The Fateful Year of 1923

GA 259 — 30 January 1923, Stuttgart

Sitzung mit dem Siebenerkreis

Dr. Unger: Es gilt, die Delegiertenversammlung vorzubereiten. Ich habe mich mit Dr. Kolisko beraten und die Diskussionen von gestern für das Mittelpunktsthema vorbereitet: Die Gesellschaft muß konsolidiert werden.

Dr. Kolisko: Die Vertreterversammlung müßte bald stattfinden.

Dr. Unger: Wie soll dieser Kreis wirken bis zur Versammlung? Es muß die Frage gestellt werden, ob es mit mir noch geht.

Es findet ein Gespräch statt zwischen Dr. Schwebsch und Dr. Unger.

Dr. Schwebsch: Man konnte gestern den Eindruck haben, daß es sich um die Familie Unger-Arenson handelt und nicht um die Gesellschaft.

Dr. Kolisko: Man muß zunächst ein Provisorium machen, auch in den Zweigangelegenheiten.

Dr. Unger: Das Mißtrauen gegen mich besteht weiter.

Marie Steiner: Man hat damals, als die Frage des Zusammenschlusses der beiden Zweige auftauchte, von den Herren Hahn, Baumann und Palmer aus gegen die Herren Arenson und Unger gearbeitet. Wenn solche Wünsche auftauchen wie das von Frl. Hauck Vorgebrachte, so zeigt es, daß man mit diesen Dingen fertig werden kann. Warum sollte es nicht möglich sein?

Dr. Schwebsch: Es sind imponderable Dinge.

Dr. Unger: Es ist hier die Meinung, daß es mit mir nicht geht.

Dr. Steiner: Wir kommen keinen Schritt weiter, wenn wir diese Frage diskutieren. Es ist eine absolut nicht notwendige Frage, die den Abend nicht zu beschäftigen hat. Um was es sich handelt, ist wirklich nicht, was der Stuttgarter Zweig für sich wünschenswert oder nicht wünschenswert findet oder wie die Arbeit von Herrn Arenson und Dr. Unger gewertet wird, sondern die Frage ist, daß der Zentralvorstand in diesen Jahren nichts geleistet hat. Das zweite ist dies, daß etwas auftreten muß, dem man ansieht: Nun kann etwas entstehen. Alle anderen Fragen müssen von diesen zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Auch die Frage des Mißtrauens oder Vertrauens muß von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet werden. Wir können uns nicht noch vierzehn Tage darüber unterhalten. Das ist es. Es handelt sich um die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland und Österreich, und von der war die Rede im Auftrag an Herrn Uehli. Was mit dem Stuttgarter Zweig wird, das ist eine ganz andere Sache. — Ich habe mit dem «Stuttgarter System» immer dasjenige gemeint, was von hier aus zersetzend, richtig zersetzend auf die Gesellschaft gewirkt hat, weil der Zentralvorstand keine Ideen hatte. Das muß die Richtung der Unterhaltungen sein.

Marie Steiner: Ich finde, daß sich Dr. Schwebsch in sehr einseitiger Weise gewendet hat und das Wesentliche nicht sieht.

Dr. Steiner: Das Wesentliche ist, daß nirgends das zweite positive Element hervortritt und daß dasjenige nicht hervortritt, was die Damen und Herren zu tun gedenken. Bedenken Sie doch, in welcher sterilen Situation wir stehen! Der bisherige Vorstand hat es für vereinbar gehalten, daß der eine seine Funktionen zur Verfügung gestellt hat und daß Dr. Unger provisorisch zurückgetreten ist. Dann haben wir eine traurige Nachtsitzung gehabt, und dann ist es noch zu einer Sitzung gekommen, in der wir notdürftig versuchten zu skizzieren, wohin denn die Reise gehen muß. Nun habe ich erwartet, daß nach dieser Richtung hin Beratungen gepflogen werden: wohin die Reise gehen sollte.

Die erste Sitzung ging tumultuarisch vor sich in der Kritik. Dann begann ein allgemeines Schweigen; man setzte sich um den Tisch herum, und diejenigen, die am meisten geredet haben in der Kritik, reden am wenigsten, wenn es sich darum handelt, einen positiven Aufbau zu skizzieren.

Dr. Unger: Ich war bestrebt, etwas Neues hinzustellen. Dr. Steiner: Die beiden Aufrufe sind bloß bürokratische Schriftstücke: Einberufung von Versammlungen! Wenn Sie die Meinung haben, daß das nun weiser sein wird, als was bisher getan wurde, so irren Sie sich. Es handelt sich darum, daß die Anthroposophische Gesellschaft geführt werden muß, daß also derjenige, der schon Versammlungen einberuft, Ideen haben muß, wie die Reise weitergehen soll. Mit diesen Aufrufen sind bürokratische Schriftstücke geschaffen.

Mehrere Redner sprechen, oft mit Bezug auf «gestern». Marie Steiner: Es reden gewöhnlich nicht diejenigen, die etwas zu sagen haben.

Emil Leinhas spricht.

Marie Steiner: - - aber Besessene wirken stark. Wenn Sie nicht jahrelange Erfahrungen haben, merken Sie die Wirksamkeit nicht auf den ersten Schlag. Man ist dem nicht immer gewachsen, und die «ewige Jugend» fällt schließlich doch darauf herein. Was Dr. Unger sagt: «das Lebenswerk Dr. Steiners von allen Seiten beleuchten», ist vielleicht nicht neu, aber — —

Frl. Dr. Maria Röschl spricht.

Dr. Steiner: Nehmen Sie die Dinge, wie sie in diesen Tagen gewesen sind. Im Grunde genommen wurde vieles von dem, was hätte geschehen sollen, im Dreißigerausschuß schon immer gesagt. Am 10. Dezember [1922] habe ich [mit Herrn Uehli] gesprochen und gesagt, ich erwartete, daß man vom Zentralvorstand her mit einigen anderen Leuten an mich herantrete, sonst müßte ich mich in einem Rundschreiben an die Gesellschaft selbst wenden; diese Gesellschaft ist im Zerfall begriffen. — Ich will nicht alles wiederholen, was dazwischen liegt. Ich kam wieder her. Sie versammelten sich alle unabhängig von jenem Auftrage, den Sie dadurch zum Ausdruck gebracht haben, daß Sie scharfe Kritik am Zentralvorstand geübt haben, weil nichts geschieht. — Bitte, was ist dasjenige, was geschehen muß? Der Kreis muß auf die Persönlichkeiten hindeuten, von denen er glaubt, daß sie es wissen.

Frl. Dr. Maria Röschl [zu Dr. Unger]: Wie stellen Sie sich die Zweigarbeit vor?

Dr. Unger: Das Buch «Theosophie» sollte studiert werden. Das müßte man, entsprechend vergrößert, auf die ganze Bewegung erstrecken. Archive müßten in der richtigen Weise geöffnet werden. Man müßte einen «Führer» ausarbeiten durch die Werke Dr. Steiners.

Mehrere andere reden, dann Herr Uehli und Dr. Unger.

Dr. Steiner: Seit 1919 ist keine Führung da. Durch die Begründung von diesem und jenem ist die Notwendigkeit entstanden, daß die Gesellschaft durch Persönlichkeiten geführt wird — — —. Sie bedarf einer Führung, [aber] sie wird nicht geführt, weil sich die Persönlichkeiten, die führen sollten, nicht bewußt sind, daß sie führen sollten. Wie verlaufen die Dinge in der Gesellschaft? Was geschieht? Und was geschieht nicht?

Die «Bewegung für religiöse Erneuerung» ist entstanden. Eine Dame ist mit aller Leidenschaft hineingegangen; sie hat nichts anderes gefühlt, als daß sie dort hineingehen soll. Irgendwelche ihr plausible Direktive ist nicht entstanden. Sie hat gehört von meinem Vortrag vom 30. Dezember [in GA 219]; es ist ihr alles mögliche gesagt worden, wodurch sie irre geworden ist. Nun habe ich hier letzten Dienstag vorgetragen.1 Von dem Vortrag hat sie den Eindruck gehabt, sie werde ihre frühere Stellungnahme wiederfinden. Hinterher ist ihr gesagt worden, es gehe aus meinem Vortrag hervor, daß kein Anthroposoph sich an der religiösen Erneuerungsbewegung beteiligen solle. - Ja nun, da ist sie nun völlig außer Rand und Band gekommen. Dieses «soll» und «soll nicht»! Fortwährend «soll» man das tun, oder man «soll» es nicht tun — — was aber gar nicht vorkommt in dem, was ich vortrug.

Es wird nicht eigentlich gewirkt. Was für diese Bewegung ein klassisches Beispiel ist: Es wird nicht gewirkt für die Verbreitung des Anthroposophischen, sondern für die Verhinderung des richtigen Anschauens des Anthroposophischen. Das ist der Fall, daß für die Verhinderung des richtigen Anschauens des Anthroposophischen gewirkt wird. Es wurde nicht gewirkt bis Ende Dezember. So kam es, daß dieser ganze Fragenkomplex, der sich herausgebildet hat in bezug auf die religiöse Erneuerungsbewegung, ein Mißurteil ist. Man nahm keine Stellung dazu, bis Ende Dezember der Zentralvorstand kam und eine bloße Abwehrbewegung machen wollte, die viel zu spät kam. Und dies war nicht begleitet von dem wirklichen Bewußtsein: Was soll die anthroposophische Bewegung tun? Es war ein Sichauseinandersetzen mit etwas anderem.

Nehmen wir das andere dazu, daß die anthroposophische Bewegung begründet worden ist 1901 und bis zum Jahre 1918 positiv weiterging. Und daß von da ab Gründungen begannen, die sich hineingesetzt haben in die fertige Anthroposophische Gesellschaft. Man hat die Anthroposophie zur Dreigliederung gemacht, zu allem möglichen hat man das Anthroposophische gemacht. Überall wurden die eigensinnigen oder die bequemen Wege gesucht, währenddem alles, was von mir hervorgehoben wurde, durch die Finger geblasen worden ist, mit Ausnahme des einzigen, daß Herr Leinhas die Sanierung des «Futurum» in die Hände genommen hat. Die eigentliche Führung fehlt vollständig. Und deshalb mußte geredet werden von dem «Stuttgarter System», das darin besteht, alles mögliche der Anthroposophischen Gesellschaft aufzupfropfen, nicht aber sich die Mühe zu geben, für Anthroposophie zu wirken. Auf der anderen Seite ist das System, alles zu beginnen und es nicht fortzusetzen, wie unter anderem den «Bund für freies Geistesleben»; der ist nur Programm geblieben. Und dann, nicht wahr, dies: Überall die bequemsten Wege wählen und jeden wieder verlassen, sich nicht weiter darum kümmern. Das Sitzen auf kurulischen Stühlen ohne jede Aktivität! Alles das ist typisch für das «Stuttgarter System».

Das sind die absoluten «Unmethoden»: sein Amt erledigen, aber jede reale Aktivität vermeiden. Die Aktivität ist vermieden worden seit 1919. Verfolgt ist nichts worden, währenddem man immerhin die Versprechungen gemacht hat, die Dinge zu verfolgen. Das sind die Dinge, die vor allem in Betracht kommen. Es kommt mir vor, als ob es leicht wäre, zum Positiven überzugehen. Wenn ich zum Beispiel die Tätigkeit von Dr. Stein betrachte, so kommt sie historisch mir so vor: Zuerst hat er geschimpft, so daß er sich erhoben hat bis zu der Charakteristik: Der Vorstand ist zum Kindergespött geworden -, dann ist er in Lethargie verfallen. Etwas Positives wäre kaum hervorzuheben. Es nützt nichts, wenn Sie sagen, ich solle raten. Dann führt es dazu, daß irgend etwas, was ich anführe, weitergesagt wird. Ich tadle nicht, daß Sie es gesagt haben; nur hilft es nichts. Es hilft nur dasjenige, was auf eigenem Grund und Boden wächst, aber so, daß es gegenständlich wird und vom Willen durchsetzt. Solange wir in dem Stadium bleiben, nicht über Allgemeinheiten hinauszukommen, so tun wir, als ob die Gesellschaft gar nicht da wäre. Da sie aber da ist, muß man anders reden. Man muß von realen Dingen reden. Wir sind doch nicht vor die Frage gestellt, jetzt die Anthroposophische Gesellschaft zu begründen. «Menschlich finden den anderen»: das sind Redensarten, die man in jeder humanitären Gesellschaft gebraucht.

Nun bildete sich dieses Siebenerkomitee. Das konnte sich doch nur zusammenfinden, indem es sagte: Wir wollen dies oder das, und deshalb sind wir mit dem und dem unzufrieden. — Wo auch immer die Möglichkeit gewesen wäre, in dieser Zeit hier auf eine positiv menschliche Weise irgend etwas zu bewirken, ist sie nicht ergriffen worden. Das ist es, was ich als das System der inneren Opposition erklärt habe. Talente muß man in den Dienst der Sache stellen, nicht sie abstoßen. Wenn das in der Waldorfschule wirklich versucht wird, ist es nur auf den Umstand zurückzuführen, daß ich selbst mir die Besetzung der Stellen vorbehalten habe. Wo ich aber nichts zu sagen hatte, ist das System befolgt worden, Talente herauszuschmeißen. Talente sind oft höchst unbequeme Wesenheiten.

Auf diese Weise treiben wir fortwährend Inzucht, indem wir in der Gesellschaft das System der letzten vier Jahre fortsetzen. In den letzten vier Jahren ist fortwährend Inzucht getrieben worden, mit Ausnahme derjenigen Menschen, die ich selbst berufen habe. Es ist immer der Weg der Bequemlichkeit gewählt worden. Wieviel ist hier dadurch ruiniert worden, daß man nicht verstanden hat, Talente zu pflegen. Diejenigen, die da sind, werden auch nicht gepflegt. Man schimpft über sie. Die Aufgabe ist, sie zu pflegen, sie zu verwenden in der Weise, daß sie ihre Talente und Kenntnisse in den Dienst der Gesellschaft stellen.

Der «Kreis» findet gar nicht die Möglichkeit, über seine eigene Clique hinauszukommen. Er denkt nicht daran, wenn er selbst nicht weiterkommt, andere herbeizuziehen, um die Talente oder den guten Willen zu verwenden. So wird fortwährend Inzucht getrieben. Das ist keine Art, daß sich ein paar Waldorflehrer zusammensetzen und die Gesellschaft reformieren wollen, wenn sie es doch nicht können. Wenn sie es können, dann sollen sie es nur machen.

Von diesem Aufruf von Dr. Unger weiß überhaupt niemand. Auch nicht von dem anderen, der fast gleichlautend ist. Die Leute wissen nicht, warum sie kommen sollen. Es hat natürlich nur dann einen Wert, wenn diejenigen, welche die Sache in die Hand nehmen wollen, sagen, was zu tun ist. Es ist nichts darinnen, was von der Gesellschaft zu tun ist, und deshalb nicht getan wird, weil die Gesellschaft nicht funktioniert.

Wir haben Forscher, Institute! Da sind: Dr. Theberath, Maier — Strakosch ist der Oberste davon -, Smits, Lehofer, Dechend, Pelikan, Streicher, Spieß. Neun Forscher sind aus der Anthroposophischen Gesellschaft hervorgegangen. Das ist eine brennende Frage, daß der «Kommende Tag» nicht bankerott wird an diesen neun Forschern. Das ist eine der brennendsten Fragen der Anthroposophischen Gesellschaft. Das ist alles aus dem Schoße der Anthroposophischen Gesellschaft hervorgegangen. Haben Sie sich gekümmert um die Sachen, die nicht gemacht werden?

Dr. Kolisko: Diese Fragen kennen wir genau.

Dr. Steiner: Es wächst sonst alles ins Bodenlose, wenn sich die Gesellschaft nicht um die Dinge kümmert und nicht daran denkt zu pflegen, was aus ihr hervorgewachsen ist. Die Anthroposophische Gesellschaft so zu verwalten, wie Sie es heute besprechen, das kann man auf dieselbe Weise machen, wie man es 1910 gemacht hat. Die Leute haben die Waldorfschule gefordert. Es gibt keine Möglichkeit mehr, daß man die Dinge so weitermacht wie früher. Die Leute haben Tätigkeiten gefordert, die verrichtet sein wollen. Es erwächst den Leuten, die das gefordert haben, die Verantwortung, sich auch darum zu kümmern. Statt dessen halten wir Sitzungen, die es verhindern, daß man sich darum kümmert.

Ich möchte fortwährend auf konkrete Fragen hinweisen. Ich weise hin auf die Forscher, die Sie spazieren gehen lassen. Der Zentralvorstand hat nicht einmal darüber nachgedacht, daß er die Verpflichtung hat, sich darum zu kümmern, daß die etwas tun. In der Zeitschrift «Anthroposophie» steht nichts darin. Aber neun Forscher und vier Ärzte gehen spazieren. Selbstverständlich wird der «Kommende Tag» an diesen neun Forschern, zu denen vier Ärzte kommen, bankerott gehen. Und auf dies hin bekommen wir die Gegnerschaft. Das führt dazu, daß die Leute sagen, wir versprechen der Welt alles mögliche, und es geschieht nichts davon.

Emil Leinbas spricht.

Dr. Steiner: Im Augenblick, wo man hört, daß da Leute sitzen, die nichts tun, bekommen wir Gegnerschaft.

Marie Steiner: Neulich bei der Sitzung erwartete ich, daß gerade diese Dinge zur Sprache kommen würden.

Dr. Steiner: Es fielkeinem Menschen ein, von diesen realen Dingen zu sprechen, trotzdem ich noch andere Sachen gesagt habe. Seit 1919 wollte man etwas anderes haben als die Anthroposophische Gesell schaft.

Einige Mitglieder äußern sich dazu.

Dr. Steiner: Dazu reicht die Zeit nicht. Damit ist die Verantwortlichkeit den anderen zugewachsen, mitzusorgen für die Anthroposophische Gesellschaft. Das ist dasjenige, was geschehen muß. Archive machen und aus den Archiven Vorträge vermitteln, das hätten wir auch sonst arrangieren können. Dasjenige, was 1919 verlangt worden ist, fordert Mittätigkeit von andern Leuten, nicht bloß vom engsten Kreis. Wenn man neun Forscher anstellt, das steht unter der Verantwortlichkeit von jedem, der gerade die Wissenschaft will.

Marie Steiner: An die Eurythmie zu denken, ist niemandem eingefallen.

Dr. Steiner: Erst heranbändigen mußte man unsere Freunde, daß sie an der Eurythmie etwas fänden, während anderes sich hier parasitär festsetzt. Die eigentlichen Dinge werden in den Wind geschlagen. Das muß in den Aufrufen stehen, wenn auch nicht mit den Worten, mit denen ich es ausspreche.

Wenn wir immer nur schwätzen davon, wir wollen «den Menschen finden», dann kommen wir nicht weiter. Ich empfinde da eine Ungerechtigkeit. Ist es erhört, daß ich seit längerer Zeit in eine ganz bestimmte Richtung die Forschungzsiele richte und sage, die Dinge liegen in der Luft? Neulich erzählte mir Herr Strakosch, daß die Dinge schon gemacht werden. In der «Anthroposophie» müssen die Taten unserer Forscher darinnen stehen, und dafür ist der Zentralvorstand verantwortlich.

Es handelt sich darum, daß unsere Ärzte etwas tun. Sie haben der Aufgaben genug, es sind konkrete Aufgaben da.

Meinungsäußerungen werden laut über einiges, was unter den Geschehnissen des letzten Jahres zu verzeichnen ist.

Dr. Steiner: Man darf sich nicht beruhigen bei dem himmelschreienden Unrecht und nicht in aller Tiefe empfinden wollen. Es ist die Sache nicht in der Form besprochen worden, daß es «ein Skandal» ist, wenn so etwas passieren kann.

Dr. Kolisko spricht.

Dr. Steiner: Es ist nicht dasselbe, ob man etwas bei den Hörnern anpackt oder nur diskutiert. Ich erwähne das nur als ein Beispiel. Ich habe das immer vorgebracht: man redet von Allgemeinheiten. Bei der Waldorfschule sollten Sie doch diesen Intellekt gebrauchen, der durch eine ganz besondere Selektion von Mitteleuropa zustande gekommen ist. Die Inzucht innerhalb dieses Kreises führt zu weiter nichts. Damit ruinieren Sie auch alle Zweiggründungen. Neue Leute werden wir nicht hinzuziehen.

Marie Steiner: Es müßte alles von einer anderen Gesinnung durchdrungen sein. Es müßten außer den Waldorflehrern auch andere Menschen zur Geltung kommen.

Einige Anwesende sprechen.

Dr. Steiner: Ich rede nur von den Dingen, die man selbstverständlich [machen] kann. Man kann nach Dornach fahren, und man kann einen Vortrag halten. Man kann, wenn die Milz-Broschüre erscheint, behaupten, die hätte eine fortwährende Diskussion hervorrufen sollen. Eine Untersuchung braucht Zeit. — Natürlich sollte das auch ein bißchen Interesse hervorrufen. Ich will nicht sagen, daß die Leute zahlreich sind, die so etwas interessiert; aber dasjenige, was jeder kann und können muß, das ist, irgend etwas vor die Öffentlichkeit zu bringen, was eine positive Verarbeitung des anthroposophischen Stoffes ist. Das kann doch gemacht werden. Dazu braucht man sich bloß auf die Hosen zu setzen. Von der Genialität rede ich gar nicht, an der mangelt es nicht. Von Spieß weiß ich es nicht. Bei den andern ist die Kapazität vorhanden; aber sie sind nicht fleißig. Sie können etwas, aber sie werden nicht angeregt, etwas zu tun. Was ist aus den Forschern hervorgegangen, außer der Pendel-Geschichte von Rudolf Maier? Das ist das einzige wirklich positive Resultat.

Mit mir hat Schmiedel über Maiers Vortrag nicht gesprochen. So sind alle diese Dinge. Und wenn schon, so würde das nur die Aufforderung sein, daß Schmiedel eine Widerlegung schreibt. Das ist dasjenige, was da zu folgen hätte. Das könnte eine sehr interessante Debatte geben.

Es wird geredet über die Oppositionsstimmung in der Jugend.

Dr. Steiner: Frl. Mellinger wollte die Stimmung der Jugend wiedergeben. Diese Ideen, die von dieser Ecke kommen, gehen alle davon aus, daß die Leute sagen, es kommt auf keine Leitung an. Wissen Sie, wenn die Gesellschaft da ist, kann sich auch der entsprechende leitende Mensch finden. Es geht nicht ohne Führung. Es muß Zielbewußtheit in die Versammlung hineinkommen. Sie kann vielleicht ihre Einwendungen machen, wenn ihr die Leute nicht passen. Da sind Polzer, Frl. Mellinger, Lauer, — Maikowski ist nur der Stimmführer. Es ist alles greisenhafter, als man es sich vorstellen würde. Es müssen diejenigen ihren Standpunkt vertreten, die gewohnt sind, ihre Zunge zu gebrauchen. Daß Dr. Stein plötzlich stumm geworden ist, das ist ja traurig.

Marie Steiner: Ich dachte, daß man gerade über diese Mängel sprechen würde. Unter dieser Voraussetzung lebte ich; aber ich höre nichts davon.

Es werden verschiedene Stimmen laut.

Dr. Steiner: Polzer vertritt das gegenwärtig noch tätige Österreichertum. Frl. Mellinger kann alles Negative sagen. — Lauer ist ja Vertreter der Jugend; Maikowski ist der Theoretiker der Jugend. — Man kann sie ja für den Anfang verpflichten, daß sie nicht reden. — Es wird nach und nach die Position unmöglich, wenn man Frl. Mellinger zuzieht und

Maikowski nicht. Nehmen Sie bloß Polzer und Lauer.

[Dr. Steiner?]: Mittwoch ½9 Uhr Dreißigerkreis



  1. Vortrag Stuttgart, 23. Januar 1923, in GA 257. ↩

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