Siebzehnter Vortrag
Erlösung oder Selbsterlösung, das ist das aut-aut, das eben auftritt. Man glaubt, man könne die Anthroposophie einfach als unchristlich bezeichnen, weil man meint, sie müsse von einer Selbsterlösung des Menschen sprechen. Nun, die Sache liegt nicht so. Dieses aut-aut ist eigentlich für die Anthroposophie gar nicht so, wie man es annimmt, vorhanden. Wenn wir hinschauen auf das Erlösungswerk auf Golgatha, auf das Mysterium von Golgatha, sehen wir es zunächst in zwei Gegensätzen vor das heutige Bewußtsein der Menschheit tretend. Erstlich haben wir es in der katholischen Kirche, man kann sagen, in einer doch ziemlich ausgeprägten Anschauung vorhanden. Und damit wir dann zu der lutherischen Erlösungslehre gehen können, wollen wir diese jetzt nicht dazu in Gegensatz stellen, denn wir würden uns dadurch die Anschauung trüben. Die lutherische Erlösungslehre ist nicht ganz in vollem Gegensatz zur katholischen Kirche. Wohl aber ist in einem wirklichen Gegensatz, wenigstens zu der römisch-katholischen Praxis auf diesem Gebiete, die Lehre von der subjektiven und auch nur ganz subjekuv erlebten Gemeinschaft mit dem Christus Jesus in der «unio mystica», wie man das in den verschiedenen Schattierungen nennen kann, wo alles dasjenige, was mit der Erlösung zusammengebracht wird, wenn man es konsequent vorstellen will, doch ein subjektives menschliches Erlebnis darstellt. Immerhin, man kann dann zu dem Christus, was immer für einen Begriff oder welche Metaphysik man will, hinzufügen; das Wesentliche, worauf es dann bei dem Erlösungswerk ankommt, ist das, was der Mensch zu seiner Erlösung tun kann durch das subjektive Erleben des Christus in seinem Inneren. Das sind die eigentlichen Gegensätze. Es sind Gegensätze aus dem Grund, weil eben in der Tat die katholische Kirche, wenn sie in sich konsequent sein will, und sie ist das in vieler Beziehung, auf der einen Seite sehen muß das Ereignis von Golgatha, die Erlösung — wir wollen auf den Begriff dann weiter eingehen -, vollzogen durch den Christus Jesus selbst, und [auf der anderen Seite, wie in fortdauernder Deszendenz dann das Erlösungswerk immer wiederholt [wird im Meßopfer]. So daß wir also zunächst hinblicken zu demjenigen, was auf Golgatha geschehen ist, dann aber von jedem Priester das Meßopfer vollzogen sehen, in dem sich ja das auf Golgatha vollbrachte Opfer jederzeit in der Wirklichkeit wiederholt. Das, was also nach dieser Auffassung in jedem Meßopfer geschieht, das ist die absolute Wiederholung dessen, was auf Golgatha geschehen ist in ganz direkter Deszendenz von dem auf Golgatha Geschehenen. Und die Priesterweihen, das heißt alles das, was durch die Priesterweihen geflossen ist durch die Zeiten hindurch, das ist gewissermaßen das geistige Blut, das das Meßopfer zu dem macht, was durch den ersten geistigen Ahnen auf Golgatha sich vollzogen hat. Das Mysterium des Meßopfers — und es ist ja ein Mysterium — besteht nicht nur darin, daß irgend etwas Übersinnliches sich in den sinnlichen Formen vollzieht, sondern das Mysterium des Meßopfers besteht nach katholischer Auffassung im wesentlichen darin, daß sich fortwährend auf eine mystische Art, oder vielleicht sogar magische Art, dasjenige vollzieht, was auf Golgatha geschehen ist, so daß also das wirkliche Leben, das wirkliche Sterben tatsächlich in jedem Meßopfer vorhanden ist. Darin besteht ja eigentlich das Urmysterium, mit dem wir es da zu tun haben, und wir brauchen nicht zu glauben, da ganz allein von dem auszugehen, was innerhalb katholischer Dogmatik vorhanden ist, sondern wir können sogar auf etwas anderes sehen, meine lieben Freunde, wenn wir uns das, worauf es ankommt, vor Augen stellen.
Cite:
GA 343/1921-10-04/p006 · edition original