The Fateful Year of 1923
GA 259 — 26 February 1923, Stuttgart
Report on the Meeting of the Delegates II
vormittags
Der Vorsitzende, Herr Emil Leinhas, eröffnet um 9 Uhr die Versammlung. Herr Wilhelm Goyert, Köln, Herr Wilh. Salewski, Düsseldorf, Frl. Maria Hachez, Stuttgart, Herr Fritz und Frau Ilse Wittenstein, Barmen, Frl. Toni Förster, Köln, Herr Andreas Grunelius, Freiburg, Frl. Erika Linke, Stuttgart, Frau Marie Wundt, Düsseldorf, bringen folgenden Antrag zur Tagesordnung ein:
Zur Tagesordnung
Einige Mitglieder und Delegierte der Anthroposophischen Gesellschaft sind der Überzeugung, daß auf dem bisher eingeschlagenen Wege keine Möglichkeit zur Verständigung und Überwindung der Krisis gegeben ist. Die Diskussion des ersten Abends hat gezeigt, daß kein allgemeiner Gesichtspunkt gegeben ist, von dem ausgehend eine Besprechung fruchtbar sein könnte. Schon in der Leitung zeigte sich eine Unstimmigkeit in der Auffassung. Herr Leinhas wies hin auf das zu erwartende Gesamtreferat, daß dieses «eine Orientierung» bringen sollte. Herr Kolisko hingegen faßte sein Referat so auf, daß es eine allgemeine Aussprache, Schilderung von Lokalverhältnissen ermöglichen solle und war erstaunt, daß die Diskussion sich ins Uferlose verlor. Es ist nicht möglich, daß auf dieser Basis die Delegiertenversammlung weiter stattfinden kann.
Zunächst sollte vor die Versammlung dasjenige hingestellt werden, worinnen wir alle einig sind und zu dem wir alle hinstreben: das anthroposophische Ideal. Es wurde versucht, von der Dame aus Dresden und Herrn Pfarrer Rittelmeyer, dieses nachzuholen. Das fand bei der Leitung keine Aufnahme und bei den Versammelten keinen vorbereiteten Boden. Der Aufruf war nicht geeignet, einen solchen zu schaffen.
Selbst bei Ablehnung einiger Punkte könnte nun doch versucht werden, den Aufruf als richtunggebend für die Besprechung hinzustellen. Man müßte ihn aber sozusagen von rückwärts lesen. Dann ergäben sich folgende Punkte, die in einer organisch bedingten Weise zur Klärung hinführen könnten:
- Hinstellen des anthroposophischen Ideals.
- Darlegung der Grundlage einer Verständigung von Mensch zu Mensch im Sinne der Anthroposophischen Gesellschaft. Daraus ergäbe sich
- Ein neues Verhältnis zu Dr. Steiner.
- Haltung zur Gegnerschaft.
- Stellungnahme zu den vorhandenen Institutionen usw.
Wir glauben, daß auf diese Weise eher die Möglichkeit einer allgemeinen Verständigung gegeben ist und bitten die Leitung der Delegiertenversammlung, dieses als «zur Tagesordnung» der Versammlung vorlesen zu wollen.
Der Antrag wird zur Diskussion gestellt.
Herr Dr. Hans Büchenbacher, Stuttgart: Dr. Kolisko hat in berechtigter Weise ausgesprochen, daß nicht das aus der Versammlung herausgekommen ist, was er auf seinen Vortrag hin erwartet hat. Der Grund hierfür liegt aber in der Hauptsache daran, daß viele Freunde, durch die Art, wie der Aufruf abgefaßt war und durch den Vortrag selbst, nicht genügend über die katastrophale Lage in der Gesellschaft orientiert waren. In der Jugendbewegung war eine enge Verbindung mit der Stuttgarter Geschäftsstelle vorhanden, man war in diesen Kreisen über die Lage informiert. So hatten wir gestern nachmittag eine wirklich fruchtbare Sitzung im Hochschulbund, wo man positiv sprechen konnte. Von der Stuttgarter Zentrale aus hatte man keine lebendige Verbindung mehr mit den Zweigen. — Man hat in Stuttgart aus einem Schematismus heraus ein Wirken nach außen entfaltet, was an vielen Orten zu mißglückten Veranstaltungen führte. Man hat die anthroposophischen Impulse so an die Außenwelt herangetragen, daß man überall angestoßen hat. Diese Dinge wurden so gehandhabt, daß es so bureaukratisch war, wie etwa beim Militär. Wir haben dadurch uns sehr viele Gegner gemacht, jedenfalls keine Beziehungen zu der Außenwelt gewonnen. — Andererseits vermißt man in Stuttgart mit Recht allerlei im Zweigleben. Dieses Leben ist immer mehr zurückgegangen, eine Art Schlaf ist vielfach eingetreten, oder die Abende sind in traditioneller Weise einfach gehalten worden. Daran sind die Zweige selbst schuld. Wenn in den letzten Jahren in einen solchen Zweig jemand eintrat, der aus dem Studium der Schriften Dr. Steiners sich ein gewisses Bild gemacht hatte, wie es nun in einer Anthroposophischen Gesellschaft sein müßte, so bekam er - das war häufig der Fall - einen recht kräftigen Schock, so daß man am liebsten wieder ausgetreten wäre, zum mindesten bald von den Abenden weggeblieben ist. Man erkannte, daß die Anthroposophische Gesellschaft hinter dem, was Herr Dr. Steiner gegeben hat, zurückgeblieben ist, vor allem in der Entwickelung des Menschentums. Die goldene Regel aus dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», ist nicht beachtet worden: «Wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.»
Es hat aber in den Zweigen vielfach schon an der gewöhnlichen sozialen Moralität gefehlt, nicht einmal vorgestellt wurden die Neueingetretenen den alten Mitgliedern, sie mußten wie Fremde dasitzen. Man müßte Ernst damit machen nach einer Entwickelung des inneren Menschen in anthroposophischem Sinne zu streben, dann wird man auch die Verbindung mit den Menschen nach außen finden. Die Außenwelt müßte sagen, die Menschen, die Anthroposophie vertreten, gefallen uns.
Vor allem müssen aber wir nun hier auf beiden Seiten uns sagen: Ach was, Feindschaft, Streit oder Übelnehmen, das gibt es nicht, wir müssen schon zusammenstehen. Wenn man schon mit dem Aufruf und dem einleitenden Vortrag so vorgegangen ist, daß die Verbindung mit den Versammelten nicht zustande gekommen ist, so müssen wir Delegierten versuchen, von uns aus in aller Liebe Kritik zu üben und den Stuttgartern zeigen: So könnt ihr wieder mit uns in Verbindung kommen. Es ist schon so, die Stuttgarter sind in einer absoluten Isolierung; gewiß, es ist natürlich eine glänzende Isolierung (Lachen und starker Beifall), aber sie kommen allein nicht aus ihr heraus. Und wenn man weiß, wie sehr man sich in Stuttgart in den vergangenen Wochen geplagt und geschunden hat, aus dieser katastrophalen Lage herauszukommen, so muß man aus vollem Herzen heraus sagen: Wir wollen diesen Menschen helfen, daß sie aus dieser Isolierung herauskommen. Es wird gehen, wenn man sich so ausspricht, daß) man getragen wird von dem Bewußtsein des Strebens nach anthroposophischem Menschentum.
Herr Alfred Reebstein, Karlsruhe, will aus demselben Empfinden sprechen wie der Vorredner. Er bittet, ein Urteil zu ermöglichen über die zur Rede stehenden Fragen. Dr. Steiner habe beim Kongreß sagen müssen: Ich habe oft gesprochen, aber man hat nicht gehört. Viele würden den Ernst und die furchtbare Tragweite besser sehen, wenn bekanntgegeben würde, was Dr. Steiner in den beiden Vorträgen hier über diese Dinge gesagt hat.
Herr Alfred Überhahm, Breslau: Wir brauchen Richtlinien für die Gesellschaft zur Weiterarbeit. Dr. Steiner hat zwei vierzeilige Sprüche gegeben als kosmischkultische Handlung. Diese ist nicht in die Tat umgesetzt worden. Redner stellt den Antrag, daß diese Worte in den Zweigen gesprochen werden mögen.
Herr Leinhas übergibt den Vorsitz an Herrn Dr. Palmer.
Herr Emil Leinhas, Stuttgart: Dem, was Herr Dr. Büchenbacher gesagt hat, kann man nur zustimmen. Die Teilnehmer waren von der gestrigen Generaldiskussion nicht befriedigt. Man ist bei uns schon verpflichtet, nicht nur zu kritisieren, sondern selbst aufzutreten und die Dinge besser zu machen.
Herr Leinhas schlägt vor, die Anträge fallen zu lassen, denn es werde bei der Behandlung der einzelnen Gegenstände Gelegenheit sein, dazu zu sprechen. Er bittet an das Referat von Dr. Kolisko anzuknüpfen, denn in allen lebe die Sorge. Er erinnert an die Größe unserer Sache. Sodann bittet er, nicht mit der Kritik zurückzuhalten. Man höre, der Zentralvorstand sei ein Popanz, ein Kindergespött. Die Kritik solle hier herauskommen. Sie brauche nicht unfruchtbar zu sein, wenn alle erfüllt seien vom heiligen Eifer für die Sache. Man müsse hinzufügen, was hätte gemacht werden sollen und wie es weitergehen kann.
Herr Albert Steffen, Dornach: Es ist nicht meine Absicht, hier kritisch aufzutreten, denn ich bin überzeugt, daß diese Selbstzerfleischung gar nichts nützt. Wir wissen diese Dinge längst und sollten nun anfangen, mehr positiv zu sprechen. Ich glaube, es ist vor allen Dingen zu sagen, daß die Anthroposophie als solche unserer Gesellschaft die Konfiguration geben sollte, also dasjenige, was Herr Dr. Steiner aus dem Geistigen uns gibt, umzusetzen ins Wirkliche. Da ist zunächst ja zu sagen, daß diese Anthroposophie als Grundlage die Freiheit hat. Die Freiheit, sie verlangt vom einzelnen Menschen, daß er aus dem eigenen Ich heraus die Impulse zu seinem sittlichen Handeln sucht. Sie verlangt also einen ethischen Individualismus. «Handle so, daß du dir selbst genügst, daß du Liebe zur Idee hast, dann wird es möglich sein, daß das Ganze zusammenstimmt!»
Es ist die erste Grundforderung unserer Gesellschaft, daß der einzelne eine Persönlichkeit ist, und als solche «Ja» zu sich sagt; als solche das Vertrauen zu sich hat. Wenn er in sich sucht, daß er Schöpferkraft findet, und daß er diese Schöpferkraft anwendet, dann wird auch das Ganze unserer Gesellschaft sich mehr konsolidieren. — Eine Mannigfaltigkeit von schöpferischen Persönlichkeiten ist zuerst notwendig.
Es wurde zuerst gesagt, daß unsere Gesellschaft darunter leide, daß so viele Individualitäten da sind, die nicht zusammengehen. Aber wenn diese Individualitäten gemäß der Freiheit denken, fühlen und handeln, wird ein Ganzes zustandekommen. Wir brauchen originelle Menschen unter uns, aber sie dürfen nicht so Originale sein, so Dorf- oder Stadtoriginale, Zweigoriginale, so eine Art Haustrottel werden, und das einzige Mittel, daß sie das nicht werden, besteht darin, daß sie eben die Anthroposophie als Ganzes aufnehmen.
Gestern wurde von einer Dame in sehr herzlicher Weise gesagt, die Anthroposophie sei ein Mensch. Sie ist ein Mensch, und sie ist der größte Mensch. Sie ist ein geistig-seelisches Gebilde, und dieses müssen wir in uns aufnehmen, damit wir als Persönlichkeiten nicht Eigenbrödler werden. Das können wir aber nur, indem wir den Versuch machen, in dieses Geistig-Seelische, dieses Übersinnliche auch wirklich einzudringen. Und dazu ist meiner Ansicht nach der einzige Weg die Übung, hauptsächlich die Übungen, wie Sie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» finden. Dieses Üben, um wirklich einzudringen ins Geistig-Seelische, das ist die zweite Grundbedingung unserer Gesellschaft, ohne die ist eine innere Konsolidierung gar nicht möglich, und noch viel weniger eine äußere. Das muß vor allen Dingen unter den Führer-Persönlichkeiten unter uns verlangt werden.
Ein Beispiel: Sie wissen alle, Goethe und Schiller waren eigentlich Naturen, die sich entgegengesetzt waren. Sie waren sich in einer gewissen Periode ihres Lebens unsympathisch. Und jener Augenblick, wo sie eigentlich Freunde wurden, der trat ein in jener Naturforscher-Versammlung, wo Schiller mit Goethe über die Urpflanze zu sprechen begann, wo also Schiller das Geistig-Seelische der Pflanze zu begreifen begann. Da wurde Goethe sein Freund, und von hier aus hat dasjenige seinen Ausgang genommen, was dann zu der gewaltigen Epoche führte. Was Goethe in der Urpflanze als Geistig-Seelisches fand, das können wir viel besser finden noch durch die Übungen, die uns Herr Dr. Steiner über das Pflanzentum gegeben hat. Man stelle sich einmal vor, daß solche Übungen in einem unserer Institute durchgeführt würden, da würde eintreten mit Notwendigkeit, daß diese Menschen, die da tätig sind, Freunde werden, daß sie schöpferisch werden, daß das, was sie zutage fördern, ausstrahlte von ihnen in die ganze Kultur. Es strahlt deshalb zum Beispiel nichts von unseren Universitäten, von unseren Hörsälen und Laboratorien aus, weil daselbst unter den Professoren, den Privatdozenten und Studenten dieses Geistig-Seelische nicht erfaßt wird. In jenen Organisationen wird der Zusammenhang dadurch gefunden, daß man ein Examen vor sich hat, also durch eine gewisse Furcht. Das kann bei uns ja nicht sein. Der einzige Antrieb kann bei uns darin bestehen, daß man einzudringen sucht in das Geistig-Seelische, in das Übersinnliche, wie es zum Beispiel dargestellt ist in den Einleitungen zu den naturwissenschaftlichen Schriften Goethes. Herr Dr. Steiner hat solche Übungen für Physiker, für Chemiker, für Ärzte, für Soziologen gegeben, aber auch für Menschen als solche. Man stelle sich vor, daß in unseren Zweigen wiederum Ernst gemacht würde damit, daß man wirklich lebendig denken lernt, was ja die erste Übung ist; dieses Zweigleben würde wiederum aufflammen. Es kann gar nicht anders aufflammen, als gerade dadurch. In dem Augenblick, wo ein Mensch zu uns spricht, der wirklich etwas vom Übersinnlichen hereinholt, sind wir wiederum eine Gesellschaft, die ein richtiges Leben hat. Sie werden. den Beweis erleben, wenn Herr Dr. Steiner selbst spricht. Da werden alle diese Zwistigkeiten verschwinden, und man wird sich wiederum unter sich einig fühlen. Aber so müßte jeder in dieser Beziehung ein richtiger Schüler Dr. Steiners werden, besonders jeder Führer. Oder man denke zum Beispiel, in welcher Art und wodurch die Eurythmie zur Blüte gelangt ist. Doch nur dadurch, daß Frau Dr. Steiner das Wort als solches in solch geistgemäßer Art erfaßt hat. Dadurch lebt man die Eurythmie. Dadurch bringt sie diesen Impuls zur Schönheit wiederum in unsere Kultur. Oder man denke an die Waldorfschule, die durchaus positiv zu nehmen ist. Was unterscheidet die Waldorfschule von anderen Schulen? Daß die Lehrer daselbst etwas vom Geistig-Seelischen in sich hineingearbeitet haben; daß dadurch ein Waldorfschulgeist entstehen konnte. Das ist alles sehr zu schätzen.
Als ich von Dornach hierher gereist bin, freute ich mich eigentlich sehr auf Stuttgart, weil ich wußte, daß ich bedeutende Menschen hier finden würde. Ich wußte, daß ich als Mensch und als Dichter durch sie bereichert werden würde. Ich war gewiß, daß ich hier einen bedeutenden Philologen fand, einen bedeutenden Geschichtskenner fand, einen bedeutenden Kenner der Mythologie fand usw. Und ich nahm mir ein Notizbuch mit, um mir etwas nach Hause zu nehmen. Ich wollte mich bereichern. Durch Zufall griff ich zu einem Notizbuch, das alt war, das ein kleines Tagebuch enthielt, das vor dem Krieg geführt wurde von mir, vier Wochen vor dem Krieg, als ich selbst am Bau arbeitete, worin ich meine große Liebe zum Bau niederlegte, meine Begeisterung beim Schnitzen. Ich schrieb einen Satz: Es ist Abend, ich bin sehr müde, kann die Hand kaum bewegen. Nun schaue ich den Bau noch einmal an, und ich fühle mich wieder frisch. - Oder ich beschreibe, wie ich den Bau anschaute und nachher in die stille Nacht gehe, und dann die Sterne ganz neu empfand. Dieser Bau war für mich ein lebendiger Organismus. Er war das, was die Anthroposophie für uns sein sollte, nämlich ein geistig-seelischer Mensch in viel erhöhterem Maße noch. Er war ein Wesen. Herr Dr. Steiner sagte einmal zu mir: Der Bau möchte etwas Neues hören, er möchte Vorträge, worin wirklich schöpferische Menschen sprechen. Wir alle in Dornach, wir empfanden diesen Bau als Wesen, und wir empfanden sein Abbrennen als den Verlust auch eines Wesens.
Hier, verehrte Anwesende, bin ich, ohne es eigentlich zu wollen, von Stuttgart _ wiederum weggekommen zu einem, das mir auch wichtig zu sein scheint, weil es nämlich nicht nur für Deutschland wichtig ist, sondern für die ganze Welt. Ich habe die Empfindung: man sollte weiter blicken, über Deutschland hinaus, man sollte beachten, daß die anthroposophische Sache eine internationale Angelegenheit geworden ist. Wir bekommen Briefe von Rußland. Persönlichkeiten von dort kommen nach Dornach und erzählen, was in Moskau geschieht, wie man dort arbeitet, wie man dort zu wirken sucht. Wir bekommen Briefe von England, von Australien. Es hat sich sogar in Neuseeland eine anthroposophische Gesellschaft gebildet, die sich Dornach anschließt. Das alles ist ungeheuer wichtig. Deshalb muß die deutsche Gesellschaft, von der ja so viel abhängt, positiv nun sein. Es hängt ja von Deutschland zunächst die Konsolidierung der Gesellschaft überhaupt ab. Wenn es in Deutschland nicht zustandekommt, daß wir eine starke Gesellschaft werden, so ist der Wiederaufbau des Goetheanums gefährdet; denn es hat ja keinen Sinn, wenn man keine Gesellschaft hat, einen Bau zu haben.
Man hat gesagt, daß dieser Bau «nicht so schön» sein wird. Dieser Bau wird von Herrn Dr. Steiner ausgeführt werden; er wird ein Werk seiner Hand sein und er wird uns lieb sein, wenn er auch nicht so schön ist. Das glaube ich überhaupt nicht. Er wird anders sein, er wird meiner Ansicht nach so sein, daß er gewappneter ist gegen die Außenwelt. Er wird ja nicht aus Holz, sondern aus Beton sein. Er wird einen Steinpanzer haben. Er wird vielleicht mehr an etwas erinnern, was in den Katakomben zu sehen war, geistig-seelisch. Er wird eine Burg sein. Und ich möchte zum Schlusse dessen, was ich sagte, Sie bitten, dieses Bild in sich zu tragen. Ich glaube, wenn Sie dieses Bild haben dieses gepanzerten Baues, dann werden Sie sich selbst auch panzern. Sie werden stark werden. Sie werden die Feinde abweisen können. Dann wird, was Dr. Steiner einmal sagte, ganz gleichgültig sein, wie diese Feinde sind, wir werden gepanzert sein. Und wenn diese Feinde mit Kanonen gegen uns rücken, wie Dr. Steiner sagte, es kann uns gleichgültig sein —- wenn wir nur Geist in uns haben und damit das Recht zur Existenz! Die Götter werden uns nicht im Stich lassen.
Herr Leinhas übernimmt wieder den Vorsitz: Herr Steffen hat gezeigt, daß man auch zur Sache sprechen kann.
Frau Gertrud Müller-Thalwitzer, Königsberg, spricht über die Arbeit im Osten Deutschlands und schlägt vor, daß örtlich einander naheliegende Zweige sich zusammenorganisieren mögen, zum Beispiel Danzig und Königsberg. Auch von alljährlichen «Gautagungen» einzelner Teile Deutschlands könnte man sich etwas versprechen, da die einzelnen Gegenden Deutschlands ganz verschieden sind. Die Zyklen Dr. Steiners, besonders die älteren, sind oft nicht mehr zu bekommen; das Ausleihen für die Zweigarbeit zu erleichtern, wäre eine dankenswerte Aufgabe. Dann sollte etwas geschaffen werden, um die materielle Lage der Zweige oder Zweigleitungen zu sichern; das ist besonders wichtig im Hinblick auf die Wühlarbeit der Gegner, durch die heute mancher um seine Existenz kommen könnte, bloß weil er Anthroposoph ist. Es wäre daher auch eine Aufgabe, die Hilfsbereitschaft unter den Mitgliedern zu fördern.
Sie machte den Vorschlag: einen «Haupthilfsfonds» zu gründen für die notleidenden Mitglieder der Gesellschaft.
Rudolf Steiner: Ich möchte eigentlich positiv nicht eingreifen, da ich der Überzeugung bin, daß in diesen Tagen das, was geschehen soll, aus der Mitte der Anthroposophischen Gesellschaft selbst hervorgehen muß und daß es sich von mir aus nur um einige Anregungen handeln kann, die ich aber auch später vorbringen könnte. Was mich veranlaßt, gerade jetzt in die Diskussion einzugreifen, ist dies: vielleicht auf einiges aufmerksam machen zu können, was die Diskussion fruchtbar gestalten würde. Aus verschiedenen Äußerungen in der Diskussion ging hervor, daß doch zu wenig Information bei unsern Freunden herrscht über den Grund, warum wiir eigentlich diesmal hier zusammengekommen sind. Man hörte das aus den Diskussionen heraus, aber auch aus der Art, wie dadurch notwendigerweise gesprochen werden mußte. Deshalb möchte ich das Positive, das ich zu sagen habe, mir auf einen späteren Zeitpunkt sparen, indem ich die beiden Vorträge, die ich halten werde, aus diesem Thema heraus gestalte. Ich werde deshalb morgen sprechen über die Bedingungen der Gemeinschaftsbildung in einer Gesellschaft, wie es die anthroposophische ist, werde also namentlich die Anregungen, wie sie von Dr. Rittelmeyer und anderen ausgegangen sind, behandeln. Den zweiten Vortrag werde ich ebenso aus einem Thema behandeln, das sich aus der weiteren Diskussion ergeben wird. Aber darauf möchte ich aufmerksam machen, daß unsere jetzige Versammlung nur fruchtbar werden kann, wenn auf Grundlage der Erkenntnis der Mangelhaftigkeiten — die ja wohl zugegeben werden-, also der konkreteren Erkenntnis desjenigen, was mangelhaft ist, zu einer Gestaltung des Positiven geschritten wird. Daher möchte ich auch als Anregung namentlich für die Behandlung der Referate in den nächsten Stunden und Abenden eben doch auch einiges Negative vorbringen, aber etwas, was durchaus so geartet sein soll, daß es zu etwas Positivem führen kann.
Was seit 1918 die Arbeit so schwierig machte in der Anthroposophischen Gesellschaft, ist ja— wie ich glaube - in treffender Weise eigentlich doch in der Diskussion herausgekommen, und manches Wort, was zum Beispiel Dr. Büchenbacher gesprochen hat, könnte schon eine tiefgehende Anknüpfung finden. Ich möchte anknüpfen an Worte, die bereits gefallen sind, zum Beispiel an das Wort, das auch von mir öfters gebraucht wird: die Isolierung durch das Stuttgarter System.
Es ist im Jahre 1918 unter den Ihnen bekannten Umständen der «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» begründet worden. Er konnte bei seiner Gründung durchaus als etwas angesehen werden, das aus den Intentionen der Anthroposophischen Gesellschaft heraus eigentlich den Zeitverhältnissen gemäß gebildet werden mußte. Nur arbeitete man zunächst innerhalb des Gesamtrahmens der Anthroposophischen Gesellschaft für diesen Bund für Dreigliederung mit — wenn ich mich so ausdrücken darf — dem Apparate, mit dem bürokratischen Apparat, der hier in Stuttgart im Bunde für Dreigliederung eingerichtet worden ist. Denn was sollte man denn auch anderes tun? Aber da ergab sich folgendes: Ich kam eines Tages einmal hierher, erfuhr hier, daß vor - vielleicht waren es damals einige Wochen schon, ein Rundschreiben versendet worden ist, in das man hineingelegt hatte auch einen Aufruf zur Begründung des «Kommenden Tages». Es war das, was dazumal geschehen war, ein solcher Taktfehler, ein ungeheurer Taktfehler, der mitwirken mußte zu dem, was vorhin geschildert worden ist: Man bekam einen Schock, wenn man in die Anthroposophische Gesellschaft im Jahre 1918/19 hineinkam. Und ich mußte einfach darauf hinweisen: es durften eben nicht die zwei Dinge miteinander konfundiert werden! Denn was sollten sich die jungen Mitglieder denken, wenn sie sich erst noch mit unseren idealistischen Dingen befassen und dann den Aufruf zur Gründung des «Kommenden Tages» zugeschickt erhielten? Ich mußte es also in der entschiedensten Weise ablehnen, daß solche Dinge geschehen. Ich erkundigte mich bei der Leitung des «Bundes für Dreigliederung», wie das gekommen sei, und man erklärte mir damals, es sei geschehen, weil man eben nur ein Briefcouvert verwenden wollte für beides. Aber sonst ist man nicht so darauf bedacht! Denn in dieser valutaelenden Zeit wurde mir neulich ein Couvert überreicht mit dem Bemerken, daß so etwas doch übelgenommen werden müßte: ein Couvert, mit dem jemand eine Gutschriftanzeige über 21 Mark erhielt und das frankiert war mit 150 Mark. Es ist ganz selbstverständlich, daß solche Gedankenlosigkeiten auf einer gesunden Grundlage der Gesellschaft nicht wuchern würden. Ich erkundigte mich auch weiter bei den Leitern des Bundes über diese Angelegenheiten und erfuhr, daß sie von der ganzen Sache nichts wußten. Ich stand also vor einer, im echten Sinne des Wortes, zur Konfusion führenden Demokratie und konnte mir nicht anders helfen, als daß ich sozusagen mit Fäusten um mich schlug und sagte: Da mache ich nicht mehr mit! — Das führte zu einer Art Regeneration des Bundes für Dreigliederung - den Persönlichkeiten nach, aber nicht dem Geiste nach —, denn was dann weiter gemacht wurde, das wurde aus demselben Geiste heraus unternommen.
Ich führe dies an, weil daraus ersichtlich wird, wie die Dinge, die hier aus den Intentionen der Anthroposophischen Gesellschaft gemacht wurden, auf den Sand gelaufen sind. Deshalb hatte ich erwartet, daß nach dem Vortrage von Dr. Kolisko ein Redner aufstehen und sagen würde: Wir wünschen eine Äußerung derjenigen, die am Stuttgarter System beteiligt sind, daß sie uns sagen, was sie dazu vorzubringen haben! Dann hätte daraufhin weiter diskutiert werden können. — So wie die Dinge seit 1918 liegen, war ich genötigt, mit der Stuttgarter Organisation zu arbeiten — denn ich konnte sie nicht, nachdem sie einmal da war, übergehen. Und die Stuttgarter Organisation isolierte sich immer mehr und mehr. Aber was war die Folge? Da ich das Stuttgarter System nicht desavouieren konnte, so war die Folge, daß ich mit isoliert wurde. Deshalb mußte ich im Herbst 1922 [am 10. Dezember] mit Herrn Uehli reden, daß er sich bespricht mit den Mitgliedern des Zentralvorstandes, wie die Dinge anders werden könnten, und daß, wenn ich wieder nach Stuttgart käme, die prominenten Führer der Bewegung sich mit mir unterredeten, wie die Dinge anders werden könnten; widrigenfalls ich genötigt wäre, mich über die Köpfe der Organisation hinweg an die Mitglieder der Gesellschaft zu wenden, damit die Dinge anders würden. — Wir sind ja aufgefordert worden, «frisch von der Leber weg» zu reden, ich will also damit beginnen.
Die Isolierung wurde geradezu systematisch betrieben. Im September 1921 fand ein Kongreß statt, wobei auch eine Art Versammlung der Anthroposophischen Gesellschaft stattfand. Da wurde ein Zentralvorstand gebildet; der gab zunächst den Inhalt dessen, was damals verhandelt worden war, in einem «Mitteilungsblatt» heraus. Von daan konnten die Mitglieder in einem gewissen Sinn fragen: Wo ist denn der Zentralvorstand? Denn das letzte Mitteilungsblatt kam heraus Neujahr 1923, und bis dahin hatte der Zentralvorstand nie etwas an die Mitglieder gelangen lassen von dem, was ich selbst gesagt habe. So war mir die Möglichkeit genommen, mit der Gesellschaft selbst in Verbindung zu treten. Also ich wurde im besten Sinne mit isoliert. Ich möchte die Frage stellen - ich weiß ja die Antwort, aber hier in der Delegiertenversammlung muß diese Frage gestellt werden: Was hat der Zentralvorstand zwischen den beiden Mitteilungsblättern vom Jahre 1921 und 1923 getan?
Diese Dinge erwähne ich jetzt deshalb, weil sie Gegenstand der Spezialdebatte werden müssen. Es sind die Punkte der Spezialdebatte angekündigt worden; sie kann aber nur fruchtbar werden, wenn diese Dinge wirklich beantwortet werden. Denn man wird daran handgreiflich sehen, wie es in der Vergangenheit gegangen ist und wie es in der Zukunft nicht wird gehen können. Man muß aus dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, die Schlüsse ziehen für das Arbeiten in der Zukunft.
Ich möchte nun noch auf etwas anderes hinweisen, was uns wieder auf einen größeren Horizont führen kann. Die Aufgaben, welche die Anthroposophische Gesellschaft erhalten hat, sind immer größer geworden. Es war die Pflicht der Leitung, mit diesen Aufgaben zu wachsen. Dazu war es nötig, daß man sich in eingehender Weise für die Aufgaben interessierte. Deshalb möchte ich ganz kurz skizzieren, weil das in die Spezialdebatte einfließen muß, daß vor allen Dingen einer solchen Gesellschaft, wie es die anthroposophische ist, aus allem, was sie in der Gegenwart tut, die striktesten Verpflichtungen für die Zukunfterwachsen. Die Gegner prellen hervor- einfach deshalb, weil die Anthroposophische Gesellschaft da ist. Nun kann man im Augenblicke nicht alles mögliche tun, aber die Wege müssen beschritten werden, daß die Dinge weitergeführt werden. In Stuttgart lagen die Sachen so, daß man fortwährend «Programme machte» und sich dann um das, was man so an Programmen bildete, nicht weiter kümmerte. Ein Beispiel dafür ist der «Bund für freies Geistesleben». Ohne den Willen zur Durchführung — und auf diesen Willen kommt es an- kann eben nichts fruchtbar werden in der Anthroposophischen Gesellschaft. - Wir haben die Waldorfschule gegründet und bilden aus den Kräften, die sich aus der Anthroposophie heraus ergeben, mit einer durch die Anthroposophie gegebenen Pädagogik und Didaktik Schüler aus. Was da geleistet werden kann, spürt man bis in die ganz junge Schülerschaft der Waldorfschule hinunter. Aber schon lange bevor das Stuttgarter System eingetreten ist, mußte ich immer wieder eines hervorheben, was mir schmerzlich vorkam. Ich mußte sagen: Wenn wir nun jemanden auf diesem oder jenem Gebiete ausgebildet haben, dann muß er in die Verhältnisse der Welt hinaustreten, die wir negieren. Damit ist von vornherein vieles, was wir tun, zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Es kommt ja selbstverständlich jemand, der nach unseren Kräften ausgebildet worden ist in unserer Mitte, in das hinein, was man «die Außenwelt» genannt hat, wo er Verhältnisse trifft, in denen er nichts anwenden kann von dem, was er in unserer Mitte erreicht hat. Daher entsteht die große Sorge: Wie gestalten wir die Zukunft derer, die ihre Kräfte aus unserer Mitte heraus bekommen? - Ich habe immer wieder und wieder auf diesen Gedanken hingewiesen, weil gerade die idealsten Aufgaben wenig Anklang gefunden haben. - Ich habe Ihnen nun von denen, die so jung sind, daß sie noch gar nicht drinnen sein können in der Gesellschaft, auch eine Zuschrift zu verlesen, die Sie zusammenfassen können als eine Art Fazit.
Erklärung
Eine Anzahl Schüler der obersten Klassen der Freien Waldorfschule möchte folgendes zur Kenntnis der Delegiertenversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft bringen:
An Ostern 1924 geht die erste Klasse der Waldorfschule ab. In unserem heute üblichen Mittelschulwesen ist mit diesem Abgehen die Reifeprüfung verbunden. Besonders durch die wachsende Gegnerschaft, die sich gegen die anthroposophische Bewegung und in ebenso scharfem Maße auch gegen die Freie Waldorfschule richtet, wird aber dem Abiturienten das Examen außerordentlich erschwert. Außerdem widerspricht es dem Wesen der Waldorfschul-Pädagogik, wenn in solchen Augenblicksprüfungen über das Wesen des werdenden Menschen entschieden werden soll.
Nur diese Maturitätsprüfung eröffnet uns jedoch den Zugang zum heutigen Hochschulwesen. Aus allem, was man von den gegenwärtigen Hochschulen hört, geht hervor, daß dort nicht mehr jene Wissenschaft gelehrt wird, die lebendig den ganzen Menschen erfaßt; sie ist nur ein abstraktes, haltloses Wissen, das immer mehr in den Dienst wirtschaftlicher Interessen gestellt wird. Die Zeitverhältnisse beweisen, daß aus jenen Anstalten nicht mehr jene geistigen Führer hervorzugehen vermochten, die das deutsche Volk und die ganze Menschheit in der Gegenwart brauchen.
Darum bedarf es gerade heute solcher Hochschulen, die den im Menschen schlummernden Anlagen voll zur Entfaltung verhelfen und nicht in äußerlicher Weise dem Fachstudium und der bloßen Berufsausbildung dienen. Das, was mit der Waldorfschul-Erziehung angestrebt wird, muß auch darüber hinaus für die Hochschulen gelten, sollen die in der Waldorfschule gelegten Keime sich auch weiterhin frei entfalten können.
Die Waldorfschüler sehen in dieser Lage nur einen Ausweg: Es muß ein freies Hochschulwesen angestrebt werden. In einer freien Hochschule muß aus anthroposophischem Geiste heraus seine Fortsetzung finden, was mit der Waldorfschul-Erziehung begonnen wurde. Wir Waldorfschüler hoffen, daß die anthroposophische Bewegung das, was aus ihr heraus in der Waldorfschule entstanden ist, weiterführen wird und dem Bedürfnis nach einem freien Hochschulwesen gerecht werden wird. Wir hoffen, daß diese Idee das liebevolle Verständnis und die kraftvolle Unterstützung finden wird, die nötig ist, damit die Kräfte, die durch die Waldorfschule zur Geltung gebracht werden können, sich später auch kraftvoll auswirken und zur Geltung kommen da, wo sie gebraucht werden.
Hier spricht die Sorge desjenigen, was wir bei den Jüngsten sehen, bei den Knaben und Mädchen, die unserer Bewegung nahestehen. Daraus ergibt sich die Frage: Wie stellt sich die eventuelle Leitung einer Anthroposophischen Gesellschaft zu den wichtigsten Zukunftsfragen? Wie denkt sie darüber? - Selbstverständlich können die Dinge nicht von heute auf morgen gemacht werden. Aber wie wird weiter gedacht über die Dinge, seitdem nach dem Aufstellen des Programms des Hochschulbundes überhaupt nicht mehr durchgreifend gedacht worden ist? Also die Frage ist weiter zu behandeln: Wie denkt man in der Anthroposophischen Gesellschaft, so in Zukunft zu wirken, daß wirklich an die Zukunft gedacht wird?
Dieses Nichtdenken an die Zukunft drückt sich sehr stark aus. Wir haben eine Reihe von Kongressen gehabt, die sind in sich glänzend verlaufen. Gerade bei den Kongressen war es so, daß Ausgezeichnetes von den Intelligenzen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft geleistet worden ist. Hat man sich dann umgesehen innerhalb eines weiteren Horizontes über die Auswirkung eines solchen Kongresses, so hat man erfahren: Ja, das ist sehr schön, was da vorgebracht worden ist, aber die Anthroposophen sind so, daß es uns gar nicht einfällt, ihnen nahetreten zu wollen. — Das ist etwas, was eigentlich in Anknüpfung an jeden Kongreß erfahren werden mußte. Das ist etwas, was ich kleiden möchte in den Satz: Vieles ist — gerade von den führenden Persönlichkeiten — durch den Fanatismus und durch die Engherzigkeiten, die da walteten, dazu beigetragen worden, Leute abzustoßen, deren Mitarbeit wir sehr nötig hätten!
Das ging einfach aus gewissen Dingen hervor, die in der Unumgänglichkeit lagen. Man muß da sehr stark auf Gefühlsmomente hinweisen: Es war keine Neigung vorhanden, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Und auseinandersetzen muß man sich mit der Welt, wenn man ihre Mitarbeit, nicht ihre Gegnerschaft haben will. Das zeigte sich dann sehr stark in der realen Folge. Ich bitte Sie nur zu berücksichtigen, daß es immer schwerer wird, Waldorfschullehrer zu finden. Warum? Weil die Einkapselung System geworden ist. Und nachdem die Zahl derjenigen erschöpft ist, die noch in den besseren Zeiten der Anthroposophischen Gesellschaft sich in diese hineingefunden haben und diese Persönlichkeiten in die in Frage kommenden Posten hineingekommen sind, ist es nicht möglich, daß wirklich neue Menschen sich hineinfinden. Gerade wenn man auf solche Systeme stößt, wie es vorhanden war im «Bund für Dreigliederung», dann ist es handgreiflich, daß Persönlichkeiten, die gute Mitarbeiter werden könnten, wenn sie auf eine menschliche Weise die Anthroposophie kennenlernten, sich zunächst einfach — nicht durch die Anthroposophie, sondern durch die Behandlung, die sie erfahren — abgestoßen fühlen.
Diese Beziehungen müssen in der Spezialdebatte geregelt werden, denn hier liegen die Aufgaben für die Zukunft. Die Aufgaben liegen vielfach in einer Umänderung des ganzen Taktes, der in der Gesellschaft herrscht. Die Aufgaben liegen darin, daß es nicht darauf ankommt zu sagen: Die Stuttgarter haben keine Zeit. — Es werden schon die Freunde nicht verlangen, daß mit jedem einzelnen Stunden zugebracht werden; aber was in den Minuten geschieht, das ist es, worauf es ankommt und was so vielfach dazu geführt hat, daß einem das Echo von draußen entgegentönte: Ja, wenn man nun doch einmal nach Stuttgart kommt, so verschlägt es einem die Rede! Und wenn man dann wieder weggegangen ist, so verschlägt es einem den Atem! — Ich kleide das in etwas radikale Ausdrücke, aber wir sind ja aufgefordert worden, «frisch von der Leber weg» zu sagen, was vorgebracht werden müßte.
Das sind die Dinge, über die gesprochen werden muß von dem abtretenden oder von dem wieder hinzutretenden Zentralvorstand, Dinge, über die nicht geschwiegen werden darf. Denn fragen Sie: Wodurch sind die Zweige eingeschlafen? -, so erhalten Sie die Antworten, daß der Vorstand nicht einmal während der zwei Jahre Mitteilungen hinausgesandt hat. Ich will keine Kritik üben, es ist nur terminologisch gemeint. Aber indem auch von seiten der Stuttgarter diese Dinge in ihrem Lichte erörtert werden, kann dasjenige entstehen, was entstehen muß und was die Gesellschaft weiterführen kann. Was sie weiterführen kann, ist allein der Wille dazu. Der Wille der Mitglieder muß aber in richtiger Weise mit dem Willen der Leitung zusammengehen können. Wenn das nicht der Fall ist, muß wenigstens herauskommen, warum das nicht der Fall ist; dann wird sich schon zeigen, wie der Sache abzuhelfen ist.
Also es handelt sich nicht darum, daß wir über ganz Allgemeines sprechen, sondern daß wir aus der Erkenntnis der Mangelhaftigkeiten fruchtbare Ideen finden für die Fortführung der Anthroposophischen Gesellschaft. - Die Behandlung der einzelnen Fragen bitte ich doch unter diesen Gesichtspunkt zu stellen; dann wird die Diskussion fruchtbar werden; auch wenn nur fünf Minuten von jedem geredet wird.
Ich möchte dann selbst in meinen zwei Vorträgen gerade über Angelegenheiten des anthroposophischen Lebens sprechen, wie sich die Dinge mir aus den Verhältnissen heraus ergeben.
Nachmittagsversammlung
Herr Leinhas gibt bekannt, daß vorgesehen ist, daß über die in Betracht kommenden Punkte am Nachmittage gesprochen werden soll, und er macht den Vorschlag, im Sinne der Anregungen Dr. Steiners jetzt weitere Anregungen zu geben.
Herr Dr. Carl Unger, Stuttgart, will im Zusammenhang mit dem, was Herr Dr. Steiner gesagt hat, einiges vorbringen, was mit den Antezedenzien zu tun hat. Aus einer Rückschau ergibt sich vor allem, daß auch viele Stuttgarter und gerade diejenigen, die ursprünglich Träger der anthroposophischen Arbeit in Stuttgart waren, furchtbar gelitten haben unter dem, was man das Stuttgarter System genannt hat. In dem Maße, wie hier die Begründungen vollzogen worden sind, wurden von auswärts viele Persönlichkeiten zugezogen, die Mitarbeiter werden sollten, um die Unternehmungen vorwärts zu bringen. Dadurch wurde man aber selbst abhängig von dem, was man heraufgerufen hatte. Die Hierherberufenen wurden nun auch zur Mitarbeit im anthroposophischen Leben geworben, damit sie die Verantwortung tragen helfen. Aber es war eine Zeit, wo man kein Interesse finden konnte für die Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft. Es mag daran gelegen haben, daß man selbst nicht imstande war, dieses Interesse allgemein lebendig zu erhalten. Sodann wies der Redner darauf hin, daß er sich veranlaßt sah, sich zurückzustellen, da er keine Möglichkeit sah, das Anthroposophische in der Weise weiterzupflegen, wie es gerade in Stuttgart durch fünfzehn Jahre hindurch im Mittelpunkt stand. Mit den Begründungen sind die Aufgaben der Gesellschaft gewachsen. Bei der Einfügung der Unternehmungen in die Gesellschaft sind sicher Fehler gemacht worden, insbesondere fehlte es an der Verantwortlichkeit der anthroposophischen Leitung gegenüber diesen Gründungen. Der Sprecher wies darauf hin, wie er sich selbst gerade in wichtigsten Angelegenheiten zur Inaktivität verdammt fühlte, dadurch, daß er kein Ohr mehr fand für das, was aus der alten Verbundenheit mit der Gesellschaft vielleicht hätte zur Geltung kommen sollen.
Herr Ernst Uehli, Stuttgart, schilderte, wie er nach Stuttgart berufen wurde im Jahre 1919 als Redakteur der Zeitung, und wie er dann durch das Nichtfunktionieren der Leitung des «Bundes für Dreigliederung» mit der Leitung dieses Bundes betraut wurde, als dieser schon bureaukratisch geworden war. Er gibt zu, daß es ihm nicht gelungen ist, den Bund aus dem Sumpf, in den er geraten war, herauszuführen. Als dann die Teilnahme an der Redaktion der «Drei» und die Arbeit des Zentralvorstandes dazukam, sei ihm die Last zu schwer geworden. Er hätte Aufgaben auf sich genommen, denen er nicht gewachsen war. Nun wolle er versuchen, sich aus der Isolierung herauszuziehen. Er habe sich daher vom Zentralvorstand zurückgezogen, um nicht mehr fortzufahren das zu tun, was er nicht könne, sondern zu tun, was er könne. Er kenne seine Fehler im Verkehr mit den Menschen, werde aber nun suchen, seine Arbeit als freier Mensch hineinzustellen in die Entwickelung der Gesellschaft.
Herr Rektor Moritz Bartsch, Breslau, sprach nun aus, was die Zweige ihrerseits unterlassen haben zu tun. Die Autonomie der Zweige, von der Dr. Steiner gesprochen hat, sei zu wenig beachtet worden. Im Osten wurde man weniger berührt von dem Stuttgarter Bureaukratismus. Die Selbständigkeit der Persönlichkeiten und der Zweige beruhe auf dem Geist der «Philosophie der Freiheit». Bei der inneren Entwickelung sei immer die Gefahr des Subjektivismus. Es sei manchmal wie in der Dorfkirche, wenn derjenige, der gemeint ist, sich darüber freut, daß ein anderer etwas abgekriegt habe.
Herr Andreas Körner, Nürnberg: Man spricht zuviel von der Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft, aber zu wenig vom Entwurf der Grundsätze. Davon scheint wenig eingeflossen zu sein. Es fehlt an Interesse für das Individuelle im andern Menschen. Wir kennen den Vorstand aus Vorträgen und Büchern, aber der Vorstand muß auch die Mitglieder kennen. Dr. Steiner sagte einmal, er denke jeden Tag an jedes Waldorfschulkind, bei uns sollte etwas Ähnliches geschehen.
Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Es kommt nicht darauf an, daß der Zentralvorstand sich entschuldigt, sondern darauf, daß im Sinne wie Dr. Steiner angedeutet hat, fortgefahren wird, die konkreten Verhältnisse zu schildern, die zum Stuttgarter System geführt haben. Der Mangel an Aufklärung ergibt sich besonders bei der Angelegenheit der religiösen Erneuerung.
Herr Uehli war zu den sämtlichen Theologenkursen und zu der Begründung der Bewegung für religiöse Erneuerung zugezogen worden. Aber es fehlte ihm völlig das Bewußtsein, daß er die Gesellschaft über die Bewegung zur religiösen Erneuerung aufklären müsse. Sogleich hätte bei der Rückkehr von Herrn Uehli aus Dornach der Zentralvorstand sich beraten, Mitteilungen hätten sogleich statt im Januar herausgehen und überall hätte die Mitgliedschaft aufgeklärt werden müssen. Es war eben eine ganz allgemeine Erscheinung, daß kein Bewußtsein davon vorhanden war, daß man für die Anthroposophische Gesellschaft etwas zu tun habe. Ähnlich war es zur Zeit der Dreigliederungsbewegung gewesen. Da war eine Zeit, wo es wie eine Art Parole war, daß es jetzt Dreigliederung gelte und nicht mehr Anthroposophie. Wir müssen versuchen zu verstehen, wie psychologisch so etwas wie das Zusammenbrechen Herrn Uehlis unter der Last der Arbeit und die Inaktivität Dr. Ungers zu verstehen ist. Zu den für das «Stuttgarter System» symptomatischen Dingen gehört auch, wieviel durch Briefe, die von Stuttgart ausgingen, usw. von allen Seiten gesündigt worden ist. Wir müssen solche Dinge, die geschehen sind, konkret aussprechen. Wir werden nur weiterkommen, wenn wir das Negative hinstellen und das Positive tun.
Der Vorsitzende, Herr Emil Leinhas, kündigt an, daß die von den Einberufern der Versammlung vorbereiteten Referate nun ablaufen sollen.
Dagegen erhebt sich allgemeiner Widerspruch. Es kommt zu einer Geschäftsordnungsdebatte, in welcher die Redner ausführen, man wolle die Referate jetzt nicht hören, denn damit vergehe die Zeit, viele der Freunde müßten wieder abreisen, ohne vielleicht zu Wort zu kommen, die Generaldiskussion müsse fortgesetzt werden.
Herr Ernst Lehrs, Jena, führt aus, man müsse den Einzelreferaten das MenschlichAnthroposophische vorausschicken. Dr. Rittelmeyer sei hierzu der Geeignetste.
Herr Wilhelm Rath, Berlin, Herr Walter Mayen, Breslau, stimmen dem zu.
Herr Dr. Friedrich Rittelmeyer, Stuttgart, sagt, es sei nötig, daß ein Gesamtbild gegeben werde, aber er möchte es selbst nicht tun.
Herr Dr. Carl Unger, Stutigart, weist auf die Notwendigkeit der Referate über die einzelnen Institutionen hin, weil gerade aus ihrer Begründung die Schwierigkeiten gekommen sind.
Herr Dr. Walter Johannes Stein, Stuttgart, bittet die Versammlung, die Referate anzuhören. Würde man sie nicht anhören, so sei all die Mühe der Vorbereitung umsonst, auch die Mühe, die sich Herr Dr. Steiner gegeben habe mit denen, die nach vieler schmerzlicher Selbsterkenntnis, zu der sie Herr Dr. Steiner geführt hat, die Prüfung der hiesigen Methoden vorgenommen haben. In den Referaten werde im einzelnen herauskommen, wo die Fehler gemacht wurden, und nur auf Grund dieser Einsicht könne es besser werden. Seiner Überzeugung nach sei niemand im Saal anwesend, mit Ausnahme Herrn Dr. Steiners, der das Wort dazu aber wohl nicht ergreifen würde, der imstande wäre, ein Gesamtreferat zu geben.
Herr Dr. Rudolf Steiner weist darauf hin, daß man das Praktische ins Auge fassen müsse, sonst käme man nicht weiter. Mit Geschäftsordnungsdebatten käme man nicht weiter. Daher stelle er jetzt auch einen Antrag zur Geschäftsordnung, nämlich den:
Herr Leinhas möge das Neuner-Komitee fragen, wer das aligemeine Referat halten wolle. Finde sich jemand, so sei das gut. Wenn nicht, so sei das auch eine Manifestation. In der Vorbereitung seien jedenfalls nur einzelne Referate herausgekommen, und Dr. Stein habe ehrlich gesagt, wie es damit stehe.
Da niemand sich meldet, bietet sich schließlich Dr. Unger an, das Gesamtreferat zu halten. Der Vorsitzende stellt fest, daß die Versammlung dieses Referat von Dr. Unger nicht wünscht.
Die Versammlung erklärt sich nun bereit, die Einzelreferate zu hören.
Es folgt daher das vorgesehene Referate über Dreigliederung.
Herr Dr. Carl Unger, Stuttgart: Mit der Bewegung zur Dreigliederung des sozialen Organismus stehen wir am Ausgangspunkt der Schwierigkeiten, die heraufgekommen sind. Diese Bewegung wandte sich voll an die Außenwelt. Durch ihr Mißlingen hat sie die Anthroposophische Gesellschaft am meisten geschädigt und in ihrer Arbeit gestört. Es handelt sich nun bei diesen Referaten darum, das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft als Gesellschaft zu den Institutionen, welche seit 1919 in ihrer Mitte Platz gegriffen haben, zu bestimmen. Da kann darauf verwiesen werden, daß es die Anthroposophie immer in ihren geistigen Impulsen trug, für das praktische Leben wirksam zu werden. Es hat dies seinen Ausdruck gefunden im Entwurf der Grundsätze, den ja Herr Dr. Steiner verfaßt hat. Sodann darf auf die Aufsätze von Dr. Steiner in «Luzifer-Gnosis» verwiesen werden, die 1905 über die soziale Frage erschienen sind. Herrn Molt, dessen Name ja mit der Dreigliederungsbewegung verbunden ist, wurde vom Referenten etwa 1908 der Rat gegeben, sich mit diesen Aufsätzen zu beschäftigen, die überhaupt kaum beachtet worden waren. Dr. Steiner verwies in seinem Wiener Zyklus 1914 auf die soziale Frage als Karzinom im gegenwärtigen Leben, und die Herbstvorträge von 1918 in Dornach wirkten als starker Impuls, so daß nach dem Zusammenbruch der deutschen Verhältnisse in Stuttgart der Versuch gemacht wurde, aus anthroposophischer Arbeit heraus in das Chaos einzugreifen. Dies führte später dazu, daß eine Abordnung von Stuttgart von Herrn Dr. Steiner Rat und Hilfe erbat. Es soll nun keine geschichtliche Darstellung gegeben werden, aber es ist zu beachten, daß diese Bewegung aus anthroposophischem Enthusiasmus unternommen wurde. Die rasche Aufnahme der Stuttgarter Initiative bei den anthroposophischen Freunden weist auf die angesammelte anthroposophische Energie hin, die zur Auslösung kam. Der anfängliche Erfolg war dem unermüdlichen Wirken Dr. Steiners zu danken. Als die «Kernpunkte» erschienen, konnte auch in diesem Werk der anthroposophische Hintergrund wohl erkannt werden. Und es wurde hier oft versucht, dies zur Geltung zu bringen. Die Bewegung brach plötzlich zusammen, ließ aber eine ungeheure Gegnerschaft zurück, die sich nun auf die Anthroposophie und Dr. Steiner stürzte. Nun hätte das Anthroposophische sich rein herausgliedern sollen, wozu schon der Kulturratsaufruf ein Auftakt hätte werden können. Aber die Arbeit der Anthroposophischen Gesellschaft war weitgehend zerstört worden. Die Zweige waren in Beschlag genommen durch die Dreigliederung. Die Agitation in der Öffentlichkeit hatte zu einer gewissen Oberflächlichkeit geführt, die nun dem anthroposophischen Vortragswesen anhing.
Die Dreigliederungsbewegung ließ vieles zurück. Zunächst in gutem Sinne die Waldorfschule, die aus sozialem Impuls von Herrn Molt gegründet wurde, ferner den «Kommenden Tag», der innerhalb seiner selbstgesetzten Grenzen ausgezeichnetarbeitet. Aber eshängen auch damit zusammen die verschiedenen wissenschaftlichen Institute, das Klinisch-therapeutische Institut, die Zeitschriften und der «Bund für freies Geistesleben», über deren Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft besondere Referate berichten sollen. Für die Gesellschaft selbst gilt es nun, in ihrer Arbeit den Impuls des Sozialen im Inneren auszuwirken. Da kann er beitragen zur Entfaltung des ganzen Menschen. In der sozialen Forderung liegt etwas, was mit der Umgestaltung des ganzen Menschen zusammenhängt. Auch nach außen darf die Vertretung des Sozialen nicht versäumt werden. Das Beispiel dafür, wie dies geschehen kann, sind die Vorträge, die Dr. Steiner beim Wiener Kongreß gehalten hat. Die Frage des Sozialen darf bei der Konsolidierung der Gesellschaft nicht fehlen, wenn sie im rechten Sinn erfolgen soll.
Der Vorsitzende, Herr Leinhas, eröffnet nun die Diskussion:
Herr Emil Molt, Stuttgart, weist darauf hin, daß es für ihn in vieler Beziehung darauf ankommt, neu anzufangen. Großer Schaden wurde angerichtet durch Vergessen der Pflichten der Gesellschaft gegenüber infolge des Aufgehens im Alltäglichen und im Berufe. Er spricht über die Gründe der Lähmung seines Wollens, erklärt sich aber, um der Verantwortlichkeit gerecht zu werden, bereit, am Wiederaufbau mitzuwirken, und bittet, ihm dabei zu helfen.
Herr Karl Herdener, Schnaitheim, spricht von dem, was einen Proletarier drückt. Er sei von Anfang an bemüht gewesen, auch mit Bürgerlichen zusammenzuarbeiten, und berichtet, wie er zur Bewegung gekommen sei. Hier hätte er gehört, es gäbe eine Arbeitsgruppe von Proletariern, das könne er nicht verstehen. In Heidenheim habe man frei zusammengewirkt. Es werde immer von Gemeinschaftsbildung und Menschentum geredet, in beinahe schlagwortartiger Form. Über Dreigliederung sei vom Unternehmerstandpunkt aus berichtet worden. Der Proletarier brauche die andere Seite. Das wisse der Anthroposoph am besten. Sodann spricht er über die Schule und von der Aufgabe, den Kindern, wenn sie die Schule verlassen, weiterzuhelfen. Wenn er in den Gewerkschaften darüber spreche, daß Liebe der Gedanke des Klassenkampfes sei, werde ihm immer entgegengehalten, daß die Aktionäre des «Kommenden Tages» Kapitalisten seien. Er erwähnt den Zeitungsartikel über die Zuchthausordnung der Waldorf-Astoria. Es müsse von der Anthroposophie aus etwas geschehen, was den Standpunkt des Proletariers berücksichtige, sonst könne er nicht mehr in der gleichen Weise für Anthroposophie eintreten, wenn er wieder zurückkehre. Es seien zuviel Doktoren zum Wort gekommen und kein Proletarier. Er wünscht, mit positiver Arbeit hier weggehen zu können.
Herr Adolf Arenson, Stuttgart, zur Sache: Im Zweig Stuttgart seien viele Proletarier, und wenn Herr Benzinger einen besonderen Zweig gegründet habe, müsse ihm dies freistehen. Im übrigen sei jetzt ein besonderer Abend für alle Mitglieder eingerichtet worden.
Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Bei der Arbeit des «Bundes für Dreigliederung» hat man es nicht verstanden, mit dem Proletariat so zu sprechen, daß es fühlte, daß ein volles Menschentum dahinterstand. Man hat nicht aus der Anthroposophie heraus gesprochen. Die Industriellen hat man verärgert. Später sind Agitatoren ohne genügend liebevolle Arbeit und Vorbereitung der Redner hinausgeschickt worden, so daß durch manchen Redner die Anthroposophie in Mißkredit gebracht worden ist. Damit hing es zusammen, daß bei der Vertretung der Dreigliederung in Oberschlesien trotz allem Enthusiasmus Fehler gemacht worden sind, welche dann dazu führten, daß die nationale Gegnerschaft entfesselt wurde. Mitdem Arbeitsmaterial des Bundes ist so verfahren worden, daß sogar ein unkorrigierter Vortrag Dr. Steiners bis in die Redaktion des «Hammer» (!) gelangte. Der Vortrag Dr. Steiners vor den Arbeitern der Daimler-Werke ist wahllos versandt worden, ohne Rücksicht darauf, daß er aus einer besonderen Situation gehalten worden ist. Bei anthroposophischer Gesinnung wäre eine solche Behandlung von Dr. Steiners Vorträgen unmöglich gewesen. Der Kulturratsaufruf ist liegengelassen worden, obwohl damit die wichtige Frage einer freien Hochschule verknüpft war. Da der «Bund für Dreigliederung» nicht mehr existiert, kann bei dieser Debatte nichts Positives vorgebracht werden, aber man kann an diesen Fällen zeigen, wie dieses alles bei richtiger anthroposophischer Gesinnung nicht möglich gewesen wäre und wie man jetzt nach außen Anthroposophie vertreten muß.
Herr Rektor Moritz Bartsch, Breslau, glaubt nicht, daß in Oberschlesien Fehler gemacht worden sind.
Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart, gibt noch einige Erklärungen dazu.
Herr Dr. Herbert Hahn, Stuttgart: Man muß die Sprache des Proletariats sprechen, wenn man zu Proletariern spricht. Als Dr. Steiner in der Waldorf-AstoriaFabrik einen Vortrag hielt, war das Anthroposophische so lebendig, wie es der Proletarier braucht. Das hatten die anderen Redner nicht, und als der Rückschlag erfolgte, wirkte die Art zu sprechen auf die anthroposophische Sache zurück.
Herr Dr. Hans Büchenbacher, Stuttgart: Herr Dr. Unger hat davon gesprochen, wie die Dreigliederungsbewegung hervorgegangen ist aus den Grundimpulsen der Geisteswissenschaft. Es wird ja nicht nötig sein, weiter gerade davon zu reden, sondern man sollte darüber sprechen, ob das Hinaustragen der Dreigliederungsbewegung in anthroposophischer Weise geschehen ist. Wenn man wirklich Anthroposoph ist, so kommt man zu einem gründlicheren Menschenverständnis, zu einem Verstehen der Zeitströmungen. Dies war bei der Dreigliederungsarbeit nicht vorhanden. Als während der Kämpfe um die Abstimmung in Oberschlesien von vielen anthroposophischen Rednern auch in Deutschland die Dreigliederung als friedliche, einzig gesunde Lösung der Frage hingestellt wurde, tauchte in der Presse die Anklage des Landesverrates wegen dieser Stellungnahme auf. Unsere Redner konnten überall in den Versammlungen mit diesen verleumderischen Anklagen fertig werden. Sie konnten ja schließlich immer darauf hinweisen, daß die Dreigliederer, wenn es doch zur Abstimmung käme, natürlich für Deutschland stimmen würden und daß dies auch Herr Dr. Steiner klar ausgesprochen habe. Von Stuttgart aus ließ man eine recht stolze Erklärung hinausgehen, die aber gerade diesen Punkt überhaupt nicht berührte. Man mußte dies dann nachholen, aber man mußte sich nun eben sagen lassen, daß dieser Standpunkt erst nachträglich auf Grund der Angriffe eingenommen worden sei, und das Odium des Landesverrates blieb so doch auf uns sitzen. Es ist das ein konkretes Beispiel dafür, wie gerade die Dreigliederung nach außen so vertreten wurde, daß Menschenverständnis, wie es Anthroposophie geben kann, sehr stark fehlte.
Herr Fred Geuter, Stuttgart: Das sogenannte «Stuttgarter System» hat seinen Ursprung darin, daß nicht verstanden wurde, gerade das zu vermeiden, gegen das wir uns in allen Reden und Vorträgen kritisierend wandten - gegen die Denkmethoden und Willensimpulse des «Westens». Der Bund bekam zum Beispiel unter anderem die Aufgabe gestellt, für eine «ehrliche Diplomatie» zu wirken. Wer diese Entwickelung dieser Institution zu verfolgen vermag — mußte ein Gegenteil feststellen. Was zunächst getan werden muß, ist, daß wir die Impulse, die wir entgegennehmen, in unseren Herzen verwirklichen, damit wir auch in der Tat handeln, wie wir reden. Sonst entstehen Seelenspannungen und Konflikte, die Unzufriedenheit, Krisen und nur unnötige Gegnerschaft hervorrufen.
Herr Johannes Thielemann, Meissen, spricht von ahrimanischen Wirkungen im Atherleib der Gesellschaft, die überwunden werden müssen.
Herr Max Benzinger, Stuttgart, weist den Vorwurf von Herrn Herdener zurück. Er habe einen Zweig begründet, weil er sehen wollte, ob man ein Doktor oder so etwas Ähnliches sein müsse, um einen Zweig zu leiten, oder ob ein Proletarier das auch könne. Außerdem wolle er das fortsetzen, was in der Dreigliederungszeit begonnen war mit den Proletariern. Der Redner rügt das vielfach falsche Verhalten der Anthroposophen gegenüber den Proletariern. Zum Beispiel gegen Dienstboten. Zwischen Tun und Sagen sei ein Abgrund. Er schildert einige Erlebnisse aus der Dreigliederungsbewegung, deren Ausschuß er angehörte. Die Proletarier haben Dr. Steiner verstanden, aber nicht diejenigen, die sonst darüber sprachen, deren Taten nicht mit ihren Worten im Einklang standen. Aus der Champignystraße berichtet er, es sei einem Angestellten in der Frage der wöchentlichen Auszahlung der Gehälter gesagt worden, er sinke ja auf die Stufe der Arbeiter herunter. Der Arbeiter sei feinfühlig, weil er fühle, ob der Mensch das auch tut, was er spricht. Er selbst sei als Hetzer verschrien worden.
Herr Wilhelm Conrad, Köln, stellt den Antrag, alle Referate hintereinander anzuhören.
Herr Dr. Rudolf Steiner: Ich meine, man sollte wirklich darauf Rücksicht nehmen, daß wir zu einem fruchtbaren Ende kommen. Es ist vielleicht tatsächlich so, obgleich das nicht gründlich genug betont worden ist, daß von diesen drei Tagen das Schicksal der Gesellschaft abhängt. Kommen wir in diesen drei Tagen nicht zu einem Ergebnis, so bleibt nichts anderes übrig, als daß ich mich selbst an jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft wende, daß das ausgeführt wird. Also, soll aus der Gesellschaft eine Reorganisation stattfinden, so muß das in diesen drei Tagen geschehen. Wir sind in einer Anthroposophischen Gesellschaft, da hängt alles zusammen. Sie werden sich am besten ein Urteil bilden können und auch über die Dreigliederung reden können, wenn Sie alles gehört haben. Es greift alles ineinander. Deshalb ist es am praktischsten, wenn Sie die Referate ablaufen ließen und sich ein Gesamtbild bilden, dann kann eine fruchtbare Diskussion herauskommen, während so jeder Redner versucht wird, über jede Einzelheit zu sprechen, was zur Unfruchtbarkeit führt. Herrn Conrads Antrag ist praktisch, daß wir so schnell wie möglich die Referate ablaufen lassen, damit wir wissen, was in der Gesamtheit vorgegangen ist in Stuttgart. Dann kann fruchtbar alles besprochen werden.
Dem Antrag Conrad wird stattgegeben.
Herr Emil Leinhas, Stuttgart, nimmt die Reihe der Referate durch einen Bericht über den «Kommenden Tag» auf. Er schildert die Entstehung der Aktiengesellschaft als den Versuch, einen Keimpunkt eines assoziativen Wirtschaftslebens zu bilden durch einen Zusammenschluß von Bank, Industrie und Landwirtschaft mit wirtschaftlich-geistigen Unternehmungen. Die Durchführung der Idee im großen scheiterte an dem mangelnden Verständnis, das ihr von maßgebenden Kreisen des Wirtschaftslebens entgegengebracht wurde. Im Frühjahr 1922 mußte, um nicht in Unwahrhaftigkeit zu verfallen, eine «Programmbegrenzung» proklamiert werden. Im Rahmen des unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglichen Programms erfüllt der «Kommende Tag» seine Aufgaben und erweist sich als ein Unternehmen von wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Herr Leinhas verschweigt nicht die Kinderkrankheiten, die das Unternehmen, das in einer recht schwierigen Zeit begründet worden ist, durchmachen mußte. Er weist ferner auf die Schwierigkeiten hin, die im menschlichen Zusammenarbeiten vielfach aufgetaucht sind, die aber immer mehr überwunden werden, je mehr es gelingt, die wirtschaftlichen Aufgaben des Unternehmens herauszuarbeiten und sie nicht mit den Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft zu vermengen. Herr Leinhas bittet die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, sich ihrer Aufgaben gegenüber dem «Kommenden Tag» und seinen einzelnen Unternehmungen, insbesondere dem Verlag und dem Klinisch-therapeutischen Institut bewußt zu sein und diese durch lebendiges Interesse für sie und ihre Produkte tatkräftig zu unterstützen. Allen aus dem Schoße der Anthroposophischen Gesellschaft hervorgegangenen Unternehmungen gegenüber sollte der Standpunkt der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft immer mehr der werden, daß sie sich fragen: Was kann ich tun für diese Unternehmungen, wie kann ich mich für sie interessieren? Nicht: Wie kann ich mich in die Angelegenheiten derjenigen einmischen, die für die Führung dieser Unternehmungen verantwortlich sind. Überhaupt müßte immer mehr in unserer Gesellschaft der Grundsatz zur Geltung kommen: Was kann ich tun? Nicht der: Was sollen die anderen tun?
abends
Fräulein Dr. Caroline von Heydebrand, Stuttgart: Referat über Die Freie Waldorfschule und ihr Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft
Die Freie Waldorfschule wurde begründet von Herrn Emil Molt aus der Einsicht in die sozialen Notwendigkeiten unserer Zeit, für die die Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus die Augen öffnen konnten. Alle Menschen, gleichgültig, aus welchen Gesellschaftskreisen, sollten die Erziehung genießen, die den Anforderungen einer wahren Menschenerkenntnis entspricht. So wurde die Waldorfschule die erste Einheitsschule in Deutschland (1919). In ihr sollten für Unterricht und Erziehung nur geistig-pädagogische Gesichtspunkte maßgebend sein. Daher entstand die Waldorfschule als freie Schule, die sich nur dem Geistesleben verantwortlich fühlen wollte. Ihre pädagogischen Grundlagen konnte ihr Begründer, Herr Molt, nur bei der Anthroposophie suchen, denn in den Werken Dr. Rudolf Steiners ist eine Menschenerkenntnis gegeben, aus der sachgemäße Erziehungsimpulse hervorwachsen konnten. Es ist in ihnen eine Geschichte der Seelenentwickelung der Menschheit gegeben, die zum Verständnis der Notwendigkeit einer im echten Sinne zeitgemäßen Erziehungskunst für die Gegenwart und die nächste Zukunft führen konnte.
Herr Molt bat Dr. Rudolf Steiner, die pädagogische Leitung der Waldorfschule in die Hand zu nehmen. Dr. Rudolf Steiner ging auf seine Bitte ein. Die Lehrer der Waldorfschule empfinden die Verantwortung, die ihnen aus der Tatsache erwächst, daß der Begründer und Führer der anthroposophischen Bewegung pädagogischer Leiter der Schule ist. Sie empfangen die reiche Fülle geisteswissenschaftlich-pädagogischer Erkenntnisse in Vorträgen und einzelnen Ratschlägen in dem tiefen Gefühl, daß sie dafür der anthroposophischen Bewegung, ja der ganzen Menschheit verantwortlich sind. Das innerste Herz der Waldorfschul-Pädagogik sind die eine anthroposophische Menschenerkenntnis vermittelnden pädagogischen Lehrkurse Dr. Rudolf Steiners. Aus dieser anthroposophischen Menschenkunde entwickelte er eine Methodik und Didaktik als Erziehungskunst. Vorurteilslose Menschenherzen überzeugend, so steht diese Erziehungskunst in der Welt, als Kunstwerk wirkend, wie einst das Goetheanum und wie die Eurythmie. So hat Anthroposophie aus ihren Urgründen eine Schul- und Erziehungsbewegung hervorgebracht, die ihrer Anlage nach eine weltumfassende Bewegung werden könnte. Leider hat sich die Idee des «Weltschulvereins», abgesehen von zarten Ansätzen, noch nicht verwirklichen lassen. In weiten Kreisen über Mitteleuropa hinaus wird anerkannt, daß die Waldorfschule nicht die Weltanschauungsschule einer sektiererischen Bewegung ist, sondern daß sie eine allgemein-pädagogische Bedeutung hat. Die Waldorfschul-Pädagogik hat in vielen nichtanthroposophischen Kreisen Beachtung gefunden. Schweizer Lehrer ließen sich von Dr. Rudolf Steiner in Basel pädagogische Vorträge halten, an Weihnachten 1921/22 hielt er englischen Lehrern am Goetheanum einen Lehrerkurs, der in der Verarbeitung Albert Steffens erschienen und bereits in die schwedische Sprache übersetzt ist. Während der Konferenz in Oxford im August 1922 über «Geistige Werte in Erziehung und sozialem Leben» hielt Dr. Steiner zahlreichen englischen Lehrern zwölf Vorträge über Erziehung und Unterricht. In den nordischen Ländern wird die Waldorfschul-Pädagogik besonders lebhaft studiert. Viele Gäste besuchen die Waldorfschule, auch Abgesandte fremder Regierungen, so hat zum Beispiel vor kurzem ein Professor aus Japan mehrere Tage voller Anteilnahme die Schule besucht. Anfang Januar haben siebzehn englische Lehrer an ihr geweilt und sich mit wahrer Begeisterung in sie eingelebt. So sollte die bedeutsame Tatsache lebendig im Bewußtsein jedes Mitglieds der Anthroposophischen Gesellschaft vorhanden sein, daß die anthroposophische Bewegung eine Pädagogik als Kunst in die Welt gestellt hat, die als solche nicht von einer Weltanschauung abhängig ist, sondern allgemein menschlich ist. Darum sollte die Waldorfschul-Pädagogik nicht als etwas empfunden werden, was enge eigene Bedürfnisse oder pädagogische Sehnsuchten einiger Eltern, Kinder und Lehrer befriedigt, sondern als etwas, das seine Aufgabe nur erfüllt, wenn es diese Aufgabe weltgeschichtlich erfaßt und sich selbstlos, als künstlerisches und heilendes Element in die Niedergangserscheinungen unserer Zeit hineinstellt. Den Deutschen ist die Pflege ihres Geisteslebens als ihr letztes kostbarstes Gut geblieben, innerhalb des deutschen Geisteslebens haben immer Erziehungsfragen an erster Stelle gestanden. Den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft ist die Waldorfschule und ihre Idee als eine Menschheitssache warm ans Herz gelegt. Sie steht als Modellschule, als Musterschule da und sucht den Gedanken der freien Pädagogik zu verwirklichen. Als solche Musterschule muß sie Angelegenheit der ganzen Anthroposophischen Gesellschaft sein. Sie bedarf der tatkräftigen Unterstützung, des liebevollen Verständnisses, der warmen Anteilnahme jedes einzelnen Mitgliedes in jeder Beziehung. Als ein wunderschönes Geschenk aus Geisteswelten Menschenherzen und -händen anvertraut, so empfinden wir Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft diese Erziehungskunst und diese Schule, die zunächst als einzige Musterschule in umfassender Weise unter der liebevollen Leitung Dr. Rudolf Steiners anthroposophische Erziehungsideale zum Segen der Menschheit pflegt. Sie bedarf einer starken Anthroposophischen Gesellschaft, die das uns allen anvertaute Gut hüten, stützen und kräftigen kann!
Herr Dr. Otto Palmer, Stuttgart: Referat über Das Klinisch-therapeutische Institut «Der Kommende Tag»
An die Spitze meines Referates, welches ich über das Klinisch-therapeutische Institut vor dieser Delegiertenversammlung zu erstatten habe, möchte ich zwei Fragen stellen, welche ich während meiner Ausführungen selbst zu beantworten suche, und welche ich, falls sich eine Diskussion an meine Ausführungen anschließen sollte, Sie mit zu beantworten bitte.
Die erste Frage lautet: Was verspricht die durch geisteswissenschaftliche Forschung inaugurierte Medizin nicht nur der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern auch der gesamten Menschheit zu geben?
Zweitens: Was hat die Anthroposophische Gesellschaft ihrerseits zu tun, um der im Klinisch-therapeutischen Institut vertretenen, auf geisteswissenschaftlicher Forschung beruhenden Behandlungs- und Heilweise in der Welt Geltung und Bedeutung zu verschaffen?
Beide Fragen sind nur dann in rechter Weise zu beantworten, wenn wir uns selbst darüber vollkommen klar sind, was uns durch die Geisteswissenschaft Dr. Steiners nach jeder Richtung hin geschenkt worden ist. Das mag paradox erscheinen, jedoch glaube ich, daß sich viele Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft über die Bedeutung des uns übergebenen Geistesguts nicht klar sind, denn wären wir es, wie könnte es dann überhaupt zu dieser geradezu entsetzlichen Lauheit und Gleichgültigkeit kommen, welche im Grunde zu der Krisis geführt hat, in welcher wir uns zur Zeit befinden.
Wir haben es uns im Laufe der Zeit angewöhnt, die uns in so reichem Maße gebotene Geisteskost mit einer gewissen Selbstverständlichkeit hinzunehmen, und anstatt im Innersten der Seele aufgerüttelt zu werden und in uns die Kräfte zu entwickeln, die nun wiederum mit elementarer Gewalt nach außen wirken und sich in einem gewissen Enthusiasmus Luft machen sollten, legten wir uns auf das Ruhekissen und dachten gar nicht daran, das Empfangene so auszuwerten, wie es sein sollte.
Seit 1908 hat uns Dr. Steiner zum erstenmal in jenem Prager Kurs, welcher über «Okkulte Physiologie» handelt, eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis vom Menschen gegeben, und in einer ganzen Reihe von Vorträgen, welche diesem Prager Kursus gefolgt sind, hat er ergänzende Bemerkungen über das Wesen des Menschen in dieser Richtung einfließen lassen. In anderen Vorträgen hateer uns die karmischen Zusammenhänge geschildert, welche sich von früheren Leben her in diesem Leben als Krankheiten auswirken.
1917 gab er uns in seinen «Seelenrätseln» die Physiologie des dreigliedrigen Menschen.
1920/21 führte er die Ärzte und Medizinstudierenden in längeren Kursen in die geisteswissenschaftliche Pathologie und Therapie ein — und im vorigen Oktober endlich ergänzte er diese Kurse durch Vorträge, welche er auf der Medizinischen Woche hier in Stuttgart hielt. Als eine Frucht der Vorträge in den Jahren 1920/21 ist entstanden das Klinisch-therapeutische Institut — und eine Fülle von Aufgaben erwuchs denjenigen, welche als Mitarbeiter an das Klinisch-therapeutische Institut berufen wurden. Vor allem aber uns Ärzten war die Aufgabe gestellt worden, unter zwei- bis dreitausend Ärzten auf Grund des in den Kursen uns Gegebenen eine Bewegung hervorzurufen.
Um sich das Gewaltige, was durch das Wirken Dr. Steiners seit dem Jahre 1908 auf medizinischem Gebiet inauguriert worden ist, in rechter Weise vor Augen zu führen, braucht man nur einen Blick zu werfen auf die staatlich konzessionierte Schulmedizin und ihre Hilflosigkeit, speziell auf dem Gebiete der Therapie. Alles Große, was durch sie erforscht wurde, soll nicht nur restlos anerkannt werden, sondern es soll betont werden, daß wir uns in bezug auf wissenschaftliche Forschungsmethoden in keinen Gegensatz zu ihr setzen wollen. Über eines nur müssen wir uns klar sein: daß die gesamte medizinische Forschung über die Pathologie basiert ist auf dem Ausbau der pathologischen Anatomie, das heißt einer Kenntnis derjenigen Veränderungen, welche durch Krankheitsprozesse an den Organen zu Lebzeiten vor sich gegangen sind und nun auf dem Sektionstische als solche konstatiert werden. Bis zu einem gewissen Grade kann man die Forschungen auf diesem Gebiet als abgeschlossen betrachten und annehmen, daß mit den zur Zeitüblichen Untersuchungsmethoden nicht viel Neues mehr wird zutage gefördert werden. Nichtsdestoweniger lautete die Parole des Freiburger Anatomen Aschoff auf dem Naturforscherkongreß: «Gebt uns Leichen!» Als ob Leichen uns Aufschluß geben könnten über das Lebendige! Beziehungsweise über die im lebendigen Organismus verlaufenden Krankheitsprozesse!
Die Therapie ist bis auf wenige spezifische Mittel, wie Quecksilber, Chinin, Salizyl als eine Experimentaltherapie zu betrachten. Von einer wirklichen Ratio ist sicherlich bei den meisten Krankheiten nicht die Rede. Warum gibt es denn so viele Kurpfuscher, warum so viele Laienärzte neben der Schulmedizin? Doch sicherlich nur aus dem Grunde, weil die Menschen bei der Schulmedizin in vielen Fällen nicht das finden, was sie suchen.
Vergleicht man unsere Zeit mit einer weit zurückliegenden Epoche, etwa vom vierten bis fünften Jahrhundert v. Chr. bis zum fünfzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, wo unsere naturwissenschaftliche Forschung einsetzt, so wird man konstatieren können, daß man zu jener Zeit noch eine Ahnung hatte von dem Hereinwirken einer geistigen Welt und von einer auf gewissen Intuitionen und atavistischem Hellsehen beruhenden Therapie.
Interessant ist, daß jene Periode abschließt mit der Ermordung des Paracelsus, und daß kaum ein Jahrhundert später das berühmte Rembrandtsche Gemälde «Die Anatomie» gleichsam ein Symbol bildete für das Heraufziehen der naturwissenschaftlichen Zeitepoche, in welcher wir noch mitten darinnen stehen.
Die Tat Dr. Steiners besteht darin, daß er das «Ignorabimus» («wir werden nicht wissen») Du Bois-Reymonds verwandelt hat in ein «Cognoscimus» (wir wissen). Wir können wissen, wenn wir durch Ausbildung unserer Seelenorgane schauend geworden, und sind wir selbst auch noch nicht schauend geworden, so ist es uns doch möglich, bei gutem Willen, das nachzudenken und denkerisch zu ergreifen, was Dr. Steiner uns an geisteswissenschaftlichen Forschungsresultaten gibt. Für uns Ärzte als Schüler Dr. Steiners handelt es sich nun nicht mehr darum, den physischen Leib allein in den Bereich unserer Forschungen zu ziehen, sondern mit den höheren Wesensgliedern des Menschen bei unserem Forschen zu rechnen.
Die Dreigliederung des Menschen in: Nerven-Sinnes-System, rhythmisches System und Stoffwechsel-Gliedmaßen-System ist zur Grundlage einer neuen Physiologie zu machen. Bei den Krankheitsprozessen sind die Naturprozesse draußen in Betracht zu ziehen und in Parallele zu stellen. Kosmisch-planetarische Einflüsse einerseits, tellurische Einflüsse andererseits sind zu berücksichtigen.
Das bis dahin uns so einfach erscheinende Menschenwesen wird zu dem kompliziertesten Organismus, welcher in den soeben genannten Zusammenhängen allein verstanden und richtig beurteilt werden kann. Ferner finden wir im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich eine Reihe von Prozessen, welche auch in irgendeiner Weise im Menschen selbst sich abspielen. Es würde zu weit führen, im Rahmen eines kurzen Referates weiter auf diese Prozesse einzugehen, nur soll gesagt werden, daß diese Prozesse Fingerzeige dafür geben, welche Mittel, aus irgendeinem dieser Reiche stammend, bei gewissen Krankheitsprozessen sinngemäß und rationell angewandt werden müssen. Es wird Aufgabe der Ärzte des Institutes sein, in einem Vademekum die Methode unserer Arbeit und Therapie darzulegen und dieses Vademekum zur Grundlage einer Werbearbeit unter den Ärzten zu machen. Freudigkeit zu unserer Arbeit werden wir nur dann bekommen, wenn wir unseren Dienst an der Menschheit und unsere Arbeit im Laboratorium auffassen als einen Gottesdienst im schönsten Sinne des Wortes.
Zu betonen ist, daß unsere Heilweise mehr und mehr zu einer individuellen werden soll. Es ist wohl der Mühe wert, die leidende Menschheit auf diese Heilweise aufmerksam zu machen und alle Kräfte daranzusetzen, derselben in der Welt Geltung zu verschaffen.
Und damit komme ich auf die zweite Frage: «Was kann von seiten der Anthroposophischen Gesellschaft getan werden, um der in unserem Klinischtherapeutischen Institut vertretenen, auf geisteswissenschaftlicher Forschungserkenntnis beruhenden Behandlung und Heilweise in der Welt diejenige Geltung und Ausbreitung zu verschaffen, welche sie verdient?»
Sind die Voraussetzungen erfüllt, daß das Klinisch-therapeutische Institut seinerseits alles tut, die Aufgaben, welche ihm gestellt sind, zu erfüllen, das heißt ein Vademekum, unter zwei- bis dreitausend Ärzten eine Bewegung zu machen, so käme es für die Anthroposophische Gesellschaft in erster Linie darauf an, das Klinisch-therapeutische Institut in dieser Aufgabe zu unterstützen, ein jedes Mitglied an seinem Teil. Die einzelnen Zweige mögen vom Institut Redner anfordern, welche aufklärende Vorträge in den Zweigen halten. Die Mitglieder mögen in taktvoller Weise ihre Hausärzte auf unsere Schriften und Mittel hinweisen. Ich sage in taktvoller Weise, so etwas läßt sich nicht definieren, das muß man fühlen.
Ich könnte mir vorstellen, daß Ärzte geradezu abgestoßen werden könnten durch eine taktlos betriebene Propaganda. Es müßte ferner dafür gesorgt werden, daß unsere Mittel in den Apotheken zu haben sind, beziehungsweise daß die Apotheken erfahren, woher sie unsere Mittel beziehen können. Auch das muß in taktvoller Weise geschehen, denn die Apotheker sind allen solchen Mitteln von vornherein abhold, bei deren Herstellung sie nicht beteiligt sind, und welche sie nur verkaufen sollen, wie ein Kaufmann seine Ware verkauft.
Die Mitglieder können bei Verwandten und Bekannten auf Grund von Heilerfolgen die Mittel weiterempfehlen, womöglich nicht unter Umgehung des betreffenden behandelnden Arztes. Sehr wirksam wäre auch die Empfehlung unserer Mittel bei Kassenvorständen oder sonstigen bei der Kasse einflußreichen Persönlichkeiten unter Hinweis, daß zum Beispiel unser Grippemittel, das Infludoron, die Krankheit sehr abzukürzen imstande ist, daß der Kasse auf diese Weise eine Menge Krankengelder erspart werden könnten. Sollten junge Mediziner sich in den Reihen, welche Interesse für geisteswissenschaftliche Forschungsarbeit haben, in Verlegenheit um ihre Doktordissertation sich befinden, so sind wir gerne bereit, eine ganze Reihe Dissertationsthemen zu nennen, welche sich aus den medizinischen Kursen Dr. Steiners ergeben.
Die bei uns gepflegte Heileurythmie, welche in zahlreichen Fällen gute Heilresultate ergeben hat, bedarf noch weiterer Ausbildung und soll an diejenigen weitergegeben werden, welche unter ärztlicher Leitung Heileurythmie in der Praxis anwenden wollen.
Vor allem aber kommt es darauf an, daß bei jedem einzelnen Mitglied und in den Zweigen das Bewußtsein geweckt werde, daß unsere Heilweise herausgeboren ist aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis vom Menschen, und daß man sich dessen immer mehr bewußt wird, daß die in der «Theosophie» gegebene Zusammensetzung des Menschen keine graue Theorie ist, sondern daß sie sich in ihren Auswirkungen als überaus praktisch und für die Menschheit heilbringend in allen medizinischen Maßnahmen erweist. Die Heilmittel allein helfen uns nichts, wenn nicht die geistige Realität ihres Ursprungs einem jeden klar und zur Gewißheit geworden ist. Erst dann kann er für sie eintreten und sie in rechter Weise propagieren.
Herr Dr. Rudolf Maier, Stuttgart: Referat über Das Wissenschaftliche Forschungsinstitut «Der Kommende Tag»
Für die Ziele des Wissenschaftlichen Forschungsinstituts ist maßgebend, was im Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft bereits im ersten Satz ausgesprochen ist: «Der Mensch bedarf zu einer befriedigenden und gesunden Lebensgestaltung der Erkenntnis und Pflege seiner eigenen übersinnlichen Wesenheit und der übersinnlichen Wesenheit der außermenschlichen Welt.» In Anwendung auf das, was wir in unserem Forschungsinstitut tun und treiben, lautet dies einfach dahingehend, daß die Naturforschung der Gegenwart ohne die Erkenntnis des Übersinnlichen zu einem gedeihlichen Vorwärtskommen und zu einem wirklichen Erfassen ihrer Ziele nicht gelangen kann. Unser Forschungsinstitut hat sich daher die Aufgabe gestellt, für Einführung und Anwendung der anthroposophischen Erkenntnisse in der Naturforschung Sorge zu tragen. Wir suchen unsere Aufgabe dadurch zu erfüllen, daß wir erstens Maßnahmen ergreifen, welche geneigt sind, Verständnis für echte und wahre Naturforschung in weitesten Kreisen zu erwecken, daß wir zweitens am praktischen Beispiel durch Anwendung der anthroposophischen Erkenntnisse in der experimentellen Forschung und Naturbeobachtung zeigen, wie weit die Naturforschung über bisheriges herauszukommen vermag. Als solche Beispiele sind zu nennen die Abhandlung von Frau Lily Kolisko über «Milzfunktion und Plättchenfrage» und die soeben erschienene Abhandlung von Dr. Rudolf Maier «Der Villardsche Versuch, eine experimentelle Untersuchung». Frau Koliskos Abhandlung zeigt, wie auf die seitherigen Forschungen längst bekannter Beobachtungstatsachen durch eine anthroposophische Erkenntnis ein Licht fällt, das so viel, was an den bereits bekannten Beobachtungstatsachen rätselhaft geblieben, aufklärt, und wie man durch diese Erkenntnis zu neuen Entdeckungen auf biologischem Gebiete kommt (Blutbild, neue Plättchenart: Regulatoren). Die Abhandlung Dr. Maiers zeigt, wie die in der Anthroposophie angegebene Methodik des physikalischen Erkennens große Irrtümer der bisherigen Forschung aufzudecken ermöglicht, wie man dadurch lernen kann, unbefangen zu experimentieren, um da heraus die Tatsachen, so wie sie wirklich sind, aufzufassen. Die Abhandlung Dr. Maiers ist ein Beispiel dafür, daß Anthroposophie lebenspraktisch macht, indem das darin über physikalische Forschung Enthaltene sich als bis in die Praxis hinein anwendbar und als richtig gezeitigt har.
Wir sind uns klar darüber, daß von seiten der meisten heutigen Wissenschafter, namentlich der maßgebenden, unseren Bestrebungen viele Vorurteile im Wege stehen. Wir glauben indessen, daß die Macht der von uns erforschten Beobachtungstatsachen schließlich allen Widerstand brechen muß und wird. Die anthroposophischen Mitglieder können uns sehr viel bei der Erfüllung unserer Aufgabe behilflich sein. Schon wenn man uns allgemeineres Interesse entgegenbringt, empfinden wir dies für unsere Arbeitsfreude förderlich, insbesondere aber können die anthroposophischen Mitglieder uns dadurch sehr viel helfen, daß sie in ihrem Bekanntenkreise auf unsere Veröffentlichungen aufmerksam machen, daß sie dafür sorgen, daß auch den weiteren Kreisen diese Veröffentlichungen bekannt werden. Wir vertrauen darauf, daß Wissenschafter, welche mit den hiesigen wissenschaftlichen Betrieben weniger verstrickt sind, unser Wesentlichstes, was wir wollen, leichter erkennen als andere, und daß sie auch durch unsere Veröffentlichungen für Anthroposophie selbst gefördert werden, und zwar namentlich dadurch, daß dem Vorurteil, Anthroposophie sei nicht wissenschaftlich, durch planmäßige Arbeit der Boden entzogen wird. Das Wissenschaftliche Forschungsinstitut hat von seiten des Herrn Dr. Steiner Aufgaben gestellt bekommen, auch persönliche Ratschläge, über die Ausführung derselben. Die Lösung dieser Aufgaben bilden den Mittelpunkt unseres Strebens. Wir werden in Zukunft noch mehr als bisher schon ihnen unsere ganze Energie zuwenden.
Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Referat über
Anthroposophie und Wissenschaft
Die wissenschaftliche Bewegung hat an der Überwindung zweier Schranken zu arbeiten, einer solchen nach innen und einer andern nach außen. Bisher hat sich diese Wissenschaftsbewegung nach beiden Seiten nicht in der richtigen Weise durchsetzen können. So wie es der pädagogischen Bewegung, wie es auch der Eurythmie gelungen ist, das Allgemein-Menschliche so zum Ausdruck zu bringen, daß mit einer gewissen Selbstverständlichkeit weite Kreise dafür gewonnen werden, so mußte auch die Wissenschaftsbewegung, wenn sie Erfolg haben sollte, für den weiten Kreis von Menschen gedacht sein, der sich heute nach Erneuerung der Wissenschaft sehnt.
Da muß aber nun gesagt werden, daß es nicht gelungen ist, bei den heutigen Wissenschaftern sich verständlich zu machen. Wir haben ihnen gegenüber nicht die Sprache gefunden, die unseren Bestrebungen eine selbstverständliche Anerkennung verschafft hätte. Diese wird nur möglich sein, wenn einerseits eine praktische Phänomenologie entsteht, das heißt Experimentaluntersuchungen, die für sich selbst sprechen, und andererseits umfassende, die Ausführung unserer so fruchtbaren Ideen enthaltende Gesamtdarstellungen vor die Welt hingestellt werden, die sich von selbst Anerkennung verschaffen müssen. Es muß vor allem auch viel mehr auf die modernste Gestaltung der Wissenschaft eingegangen werden, und wir müssen jene Grundeinstellung der Geisteswissenschaft einhalten, daß die Berechtigung der heutigen Naturwissenschaft auf den ihr zugänglichen Gebieten rückhaltlos anerkannt und zugleich aufgewiesen wird, wie durch Geisteswissenschaft überall die Weiterführung der naturwissenschaftlichen Ideen gegeben ist. Dann wird keine unfruchtbare Polemik entstehen können, sondern es wird gelingen, auch auf dem wissenschaftlichen Gebiete eine Zwischenschicht von Menschen zu schaffen, welche, ohne zunächst der Anthroposophischen Gesellschaft anzugehören, die Ergebnisse unserer Forschung als etwas Wichtiges und Bedeutendes anerkennen.
Nach innen aber ist es notwendig, das Wissenschaftliche so weit zu führen, daß es ganz von anthroposophischem Geiste durchdrungen wird. Es darf nicht im Fachwissenschaftlichen steckenbleiben. Viel ist gesündigt worden durch ein Hineintragen von nicht voll Umgearbeitetem, Spezialwissenschaftlichem in die Zweige. Es ist doch vielfach die Anthroposophie verphysiziert, verchemisiert usw. worden, statt eine anthroposophische Physik und Chemie usw. zu begründen. Früher hatte man in den Zweigen und Gruppen vielfach gute anthroposophische Arbeit geleistet. Das Wissenschaftliche war zu dieser Zeit noch wenig einbezogen. Heute müßte es so werden können, daß von den einzelnen Freunden, die mit Hilfe der Anthroposophie auf den verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten arbeiten, die Ergebnisse völlig ins Anthroposophische umgegossen werden und so der Arbeit in der Anthroposophischen Gesellschaft zurückgegeben werden. Wir haben ja an der Art, wie Herr Dr. Steiner durch Jahre hindurch die schwierigsten Probleme der Einzelwissenschaften in anthroposophischen Zweigvorträgen behandelt hat, wie er sie heute noch zum Beispiel in seinen Dornacher Vorträgen behandelt, das Beispiel, daß in dieser Form Wissenschaftliches nicht mehr als Fachwissenschaftliches, Spezialistisches, sondern als allgemein-menschlich Bedeutsames empfunden wird und wirksam ist. Geschieht diese Umarbeitung des Wissenschaftlichen nicht, dann wird im Gegenteil die anthroposophische Arbeit zerstört. Nur wenn unsere Wissenschafter dahin arbeiten, in der inneren Arbeit das Fachwissenschaftliche zu überwinden und richtig anthroposophisch über Wissenschaft zu reden, dann kann auch jene Kluft überwunden werden, von der Dr. Steiner schon zur Zeit des Wiener Kongresses und im Haag gesprochen hat, die zwischen der Wissenschaftsbewegung und der Anthroposophie im engeren Sinne besteht. Dann können die Wissenschafter der Mutter Anthroposophie zurückgeben, was sie ihr verdanken.
Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihrerseits mannigfaltige Aufgaben gegenüber der Wissenschaftsbewegung. Es muß dahin kommen, daß die Leistungen, die auf dem wissenschaftlichen Gebiete vorliegen, von der gesamten Mitgliedschaft gekannt sind und gewürdigt werden. Es müßte ein wirklicher Enthusiasmus vorhanden sein zum Beispiel für so etwas, wie das Buch unseres Freundes Dr. v. Baravalle über «Pädagogik der Mathematik und Physik». Man müßte es kennen, wissen, was es für Pädagogik und Wissenschaft bedeutet usw. Die neue Leitung wird es sich zur Aufgabe machen, daß der Mitgliedschaft auch wirklich die Kenntnis aller Leistungen innerhalb unserer Bewegung bekannt wird. Denn wenn schon nicht in unserer Gesellschaft ein Bewußtsein von all dem vorhanden ist, woran in unseren Forschungsinstituten, woran von unseren Wissenschaftern überhaupt gearbeitet wird, was geleistet worden ist, wie soll es draußen bekannt werden? Die richtige Kenntnis wird auch verhindern, daß in unverständiger Weise nach außen diese wissenschaftlichen Bestrebungen dargestellt und vertreten werden.
Es handelt sich darum, daß das Forschen unserer wissenschaftlichen Mitarbeiter mit der größten Energie sich auf die ungeheure Fülle von Problemen und Anregungen richtet, die von Herrn Dr. Steiner im Laufe der letzten Jahre gegeben sind. Jedes dieser Probleme führt, richtig erforscht, zu bedeutenden Resultaten, die allgemein menschliches Interesse haben, im Sinne der Erkenntnis und der praktischen Wirksamkeit. Hier liegen unzählige Aufgaben, die jetzt endlich energisch in Angriff genommen werden müssen.
Es ist oft davon gesprochen worden, wie ein künstlerisches Element in die Wissenschaft hineinkommen muß. Man nehme etwa die Lehre von der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Zu ihr kommt man gar nicht ohne eine künstlerisch-wissenschaftliche Anschauung des Menschen. Erlebt man, wie zum Beispiel im Menschen fortwährend der Kampf stattfindet zwischen dem SinnesNerven-System, das greisenhaft, absterbend, mineralisiert ist, Todeskeime in sich trägt, und dem Stoffwechselsystem, das überlebendig, jugendlich sich dagegen stemmt, und wie der harmonische Ausgleich durch das rhythmische System erfolgt, dann kann dies nur erfolgen, indem man künstlerisch-imaginativ die Begriffe faßt. Als Arzt, als Lehrer erlebt man dann so den Menschen als das gewaltigste Kunstwerk der Natur. Wir müssen dazu kommen, daß wir als Wissenschafter, als Physiker, als Chemiker, als Ärzte zuletzt, von den geistigen Wesenheiten überall konkret sprechen können, die hinter den äußeren Phänomenen stehen. Dann, wenn wir uns so hineinleben in ein solches wissenschaftlichkünstlerisches Element, finden wir überall auch die Brücke zu wahrhaft religiösem Empfinden. Gelingt es uns so, Wissenschaft bis zur Zentrale des Anthroposophischen hineinzuführen, sprechen wir davon in unseren anthroposophischen Zweigen und tragen wir nach außen eine solche Art des Wissenschaftlichen, daß wir aus einer Gesinnung sprechen, wie sie hier charakterisiert worden ist, so daß wir nicht abstoßen, was heute Sehnsucht hat nach einer Erneuerung der Wissenschaft durch Anthroposophie, so wird die Wissenschaftsbewegung kein Fremdkörper sein innerhalb der Gesellschaft nach innen und außen, sondern sich harmonisch einordnen in den Rahmen unserer Bewegung.
Herr Dr. Herbert Hahn, Stuttgart: Referat über Das Verhältnis der Anthroposophischen Gesellschaft zur Bewegung für religiöse Erneuerung.
Im September 1922 ist eine Bewegung ins Leben hinausgetreten, die den Rat der Geisteswissenschaft empfangen wollte, die die Verantwortung für die Auswirkung dieses Rates von allem Anfang an selbst übernahm. Diese Bewegung widmet sich der Arbeit für religiöse Erneuerung. Sie erlebt als ihre wesentliche Aufgabe, den in der Zeit fortschreitenden Christusimpuls in reinen Formen zu vielen Seelen zu tragen. Will sie aber diese Zeitenaufgabe recht erfüllen, will sie der moralischen Gesundung aus religiösen Kräften dienen, so darf sie im tiefsten Sinne ein anthroposophisches Verständnis beanspruchen.
Was ihr aber im Anfang ihrer Entfaltung entgegentrat, war ein nicht genügend tiefes und warmes Verständnis. Es war vielfach falsches Verständnis oder mangelnder Wille zur Verständigung von seiten anthroposophisch strebender, aber der anthroposophischen Verantwortlichkeit nicht voll entsprechender Persönlichkeiten. Es wurde namentlich versäumt, in den Arbeitsgruppen der Anthroposophischen Gesellschaft eine solche Erkenntnis über die Bedeutung der Bewegung für religiöse Erneuerung zu wecken, die ein urteilsklares und führungssicheres Verhältnis zu jener Bewegung in selbständiger Weise hätte begründen können.
Dr. Steiner mußte in einem Dornacher Vortrage einer bereits geschaffenen Notlage Worte abringen, die die nötige Klärung in sich trugen. Da man aber selbst gegenüber jenen von Dr. Steiner gesprochenen, von den führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft versäumten Worten die Methode des philologisch-kränklichen Deutelns in vielen Fällen anwandte, statt zu eigener wurzelfrischer Erkenntnis vorzudringen, blieb in weiten Kreisen eine Notlage bestehen.
Interessevolles Eingehen auf die Eigenart der Bewegung für religiöse Erneuerung kann aber zeigen, daß Anthroposophen deshalb ein herzliches Verständnis für die Aufgabe dieser Bewegung haben können, weil die Anthroposophie im Lebenswerk Rudolf Steiners eine zeitgerufene religiöse Erneuerung in allen wesentlichen Punkten erst möglich machte. Die religiöse Erneuerung konnte schöpfen aus den Inhalten der Anthroposophie. Die Anthroposophie konnte schaffend auftreten gegenüber den Formen, welche die Bewegung für religiöse Erneuerung aus eigenem Suchen annehmen wollte. Nur durch anthroposophische Geistesarbeit konnte die Bewegung für religiöse Erneuerung in ihrer heutigen Form gezeitigt werden.
Das kann in allen Einzelheiten deutlich werden. Während in der protestantischen Theologie der Streit um den Leichnam des Wortes immer breiteren Raum gewann, während in der katholischen Theologie die Auffassung des überlieferungsmäßig festgehaltenen Buchstabens immer mehr erstarrte, führte die Anthroposophie das Evangelienverständnis auf neuen Quellgrund. Was wäre eine Bewegung für religiöse Erneuerung ohne diese Quellenbezüge zum Evangelium? Zu völliger Unfruchtbarkeit wäre sie verurteilt. Als aber eine Anzahl jüngerer, vorwiegend evangelischer Theologen an Dr. Steiner für eine religiöse Erneuerung ratsuchend herantrat, lag als einer der schönsten Erweise für die Fruchtbarkeit der Anthroposophie auf religiösem Gebiete bereits die Tatsache vor, daß in umfassenden Vortragszyklen Goldschätze neuer Evangelienerkenntnis von dem Begründer der Geisteswissenschaft aufgehäuft worden waren. Zyklen über die einzelnen Evangelien und die Beziehung der Evangelien zueinander. Während die Theologie in bezug auf das Evangelienerlebnis verödete, zeitigte die Anthroposophie geradezu einen neuen Frühling des Evangelienlebens. Das konnte Vertrauen erwekken, aus Anthroposophie zu schöpfen, Vertrauen, Anthroposophie als Schöpferin anzurufen.
Wie aber ließe sich Vertrauen zu religiöser Neuschöpfung pflegen, wenn nicht alle Anschauung des religiösen Lebens zu einem wahrhaftigen Erfassen der Christus-Wesenheit drängte, in einem wahrhaftigen Erfassen der Christus-Wesenheit ihren Mittelpunkt fände? In einer Zeit, wo die Auffassung der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth zu einem umstrittenen historischen Problem geworden war, erwies Rudolf Steiner das Christentum als mystische Tatsache. Er deckte in Seelentiefen die Kräfte der Liebe zur schöpferischen sittlichen Tat auf und erfaßte im Wandel der Seelenkräfte, in der wechselseitigen Läuterung des Denkens und des Wollens den wandelnden Christusimpuls im Eigengebiete seiner Freiheit. Die «Philosophie der Freiheit», als bildnerisches Buch erlebt, war und ist eine Vorbereiterin neuer Christus-Offenbarung. Denn nur im Freiheitsgebiete kann sich der Christus-Impuls heute offenbaren. Was die Freiheit leugnet oder sie nicht begründen kann und nennt sich doch christlich, das mißbraucht heute den Namen des Christentums. Dr. Steiner führte zu dem erschütternden Erlebnis einer überzeugenden Offenbarung des Christentums in dem Bewußtsein und in der Geschichte der vom Ich erkämpften Neuerweckungen sittlichen Lebens. Und er zeigte in seinem anthroposophischen Lebenswerk, wie die menschliche Geschichte im großen sich erleuchtet im Vorbereiten und im urbildgemäßen Ausprägen der icherstarkenden Opferkräfte, welche sich im Mysterium von Golgatha darbrachten. Hier lag in doppelter Art die Möglichkeit begründet zu einer Neugestaltung des religiösen Kultus. Dieser konnte auf die Höhe des von der Zeit überall gesuchten Sohneserlebnisses gehoben werden und in denjenigen von Freiheit erfüllten Formen dem Bewußtsein der Einzelmenschen nahegebracht werden, die von den Tiefen dieses Bewußtseins heute allein aufgenommen werden wollen. Wo gab es sonst irgend etwas in der Zeit, das eine Produktivität auf dem Gebiete wahrer Kultformen hätte entfalten können? Läuft nicht alles Streben auf diesem Gebiete in ein blasses, verarmendes Reformertum aus, das durch seine Schwäche die suggestive Kraft altgewordener Formen nur noch verstärkt? Aus dem überhistorischen allgegenwärtigen Christus-Erlebnis der Anthroposophie konnte eine Bewegung für religiöse Erneuerung Richt- und Formkraft schöpfen. So durfte sie auch die Anthroposophie als Schöpferin anrufen.
Aber alles Erleben kultischer Formen scheitert heute an einer Grunddiskrepanz. Der moderne Mensch erlebt im Wandel der inneren, moralischen Kräfte ein Werden. Er erlebt im Wandel der physischen Erden- und Weltenkräfte ein Vernichten und Vergehen. Eines fügt sich nicht sinnvoll in das andere, die Finsternis des materiellen Todes zieht heute jegliches moralisch-religiöse Leben in ihren Abgrund. Nicht Kultpflege, nicht Seelsorge ist möglich gegenüber diesem im Bewußtsein der ehrlichsten Menschen klaffenden Riß. Anthroposophie, die von dem heiligenden Einzug des Christus in die Erdensubstanz in überzeugender Weise zu reden berufen wurde, erfüllte die Auffassung aller irdischen Wandelvorgänge mit Moralität. Sie erhob wahrhaftig den chemischen Experimentiertisch zum Altar. So aber konnte sie die Grundlagen neu schaffen, daß der auf dem Altar der kultischen Zusammenhänge erlebte, weltenbedeutsame, seelenerneuernde Wandel von wirklichen Andachtskräften im Herzen aufgefaßt werde. So durfte und konnte sie wiederum als Schöpferin angerufen werden, um sich als Brücken schaffend zu erweisen gegenüber dem Riß im Zeit- und Einzelbewußitsein.
Alle Pflege religiösen Lebens findet in der Zeit und durch die Zeiten ihre Tragfestigkeit in der Gemeinschaftsbildung. Auch Gemeinschaftsbildung ist aber aus den heutigen Bewußtseinsformen nicht ohne weiteres möglich. Die Verstandesspekulation hat die Atomtheorie als Gespinst über alle Welt gezogen. Was in der Weltanschauung als ein Gespinst wirkt, lebt sich jedoch zwischen Menschen und im Menschen mit unerhörter Realität aus. Die Menschen werden heute atomisiert. Alles Reden über das Soziale aus den Verstandeskräften heraus ist hohl und unwahr. Der Verstand zersplittert Menschen und Menschenverbände und entwürfe er für deren Zusammenhalt die schönsten Programme. Der Verstand zersplittert, Ideal und Bild vereinigen. Aber die Bilder und Ideale alter Zeit stoßen heute ab. Die Zeit sucht heute nach einem Bild, das über der Sphäre der erworbenen Gedankenklarheit erlebt werden kann, sie kann nicht anerkennen, was aus Tiefen emporwirbelt, die unter dieser Sphäre sind. Anthroposophie weist, indem sie den Weg einer gesunden Imagination eröffnet, den gesuchten Ausblick zum einigenden, sozial schöpferischen Ideal und Bild. Ein Kultus wird nur dann im heutigen Zeitensinne einigend wirken, wenn er die Stärke reiner Imaginationen in seine Wesensprägung aufnehmen darf. Hier konnte, eine brennende Zeitnot lösend, die Anthroposophie abermals schaffend auftreten, indem sie, von den Trägern religiösen Erneuerungswillens als Schöpferin angerufen, Kultformen schuf, die in echtem Sinne menschenerhöhend und gemeindebildend sind.
In vier wesentlichen Punkten erleben wir die Anthroposophie als schöpferische Mutter der Bewegung für religiöse Erneuerung. Wer dies erkennt, der versteht, daß die Anthroposophie selbst einen Urquell religiösen Lebens birgt. Sie braucht ihn nirgends außerhalb ihres eigenen Wesens zu suchen. Weil sie aber in allem religiösen Erleben das Zusammenkommen von Freiheitsringen und -opfern der Gnadenwirkung erlebt, würdigt und liebt sie auch die ihrer Tochterbewegung vermittelten Freiheits- und Gnadenkräfte. Sie weist dem anthroposophischen Gesellschaftsieben die innere Pflicht, stützend zu wachen mit denen, die religiöse Erneuerung in die Welt tragen wollen. Sie schenkt ihm die Kraft, liebend die Menschen zu empfangen, die aus religiöser Erneuerung zur Anthroposophie vorzudringen reif geworden sind.
Die Bewegung für religiöse Erneuerung geht den Weg ihrer eigenen spirituellen Verantwortlichkeit. Sie wirkt aus anthroposophischer Kraft. Sie wirkt aber nicht für die Anthroposophie, wenn sie deren Früchte einer nach neuem Christusheil hungernden Welt vermittelt.
Die Anthroposophische Gesellschaft kann eines der Instrumente der anthroposophischen Bewegung werden, die ihrerseits einen Weg höchster und umfassendster eigener Verantwortlichkeit geht. Sie darf ihren Namen nur tragen, wenn sie den ganzen Menschen verkörpert. Das religiöse Menschentum ist eine wichtige Wesensoffenbarung dieses ganzen Menschen. Die Anthroposophie, die die Bewegung für religiöse Erneuerung schaffend formte, will um der Wahrheit ihres Namens willen im anthroposophischen Leben die Urgaben religiöser Kraft in stetem Neuschaffen erwecken. Hierin liegen die Wurzeln eines natürlichen und guten Verhältnisses der Anthroposophischen Gesellschaft zur Bewegung für religiöse Erneuerung.
Herr Dr. Walter Johannes Stein, Stuttgart: Referat über den «Bund für anthroposophische Hochschularbeit»
Der Hochschulbund, über den ich Ihnen zunächst zu berichten habe, gehört ebenfalls zu den Institutionen, die nach jenem für unsere Bewegung so bedeutungsvollen Jahr 1918 gegründet worden sind. Welche Bewandtnis hat es mit diesem Jahr? Das war es, was sich mir als Frage immer wieder vor die Seele stellte, auch da, wo es mir in der Vorbereitung für diese Tagung oblag, über den Hochschulbund nachzudenken. In diesem Jahr, auf dessen Bedeutung für unsere Bewegung Herr Dr. Steiner in letzter Zeit wiederholt hingewiesen hat, regte sich ja zuerst das selbständige Wollen der Mitglieder unserer Bewegung für die Angelegenheiten des äußeren sozialen Wirkens. Aber es verlief diese Willensentfaltung noch halb instinktiv. Noch konnte man sich nicht durchringen im Sinne der «Philosophie der Freiheit», selbst ergriffene Intuitionen zu verwirklichen. Man kam daher immer wieder zu Herrn Dr. Steiner mit der Bitte um Rat. Dr. Steiner hat dann im Laufe der Zeit immer deutlicher und deutlicher gezeigt, wie sein Ziel nur sein konnte, freie Menschen um sich zu haben. Rat erteilte er den noch Unfreien, so daß diese immer mehr dazu kommen konnten, selbstergriffene Ideen zu verwirklichen. So reifte der Gesellschaft allmählich seit 1918 die Aufgabe, vor der sie heute steht: sich selbst zu lenken und zu leiten. Dies aber ist die Aufgabe der Menschen im Zeitalter der Bewußtseinsseele. So wuchs seit 1918 Gesellschaftsaufgabe und Zeitenaufgabe in eins zusammen. Und die Krisis, die unsere Gesellschaft heute durchlebt, ist ein Spiegelbild der großen Zeitenkrisis, die dadurch hervorgerufen ist, daß zwei Zeitalter miteinander streiten. Das alte Zeitalter der griechischlateinischen Kulturepoche ist noch nicht verklungen. Längst zwar kündet die Sternenschrift am Himmel den neuen Zeitgeist. Aber der konnte sich seinen Einzug in die Welt noch nicht erkämpfen. Noch herrscht der Geist der Intellektualität einer verflossenen Epoche und der Geist des neuen spirituellen Zeitalters kämpft noch um seinen Einzug. Und das muß so sein. Denn das Zeitalter der Bewußtseinsseele kann nicht durch die Schrift am Himmel, durch Götterwollen, es kann nur völlig siegen, wenn Menschenwollen sich zum Mitkämpfer des Götterwollens macht, weil Menschen in Freiheit ergreifen, was nur sie als ihren ureigensten Entschluß verwirklichen können.
Sehen Sie hin nach Frankreich. Da kämpft ein Ausläufer der lateinisch-romanischen Völker- und Zeitenströmung. Es ist ein absterbendes Volk, das physisch ausstirbt und sich selbst zerfleischt, indem es sein Blut mit dem tieferstehender schwarzer Rassen durchsetzt. Es ist ein Volk, das wie verlassen von der Führung geistiger Wesen, die sonst Völker lenken, Handlungen vollzieht, die in Geistesabwesenheit vollzogen werden. Dies Handeln aus der Abwesenheit des Geistes kommt aber da nur stärker zum Ausdruck, weil es sich machtvollerer Mittel bedient. Es ist aber Symptom der Zeit. Auf allen Gebieten vollzieht sich dasselbe. Ein Zeitgeist, dessen Epoche abgelaufen ist, umkrallt noch die Menschen und führt, während ihm selber sich das Bewußtsein umdämmert, die Menschen in geistloses Tun. Da ist es Zeit, daß die Menschen den eigenen Geist erwecken, denn der Geist des spirituellen Zeitalters wird nur Erwachte führen können.
Dies große weltgeschichtliche Geschehen spielte auch in unsere Bewegung. Lassen Sie mich das an einem allerdings persönlichen Beispiel zeigen. Ich kam 1913 zur Bewegung. Ich war einer von denen, die zur Anthroposophie drängten, weil sie es an der Universität nicht aushielten. Dort ging mir der Atem aus. Es war keine geistige Lebensluft da. Alles war tot. Und die großen Geister schienen der Vergangenheit anzugehören und moderten in Bibliotheken. Ich aber suchte für meine Wissenschaft, die ich liebte, Leben. Was ging mich die Anthroposophische Gesellschaft an? Nicht sie, sondern meine Wissenschaft lag mir am Herzen. Naturwissenschaft und Philosophie empfand ich als an einen Punkt gelangt, über den hinaus sie durch sich nicht kommen konnten. Da fand ich die Anthroposophie. Ich war entschlossen, sie gründlich kennenzulernen. Da kam ich nach München. Ein älteres Mitglied empfing mich. Ich sagte: «Ich bin gekommen, um die Brücke zu schlagen zwischen Anthroposophie und Naturwissenschaft.» «Das ist schon geschehen», sagte das Mitglied, «da kommen Sie zu spät.» Ich war also gekommen, um der Naturwissenschaft willen. Aber jetzt wollte ich die Mysterienspiele sehen. «Die dürfen nur Mitglieder sehen», sagte man mir. Ich war nicht Mitglied, wollte auch keins werden. Ich wendete mich an Dr. Steiner. Ja, das sei richtig — die Mysteriendramen-Aufführungen seien nur Mitgliedern zugänglich. Aber ich könne ja für den Tag der Aufführung Mitglied werden und am nächsten Tag wieder austreten. Darauf ging ich ein. Ich war also in der Aufführung. Nachher kam Dr. Steiner und fragte: «Nun, Herr Stein, wie haben Sie sich amüsiert?» Ich sagte: «So ein Esel wie gestern bin ich jetzt nicht mehr — und austreten aus der Gesellschaft tu ich auch nicht mehr.» So wurde ich Mitglied der Gesellschaft. Es ist symptomatisch. Derjenige, welcher gekommen war, die Brücke zu schlagen zwischen Naturwissenschaft und Anthroposophie, war durch die Mysteriendramen gewonnen worden. Ich sagte eben — das war symptomatisch. Denn es ging den andern, die nach mir kamen, ebenso. Dr. Roman Boos und wir, die wir zu jener Generation gehörten, die es an den Universitäten nicht aushielten, wir wollten die Anthroposophie in die Hörsäle tragen. Das sollte geschehen durch einen Aufruf, der im Herbst 1920 an die deutschen Studenten hinausging. Dr. Steiner hatte ja in der Aula der Technischen Hochschule in Stuttgart vor den Studenten, veranlaßt durch eine Aufforderung von studentischer Seite, über «Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft und Technik» gesprochen. Herr Palmer und Herr Werner Rosenthal sandten dann im Anschluß an diesen Vortrag im Juli 1920 Entwürfe eines Aufrufes an die Freunde in Breslau, Freiburg i. Br., Hamburg, Heidelberg, Karlsruhe, Leipzig, München, Tübingen. Viele andere Fassungen liefen ein. Schließlich verarbeiteten wir in Stuttgart alle Anregungen zu dem Aufruf, der dann hinausging. Dieser Aufruf war reichlich geharnischt. Er hat uns, weil keine der sogenannten führenden Persönlichkeiten ihm wirklich eine Tat folgen ließ, reichlich Gegnerschaft, aber keinen positiven Gewinn eingebracht. Vor allem die Hochschullehrer wurden zu Gegnern gemacht. Es war ein Irrtum, zu glauben, Anthroposophie müsse in die Hörsäle. Wissenschaft sollte anthroposophisch befruchtet werden. Nicht Polemik, sondern Weiterbildung der Wissenschaft wäre das richtige gewesen. Aber dazu war es zu früh. Die Wissenschaftserneuerung konnte damals von uns nicht bewerkstelligt werden. Und die Jungen? Wollten sie eine anthroposophisch frisierte Wissenschaft? Nein. Sie wollten Anthroposophie. Aber das haben wir damals nicht erkannt. Ich war selber nicht durch anthroposophische Wissenschaft, sondern durch die Mysteriendramen gekommen. Aber das blieb unbeachtet. Immer breiter wurde die Kluft zwischen denen, die Anthroposophie in die Hörsäle tragen wollten, und der jüngsten Generation, die die Anthroposophie selber suchte. Heute erst ist mir klar, daß wir selber ja auch nichts anderes wollten als Anthroposophie. Darum meine ich, daß wir, die etwas ältere Generation, die «Dozenten» der Hochschulkurse - und wie alle die Veranstaltungen heißen — uns jetzt doch richtig mit der Jugend finden werden. Denn in mir selber lebte- freilich von mir nicht erkannt - was auch in ihr lebt. Das war das Tragische, das war unsere Schuld, daß wir eine Bewegung inauguriert hatten, die dann versickerte. Dr. Steiner hielt naturwissenschaftliche Kurse —- in der Erwartung, daß die, welche sie verlangt hatten, das Gegebene verarbeiten würden. Jetzt erst geschieht es. Dr. Hermann von Baravalle arbeitet an einer Optik, an einer Wärmelehre, andere verarbeiten anderes. Allerlei Arbeitsgruppen haben sich gebildet. Sprachwissenschafter, Pädagogen, Architekturstudierende haben sich zusammengefunden. Über das, was nun aus der Jugend heraus werden will, wird Herr Lehrs zu Ihnen sprechen. Ich wollte nur den Blick wenden auf den historischen Moment, auf den Sturm der Zeitgeschichte, der hereinbrauste 1918 auch in unsere Bewegung. Lassen Sie uns diesen Sturm bewußt erleben, damit er zum Brausen werde, welches uns die Feuerzungen erweckt, die jene Sprache sprechen, die alle verstehen, jung und alt.
Schluß 11 Uhr.