The Christmas Conference
GA 260 — 25 December 1923, Dornach
Sitzung des Vorstandes und der Generalsekretäre der Ländergesellschaften mit ihren Sekretären
Dr. Steiner beantwortet die ihm gestellten Fragen der Funktionäre über verschiedene Paragraphen in den Satzungen.
Zur Frage § 11 betreffs Aufnahme einzelner Mitglieder, die sich nicht einer Gruppe anschließen wollen, gibt er die folgende Antwort:
Nur wenn es ganz unmöglich ist, eine solche Bemühung zum Ziele zu führen, dann käme der Paragraph in Betracht; nur dann sollte man sich, als Einzelner oder als Gruppe, in Dornach selbst als Mitglied aufnehmen lassen. Also man bemühe sich zunächst, an die Landesgesellschaft Anschluß zu erhalten, und nur wenn dies aus irgendeinem Grunde nicht gelingt, dann würden wir einen Einzelnen oder eine Gruppe in Dornach hier aufnehmen.
Herr Hohlenberg möchte fragen, wie das zu verstehen ist: «Wem es ganz unmöglich ist, die Aufnahme bei einer Gruppe zu finden.»
Dr. Steiner: Die Statuten sind so abgefaßt, daß darin in möglichst wenig Worten alles enthalten sein soll. Es ist vielleicht bei diesem Satz «Nur wem es ganz unmöglich ist, die Aufnahme bei einer Gruppe zu finden, sollte sich in Dornach selbst als Mitglied aufnehmen lassen.» noch notwendig zu sagen: Damit ist natürlich nicht bloß gemeint, daß die Gruppe den Betreffenden nicht aufnimmt, sondern es kann ihm ja auch innerlich unmöglich sein, sich bei einer Gruppe anzuschließen. Also wer zum Beispiel die Überzeugung hat, daß er bei einer Gruppe nicht gedeiht, kann natürlich auch, wenn alle Bemühungen scheitern sollten, sich in Dornach anschließen. Wir werden uns in Dornach natürlich auch wiederum bemühen, einem solchen Einzelnen Vorstellungen zu machen, sich einer Gruppe anzuschließen. Aber als ich den Satz niederschrieb, dachte ich nicht bloß an äußere Hindernisse von der Gruppe aus, sondern auch an die Hindernisse der eigenen Überzeugung.
Herr Hohlenberg: Soll die Bestätigung auch von jedem einzelnen bisherigen Mitglied stattfinden?
Dr. Steiner: Das ist schon aus dem Grunde wünschenswert, weil wir hier an Stelle der alten, nicht sehr schön ausschauenden Mitgliedskarten ordentliche Mitgliedskarten drucken lassen, und es wird jedes Mitglied gerne das Auge fallen lassen auf eine Mitgliedskarte, die etwas größer sein wird und ein gewisses Ansehen haben soll. Deshalb wäre es schon gut, wenn wir an die einzelnen Gruppen Zirkulare versenden würden, daß in dieser Weise dann alle bisherigen Mitgliedskarten gegen die neuen Zertifikate, oder Diplome meinetwillen, ausgetauscht würden.
Mademoiselle Sauerwein frägt: Wenn in Ländern mehrere Persönlichkeiten sich zu einer Gruppe zusammentun wollen und einen neuen Funktionär wählen wollen, der nicht der bisherige des Landes ist, ob sie dazu berechtigt sind oder nicht.
Dr. Steiner: Dieses Recht kann natürlich niemandem benommen werden; man kann nur Bemühungen anstellen, um es zu verhindern, aber es kann niemandem das Recht benommen werden, sich in Gruppen zusammenzuschließen, die natürlich nicht die Landesgruppe, sondern nur eine private Gruppe sein würden. Es kann nicht die Landesgruppe dann sein, weil die Landesgruppe schon gebildet worden ist, nicht wahr. Aber das kann nicht in den Statuten stehen. Die Statuten müssen das Prinzipielle enthalten. Dagegen kann es in einer Geschäftsordnung, die wir noch auszuarbeiten haben werden, drinnen sein.
Herr Donner möchte noch fragen, ob eine Gruppe in einem Lande, die sich nicht der Landesgesellschaft anschließt, sich an eine Gesellschaft in einem anderen Lande anschließen kann.
Dr. Steiner: Das würde prinzipiell auch nicht unmöglich sein. Wir würden die Freiheit der einzelnen Mitglieder zu sehr beschränken, wenn wir das prinzipiell ausschließen würden. Also wir können es nicht ausschließen, aber wir müßten uns eigentlich bemühen, daß solche Dinge nicht zustande kommen, daß also tatsächlich sich nicht eine Gruppe in irgendeinem Lande einer anderen Gesellschaft anschließt, sondern, wenn sie sich nicht der Landesgesellschaft anschließt, dann direkt sich in Dornach anschließt. Das könnte aber nur durch einen Usus geschehen. Prinzipiell kann man es nicht ausschließen. Man könnte es zum Beispiel durchaus nicht verhindern, daß sich eine in Frankreich gebildete Gruppe in die deutsche Gesellschaft einschreiben läßt. Wir könnten das nicht verhindern.
Madame Muntz: Muß man sich bemühen, daß einzelne Personen, die nicht in Belgien wohnen und doch zu unserer Gruppe gehören, sich in den Ländern, wo sie wohnen, anschließen, oder nicht?
Dr. Steiner: Es wäre in einem solchen Falle doch gut, wenn sie es aus Sympathie gemacht haben. Diejenigen, die schon Sympathiehänge haben, bei denen kann man ja die Sache lassen, wie sie ist. Aber für die Zukunft wollen wir das nicht so halten. Wir brauchen uns auf keinen pedantischen Standpunkt zu stellen, das ist durchaus nicht nötig, aber wir müssen immerhin doch etwas wie Stützen haben.
Dr. Unger: Es gibt noch eine ganze Menge Menschen in Südamerika, die noch bei der deutschen Gesellschaft Mitglieder sind und den Wunsch geäußert haben, bei der deutschen Gesellschaft zu bleiben. Es ist aber schon im Gange, daß unter den Gruppen eine besondere Gesellschaft zustande kommen soll, und es liegt da besonders der Auftrag vor, hier die Notwendigkeit zur Geltung zu bringen, die dort geäußert wurde: eine besondere südamerikanische Gesellschaft in Aussicht zu nehmen. Zunächst möchten sie noch bei Deutschland bleiben, und es wird die Handhabung zur Überführung dieser Gruppen allmählich gemacht werden können.
Dr. Steiner: Es ist natürlich so, daß man bei der Konfiguration der Gesellschaft alles in Betracht ziehen muß, was sich nun - nicht in bürokratischer, aber in menschlich-notwendiger Weise für die Verwaltung ergibt. Wir haben zum Beispiel in dem Statut den § 14: «Gesellschaftsorgan ist das «Goetheanum>, das zu diesem Ziele mit einer Beilage versehen wird, die die offiziellen Mitteilungen der Gesellschaft enthalten soll. Diese vergrößerte Ausgabe des «Goetheanum» wird nur an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft abgegeben.» Nun, nicht wahr, wenn die südamerikanischen Gruppen zu Deutschland gehörten, so würde das bedeuten, daß das «Goetheanum» nicht von hier aus an die südamerikanischen Gruppen ginge, sondern erst von Deutschland aus wieder nach Südamerika geschickt würde. Ähnliches wird sich noch ergeben können. Da wir durchaus hier denken, daß die Dinge nicht wieder auf dem Papiere stehenbleiben, sondern daß die Dinge in der Beilage stehen werden, die jedes Mitglied möglichst schnell wissen will, so meine ich, daß es schon gut ist, wenn außerhalb der Landesgruppen bestehende Gruppen sich direkt in Dornach anschließen, damit das anthroposophische Leben möglichst gedeihen kann und nicht auf allen möglichen Umwegen erst zustande kommen kann.
Dr. Wachsmuth teilt mit, daß die südamerikanische Gesellschaft gerade in den Tagen vor Weihnachten noch geschrieben hat und von den neuen Beschlüssen gehört hat. Er verliest eine Mitteilung von dort.
Herr Leinhas: Es ist auch mir in demselben Sinne geschrieben worden. Gerade in den letzten Tagen ist das eingetroffen, und ich bin beauftragt, die Ländergesellschaft, die in Rio ihren Sitz haben wird, zunächst zu vertreten.
Dr. Zeylmans van Emmichoven: In Punkt 5 wird gesprochen über die drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach: «In dieselbe werden auf ihre Bewerbung hin aufgenommen die Mitglieder der Gesellschaft.» Ich möchte nun fragen, ob die Ländergesellschaften eigentlich etwas damit zu tun haben, oder ob das eine rein persönliche Sache der Mitglieder ist.
Dr. Steiner: Dasjenige, was in diesem Punkt 5 enthalten ist, wird in bezug auf die Gesamtleitung eine Angelegenheit des Goetheanums in Dornach sein. Und alles, was zur Konfiguration dieser Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gehört, wird in die Hand genommen werden müssen von der Leitung des Goetheanums in Dornach. Es wird natürlich unter den Dingen, die da gehandhabt werden, auch dies sein, daß man in Verbindung tritt nicht nur mit Funktionären, sondern auch mit Mitgliedern, die da oder dort diese oder jene Arbeit leisten. Und dann werden Mitglieder der ersten, der zweiten, der dritten Klasse des Goetheanums durch Ernennung der Leitung des Goetheanums überall sein. Auf welchem Wege sie es werden, das wird ganz vom individuellen Fall abhängen; denn das wird im wesentlichen eine Art esoterischer Sache sein, aber eine esoterische Sache, die eben im modernen Sinne gehandhabt wird. Nun wird, wenn diese Sache erst im Gange ist, es sich auch herausstellen, daß in den verschiedenen Landesgesellschaften Mitglieder sind, die zu einer der Klassen des Goetheanums gehören. Für diese wird dann eine eigene Leitung vom Goetheanum aus in den betreffenden Ländern ernannt werden, so daß man territorial die Dinge begrenzt hat, daß es nicht ins Uferlose geht. Also diese Angelegenheit - ich werde sie noch im Laufe der Tagung auseinandersetzen - wird im wesentlichen durch die Leitung des Goetheanums selbst besorgt werden. Sie haben dazu den Punkt 7: «Die Einrichtung der freien Hochschule für Geisteswissenschaft obliegt zunächst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter und seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat.»
Ich habe zunächst vor, außer den drei Klassen, Sektionen zu errichten, die dann für die fachlichen Dinge da sind; so zum Beispiel eine Sektion für die allgemeine Anthroposophie, eine für dasjenige, was man in Frankreich früher «belles-lettres» genannt hat, eine Sektion für Naturwissenschaft, für Pädagogik, für Kunst, für die verschiedenen Gebiete der Kunst. Diese Sektionen werden dann ihre Spezialleiter haben, und das wird das Direktorium der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sein. Die Mitglieder dieser einzelnen Klassen - sie werden ja Mitglieder sein, nicht wahr; die Schülereigenschaft ist etwas ganz Privates, aber sie werden Mitglieder sein -, sie werden dann überall hin verstreut sein. Und das ist eine selbständige Einrichtung, deren Beschützung und Behütung aber selbstverständlich die Landesgesellschaften übernehmen werden.
Fräulein Henström: Es gibt in Schweden unter den Anthroposophen mehr als ein Drittel, glaube ich, die sich keinem Zweige anschließen. In kleineren Orten ist ja das ganz natürlich, aber es gibt auch eine ganze Menge in Stockholm, die nicht zu den Gruppen gehören wollen. Sie meinen, daß sie mehr in Freiheit arbeiten können, wenn sie für sich selbst stehen und die Vorträge in der Einsamkeit studieren. Es gibt doch eine ziemlich große Anzahl unter uns, die Verständnis dafür hat, wie wichtig es ist, daß es zu einem festen Zusammenhalt kommt und daß es deshalb notwendig ist, daß die Mitglieder untereinander sich persönlich kennenlernen. Ich halte es für eine unmögliche Sache, wenn die Mitglieder sich nicht in Gruppen einfügen, und möchte fragen, ob man nicht von Dornach aus eine Anregung geben könnte, daß in dieser Richtung eine Verbesserung eintreten könnte.
Dr. Steiner: Wir werden uns alle Mühe geben, daß die in den einzelnen Ländern wohnenden Mitglieder sich der Hauptgruppe anschließen. Das wird ja in den meisten Ländern die Landesgruppe sein. Aber einen Zwang ausüben durch irgendein Statut, das möchten wir nicht. Wir möchten von Dornach aus nach keinerlei Richtung einen Zwang ausüben, aber wir werden uns alle Mühe geben, zum Verständnis zu bringen, daß die also zum Beispiel in Schweden vereinzelt wohnenden Mitglieder, wenn sie auch nach ihren Lebensgewohnheiten vereinzelt bleiben wollen, sich der Stockholmer oder Landesgesellschaft anschließen.
Fräulein Henström: Ich bin auch nicht für Zwang.
Dr. Steiner: Gewiß, wir werden uns Mühe geben, die Sache zum Verständnis zu bringen.
Mr. Monges frägt, von welchem Gesichtspunkte, auf welche Weise gewünscht werde, daß in den einzelnen Fällen die Generalsekretäre gewählt werden, demokratisch oder wie sonst?
Dr. Steiner: Auch das möchte ich durchaus nicht irgendwie durch Statuten für die einzelnen Gruppen der Welt festlegen. Ich kann mir zum Beispiel ganz gut denken, daß es Ländergesellschaften gibt, die durchaus demokratisch verfahren wollen. Ich kann mir denken, daß andere hocharistokratisch sein wollen, sich anschließen an irgendeine Persönlichkeit und der es übertragen, die anderen Funktionäre zu ernennen und dergleichen. Deshalb meine ich, daß zunächst die ja von mir etwas, wie soll ich sagen, etwas aristokratisch gehandhabte Einsetzung des Vorstandes vielleicht etwas nachgeahmt wird. Es kann aber auch sein, daß sie da oder dort als höchst unsympathisch empfunden wird: dann könnte ja auch demokratisch gewählt werden. Aber es wird natürlich die Wahl um so leichter sein, je kleiner eine Gruppe ist; währenddem Wahlen, sagen wir zum Beispiel innerhalb einer Versammlung, wie sie die jetzige hier ist, meiner Meinung nach überhaupt gar keine Bedeutung haben können. Irgend jemanden nominieren und wählen, das ist unmöglich, wenn zunächst so wenig gegenseitiges Erkennen vorhanden ist. Also hier würde es schon nicht gehen. Aber ich kann mir ganz gut denken, daß zum Beispiel irgendeine demokratische Einrichtung da oder dort Platz greift. Im allgemeinen aber meine ich, ist diese Frage gar keine so außerordentlich prinzipiell bedeutungsvolle. Denn entweder wird man so wählen, daß, ich möchte sagen, die Wahl gedankenlos ist: dann werden die Gesellschaften nicht blühen, dann wird nichts draus, wenn einfach irgend jemand nominiert wird, damit man schnell fertig ist mit der Wahl, so wie bei politischen Wahlen die Dinge geschehen. Da wird nichts draus, da kann bei uns nichts werden.
Der andere Fall würde sein, daß man hinschaut auf diejenigen, die sich schon Verdienste erworben haben, das oder jenes als Arbeit geleistet haben, an denen man beobachtet, wie sie die Arbeit leisten: dann wird im allgemeinen auch eine Majorität auf selbstverständliche Art sich finden. Ich glaube nicht, daß irgendwie, wenn die Antezedenzien hergestellt sind für irgendeine Wahl, dann bei uns, wo es wirklich darauf ankommt, daß gearbeitet wird, irgendeine Demokratie die Arbeit unmöglich macht. Also ich meine, in der Praxis wird kein so großer Unterschied sein zwischen Demokratie und Aristokratie. Wir könnten ja in den nächsten Tagen einmal die Probe aufs Exempel machen und könnten fragen, ob der Vorstand, den ich vorgeschlagen habe, gewählt oder nicht gewählt wird. Dann hätten wir ja auch eine demokratische Voraussetzung; denn ich setze voraus, daß er gewählt wird, sonst würde ich doch auch wieder zurücktreten! Nicht wahr, es muß doch Freiheit herrschen. Aber, meine lieben Freunde, Freiheit muß auch ich haben. Ich kann mir nichts aufoktroyieren lassen. Freiheit muß doch vor allen Dingen auch derjenige haben, der die Funktion ausüben soll. Oder ist es nicht so? Also ich meine, es wird sich das, was ich jetzt sage, im allgemeinen überall ergeben: Ob Demokratie oder Aristokratie, die Gesellschaft wird nicht viel anders ausschauen.
Mr. Monges: Wir in Amerika sind sehr politisch.
Dr. Steiner: Wenn man Dornach etwas mitreden läßt, dann wird die Sache gehen.
Fräulein Schwarz: Es ist früher gesagt worden, daß die Mitglieder der alten Theosophischen Gesellschaft nicht Anthroposophen werden können, das heißt nicht zur Anthroposophischen Gesellschaft gehören sollen. Soll das auch weiter bestehen oder nicht?
Dr. Steiner: Von wem ist das gesagt worden? Von mir niemals! Von mir ist es niemals gesagt worden. Die Entscheidung darüber, ob jemand aufgenommen werden soll oder nicht, ist eben individuell zu treffen nach dem Menschen, und ich habe immer ausdrücklich gesagt: Ob jemand einer Tischlervereinigung angehört, oder einer Versicherungsgesellschaft, oder einer Naturforschergesellschaft, oder der Theosophischen Gesellschaft: das darf nicht in Betracht kommen, sondern nur der Mensch. Also es ist nicht von mir jemals gesagt worden, daß irgendeine Abstempelung durch die Mitgliedschaft zu einer anderen Gesellschaft ein Hindernis sein kann für die Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft. Allerdings, es könnte sich ja ergeben, daß im individuellen Falle auch die Mitgliedschaft zur Theosophischen Gesellschaft ein Hindernis bilden würde. Es könnte sich im individuellen Fall schon ergeben; es würde ja natürlich immerhin eine Frage sein, ob zum Beispiel, wenn Mrs. Besant oder Mr. Leadbeater um die Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft nachsuchen würden, sie aufgenommen würden oder nicht. Also im einzelnen Fall muß die Frage schon auftauchen; aber im prinzipiellen Fall kann sie gar nicht gelten, sonst würden wir doch zu Grundsätzen kommen, die zu einer Gesellschaft, wie sie im modernen Stil gemacht werden muß, nicht mehr stimmen würden.
Der Herzog von Cesaro wirft eine Frage auf betreffend die Stimmenzahl der Mitglieder. In der alten Theosophischen Gesellschaft ist es zum Beispiel passiert, daß einmal in einer nationalen Sektion Unannehmlichkeiten vorgekommen sind; dann hat man die ganze Gruppe zerstückelt, um mehr Stimmen zu haben. So etwas sollte nicht mehr möglich sein.
Dr. Steiner: Es ist natürlich wünschenswert, daß solche Dinge nicht geschehen, wie Sie sie erwähnt haben, Herr Herzog. Aber auf der anderen Seite: die Zahl der Mitglieder nach unten hin anzugeben, ist natürlich eine gewisse Schwierigkeit. Da kommt man dann in die Frage hinein: Wie groß sollte die Anzahl der Mitglieder zu einer Gruppe sein? Über diese Frage hatten wir ja bisher eine ganz bestimmte Anschauung. Nun wird das vielleicht schon als Problem entstehen können: Sollen wir alles, was sich aus den modernen Usancen heraus ergibt, sollen wir alles das in den § 3 hineinbringen, so daß alles Esoterische in den § 3 hineingebracht wird, oder aber sollen wir eine gewisse Zahl von Mitgliedern nominieren, die nur zu einer Gruppe gehören müßten. Da würde dann die Mindestzahl sieben sein, weil nur sieben eine wirkliche Mayorität ergibt. Es gibt ja natürlich auch bei drei und fünf Mitgliedern eine scheinbare Majorität. Aber derjenige, der die menschliche Natur kennt, der weiß: Unter drei Mitgliedern zwei zu eins, unter fünf Mitgliedern drei zu zwei, da ist der eine nicht richtig eruiert und so weiter. Erst vier zu drei bildet eine mögliche Majorität, die dann besteht, wenn man auf der einen Seite drei hat und auf der anderen Seite ein Drittel mehr. Das ergibt dann die Möglichkeit, daß eine wirkliche Majorität da ist. Da würde die Mindestzahl sieben Mitglieder sein. Es würde mir nicht widerstreben, diese Zahl hier aufzunehmen; aber ich habe mir überlegt, daß diese Statuten vor der Welt schon einmal heute eher bestehen können, wenn wir so etwas wie die Siebenzahl nicht hineinbringen. Damit würde ich meinen, daß die Anregung, die Sie gaben, Herr Herzog, eben auch in die Geschäftsordnung hineinkommen kann, so daß wir trotzdem praktisch die Sache so handhaben würden. Auf diese Weise finden wir vielleicht doch den Ausweg.
Prof. Dr. Maurer: Ich möchte anfragen, ob man nicht vielleicht auch den anderen Paragraphen beschneiden könnte bezüglich der Klassen: dieses also lieber nicht in die Öffentlichkeit lancieren. Denn ich fürchte, daß man darinnen alle möglichen historischen und anderen Parallelen wieder herausholen wird und sie eventuell gegen uns verwenden wird.
Dr. Steiner: Nehmen Sie den § 5, wie er hier gefaßt ist, und fragen Sie sich, ob er nicht so, wie er hier steht, anwendbar wäre auf jede Universität. So wie er hier steht ist er anwendbar auf jede Universität und kann in keiner Weise irgendeinen Anstoß erregen. Alles andere ist Handhabung.
Prof. Dr. Maurer: Jawohl, anwendbar schon, aber es sind doch noch andere Angriffspunkte da. Es ist die Erinnerung an etwas, was einmal — so wie man es gewöhnlich auffaßt - in der Geschichte dagewesen ist.
Dr. Steiner: Es ist in der Geschichte gar nicht dagewesen, daß man «Klassen» gesagt hat, sondern «Grade».
Prof. Dr. Maurer: Aber man wird natürlich gleich die Sache verkehrterweise identifizieren, und ich wollte nur vorbeugen, daß solche falschen und schiefen Identifikationen vorkommen.
Dr. Steiner: Es wäre das Falscheste, was wir tun könnten, wenn wir irgend etwas in die Statuten hineinnähmen, was einer Identifikation entspränge. Daß uns Mißverständnisse unterlegt werden, können wir nicht vermeiden. Aber derjenige, der den § 5 falsch auslegt, der muß das eben wollen. Das können wir nicht verhindern; doch der § 5 ist so gefaßt, daß kein Mensch etwas anderes sagen kann, als: In dieser Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach hat man drei Klassen, wie wenn in Freiburg eine Hochschule bestünde, die vier medizinische Klassen, vier Jahrgänge hat. - Also ist es ganz genau nach dem Muster der äußerlich bestehenden Hochschulen hier geschildert, so daß niemand irgendwie auch nur mit einem scheinbaren Recht da einhaken kann. Und so ist auch die Handhabung. Denken Sie, an einer Universität geschieht es auch nicht anders, als daß von der Leitung entschieden wird, ob man aufsteigt in einem Jahrgang oder nicht.
Prof. Dr. Maurer: Das war früher nicht der Fall. In den philosophischen Fakultäten ist niemals ein solches Aufrücken in Klassen gewesen, weder in Straßburg bei Prof. Windelband noch sonst irgendwo. Man kam, stellte sich vor, wurde da zugelassen. Natürlich folgte man je nach den Fähigkeiten, die man besaß. Jetzt ist freilich auch schon etwas klassenmäßig abgestuft worden im Interesse der Schüler. Ich wollte auch nur darauf hinweisen, weil eben die Gegner gleich darauf hinweisen werden.
Dr. Steiner: Es ist jedenfalls doch nicht so, daß man einen Medizinstudierenden, der eben an die Universität gekommen ist, zuläßt zu den speziellen Studien über anatomische Medizin. Da gibt es doch auch Klassenunterricht. Ich glaube nicht, daß man ihn da gleich zulassen wird.
Prof. Dr. Maurer: Gewiß nicht.
Dr. Steiner: Bei der philosophischen Fakultät hat ja das seine guten Gründe, gerade wiederum aus der Historie heraus. Diese Dinge können ja wirklich immer gerechtfertigt werden. Die philosophische Fakultät war ursprünglich an den Universitäten überhaupt keine Fakultät, sondern es bestanden drei Fakultäten: die theologische, die medizinische, die juristische. Diese drei Fakultäten waren schon klassenmäßig gegliedert. Die philosophische Abteilung war überhaupt die Grundlage von allen dreien. In die philosophische Fakultät kam man zuerst. Da kam der Theologe hinein, da kam der Jurist hinein, da kam der Mediziner hinein; dann stieg er auf von dieser philosophischen Fakultät in die einzelnen Fakultäten. Und da stieg er klassenmäßig auf. Ich glaube nicht, daß es in irgendeinem Lande anders ist. Nennen sie unsere Konstitution: Allgemeine anthroposophisch-philosophische Fakultät, und dann haben sie die drei Klassen darauf aufgebaut. Es ist absolut ganz gleich der Universität eingerichtet. Ich habe streng darauf gesehen, daß es absolut unanfechtbar ist. Nur, nicht wahr, in der philosophischen Fakultät hat sich das eben herausgestellt, daß man sie als eine besondere Fakultät konstituiert hat; dann wurden immer mehr und mehr Vorlesungen gehalten, und das Ganze wurde eine Anarchie und ein Chaos. Keiner weiß, wenn er in die philosophische Fakultät hereinkommt, was er überhaupt hören soll, denn er kann unter Umständen Vorlesungen hören, von denen er nichts versteht. Das ist etwas, was sich in chaotischer Weise der Universität eingefügt hat.
Was hier steht, entspricht ganz genau dem Usus, der an den Universitäten, in Wien zum Beispiel bis zum Jahre 1848, bestanden hat. Das ist ganz unanfechtbar. Und ich glaube, in Paris ist es bis heute noch so, in Italien sind auch einzelne, die es bis heute so handhaben; in den deutschen Universitäten gibt es Dinge, die eben chaotisch sich entwickelt haben. Aber das, was hier steht, ist absolut unanfechtbar. Und wenn wir es nicht in die Statuten aufnehmen und doch tun - und tun müssen wir es, es würde ja sonst sogleich der § 8 über die Zyklen modifiziert werden müssen —, dann würden wir sogleich wieder etwas bekommen, was uns gar nicht dienen würde. Aber wir müssen es so haben, und wir müssen auch den § 8 so haben. Wir können natürlich irgendwelche Abänderungsanträge immer noch im einzelnen haben, aber eine vollständige Unterdrückung der Freien Hochschule mit ihren drei Klassen würde nicht angehen.
Prof. Dr. Maurer: Es ist ganz selbstverständlich, daß man aufrücken muß. Ich habe nur das eine Bedenken gehabt, daß die Gegner einhaken könnten.
Dr. Steiner: Das einzige, worauf man sich einlassen könnte, wäre dieses, daß man sagt: «Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein Zentrum ihres Wirkens in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach. Diese wird nach dem Muster anderer Hochschulen in drei Klassen bestehen.» Wenn Sie das drinnen haben wollen, das können wir natürlich immer drinnen haben.
Baronin de Renzis: Soll man hier von der Arbeit in Italien oder auch von der Richtung unserer Arbeit berichten, oder soll nur über die Statuten gesprochen werden?
Dr. Steiner: Dürfte ich bitten, über die Arbeit in Italien morgen zu sprechen.
Baronin de Renzis möchte etwas fragen über die Richtung der Arbeit im allgemeinen.
Dr. Steiner: Ich bitte, den Bericht morgen zu geben.
Baronin de Renzis: Soll man von jeder Unternehmung oder Initiative, die von unserer Bewegung stammt, den anthroposophischen Charakter a priori verkünden und der Gefahr entgegengehen, sie abgelehnt zu bekommen, oder sollen wir versuchen, die anthroposophische Auffassung in der öffentlichen Meinung zu verbreiten, ohne das Urteil herauszufordern, sie abzulehnen? Diese Entscheidung ist nötig, um zu wissen, was in Zukunft die Einstellung der Gruppen bestimmen soll.
Dr. Steiner: Es ist ja natürlich so, daß es auf das Wort «Anthroposophie» dabei nicht ankommt, aber auf andere Dinge kommt es an. Ich will zum Beispiel folgendes sagen. Denken wir einmal an ein Beispiel par excellence, an die Medizin. Nun kann man heute die Medizin nicht fortführen über das hinaus, was sie heute ist und was eben durchaus nicht genügt, wenn man nicht beginnt, weil dort erst die wirklichen Krankheitsursachen liegen, vom ätherischen Leib des Menschen, vom astralischen Leib und der Ich-Organisation zu sprechen. Also ist es nötig, dasjenige, was Anthroposophie als Inhalt enthält, einfach vor die Welt hinzustellen. Und wir haben auch da die Erfahrungen gemacht, die wirklich sehr lehrreich waren. Frau Dr. Wegman hat mit mir zusammen in London, in Wien und im Haag Kurse veranstaltet. Der eine der Kurse war ja bei Dr. Zeylmans in seinem holländischen Institut; und ich habe Vorträge gehalten vor Ärzten, denen ich absolut von Anthroposophischem gesprochen habe, daß heißt gesprochen habe, wenn es nötig war an der betreffenden Stelle, von astralischem Leib, Ätherleib und so weiter. Dabei würde das eine ganz untergeordnete Rolle spielen, ob man die Terminologie so oder so gestaltet. Wenn man die Dinge tatsächlich handhabt, so ist man sogar manchmal versucht, an einer Stelle den Namen Ätherleib zu gebrauchen, an einer anderen Stelle den Ätherleib zu umschreiben. Zum Beispiel man kann, wo man Ätherleib sagen will, auch sagen: die substantiellen Wirkungen, die nicht vom Erdenzentrum aus bewirkt werden, sondern von der Weltenperipherie aus im einzelnen bewirkt werden. Also, nicht wahr, an eine bestimmte Terminologie ist ja nur derjenige gebunden, der eigentlich nicht in der Sache drinnen steht. Wir haben doch gefunden, daß in diesem Falle die Leute mit dem, was man sagt, etwas anzufangen wissen; sie wissen: Es ist etwas, was neu in die Welt tritt. Währenddem, wenn man das vermeidet, so sagen sich die Leute: Gewiß, über das oder jenes Heilmittel in Beziehung zum menschlichen Organismus gibt es ja diese oder jene schönen Ansichten, die schon da waren und wieder weggegangen sind und so weiter, und da tritt wieder eine Ansicht auf. - Nun, nicht wahr, beurteilen sie es so, daß sie den einen klinischen Bericht oder eine klinische Abhandlung von irgendwo auswärts und eine andere klinische Abhandlung von uns sehen, ja, dann können sie es nicht unterscheiden. Wenn wir aber kommen mit dem, was uns wirklich hereinführt in das Zentrum des Krankseins, so kann man das nicht anders behandeln, als indem man von Ätherleib und so weiter spricht, wenn auch vielleicht mit einer anderen Terminologie. Dann wissen die Leute, woran sie sind. Und das ist auch das, was am weitestens geführt hat. Es kommt nicht eigentlich auf den Namen Anthroposophie zunächst an, aber es kommt darauf an, daß man nirgends zurückschreckt vor dem, was sachlich notwendig ist. Wenn man den Leuten die Anthroposophie einkleiden will in das, was «der Pfarrer auch sagt», dann wissen sie überhaupt gar nicht, was man von Ihnen will. Ich habe selbst einmal das Exempel statuiert, daß ich einen Wiener Kursus gehalten habe von zwölf Vorträgen, die sich über alles Anthroposophische erstreckt haben, auch über die praktischen Anwendungen. Sie können sich heute diesen Zyklus vornehmen: es kommt das Wort Anthroposophie darin überhaupt nicht vor. Man kann schon einmal die Veranlassung auch durchaus haben, das Wort Anthroposophie nicht zu gebrauchen, gewiß, aber ich meine, auf die Sache, auf den Geist der Sache kommt es an. Was meinen Sie, wieviel wohlwollende Menschen sind zu mir gekommen und sagten: Das Wort Ätherleib, ach, davor haben die Leute ein Grauen! Könnte man nicht sagen: das Funktionelle im menschlichen Organismus? — Nun heißt das aber gar nichts. Mit dem Wort «Funktionelles im menschlichen Organismus» ist gar nichts gesagt. Währenddem, wenn man spricht von Ätherleib, so ist der Unterschied der: Für den physischen Leib sind zuletzt alle die Kräfte, welche die Richtung der Gravitation haben, mechanisch auf die Gravitation zu bringen, während im Ätherleib alle Kräfte sich bringen lassen auf die Peripherie, alles Gleitende, Schleifende. Da hat man diesen Unterschied. Aber wenn man sagt «das Funktionelle im menschlichen Organismus», dann meint man ja mit der Funktion nicht diesen radikalen Gegensatz. Also diese wohlwollenden Vorschläge, die manchmal gerade von Außenstehenden kommen, können wir nicht berücksichtigen.
Baroniin de Renzis: Ist es genügend, wenn man vom Essentiellen, vom Wesentlichen spricht?
Dr. Steiner: Das Wort Anthroposophie braucht man den Leuten ja nicht an den Kopf zu werfen, aber es wäre gut, wenn man gefragt wird, ob man Anthroposoph ist, nicht zu sagen: Nein!
Wir werden nun die Versammlung morgen fortsetzen. Wir müssen schon die Sache so einrichten während dieser Tagung, daß man auch etwas zu Atem kommen kann.