare Entwicklungskeime. Und was noch unbefriedigt lässt, ist nach unserer Überzeugung nur davon herrührend, dass wir eben nur einen Anfang bis jetzt schaffen konnten.