Esoteric Lessons 1904–1909
GA 266I
Rudolf Steiner und das Wesen der Esoterik
Carl Unger aus dem bei der Eröffnungstagung des zweiten Goetheanum-Baues Michaeli 1928 gehaltenen Vortrag «Esoterik».1 Carl Unger (1878–1929) war einer der ersten Angehörigen aller Abteilungen der Esoterischen Schule Rudolf Steiners und von 1908 bis zu seinem Tode in der Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft.
Das Wesen der Esoterik läßt sich nicht mit wenigen Worten beschreiben. Ich möchte versuchen, über die Stellung der Esoterik in der Gegenwart einige Gesichtspunkte zu gewinnen.
Rudolf Steiner sprach oft aus, daß es in den verschiedenen Zeitepochen zwar immer ein Esoterisches gab, aber daß immer ein Anderes als Esoterik bezeichnet wurde. Zu allen Zeiten jedoch umschloß Esoterik eine Seelenhaltung, die außerhalb der gewöhnlichen Lebens- und Erkenntnisfähigkeit der jeweiligen Zeit lag, eine Scelenart, die erst errungen werden mußte, um die der Mensch sich mühen, sich fortentwickeln mußte.
Da möchte ich auf die Übergänge von der dritten Kulturepoche zur vierten und von dieser zur fünften Epoche hindeuten. Der Impuls der dritten Epoche taucht gerade in unserer Zeit wieder herauf, und so ist in weitgehendem Maße Grund vorhanden, sich damit zu beschäftigen.
Aus der «Geheimwissenschaft»2 Rudolf Steiners wissen wir, wie die kosmischen Entwicklungsvorgänge einer früheren Zeit zum Initiationsweg einer folgenden werden.
In diesem Sinne können wir hinschauen auf die altindischen Mysterien als die Wiederholung der Saturnentwicklung in der polarischen Zeit, schauen auf den persischen Einweihungsweg, in dem sich die alte Sonnenentwicklung in ihrer Wiederholung während der hyperboräischen Zeit spiegelte. Dann stehen wir in der dritten nachatlantischen Kultur, der ägyptisch-chaldäischen Epoche, die in sich auch die Geschichte des hebräischen Volkes birgt. Altes Mondenwesen drängt da in den Seelen herauf, so, wie es sich gewandelt hatte durch die lemurische Zeit hindurch. Im alten Lemurien lebte der Mensch noch in magischer Verbundenheit mit den Elementen der Erde; weitgehend konnte er die Naturgewalten beeinflussen und sie bezwingen. Diese magische Wirkenskraft der alten Zeit finden wir in der dritten Kultur, gewandelt, in deren Mysterienstätten weiterleben; die in ihnen waltende Esoterik müssen wir durchaus als eine magische bezeichnen. Was da als Kulturzeichen aus jener Zeit erhalten geblieben war, das konnte nur unter dem Einfluß einer magischen Esoterik gestaltet werden. Zu ihr hatten nur einige wenige Auserwählte Zutritt, die durch ungeheuer harte und schwere Proben heranerzogen wurden. Oft schon als junge Kinder ausgewählt, mußten sie durch seelische und geistige Schulung langer Jahre vorbereitet werden, bis in den organischen Kräftezusammenhang ihres Leibes hinein, zum Erleben des Mystentodes. Dazu war die unbedingte Unterwerfung des Schülers gegenüber dem Lehrer notwendig, der durch Handhabung geistiger Kräfte dessen höhere Glieder vom physischen Leib löste und wieder zurückführte. Die Einweihung konnte nur durch die magische Mitwirkung des Hierophanten erreicht werden. Und durch magische Kräfte und gewaltige Suggestionen wurden die Völker von den Mysterienstätten aus geleitet und zum Kulturfortschritt geführt.
Die Mysterienstätten selber waren gegen das Eindringen Unbefugter durch magische Mittel geschützt. Wer unbefugt eindrang, oder auch wer sich nicht bewährte, ging zugrunde. Andeutungen über diesen Schutz der heiligen Stätten finden wir bis ins Alte Testament herein: das Allerheiligste darf niemand außer dem Hohepriester selbst betreten, jeder Ungeweihte, der sich ihm nähert, erleidet den Tod. - Gewiß, ich weiß, daß es dafür bis in alle Einzelheiten hinein materialistische Ausdeutungen gibt; sie zeigen nur, daß, wer solche macht oder glaubt, nichts von den Dingen, um die es sich dabei handelt, versteht, noch weiß.
Dann folgte die griechische Zeit, in der besonders lebendig die Erinnerung an die Atlantis das Mysterienwesen durchdrang. Sie hatte eine «geheime Esoterik». Sie gestaltete nicht mehr unmittelbar bis ins Physisch-Leibliche herein, sondern sie wurde mittelbar über das seelische Erleben im erwachenden Bewußtsein wirksam. Sie entfachte Enthusiasmus, die Kräfte der Begeisterung, «das Erfülltsein von dem Gotte», und entfaltete durch die Kunst Geist-zeugende Kräfte im Menschenleben.
In demselben Maße, in dem man die Kraft verlor, die Mysterien durch Magie zu schützen, wurde die Geheimhaltung der Esoterik eingesetzt und unter Eiden und Drohungen zu erreichen gesucht. Wer die Mysterien verriet, wurde verfolgt und mit dem Tode bestraft.
Wir haben in der Gegenwart noch Spuren der geheimen Esoterik in den verschiedenen Geheimgesellschaften; sie pflegen in Formen und Ritualien, die sie sich bemühen, streng geheimzuhalten, die Überreste alter Zeit. Auch da wird Verrat geahndet.
Heute aber haben wir es mit ganz anderen Impulsen zu tun. Wir sind aus der Epoche der magischen Wirksamkeit und der geheimen Esoterik heraus, denn das Mysterium wurde an das Licht der Öffentlichkeit geführt. Das Mysterium von Golgatha brachte die Wende, indem Christus vollbewußt die Schranken alter Wirksamkeit durchbrach - und dann mit seinem Tod und der Auferstehung die Mysterienweisheit aller Zeiten «erfüllte», und zwar «vor allem Volk». Das erkannten auch die wissenden Menschen jener Zeit, deshalb wurde er des Mysterienverrates angeklagt. Im Neuen Testament heißt es von Christus: «Denn er hat Zeichen vor dem Volk getan», da suchten sie, wie sie «eine Sache wider ihn fänden».
Rudolf Steiner stellt in seinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache»3 und in vielen Vorträgen gerade diesen Grundunterschied der Christus-Tat gegenüber allen vorhergehenden Einweihungen dar. Das Mysterium von Golgatha soll zur ganzen Welt kommen, es ist ein kosmisches Ereignis; in ihm haben wir die Befreiung des Mysterienwesens. Seit dem Mysterium von Golgatha müssen wir die Esoterik als eine freie anerkennen, das ist das Wesentliche. An diese Tatsache knüpfte Rudolf Steiner an, und führte uns während der zweiten Periode seiner Wirksamkeit in der Anthroposophischen Gesellschaft an Hand der Evangelien immer tiefer in das Mysterium von Golgatha ein. Indem er uns seine geisteswissenschaftlichen Forschungs-ergebnisse über die kosmische Tat des Christus Jesus mitteilte, eröffnete er uns ein neues Verständnis auch für die biblischen Darstellungen; echte und wahre Ehrfurcht erwuchs der Seele neu aus solchem Einblick in die religiösen Dokumente. Das einzelne Wort der Bibel gewann, in solchen Zusammenhang gestellt, seine heilige, Welten umfassende Wahrheit zurück, das einzelne Wort wurde in seiner esoterischen Kraft erlebt.
Rudolf Steiner wollte den Menschen, die sich in der Anthroposophischen Gesellschaft zusammengefunden hatten, eine der Geisteslage unserer fünften Kulturepoche gemäße Esoterik übermitteln. Er wollte ihnen die Wege zu einer christlichen esoterischen Entwicklung zeigen, indem er, aus einem Verständnis für alte okkulte Tradition, errang die der Bewußtseinsseelenzeit entsprechende Weitergestaltung der übersinnlichen Forschungsmethoden.
Ich möchte dies ein wenig belegen mit Worten, die er selber gebrauchte. Rudolf Steiner sagte einmal: die Menschen bedenken nicht, daß in jedem meiner Vorträge, auch in den öffentlichen Vorträgen, eine Fülle von Esoterik darinnen ist. Die Vorträge müssen nur richtig aufgenommen werden können. - Er sprach dies aus, nachdem es in den Kriegsjahren nicht mehr möglich gewesen war, in der bis dahin üblichen Weise Esoterik zu pflegen, und Mitglieder an ihn herantraten mit der Bitte, diese Esoterik wieder aufzunehmen. Rudolf Steiner wollte damit charakterisieren, was er in heutiger Zeit unter «esoterisch» verstanden haben wollte. Ein anderes Mal sagte er: Ich will Sie auf ein esoterisches Buch hinweisen, das, obgleich es vor jedermanns Augen liegt, doch von niemandem als solches verstanden wird, nämlich Fichtes «Wissenschaftslehre». In demselben Sinn bezeichnete Rudolf Steiner jede Logarithmentafel als esoterisch, d.h. es gehört zum Verständnis derselben hinzu, daß der Mensch sich die wissenschaftlichen Voraussetzungen lernend erwirbt, den guten Willen aufbringt, die nötigen Vorbereitungen sich zu erarbeiten. Es kommt für uns alles darauf an, solche Worte recht ernst zu nehmen.
Wie aber pflegte Rudolf Steiner in unserer Gesellschaft das Esoterische?
Wer den Gang Rudolf Steiners seit der Jahrhundertwende mitgemacht hat, der konnte folgendes erleben: Rudolf Steiner suchte häufig den Boden für gewisse Darstellungen, und da konnte es eintreten, daß er in einem ganz kleinen Kreise, manchmal sogar nur zu drei, zwei oder auch nur zu einem Menschen, etwas aus seiner geistigen Forschung mitteilte - probeweise. Er machte gleichsam ein Urexperiment, wie weit das gegenwärtige Bewußtsein diese Dinge «ertragen» kann. Es war dann irgendein neues Forschungsergebnis, das er so vor ein paar Menschen stellte. Man konnte danach fragen, die Dinge erörtern. Nach einiger Zeit aber konnte man erleben, daß er dieselbe Frage vor einen größeren Kreis trug, z.B. vor den Kreis von Menschen, die eine esoterische Gruppe bildeten. Dann aber geschah es, daß Rudolf Steiner den Zusammenhang allen Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft vorbrachte; und wartete man noch ein wenig, dann begann er über die gleiche Tatsache vor der Öffentlichkeit in Vorträgen zu sprechen.
Sie sehen, wie das Esoterische, d.h. das Geistige, das dem gewöhnlichen Erleben noch unzugänglich ist, in das gegenwärtige Bewußtsein Schritt für Schritt hineingepflanzt werden mußte. Es mußte schrittweise der Boden beackert werden, damit die Saat ausgestreut werden könne. Aber bestimmt waren diese Dinge von allem Anfang an für alle Menschen. Die Mauer, die bis zum Ende des Kaliyuga [1899] das Geistesleben der neuen Zeit umschloß, durchstieß Rudolf Steiner. Es gibt auch heute noch Eingeweihte verschiedener Richtungen, fortschrittliche und konservative. Rudolf Steiner aber wollte den Menschen alles geben, wozu sie sich reif erweisen würden. So, wie der Christus Jesus das Mysterium von Golgatha für alle Menschen durchgemacht hat, so sollte auch hier keiner ausgeschlossen sein.
Es ist aber zu beachten, daß auch die geistige Welt ihre Gesetze hat, und denjenigen, der nicht den Willen hat, sich vorzubereiten, nicht herankommen läßt. Daß kein Unbefugter an die Dinge herankommt, dafür sorgt die Mühewaltung, die der einzelne aufzuwenden hat, dafür sorgen die Verhältnisse und der Zustand des Bewußtseins. Das Mysterium schützt sich durch sich selbst; es braucht heute keiner Mittel mehr, weder der Magie noch des Geheimnisses.
In der Methodik der Wege zum Esoterischen barg Rudolf Steiner den Schutz für das Mysterium. Diese Wege sind so, daß in der Vorbereitung, in dem, was Rudolf Steiner das «Studium» der Anthroposophie nannte, die weckende Kraft liegt zur wahren Selbsterkenntnis des Menschen. Der Ruf: «O Mensch, erkenne dich selbst», der aus den Mysterien erklingt, dringt in die um die Geist-Erkenntnis der Anthroposophie ernsthaft ringende Seele. Sie wandelt im Üben der Seele das gewöhnliche Ich-Erleben zu wahrhaftigem Selbstbewußtsein, aus dem heraus im neuen Sinn Verantwortlichkeit des Menschen erwächst: die Verantwortung gegenüber dem Geiste. Im Erwachen des Geistselbstes fühlt die Seele ihre Heimat unter Geisteswesen, unter ihrem Blick entsteht ihr eine neue moralische Seelenhaltung. Wie «altes Wissen» des Schutzes durch Magie oder Geheimhaltung bedurfte, so steht die neue Erkenntnis gegründet auf der wahren Selbsterkenntnis des Menschen und der aus ihr erblühenden geistigen Verantwortung. Daher kommt es, daß mit der Weihnachtstagung4 Rudolf Steiner alles in die Öffentlichkeit stellte. Er wollte eine neue Mysterienbewegung, deren Impulse unmittelbar an das Christus-Ereignis heranführen können; die freie Esoterik ist das heute einzig Mögliche. Wie magische Esoterik bis in physische Geschehen hinein gestaltete, wie geheime Esoterik durch die Kunst der Seele neue Erlebniskräfte erweckte, so wendet sich die freie Esoterik an den Geist des Menschen.
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Carl Unger, «Schriften» II, Stuttgart 1966, Verlag Freies Geistesleben. Esoterisches (1928), Vortrag «Esoterik», S. 224ff ↩
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«Die Geheimwissenschaft im Umriß» (1910), GA 13 ↩
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«Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums» (1902), GA 8 ↩
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Siehe «Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24», GA 260. ↩