The Christmas Conference
GA 260 — 23 December 1923, Dornach
Ansprache zur Eurythmie-Darbietung
Meine lieben Freunde!
Da ja heute vor allem unsere auswärtigen Gäste, sofern sie schon angekommen sind, bei dieser eröffnenden Eurythmie-Vorstellung anwesend sind, so habe ich nicht nötig, im besonderen zu sprechen über das Wesen der Eurythmie. Es ist ja unseren Freunden bekannt aus den Darstellungen, die in unseren Gesamtschriften jetzt schon erschienen sind. Dagegen möchte ich nun gerade mit Rücksicht darauf, daß wir wiederum einmal zu einer anthroposophischen Unternehmung beieinander sind, auch diese Eurythmievorstellung mit ein paar Worten einleiten.
In der Eurythmie haben wir ja zunächst diejenige Kunst, welche aus anthroposophischem Boden ganz ursprünglich hervorgegangen ist. Nun war es ja immer so in der Welt, daß eine jede künstlerische Betätigung, die etwas Neues in die Zivilisation hineinbrachte, hervorging aus übersinnlichem Menschheitsstreben. Man kann hinschauen auf Architektur, auf Plastik, auf Malerei, auf das Musikalische, auf das Dichterische, überall wird man zunächst finden, daß die Impulse, die einem entgegentreten im äußeren Verlauf der künstlerischen Menschheitsentwickelung, doch in irgendeiner Weise zurückgehen auf okkulte, übersinnliche Grundlagen, Grundlagen, die wir geradezu im Mysterienwesen zu suchen haben. Die Kunst kann eben nur in die Menschheitsentwickelung hineinfließen, wenn sie Kräfte, Impulse übersinnlicher Art in sich hat. Und die Anschauungen, die man in der Gegenwart über die Kunst hat, sie sind ja im wesentlichen zusammenhängend mit der ganzen materialistischen Denkrichtung, die Europa und Amerika ergriffen hat seit dem 15. Jahrhundert. Aber wenn auch eine gewisse Art von wissenschaftlicher Erkenntnis in diesem Materialismus gedeihen kann, Künstlerisches, wirklich Künstlerisches kann da drinnen nicht gedeihen. Wirklich Künstlerisches kann nur hervorgehen aus spirituellem Leben.
Und deshalb darf man es als etwas, ich möchte sagen, Selbstverständliches ansehen, daß auch eine besondere Kunstrichtung hervorging aus dem spirituellen Leben der anthroposophischen Bewegung. Man muß sich ja darüber klar sein, daß das Künstlerische durch die Vermittlung des Menschen herausgeboren werden muß aus dem Übersinnlichen. Geht man von dem Übersinnlichen abwärts bis zu der äußeren sinnlichen Erscheinung, so hat man oben, möchte ich sagen, da, wo der Mensch zusammenfließt mit dem Übersinnlichen, die Intuition. Wenn der Mensch schon selbständig dem Übersinnlichen gegenübersteht, es vernimmt, es sich offenbaren lassen kann, dann hat man es zu tun mit der Inspiration. Und wenn der Mensch das Inspirierte so intensiv mit seiner eigenen Wesenheit verknüpfen kann, daß er es zu gestalten in der Lage ist, dann tritt die Imagination ein.
In der Sprache haben wir etwas, was allerdings im äußeren Bilde auftritt, aber in diesem äußeren Bilde der Inspiration außerordentlich ähnlich ist. Wir können schon sagen: Was wir eigentlich in der Seele tragen, wenn wir sprechen, ist der Intuition ähnlich; und was sich uns auf die Zunge, in den Gaumen, durch die Zähne auf die Lippen legt, indem wir sprechen, das ist das sinnliche Bild der Inspiration. Aber woher rührt dasjenige, was wir da von unserem inneren Seelenleben nach auswärts drängen in der Sprache? Es rührt her von unserer beweglichen Körpergestaltung, ich könnte auch sagen, von unserer Körpergestaltung in Beweglichkeit. Die Bewegungsmöglichkeit sowohl der Beine wie der Arme und Hände, der Finger, sie ist es, in denen der Mensch als ganz kleines Kind zunächst sein Verhältnis zur Außenwelt fühlt. Das erste Erlebnis, das ins Bewußtsein der Seele hereindringen kann, ist dasjenige, was wir in der physischen Bewegung der Arme, der Hände, der Beine haben. Die anderen Bewegungen sind mehr mit dem Menschen zusammenhängend; aber gerade diejenigen Glieder, die der Mensch sozusagen von sich ab in die Weite streckt, die geben ihm Weltgefühl. Und ebenso wie der Mensch sein Bein ausstreckt zum Gehen oder Springen, wie er seine Arme zum Greifen, seine Finger zum Fühlen ausstreckt, so strömt, was er da erlebt, wiederum zurück. Und beim Zurückströmen ergreift es Zunge, Gaumen, Kehlkopf und so weiter und wird zur Sprache.
Und so ist der Mensch in seinem Organismus der bewegte Ausdruck des ganzen Menschen. Und indem man anfängt, dies zu verstehen, empfindet man, wie das, was in der Sprache mehr der Inspiration ähnlich ist, heruntergehen kann in die Imagination. Wir können das, was ja ein Geschenk ist an unsere Gliedmaßen, an Zunge, Kehlkopf, Gaumen und so weiter wieder zurückholen, können es zurückströmen lassen, können in der folgenden Weise fragen: Welche Art von Gefühlen, welche Art von Empfindungen strömt im Organismus nach auswärts, so daß es ein A gibt? Wir werden immer finden: Ein A entsteht durch etwas, was in dieser oder jener Weise in der Luft sich ausdrückt durch eine besondere Bewegung unserer Sprachorgane oder in Augenachsen sich ausdrückt, die sich kreuzen, und so weiter. Und wir werden dann dasjenige, was auf diese Weise herausgeströmt ist und zum Laut, zum Sprachelemente geworden ist, wiederum zurücksenden können in den ganzen Menschen, in den Gliedmaßen-Menschen, und werden für das, was die Sprache der Inspiration ähnlich macht, etwas bekommen, was anzuschauen ist, was gestaltet ist, was der Imagination ähnlich ist.
Und so ist eigentlich die Eurythmie dadurch zustande gekommen, daß dasjenige, was unbewußt im Menschen wirkt, damit seine Bewegungsmöglichkeit zur Sprache wird, nun wiederum zurückgeholt wird aus der Sprache in die Bewegungsmöglichkeit. Und so wird ein inspiratives Element zu einem imaginativen Element gemacht.
Deshalb ist es schon mit dem Verständnis der Eurythmie verknüpft, daß man geradezu durch sie darauf kommt, wie zusammenhängen Intuition, Inspiration, Imagination. Man hat ja natürlich da nur die Bilder, aber die Bilder sprechen klar.
Nehmen Sie einmal, meine lieben Freunde, das Gedicht - das Gedicht, wie es bloß in der Seele lebt. Wenn der Mensch sich ganz innerlich identifiziert mit dem Gedichte, wenn er es, sagen wir, so sehr in sich aufgenommen hat, so stark in sich aufgenommen hat, daß er gar nicht mehr die Worte gebraucht, sondern die Empfindungen hat und diese Empfindungen in der Seele erleben kann: er lebt in der Intuition. Nehmen wir an, er kommt jetzt dazu, das Gedicht zu rezitieren oder zu deklamieren. Er versucht, in dem Vokalklang, in der Harmonie, in dem Rhythmus, in den konsonantischen Bewegungen, im Tempo, Takt und so weiter, er versucht also, in der Sprache rezitatorisch oder deklamatorisch das zum Ausdruck zu bringen, was in der Empfindung liegt: Inspiration ist, was so erlebt wird. Aus dem rein Seelischen, wo es im Nervensystem lokalisiert ist, wird durch das Inspirationselement die Sache hinuntergedrängt in Kehlkopf, Gaumen und so weiter.
Jetzt lassen wir es hinuntersinken in die menschlichen Gliedmaßen, so daß der Mensch in seiner eigenen bewegten Gestaltenbildung das zum Ausdrucke bringt, was Sprache ist, dann haben wir im eurythmisierten Gedicht das dritte Element: die Imagination.
Sie haben, ich möchte sagen, im Bild des Hinuntersteigens der Weltentwickelung bis zum Menschen jene Skala, die der Mensch wiederum zurückmachen muß: von der Imagination durch die Inspiration zur Intuition. In dem eurythmisierten Gedichte haben Sie Imagination, in der Rezitation und Deklamation Inspiration im Bilde, und in dem nur innerlich erlebten Gedicht, bei dem man nicht den Mund aufmacht, sondern es nur innerlich erlebt, sich selbst damit identifiziert, eins wird mit ihm, Intuition.
Und so haben Sie in der Tat, wenn Sie ein eurythmisiertes Gedicht vor sich haben, das Sie innerlich erleben, das rezitiert wird, die drei Stufen - allerdings in einem äußerlichen Bilde - vor sich. Wir haben es hier in der Eurythmie mit einem künstlerischen Element zu tun, das ganz aus innerer Notwendigkeit aus der anthroposophischen Bewegung hervorgehen mußte. Es handelt sich darum, sich zum Bewußtsein zu bringen, was es für eine Bewandtnis damit hat, Erkenntnis zu gewinnen zum Aufsteigen von der Imagination zur Inspiration, zur Intuition. —
Bis hierher wurde nachgeschrieben. Nach einigen auf das Programm bezüglichen Worten erfolgte die eurythmische Darbietung.
Am 24. Dezember wurde die Weihnachtstagung eröffnet, deren Programm wir hier einfügen [siehe Seiten 28/29]. Ihr waren im Laufe des Jahres einige Generalversammlungen der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz vorangegangen, bei denen über die demnächst zu lösenden Probleme gesprochen worden war; besonders lebhaft war dies der Fall während der Delegiertenversammlung der Schweizer Zweige vom 8. Dezember 1923, aber auch schon vorbereitend bei den Versammlungen vom 22. April und 10. Juni. Bei der am 17. Juni stattgefundenen Generalversammlung des Vereins des Goetheanum waren bereits viele Vertreter der ausländischen Gruppen anwesend. In großer Zahl strömten sie heran zur internationalen Delegiertenversammlung, die vom 20. bis 22. Juli dauerte, den Fragen des Wiederaufbaus des Goetheanums gewidmet war und seine finanzielle Fundierung sichern wollte.
Dr. Steiner willigte ein, bei diesen Beratungen anwesend zu sein, nicht aber den Vorsitz dabei zu führen. Doch wurde er mehrmals gebeten, sich zu äußern. Er betonte vor allem die Notwendigkeit der moralischen Fundierung. In «Aufbaugedanken und Gesinnungsbildung» finden wir manche der damals von ihm gehaltenen Ansprachen. Im Protokoll der Versammlung vom 22. April finden wir unter andern die folgende Äußerung:
«Ich will nur mit ein paar Worten, nicht einmal ausdrücklich, sondern nur der Empfindung nach anknüpfen an dasjenige, was heute schon gesagt worden ist.
Von der kürzlich stattgefundenen Versammlung in Stuttgart und der heutigen hier - und ich hoffe, daß in andern Ländern solche nachfolgen werden — möchte man erwarten, daß sie in einer gewissen positiven Weise ablaufen, so daß wirklich aus dem Willen der Versammlung ein Positives hervorgeht. Es wurde darauf hingewiesen, wie die Gesellschaft organisiert ist. Nun muß man gerade sagen, daß ja die Anthroposophische Gesellschaft sich dadurch auszeichnet, daß sie nicht organisiert ist - in keiner Weise -, ja, daß der größte Teil der Mitgliedschaft von einem auch nur menschlichen Organisieren bisher nichts hat wissen wollen. Dies ging ja in einem gewissen Grade bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aber angesichts der heutigen Verhältnisse ist es unmöglich, daß das also weitergehe. Es ist notwendig, daß wirklich so etwas auftritt, von dem es gelten kann, daß wenigstens für den größten Teil der Mitgliedschaft die Angelegenheiten der Gesellschaft als solche auch positiv von den Mitgliedern vertreten werden, mit Interesse verfolgt werden zunächst.
Als ich jüngst gefragt wurde, was ich selbst von dieser Versammlung erwarte, da mußte ich darauf hinweisen, wie es eben notwendig ist, daß die Anthroposophische Gesellschaft sich eine wirkliche Aufgabe setzt, so daß sie als Gesellschaft da ist, daß sie also etwas Besonderes noch ist neben der anthroposophischen Bewegung, also von Gesellschafts wegen sich eine Aufgabe setzt. Denn solange diese Aufgabe nicht da ist, werden die Verhältnisse, von denen heute gesprochen worden ist, niemals anders werden; im Gegenteil, sie werden sich immer mehr und mehr verschlimmern. Die Organisation der Gegnerschaft ist vorhanden, ist eine Realität; die Anthroposophische Gesellschaft ist aber für den größten Teil der Mitgliedschaft durchaus keine Realität, weil eigentlich keine positive Aufgabe, die aus einer positiven Willensentschließung hervorgehen könnte, da ist. Aus diesem Grunde wurden die Verhandlungen in Stuttgart und diese hier gehalten. In Stuttgart suchte man - weil sich die Delegiertenversammlung nicht entschließen konnte, der Gesellschaft eine solche Aufgabe zu setzen - gewissermaßen zu dem Auskunftsmittel zu greifen, die Mitgliedschaft dahin zu führen, daß sie sich in zwei Mitgliedschaften für die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland trenne, damit man hoffen könne, daß aus dem gegenseitigen Verhältnis dieser beiden Gesellschaften nun dasjenige nach und nach sich entwickele, was aus der Delegiertenversammlung nicht hervorgegangen ist. Die heutige Versammlung sollte das große, schöne Ziel haben, ein Beispiel dafür zu geben, wie man der Anthroposophischen Gesellschaft als solcher eine positive wirksame Aufgabe setzen kann, die den Menschen draußen auch Respekt einflößt. Also es kann heute etwas Großes hier geschehen, wenn nicht bloß dem zugehört wird, was einzelne Persönlichkeiten in so schöner Weise ausführen, wie das heute geschehen ist, sondern wenn in der Tat aus der Gesellschaft selbst, aus dem Ganzen der Gesellschaft, ein gemeinsames Wollen hervorgeht. Sonst wird diese Versammlung eben auch resultatlos, ergebnislos verlaufen.
Ich bitte Sie, meine lieben Freunde, gehen Sie heute nicht ergebnislos auseinander, sondern kommen Sie dazu, der Anthroposophischen Gesellschaft als solcher eine Aufgabe zu setzen, vor der die Menschen einen gewissen Respekt haben können.»
Die Eröffnung der Weihnachtstagung zur Begründungsversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft fand am 24. Dezember um 10 Uhr morgens statt. Dr. Steiner begrüßte die Anwesenden und sprach die einleitenden Worte zu dem Vortrag von Herrn Albert Steffen: «Aus der Schicksalsgeschichte des Goetheanums».

