Anthroposophie als Empfindungs- und Lebensgehalt. Andacht und Ehrfurcht vor dem Verborgenen
Es war nicht immer so. Wenn wir weiter zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, finden wir, daß die Seelen ein gewisses geistiges Erbgut jener Spiritualität hatten, durch die sie füreinander wahrnehmbar waren, gleichgültig, ob sie hier auf dem physischen Plan sind oder ob die eine hier in der physischen, die andere in der spirituellen Welt ist. Aber jenes alte Erbstück spiritueller Innerlichkeit ist heute aufgezehrt, es ist heute nicht mehr da, und es kann wirklich der schmerzliche Fall eintreten, daß eine Seele, die von der andern so geliebt worden ist, wie eben angedeutet wurde, von der andern Seele nicht mehr gefunden wird jenseits des Todes, weil in der zurückgebliebenen Seele nichts lebt, was wahrgenommen werden kann von der hingestorbenen. Dasjenige nämlich, was wahrgenommen werden kann von der gestorbenen Seele, ist das spirituelle Wissen, Fühlen und Empfinden; das ist der Zusammenhang der Seele hier auf Erden mit der geistigen Welt. Wenn eine solche Seele zurückgelassen wird, die sich hier mit Wissen, mit Erkenntnis der spirituellen Welten befaßt, Gedanken davon durch sich ziehen läßt, dann können diese Gedanken wahrgenommen werden von der hingeschiedenen Seele. Nicht einmal die alten religiösen Empfindungen reichen aus, um der Seele etwas zu geben, was von der andern Seele wahrgenommen werden kann. — Wenn dieser Fall weiter verfolgt werden würde, würde sich für den Seher zeigen, daß auch, wenn beide Seelen dann durch den Tod gegangen sind, sich die hingestorbenen Seelen nur dunkel wahrnehmen können — aber gar nicht oder nur sehr schwierig eine gegenseitige Verständigung herbeiführen können, weil sie keine gemeinschaftliche Sprache führen können.
Cite:
GA 140/1913-02-16/p005 · edition original