Esoteric Lessons 1913–1923

GA 266III

5. Aufruf des «Bundes für freies Geistesleben»

Überleitung des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» in den «Bund für freies Geistesleben»1

In Nr. 50 der Dreigliederungs-Zeitung ist die Titeländerung dieser Wochenschrift2 in «Anthroposophie, Wochenschrift für freies Geistesleben» angezeigt und deren Notwendigkeit des näheren begründet worden. Es war dieses der erste Schritt zu einer zeitgemäßen und in den Verhältnissen liegenden Umgestaltung dessen, was der Dreigliederungsbewegung zugrunde liegt. Ein weiterer sich als notwendig erweisender Schritt ist die Überleitung des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» in einen «Bund für freies Geistesleben».

Die Dreigliederungsbewegung war unter der Voraussetzung eingeleitet worden, daß sie ein starkes Echo finden werde, weil sie diejenigen Impulse erfaßte, welche in dem Wollen der Zeit, der neueren Menschheit im Gesamten liegen. Sie hat dieses Echo nicht gefunden. Infolgedessen wird sich für die Zukunft ihr Wirken auf dasjenige Gebiet erstrecken, das als Vorbereitendes für ein neues Kulturelement in Frage kommt und dieses ist ein freies Geistesleben.

Die Dreigliederungsbewegung ist dadurch entstanden, daß einige Stuttgarter Persönlichkeiten, welche Angehörige der anthroposophischen Bewegung waren, sich im Frühjahr 1919 an Dr. Steiner wandten mit der Bitte um einen Ratschlag für den Wiederaufbau des sozialen Lebens, nach welchem überall damals gesucht wurde. Dr. Steiner verfaßte dann den bekannten Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!» hinter den sich mehrere hundert Persönlichkeiten aus allen Kreisen stellten, und der in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreitet wurde. Im Anschluß daran entstand die Dreigliederungsbewegung. Sie baute sich auf diejenigen Gedanken auf, welche Dr. Steiner bereits in einer Anzahl Vorträge vertreten hatte und die er niederlegte in der Schrift: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».

Der Dreigliederungsimpuls kann, wenn er richtig verstanden wird, in keiner Weise mit irgendwelchen anderen sozialen Ideenrichtungen identfiziert oder verwechselt werden. Was damit gewollt wird, liegt in den Tendenzen der neueren Menschheitsentwicklung. Es sollte damit nur klar ausgesprochen werden, was sich ganz allgemein aus den geschichtlichen Notwendigkeiten heraufarbeiten will. Dieser Impuls wird sich unter allen, aber vielleicht noch schwierigeren Umständen, als sie es gegenwärtig sind, emporarbeiten, weil er in den unbewußten Untergründen des heutigen Menschheitsbewußtseins tatsächlich lebt. Man wird dies sehen, denn manche Erscheinungen in der Gegenwart legen bereits Zeugnis dafür ab.

Die Dreigliederungsbewegung war niemals gegen den Staat gerichtet. Sie wollte ihm vielmehr dadurch eine sichere Grundlage geben, daß sie das Geistesleben und das Wirtschaftsleben in ein richtigeres Verhältnis zu ihm zu setzen wünscht, als es zu seinem eigenen Nachteil als Ergebnis der neueren Entwicklung der Fall geworden ist.

Innerhalb der anthroposophischen Bewegung ist versucht worden, ein Geistesleben zu pflegen, welches geeignet ist, dem Geistesleben der Gegenwart diejenigen Impulse zu geben, welche es für seine Fortentwicklung braucht. Die Dreigliederungsbewegung hat kein genügendes Echo gefunden, dagegen ist für Anthroposophie in allen Kreisen, auch in solchen des Proletariats ein weitgehendes Verständnis vorhanden. Aus diesen Gründen erfolgt der Rückzug auf dasjenige Gebiet des freien Geisteslebens, welches immer vertreten worden ist und zu der kulturellen Aufgabe der Dreigliederungsbewegung gehört. Auf diesem Gebiete ist für die in der Gegenwart so wichtige Frage der Erziehung durch die Begründung der «Freien Waldorfschule» in Stuttgart, und für den allgemeinen Kulturfortschritt als solchen mit dem «Goetheanum, der freien Hochschule für Geisteswissenschaft» ein praktischer Anfang gemacht worden.

Es ist bei zahlreichen Menschen in der Gegenwart aus der heutigen Weltlage heraus ein tiefgehendes Bedürfnis nach einer neuen geistgemäßen und seelentragenden Weltanschauung vorhanden. Die Anthroposophie glaubt diesem Bedürfnis in einer wahrhaft zeitgemäßen Weise entgegenzukommen. Sie ist als Weltanschauung wissenschaftlich fundiert. Sie erweist sich auf allen Gebieten künstlerisch fruchtbar. Sie führt in religiöser Hinsicht zur Vertiefung und sie ist in sozialer Hinsicht wirksam. Sie verfügt über eine umfassende Literatur. Die zahlreichen Schriften Dr. Rudolf Steiners haben Auflageziffern von einer Höhe erreicht, welche erweisen, daß in breitesten Kreisen Interesse für Anthroposophie vorhanden ist.

Eine solche Weltanschauungsbewegung erfordert, wenn sie sich für den Fortschritt der Menschheit fruchtbar erweisen soll, daß sie sich ins volle öffentliche Leben hineinstellt. Es muß die Möglichkeit gegeben sein, daß über sie in breitestem Maße und in sachgemäßer Weise diskutiert werden kann. Der Bund für freies Geistesleben will ein solches Podium schaffen. Er will einen Boden abgeben, auf den sich in freiester Weise neue Mitarbeiter aus allen Lebensgebieten stellen können. Die periodischen Publikationen wie die Wochenschrift «Anthroposophie» und die Monatsschrift «Die Drei» stellen sich für die Aufgaben des Bundes zur Verfügung. Eine Weltanschauungsbewegung wie die anthroposophische wird sich um so lebensfähiger erweisen können, je mehr sie sich einem freien, unbefangenen neutralen Urteil gegenübergestellt sieht und je mehr sie selbst die Hand bietet, daß möglichst viele Menschen, denen eine Neugestaltung des Geisteslebens am Herzen liegt, aus ihrer Lebenslage, ihren Erfahrungen und ihren Fähigkeiten in ein freies Verhältnis zu ihr treten können. Ein dogmatisches und unproduktives Anhängertum kann ihr in ihren Aufgaben nur hinderlich sein. Sie braucht auch nicht vor Kampf zurückzuscheuen, aber es sollte der Kampf mit geistigen, nicht mit vergifteten Waffen, mit ehrlichen Mitteln, nicht mit dem Gegenteil geführt werden.

Der Bund für freies Geistesleben, will hierfür einen Rahmen abgeben Er wird die heute vorhandenen Anfänge einer Bewegung für freie Schulen weiterführen und alle diejenigen Bestrebungen auf wissenschaftlichem, künstlerischem und sozialem Gebiet fördern, welche in der Richtung eines freien Geisteslebens liegen. Hierzu bedarf es der Mitwirkung weiterer Kreise in geistiger wie in finanzieller Beziehung.

Die Mitgliedschaft des Bundes wird erworben durch Anmeldung an die unterzeichnete Bundesleitung oder an eine der entstehenden Ortsgruppen, die in dieser Wochenschrift bekannt gegeben werden. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 25 Mark für das Jahr. Die Ortsgruppen erheben hierzu die für ihre eigenen Bedürfnisse notwendigen Zuschläge.

Die Unterzeichneten sprechen die Erwartung aus, daß der Bund für freies Geistesleben, der einem weitgehenden Bedürfnisse unserer Zeit entgegenkommt, in weiten Kreisen ein Echo finden möge, damit ein freies Geistesleben als ein zeitgemäßes, von der Weltlage gefordertes Kulturelement sich erweisen kann.

Ernst Uehli, als Leiter des Bundes für freies Geistesleben, Stuttgart, Champignystraße 17.
Rektor Moritz Bartsch, Breslau, Gottschallstraße 8.
Michael Bauer, Breitbrunn am Ammersee.
Prof. Dr. phil. et jur. Hermann Beckh, Nürnberg, Marientorgraben 1.
Dr. phil. Herbert Hahn, Lehrer an der Freien Waldorfschule, Stuttgart, Kanonenweg 44.
Dr. med. Eugen Kolisko, Lehrer an der Freien Waldorfschule, Stuttgart, Kanonenweg 44.
Generaldirektor Emil Leinhas, Stuttgart, Champignystr. 17.
Komimerzienrat Emil Molt, Stuttgart, Spittelerstr. 8
Rudolf Meyer, Berlin SO 36, Kottbuser Ufer 25.
Ludwig Polzer-Hoditz, Wien VI, Köstlergasse 6/8.
Lic. theol. Dr. phil. Rittelmeyer, Berlin W 8, Kronenstraße 70.
Dr. phil. Walter Johannes Stein, Lehrer an der Freien Waldorfschule, Stuttgart, Kanonenweg 44.
E.A.K. Stockmeyer, Lehrer an der Freien Waldorfschule, Stuttgart, Kanonenweg 44.
Dr. ing. Carl Unger, Stuttgart, Werastraße 13.
Ludwig Werbeck, Hamburg, Holzdamm 34.
Prof. Dr. phil. H. Wohlbold, München, Adalberstraße 55.



  1. Aus «Anthroposophie, Wochenschrift für freies Geistesleben», 4. Jg., Nr. 2, 13. Juli 1922 ↩

  2. Vormals «Dreigliederung des sozialen Organismus» ↩

German original of 5. Call of the “League for a Free Spiritual Life” · ← Previous · Next →