The History of the Anthroposophical Society 1913–1922
GA 251 — 31 July 1916, Dornach
16. Zu zwei Briefen [vermutlich von Eduard Schuré und Eugene Lévy]
Und nun habe ich zum Schlusse ein paar Bemerkungen zu machen, nachdem unsere Zeit um ist, die ich eigentlich mit außerordentlich schwerem Herzen mache. Allein sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja mit Bezug auf unsere Gesellschaft so vieles vorgekommen, es hat sich so vieles ereignet, das nun wahrhaftig nicht zum Nutzen der Gesellschaft ist, das die Gesellschaft nicht besonders fördert. Wir brauchen nur an das eine oder andere zu denken, dass wirklich jemand die Frage schon aufwerfen könnte: Ja warum wird denn nicht auf Dinge, die da schädlich eingreifen könnten, zur rechten Zeit hingewiesen? Warum muss alles so gewissermaßen blind vor sich gehen? Warum wird auf die Dinge nicht zur rechten Zeit hingewiesen, auf gewisse Gefahren, Schädlichkeiten, die für das Leben der Gesellschaft eintreten? Nur aus dem Grunde, meine lieben Freunde, weil angesichts leidvoller und schmerzvoller Ereignisse, die in den letzten Jahren und bis in unsere Tage herein stattgefunden haben, solch eine Frage schon gestellt werden könnte und berechtigt sein könnte, möchte ich ganz à contrecoeur, möchte ich sagen, gegen alles dasjenige, was mir angenehm ist, was mir sympathisch ist, doch einige Worte über etwas sagen, was schon bedeutsame Gefahren, bedeutsame Dinge in sich schließen kann, und dem gegenüber man sagen, denken wird müssen: Es sollte zur rechten Zeit in einer Gesellschaft auf solche Dinge hingewiesen werden, die ja wirklich andere Existenzbedingungen hat als manche andere Gesellschaften, die aus anderen Herzens- und Seelenimpulsen heraus arbeiten muss. Ich möchte sagen: Glücklicherweise hat dasjenige, womit ich Ihnen heute kommen muss, nichts zu tun mit irgendetwas, was zunächst unseren Kreisen heute hier angehört, insofern diese Kreise sich um den Bau herum konzentrieren. Es ist niemand, der in Betracht kommt, der hier unmittelbar mit unserem Bau etwas zu tun hätte. So also - wie gesagt - sind wir, die wir hier sind, alle ja von dem, was ich zu sprechen habe, direkt gar nicht betroffen. Aber es ist etwas, was einmal sehr wohl, sehr viel gerade mit unserem Bau und mit alledem, was mit unserem Bau zusammenhängt, einmal später zu tun haben könnte, was gewissermaßen mit dem, was sich als Entwicklung, als naturgemäße, richtige Entwicklung ergeben muss, in das der Bau hineingestellt sein muss, was für dies wirklich einmal eine Lebensfrage werden könnte — könnte!
Ich habe müssen in den Tagen, in denen ich nun wieder hier bin, wirklich recht Schmerzliches erfahren! Nun, ich will Ihnen nicht mit allem Schmerzlichen kommen, denn die Verkündigung der Wahrheit war immer im Menschenleben mit Hemmnissen, schon mit einer gewissen Notwendigkeit verbunden, Leid auf sich zu nehmen, Schmerz zu ertragen, und ich halte es in gewisser Beziehung für albern, über diese Schmerzen zu reden. Man nimmt sie hin, man trägt sie, aber man stellt sich nicht als einen Schmerzensträger hin. Also in diesem Stil ist es nicht, was ich besprechen will: etwa mich hinzustellen oder jemanden hinzustellen wie einen Märtyrer. Das ist schon sozusagen gegenüber der Verkündigung der Wahrheit in der Weltenentwicklung wie eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht eigentlich redet. Aber sehen Sie, aus einem anderen Gesichtspunkte muss ich reden.
Ich war genötigt, in diesen Tagen neben so manchem anderen Leidvollen zwei Briefe zu lesen. Ich will über diese Briefe zunächst ihrem Ursprunge nach, ihren Autoren nach, nichts sagen, denn sie sind Briefe. ‚Aber sie sind immerhin Briefe, die, mir scheint, nicht bloß die Adressaten, sondern auch andere gelesen haben, zwei Briefe - ja, über den Inhalt dieser beiden Briefe -, die betreffen nicht bloß mich allein, sondern der eine dieser Briefe betrifft zum Beispiel auch Frau Doktor Steiner, der andere Brief betrifft mich und undefinierbare andere, die um mich sind, die man nicht einmal recht weiß, ob sie da sind, viel weniger, wer sie sein sollen. Aber wie gesagt, ich musste zwei Briefe lesen -, ich will mich nicht weiter bezüglich des Ursprunges und der Autoren dieser Briefe einlassen; aber die Dinge bedeuten einen Anfang — und deshalb muss eben von dem Gesichtspunkte aus gesprochen werden, den ich meinte. Die Dinge bedeuten einen Anfang, und ich sage nicht «den Schluss», denn es kann sich aus dem, was in diesen Briefen liegt, vieles entwickeln, sehr vieles entwickeln. Missverstehen Sie mich ja nicht. Was ich sagen werde — dass sich entwickeln kann aus dem, was in diesen Briefen zum Ausdruck gekommen ist -, das wird nicht so gesagt, als ob bei dem einen oder bei dem anderen dieser Briefschreiber die Absicht vorläge, dieses zu entwickeln. Das ist nicht der Fall. Aber es hängt nicht von den
menschlichen Absichten ab, wenn der Mensch dies oder jenes tut, was sich dann draus entwickelt, sondern das hängt von dem objektiven Gang der Ereignisse ab. Der Mensch kann manchmal, nun, wer weiß was für Absichten haben bei dem, was er schreibt oder sagt: Es kann sich daraus etwas ganz anderes entwickeln, als was er in der Absicht hat. Also nicht über irgendjemandes Absichten oder über irgendjemandes Meinungen — das oder jenes solle sich entwickeln — wird hier gesprochen, sondern über dasjenige, was tatsächlich aus solchen Dingen entstehen kann, muss gesprochen werden, damit eben nicht wiederum es so ausschaut, als ob wir in alles ganz blind hineingehen, während dem man schon sehr vieles klar in der Zukunft herankommen sieht. Man muss nur leider immer über gewisse Dinge schweigen aus diesen oder jenen Gründen. Nun, über diese Gründe, warum über dies oder jenes geschwiegen werden muss, kann einmal im Allgemeinen gesprochen werden.
Beide Briefe haben eine gewisse Eigentümlichkeit; und da ich also über «Fälle» spreche, so kann dies, was ich sage, mit einer gewissen Allgemeinheit hingenommen werden. Beide Briefe haben eine gewisse Eigentümlichkeit: Sie enthalten vom Anfang bis zum Ende — in einer gewissen Weise ist dieses gesprochen — kein wahres Wort, sondern lauter Erfindungen, gar kein einziges wahres Wort, sondern lauter Erfindungen! In dem einen Briefe, um nur das zu charakterisieren, wird zum Beispiel Frau Doktor Steiner vorgeworfen, ein besonderer politischer Agent zu sein, besondere politische Strömungen entfalten zu wollen, besondere politische Agitationen im Geheimen zu betreiben. - Nun, ich kenne Frau Doktor Steiner schr lange, und ich kann Ihnen versichern: Ich kenne sie sehr genau und weiß sehr genau, dass diese Behauptung von politischen Bestrebungen, wie sie dort charakterisiert sein wollen - und zwar in einer Weise, die geradezu gewissenlos genannt werden muss —, dass solche politischen Bestrebungen von ihr zu behaupten, eben einfach eine Lächerlichkeit ist, in objektiver Beziehung nur komisch wirkt, nur wirklich komisch wirkt! Sodass man bei demjenigen, der eine solche Behauptung tut, nur an eine krankhafte Einbildungskraft denken könnte. Denn nichts hat ihr je ferner gelegen, als überhaupt mit Politik sich zu beschäftigen — wie uns nichts bei unseren Bestrebungen überhaupt ferner gelegen hat, als irgendwelche politischen Bestrebungen mit den theosophisch-anthroposophischen Bestrebungen zu verbinden. Als das Wort «policy» auftauchte - es ist insbesondere die jetzt verstorbene Misses Oakley gewesen, die dieses Wort «policy» in ihrer Schrift in die Feder genommen hat [und] natürlich auch in den Mund genommen hat, und dann Misses Besant -, dann habe ich betont: Wenn bloß dieses Wort «policy» niemals ertönen würde innerhalb dieser Bewegung, denn alles, was nur erinnern kann an das, was man durch dieses Wort bezeichnen kann, das ist unmöglich innerhalb unserer Bewegung. — Aber wahrhaftig, so tief drinnen zu stehen — ohne über Frau Doktor Steiner jetzt etwas Böses sagen zu wollen, oder etwas Herabwürdigendes sagen zu wollen —, so tief drinnen zu stehen in irgendeiner politischen Sache, in irgendeiner politischen Strömung mit dem Interesse, so tief drinnen zu stehen, um irgendetwas politisch zu machen, das war bei ihr niemals der Fall! Sie ist wirklich politisch höchst - passiv immer gewesen! Sodass es also, wenn es nicht so schädlich wäre, dass solch eine Insinuation gemacht wird, eigentlich bloß komisch wäre, oder bloß zugeschrieben werden könnte einer krankhaften Einbildungskraft. Aber es wird nicht nur bis zu dem Grade gemacht, dass gesagt wird, sie hätte solche politischen Bestrebungen, sondern sie hätte die Absicht gehabt, jemanden anderen geradezu in ihre Hände zu bekommen, um ihn zu ihrem politischen Werkzeuge zu machen. - Etwas Lächerlicheres ist nicht zu denken! - Also, es wäre nur lächerlich, wenn die Sache nicht so traurig wäre.
Ein anderer Brief, in dem wird geredet davon, wie wir — ja ich weiß nicht, seit wie viel Jahren — irgendwelche politischen Absichten haben, insbesondere indem wir uns einer Persönlichkeit bedienen, und es ist uns unmöglich, die Persönlichkeit, die dort ziemlich genau charakterisiert wird in diesem Briefe, auch nur ausfindig zu machen! Man kann sich gar nicht denken, wer gemeint sein könnte! Es gibt niemanden, der auch nur im Entferntesten ähnlich schaut einer solchen Persönlichkeit. Es ist also wieder eine vollständig lächerliche, eine geradezu blödsinnige Behauptung. Das wird dann in Verbindung gebracht damit, dass da Jesuitismus sich hineinmischt, in Verbindung damit gebracht, dass «Überjesuitismus», «Superjesuitismus» sich hineinmischt, der jetzt sich geltend machen soll als eine neue Strömung.
Man kann nicht leicht finden, wie wir zusammenhängen sollen mit diesem allem. Aber es wird in sehr schwerwiegender Weise dies alles in Zusammenhang gebracht mit der Broschüre, die ich geschrieben habe «Gedanken während der Zeit des Krieges», aber ausdrücklich hervorgehoben, dass die betreffende Persönlichkeit diese Broschüre nicht gelesen hat, nicht gekriegt hat, und eigentlich diese Behauptungen alle tut aus dem Grunde, weil man sie ihr nicht gegeben hat - ich weiß nicht, warum man sie ihr nicht gegeben hat, man hätte sie ihr ebenso gut geben können. Also nicht, weil etwas darin steht, macht sie all diese Behauptungen!
Ja, daneben das sehr Nette, dass man sich an die Geheimpolizei oder an eine andere geheime politische Körperschaft des betreffenden Landes wenden will, um nun dieser Broschüre habhaft zu werden, damit man sieht, was da für geheime politische Machinationen eigentlich geschehen.
In dem anderen Brief ist auch von dieser Broschüre die Rede, na, so die Rede, dass sie zwar gelesen ist, aber so wird darüber geredet, dass — nun, das ist subjektiv, das will ich nicht besonders berühren — durch die besondere Art, wie geredet wird, ist jedes Wort eigentlich eine derbe unverantwortliche Beleidigung. Und da der Brief an eine mir nahestehende Persönlichkeit geschickt ist, bei der man wissen musste, dass ich den Brief auch lesen werde, so handelt es sich direkt um unverantwortliche Beleidigungen, in der Art und Weise, wie über die «Gedanken während der Zeit des Krieges», die, wie jeder Unbefangene schen kann, ganz unpolitisch gemeint sind, gesprochen wird. Außerdem zeigt die ganze Art, wie gesprochen wird, dass der Betreffende, der diesen Brief geschrieben hat, nur Phrasen überhaupt als etwas Wirkliches ansicht, denn auf dem Titelblatt dieser Broschüre steht, an wen sie gerichtet ist, sodass dies, was auf dem Titelblatt steht von mir - der, ich denke, das eine sagen darf, dass ich niemals in meinem Leben eine Phrase gesagt habe -, dass von mir dieses nicht als Phrase genommen werden darf! Wer also in einer solch beleidigenden Weise, in einer absichtlich verletzenden Weise - und wenn es nicht krankhaft ist, ist es absichtlich verletzend — gerade auf diese Broschüre so antwortet, und so antwortet, dass er einen deutschen Satz anführt, ihn übersetzt in seine Sprache, durch die Übersetzung zeigt, dass er aus dem Satze etwas ganz anderes macht. Die Übersetzung ist etwas ganz anderes als das, was in diesem Satze steht - [sie ist] das Gegenteil davon. Wenn von Fälschungen gesprochen wird, so ist einer der Hauptsätze gerade in dieser Übersetzung eine der gewissenlosesten Fälschungen, indem gerade das Gegenteil hinein übersetzt wird, hinein in die Übersetzung.
Und so auch in dem übrigen Teil.
Das Ganze ist so gehalten, meine lieben Freunde, dass da Geist lebt, und dass merkwürdiger Geist lebt, der nur so charakterisiert werden kann, wie ich ihn charakterisieren will.
Außerdem, zwischen dem einen Brief und seinem Inhalt und dem andern Brief und seinem Inhalt besteht ein Zusammenhang! Sie sind aus gemeinschaftlichen Machinationen hervorgegangen, wie aus dem einen Briefe klar hervorgeht. Sie sind aus gemeinschaftlichen Machinationen hervorgegangen, also hängen innig zusammen die beiden Briefe.
Wenn wir in der Welt so verdächtigt werden können, wie es durch diesen Brief geschieht, wenn das von uns gesagt werden kann, verbreitet werden kann, wenn das Meinung wird - also hier bitte ich Sie, genau zu beobachten, dass ich gesagt habe: «Ich schreibe es nicht als Absicht den Briefschreibern zu» -, die haben vielleicht etwas ganz anderes damit gemeint, aber darauf kommt es nicht an. Sondern bei den Dingen kommt es auf die Realität an, was entstehen kann. Wenn das verbreitet wird, wenn das gedacht und gesagt wird, und nur das Verkehrte, respektive unrichtig Gehörte gesagt und gedacht wird, dann hat es ganz gewiss seine schlimmen Folgen bei den jetzigen Verhältnissen, dass wir, ja wir hier zu erwarten haben, wenigstens Frau Doktor Steiner und ich, exiliert zu werden von diesem Bau, dass uns unmöglich gemacht wird, jemals mitzuwirken bei demjenigen, was an diesem Bau geschieht. Es führt dazu, uns diesen Bau aus den Händen zu ringen. Dazu wird es sein. - Will man von anderen Seiten einmal dasjenige, was hier aus den Tiefen der Seele, aus Schmerz und Leid geleistet worden ist, will man das uns entringen, dann wird man es auf diese Weise uns entringen können, dann wird man machen können, dass wir den Boden, auf dem dieser Bau steht, nicht mehr betreten können. Bei aller «Verehrung», das wird der Effekt sein.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen als Wunsch auf die Seele legen möchte, damit Sie sehen, wie das in den Wolken gehangen hat, was Wahrheit vertreten will. Mögen die Personen, die derlei Dinge tun, denken was immer -, aber Sie sehen, welche Feindschaften da, wo nichts anderes geschehen soll, als [dass] die Wahrheit vertreten werden soll, welche Feindschaften sich ergeben und wie man ein Mäntelchen den Feindschaften umzuhängen versucht - denn selbstverständlich sind die beiden Briefe geschrieben «aus der reinsten Begeisterung» für die gerechte Sache heraus. Selbstverständlich, so mag auch der Plan sein!
Ich hätte Sie nicht mit dem behelligt, was in solchen Briefen steht - die erst, wie gesagt, vor ganz beschränkter Öffentlichkeit da sind. Aber diese Dinge gehen schon weiter. Diese Dinge ziehen ihre Kreise. Und der Anfang ist zu dem gemacht, zu dem, dessen Ende darin bestehen wird, dass
es uns - wahrhaftig nicht durch unsern freien Willen, nicht dadurch, dass wir irgendetwas dazu tun - unmöglich einmal gemacht wird, hierher zu kommen. Denn wenn diese Dinge geredet werden, so wie sie dort dargestellt werden, wenn diese Dinge über die Grenze geschrieben werden, wenn diese Dinge so besprochen werden, wie sie schon besprochen werden durch die ganz ähnlich lautenden Insinuationen der Misses Besant, deren Amt es ist, nicht die Wahrheit zu sagen -, wenn diese Dinge in der entsprechenden Weise fortgehen, dann ist die Folge davon, dass wir von diesem Bau exiliert werden. Nicht, dass dies die Absicht ist - ich sage es noch einmal —, aber das ist die ganz naturgemäße Folge, die sich aus solchen Dingen ergeben muss. Ich, meine lieben Freunde, werde meine Pflicht tun dem Bau gegenüber, solange es möglich ist. Durch meinen Willen werde ich sicher niemals mich von dem Bau trennen lassen, aber die Kräfte sind am Werke, die das zustande bringen könnten.