The Fateful Year of 1923

GA 259 — 13 February 1923, Stuttgart

An die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland

Liebe Freunde!

Die Anthroposophische Gesellschaft ist in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten. Es gilt diese mit vollem Bewußtsein zu erfassen und die anthroposophische Arbeit danach zu gestalten. In früheren Jahren mochte es genügen, die Ergebnisse der Geistesforschung mit offenem Sinn und empfänglichem Herzen aufzunehmen und ihr in kleineren Kreisen Stätten zu bereiten. In den letzten Jahren ist die anthroposophische Bewegung mehr und mehr eine Weltbewegung geworden. Diese Tatsache stellt neue Anforderungen an diejenigen, die Anthroposophie vor der Welt vertreten wollen. Das ergibt sich sowohl aus dem inneren Fortschritt der Anthroposophie als auch aus dem Wandel der allgemeinen Zeitverhältnisse. Die Erkenntnis der Fruchtbarkeit der Anthroposophie für alle Gebiete des Lebens gab einer Reihe von Persönlichkeiten seit dem Jahre 1919 den Mut, eine Reihe von Unternehmungen im Sinne der anthroposophischen Weltanschauung und ihrer Auswirkung in der Lebenspraxis zu begründen. Diesem Wollen kam Dr. Steiner entgegen im Vertrauen darauf, daß sich diejenigen, welche die Unternehmungen in Angriff nahmen, auch mit unbeugsamem Willen für die Durchführung einsetzten. Angesichts der Tatsache, daß in weiten Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft die Meinung Platz gegriffen hat, Dr. Steiner sei selbst der Begründer solcher Unternehmungen, ist es unsere Pflicht, zu betonen, daß dies nicht der Fall ist. Die volle Verantwortung liegt vielmehr bei denjenigen, die sie begründet haben. Wie Anthroposophie das Leben befruchtet, dort, wo sie aus ihren eigenen inneren Impulsen heraus wirken kann, zeigen solche Schöpfungen wie das nun vernichtete Goetheanum und die eurythmische Kunst, welche sich unter der Leitung von Frau Marie Steiner in den letzten Jahren in ungeahnter Weise entfaltet hat. Sie haben in der Welt Anerkennung gefunden als Schöpfungen von allgemein menschlicher Bedeutung. Ebenso hat die Freie Waldorfschule in Deutschland und weit darüber hinaus durch die aus anthroposophischer Geisteserkenntnis geborene Pädagogik die größte Beachtung gefunden. Auf dem Gebiet des praktischen Wirtschaftslebens war es möglich — trotz der heftigen Anfeindungen, die gerade auf diesem Gebiet aus alten Anschauungen heraus auftraten -, die Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag» so auszubauen, daß dieses Unternehmen seine wichtige Aufgabe innerhalb der ihm durch die allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse gezogenen Grenzen erfüllen kann.

Dr. Steiner hat die Wege gewiesen, wie die wissenschaftliche Arbeit durch übersinnliche Erkenntnisse befruchtet werden kann. Dadurch ergeben sich aber für die anthroposophische Arbeit gewaltige Aufgaben. Der Wissenschaftler kann ihnen nur gerecht werden, wenn er in sein Forschen anthroposophische Methode einfließen läßt, wie es z.B. in der Arbeit über die Milzfunktion von Frau L. Kolisko aus dem Wissenschaftlichen Forschungsinstitut geschehen ist. Wer die Schwierigkeiten kennt, mit denen die Forschung auf diesem Gebiete bisher zu kämpfen hatte, muß eine solche Entdeckung, wie sie in dieser Schrift hingestellt ist, als den epochemachenden Anfang einer neuen Erkenntnis von der Natur des menschlichen Organismus begrüßen. Die Arbeit von Dr. Hermann von Baravalle «Zur Pädagogik der Mathematik und Physik» bedeutet auf ihrem Gebiete eine Leistung von ähnlicher Wichtigkeit. Die Schrift über experimentelle Pädagogik von Dr. C. von Heydebrand muß als eine Tat auf dem Gebiet der Pädagogik bezeichnet werden. Sie ergibt eine geradezu vernichtende Kritik der grotesken Ausartungen der Experimental-Psychologie und -Pädagogik, der sie zum erstenmal positive Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Erziehungskunst entgegenstellt.

Wie sollen diese Leistungen von der äußeren Wissenschaft berücksichtigt werden, wenn sie nicht in unseren eigenen Reihen in ihrem vollen Umfang gewürdigt werden?

Über solche positiven Ergebnisse hinaus ergibt sich aus vielen Hinweisen Dr. Steiners, wie in Fortsetzung berechtigter naturwissenschaftlicher Forschung sich gerade der Forscher selbst auf den Weg zur übersinnlichen Erkenntnis gestellt sehen kann. Diesen wichtigen Aufgaben muß die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie die wahre Trägerin anthroposophischen Lebens sein will, lebendiges Interesse zuwenden. Die Pflege des geisteswissenschaftlichen Erkenntnisweges ist Hauptaufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft. Das gegenwärtige Bewußtsein ist in vielen Menschen in einer Umwandlung begriffen, die so manchen in ein seelisches Chaos hineinzutreiben droht, wenn ihm nicht anthroposophische Arbeit Kraft zur Gestaltung entgegenbringt.

Die Jugend trägt eine Kraft neuen Werdens in sich. Aus der dumpfen Atmosphäre der Hörsäle, die manchmal auch noch bei unseren Hochschulkursen zufühlen war, strebt die Jugend dahin, wo sie die Anthroposophieals solche findet. Ihrem Verlangen nach gesunder Verinnerlichung muß Anthroposophie so entgegentreten, daß sie Erkenntnis, Gemüt, moralisches und religiöses Streben ergreift. Eine ältere Generation, die den Weg der inneren Seelenentwicklung im Sinne der Anthroposophie beschritten hat, kann in keinen Gegensatz zur Jugend kommen, da diese Entwicklung jugendliche Kräfte in allen Seelen erweckt. Auf dieser Grundlage des anthroposophisch-seelischen Entwicklungsstrebens gibt es keinen Gegensatz zwischen Alter und Jugend. Der Verleumdungsfeldzug unserer Gegner verlangt einen mit sachlicher Deutlichkeit geführten, energisch betriebenen Gegenfeldzug. Diejenige Gegnerschaft, welche Dr. Steiner aus der Begründung der anthroposophischen Geisteswissenschaft erwachsen ist, wäre von keiner erheblichen Bedeutung gewesen. Eine gefährliche Gegnerschaft entstand erst seit der Begründung der verschiedenen Unternehmungen seit 1919. Diese letztere Art der Gegnerschaft griff törichte Behauptungen ehemaliger Mitglieder auf und verwendete sie als Mittel für ihre Absicht, die Anthroposophie aus der Welt zu schaffen. So brachte es eine skrupellose Gegnerschaft fertig, mit einer Flut von Verleumdungen die Person Dr. Steiners zu überschütten.

Es ist die Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft und besonders derjenigen, welche die Anthroposophie auf allen Gebieten nach außen vertreten wollen, diesen Verleumdungen energisch entgegenzutreten, um endlich Dr. Steiner in wirksamer Weise vor solchen Angriffen zu schützen. Vor allem gilt es Verleumdungen, wie sie z.B. in den «Psychischen Studien» enthalten sind und welche dann von fast allen Gegnern kritiklos kolportiert worden sind, dadurch energisch zu bekämpfen, daß ihre Urheber charakterisiert und an den Pranger gestellt werden.

So gab es in München einen Menschen, der Dr. Steiner durch seine fanatische Anhängerschaft besonders lästig fiel, indem er z. B. versuchte, ihm bei jeder Gelegenheit die Hände zu küssen. Nachher verwandelte er sich aus gekränkter Eitelkeit in einen ebenso fanatischen Gegner. Aus dieser Schmutzquelle schöpften alle die anderen Gegner. Den Charakter unserer Gegner beleuchtet auch ein Beispiel aus der neuesten Zeit. Ein Privatdozent einer altberühmten Universität versuchte unter dem Deckmantel wissenschaftlichen Interesses unveröffentlichtes Material von uns zu erlangen. Ungefähr um dieselbe Zeit bewies er seinen Mannesmut dadurch, daß er einige unserer Mitglieder bat, ihn in der polemischen Auseinandersetzung — wie er sagte — nicht so wie den Prof. Drews zu behandeln und ihm so seine Karriere zu verderben. Auch die Methode vieler dieser neuen Gegner muß gekennzeichnet werden. Sie haben ein Zerrbild der Anthroposophie vielfach unter Mißbrauch ihrer offiziellen Stellungen oder wissenschaftlichen Autorität den Zeitgenossen aufzudrängen versucht, indem sie zahlreiche aus dem Zusammenhang gerissene Stellen aus den Büchern und Vorträgen Dr. Steiners böswillig zusammengestellt haben. Diesem Zerrbild muß von unserer Seite durch sachgemäße Vertretung das wahre Bild des anthroposophischen Geistesgutes entgegengestellt werden.

Wir sind es der Anthroposophie schuldig, daß bei ihren Vertretern eine durch selbständiges Erleben des Geistigen geschaffene Seelenhaltung zum Ausdruck kommt, welche sie befähigt, die Anthroposophie in voller Würde so hinzustellen, daß alle Menschenseelen den Weg zu ihr finden können. Es werden auch Behauptungen der Gegner wie z.B., daß die übersinnlichen Erkenntnisse über vergangene Menschheitszustände keine Bedeutung für das wirkliche Leben haben, ihre Widerlegung finden einfach durch das Lebensverhalten der Anthroposophen selbst, wenn diese Erkenntnisse in der Zweigarbeit und dem individuellen Leben so gepflegt werden, daß offenbar wird, was sie den Menschen an Erkraftung der Persönlichkeit und an Erleuchtung des Daseins zu geben vermögen. Die Erkenntnisse vom vorgeburtlichen und nachtodlichen Leben werden dann nicht abstrakt dogmatisch an die Menschen herankommen, wenn sie als ethische Kraft unmittelbar fühlbar werden. Die Neubelebung des Christentums durch die anthroposophischen Forschungsergebnisse wird dann nicht als eine bestreitbare Behauptung oder als ein unsicheres Versprechen vor die Menschen hingestellt werden, wenn sie ihnen aus der ganzen Haltung der Anthroposophen selbst entgegentritt.

Dringend notwendig ist auch, im Hinblick auf die Stärke der Gegnerschaft, daß alle in der Anthroposophischen Gesellschaft vorhandenen lebendigen geistigen Kräfte weder in der Vereinsamung erlahmen noch sich in Gegensätzlichkeiten zermürben, sondern im freien Zusammenwirken sich voll entfalten, und daß von der Leitung der Gesellschaft aus jeder im echt anthroposophischen Geist Tätige möglichst zur vollen Wirksamkeit im Dienst der gemeinsamen Sache gefördert wird. Es muß ein menschliches Verhältnis unter den einzelnen Anthroposophen entstehen. Nach neuen beweglichen Formen muß gesucht werden, wie die Anthroposophische Gesellschaft aus ihrer Absperrung und Selbstabsperrung heraus zu einer vielseitigen Vermittlerin ihres Geistesgutes wird. Jede Leitung der Gesellschaft wird unterstützt und zugleich beweglich erhalten werden müssen durch eine lebendige Organisation von Vertrauenspersönlichkeiten, die sich für die Gesamtarbeit mitverantwortlich fühlen werden.

Was wir in diesem Aufruf aus unserem Empfinden für die neuen Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft nur in Umrissen dargestellt haben, möchten wir einer Vertreterversammlung zur Beratung vorlegen. Bei der außerordentlichen Tragweite der Entscheidungen, die wir treffen müssen, bitten wir die Arbeitsgruppen in Deutschland, solche Persönlichkeiten, denen eine Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft warm am Herzen liegt, zu einer vom 25. bis 28. Februar in Stuttgart stattfindenden Tagung zu entsenden.

Bis zur Vertreterversammlung werden wir Unterzeichneten die leitende Vertrauenskörperschaft für die Angelegenheiten der Anthroposophischen Gesellschaft bilden. Stuttgart, den 13. Februar 1923.

Jürgen v. Grone, Dr. Eugen Kolisko, Johanna Mücke, Emil Leinhas, Dr. Otto Palmer, Dr. Friedrich Rittelmeyer, Dr. Carl Unger, Wolfgang Wachsmuth.

German original of To the Members of the Anthroposophical Society in Germany · Next →